Ich aber sage euch: „Is halt so!“

Man sollte einmal – nach dem Vorbild von Mao Tsetungs kleinem roten Buch aus den 60er Jahren – ein Büchlein mit dem Titel „Worte des Vorsitzenden Habeck“ zusammenstellen. Oder gibt es das schon?

Gerade hat Robert Habeck bei einem Bürgerdialog den bayerischen Ministerpräsidenten Söder einer „tiefen Ahnungslosigkeit“ in fachlichen Dingen bezichtigt.

Hören wir doch einfach einmal ein paar Worte des Vorsitzenden Habeck, die seine fachliche Überlegenheit deutlich zeigen – er hat sie in seinem Wahlkreis geäußert (hier nachzulesen). Es geht um fehlende Milliarden (!) im Haushaltsplan:

Der Bundeshaushalt ist mit 450 Milliarden groß, grob gesprochen, da wird man drei Milliarden schon noch finden können.

Aber wir haben sie halt jetzt nicht gefunden. Das ist so ein bisschen – boah, wie soll ich sagen – is‘ halt so, ne.

Erinnert mich ein bißchen an Trump, der zwar keine Milliarden gesucht und nicht gefunden hat, aber 11.780 Wählerstimmen in Georgia. Was soll’s! Is ja beides kein großes Ding.

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„Burg Hülshoff Center for Literature“ oder: Ein Schirm ist viele Schirme ist viel Geschwurbel

Die Globalisierung macht vor nichts halt – auch nicht vor der westfälischen Dichterin Annette von Droste-Hülshoff. Wie kaum ein anderer Schriftsteller war sie ein Kind ihrer Landschaft und des Adelsgeschlechts, in das sie auf Burg Hülshoff hineingeboren wurde.

Das ficht aber eine Organisation nicht an, die sich im schönsten Deutsch „Burg Hülshoff Center for Literature“ (CfL) nennt. Erst durch seine Arbeit, schreibt das „Center“,

transformieren sich Burg und Landhaus zu offenen Foren.

Auf geheimnisvolle Weise ist dieses Center freilich mit einer Gruppe verbunden, die sich Shield & Shine – Die Vielen nennt und sich auf der Droste-Seite in aller Ausführlichkeit so vorstellen darf:

Der Kampf gegen Rechtsextremismus, Rechtspopulismus und
antidemokratische Stimmen organisiert sich, wird laut und setzt Zusammenhalt, Vielfalt, Engagement, Empowerment und Solidarität gegen Spaltung, Entrechtung, Ausgrenzung, Abschiebung, Verdrängung und Gewalt.

Man sieht schon aus diesen wenigen Worten, wie feinfühlig hier das Wesen der Drosteschen Dichtung erkannt und interpretiert wird. Im Flyer der VIELEN heißt es weiter:

Die Kunst viele zu bleiben, schafft gemeinsame Räume: Vom kleinsten Raum eines Gespräches unter einem Schirm über Diskussionen und Austausch im Foyer oder auf der großen Bühne bis hin zu Performances oder Flashmobs auf Marktplätzen und im öffentlichen Raum. Ein Schirm ist viele Schirme!

Jawohl – ein Schirm ist viele Schirme! Das mußte einmal gesagt werden. Die Droste hätte es nicht besser sagen können! Und mehr noch, die VIELEN Drosteforscher bieten auch allerlei Praktisches an:

Materialien, Hilfestellungen und Werkzeuge – mit und ohne glänzenden Schirmen, mit oder ohne goldenen Rettungsdecken.

Man achte einmal darauf, wie kühn hier die deutsche Sprache revolutioniert wird: „ohne glänzenden Schirmen“ und „ohne goldenen Rettungsdecken“! Das ist höchste Sprachkunst, in der Dativ und Akkusativ sich gleichsam dichterisch auflösen. Und das ist nur ein Beispiel von VIELEN! Es wird also niemand widersprechen, wenn das Center for Literature schreibt:

Die Arbeit des CfL macht das Erbe Droste-Hülshoffs für eine diverser werdende, mehrsprachige Gesellschaft, für ein internationales Publikum lesbar.

Ja! So wie die Frau an sich jahrhundertelang unsichtbar war und erst durch das Gendersternchen sichtbar wurde, so ist Annette von Droste-Hülshoff erst durch das hochdotierte Geschwafel und Geschwurbel dieses Centers lesbar geworden.

Die Annette von Droste zu Hülshoff-Stiftung, so kann man in der Wikipedia lesen,

ist eine nach der Dichterin Annette von Droste zu Hülshoff benannte Stiftung, die dem Erhalt der Wasserburg Hülshoff, der Förderung der mit der Namensgeberin verbundenen kultur- und literaturhistorischen Werte sowie der Unterstützung von Kunst, Kultur, Bildung und Erziehung verpflichtet ist. Die Stiftung wurde im Herbst 2012 gegründet und am 28. September 2012 von der Stiftungsbehörde anerkannt.

Alle drei Links zur Stiftung, die am Ende des Wikipedia-Artikels angegeben werden, führen ins Nichts. Das ist vielleicht besser so.

PS: Ich bin der Droste vor mehr als einem halben Jahrhundert in einer Vorlesung des Gießener Professors Clemens Heselhaus zum ersten Mal begegnet. Es war eine jener Vorlesungen, an die man sich auch nach einem halben Jahrhundert noch erinnert. Heselhaus hat in der Reihe Die Bibliothek deutscher Klassiker als Band 35 Droste-Hülshoffs Werke in einem Band herausgegeben. Sie bekommen dieses 1180 Seiten umfassende Buch inzwischen antiquarisch für ein paar Euro. Greifen Sie zu!

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Die Dragqueens samt Bacchus beim letzten Abendmahl – dumm und geschmacklos

Es war eine von Dutzenden von Szenen bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Paris, und manchem wird sie in dem Allerlei gar nicht aufgefallen sein. Auch ich bin erst durch die Kritik der Kirchen auf sie aufmerksam geworden.

Da wird also, wie die Kritiker sagen, das letzte Abendmahl nachgestellt, aber die Szene ist doch eher bevölkert mit allem, was die queere Regenbogenszene hergibt: neben Bacchus eine sehr dicke Frau, ein Transgender-Model, merkwürdige Figuren, wohin man schaut – also ein Gruselkabinett, eine Art Freakshow, wie die Neue Zürcher Zeitung diese Szene zurecht nennt. Soll man sich jetzt darüber furchtbar aufregen? Eher nicht. Es ist einfach nur der schlechte Geschmack, wie man ihn von Regisseuren, bildenden Künstlern, Architekten und Eventmanagern immer öfter serviert bekommt – und natürlich ist es die mit Sexualität aufgheladene Ideologie, die mit tatkräftiger Unterstützung eines bestimmten politischen Lagers inzwischen in alle Bereiche des Lebens – wie ein Gift! – eingesickert ist. Was uns da laut und schrill anbrüllt, ist eher deshalb so ärgerlich, weil es alle Maßstäbe in der Kunst außer Kraft setzt.

Mario Vargas Llosa hat das in seinem (höchst lesenswerten!) kulturkritischen Buch „Alles Boulevard – Wer seine Kultur verliert, verliert sich selbst“ so formuliert:

Zu allen Zeiten gab es Gebildete und Ungebildete und zwischen den beiden Polen Menschen, die leidlich gebildet waren oder leidlich ungebildet, und diese Zuordnungen waren recht klar.

Heute ist das alles anders. Der Kulturbegriff wird derart weit gefasst, dass die Kultur sich verflüchtigt hat. Sie ist zu einem ungreifbaren Phantom geworden, einer bloßen Metapher. Denn kein Mensch ist mehr gebildet, wenn alle es zu sein glauben oder wenn der Inhalt dessen, was wir Kultur nennen, so verwässert ist, dass alle mit gutem Recht davon ausgehen können, dass sie gebildet sind.

Aber wer wie ich fast ein Dreivierteljahrhundert sehenden (und oft staunenden!) Auges auf der Welt ist, weiß zweierlei: erstens wird es Menschen mit schlechtem Geschmack (und auch richtig abscheuliche, böse, niederträchtige Menschen!) immer geben. Ob das jetzt mit der nicht ganz geglückten Schöpfung, dem freien Willen oder der Evolution zusammenhängt, tut nichts dazu. Zweitens: es ist alles endlich, alles ist einmal gekommen und wieder vergangen: die Dumpfheit der Adenauerzeit, die Sechziger mit ihrer Aufbruchsstimmung und ihrer wunderbaren, unerhörten Musik, die ein Geschenk der Geschichte (oder gar der Götter?) war, dann die Arroganz und Verbohrtheit der Achtundsechziger, der Niedergang der Jugendkultur in die Oberflächlichkeit von Markenkleidung und Kommerzmusik – bis hin zu den offfenbar nur noch am Sexuellen interessierten pressure groups unserer Tage, denen man nach ihrem (hoffentlich baldigen!) Abgang keine Träne nachweinen wird.

Und das ist vielleicht das Schönste und Wertvollste am Alter, daß man nicht nur die eigene Vergänglichkeit immer vor Augen hat, sondern auch das Dahinschwinden all der dummen Moden und Lächerlichkeiten, die sich selbst natürlich ungeheuer ernst nehmen.

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Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Das sind die USA – da kann nämlich ein Mann mit dem Wortschatz eines Achtjährigen zu einem aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten werden!

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Der Schiedsrichter – das arme Würstchen auf dem Fußballplatz

Ach, das waren noch Zeiten, als der Schiedsrichter noch Herr auf dem Fußballplatz war! Sein Pfiff war Gesetz – auch wenn er sich einmal geirrt hat. Und natürlich hat es immer wieder Fehlentscheidungen gegeben, denn – der geneigte Leser wird es womöglich gar nicht glauben: auch der Schiedsrichter ist nur ein Mensch! Aber fast jeder Schiedsrichter, davon kann man getrost ausgehen, hat sich bemüht, gerecht zu pfeifen. Den Herren von DFB, UEFA und FIFA (Frauen sind in diesen Gremien dünn gesät) trauen dem Menschen aber nicht, und so rennt der Schiedsrichter immer wieder an den Spielfeldrand, um sich sinnend die Szene in Zeitlupe zu betrachten, oder er bekommt Anweisungen über den Knopf in seinem Ohr.

Die Digitalisierung, sie lebe – hoch! hoch! hoch!

Jetzt, wo sogar die Goethe-Institute demnächst von einer Frau geleitet werden, die am liebsten die ganze Welt digitalisieren möchte, und wo es dank elektronischer Schul-Tafeln (alle ganz ohne Kreide!) schon zu einer wundersamen Vermehrung von Einser-Abiturienten gekommen ist – da darf der Fußball natürlich nicht hintanstehen. Und so läuft heutzutage das arme Schiedsrichterlein über den Platz, pfeift oder pfeift nicht – und muß bei jeder Entscheidung fürchten, daß ein Anruf aus den geheimnisvollen Katakomben des Kölner Kellers oder einem anderen dieser lost places kommt. Und dann dauert es Minuten, der Jubel über das Tor ebbt schon ab, das Foul ist beinahe vergessen – und erst dann kommt der Anruf.

Schiedsrichter, Telefon!

Ist der Fußball jetzt, da man dem Schiedsrichter das letzte Wort entzogen hat, gerechter geworden? Ganz und gar nicht. Auf wen soll man jetzt noch schimpfen? Auf einen anonymen Kellerbewohner? Der Charme eines Fußballspiels ist doch gerade, daß es vollständig analog ist, und dazu gehört, daß alle Fehler machen können, Spieler, Schiedsrichter, Linienrichter, weil eben alle Menschen sind. Wer auf die Idee gekommen ist, den Ball im Innern mit einem Sensor zu versehen, den sollte man dafür mit einer Freiheitsstrafe belegen – ich schlage vor: mindestens drei Monate im abgedunkelten Kölner Keller.

PS: Ein einziges technisches Hilfsmittel würde ich durchgehen lassen: die Überwachung der Torlinie. Nicht erst seit dem Tor von Wembley 1966 ist das eine akzeptable und sehr willkommene Hilfe.

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Ingeborg Bachmann – Industries?

Auf der Suche nach Informationen über die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann nach dem Namen „Bachmann“ gegoogelt.

Gefunden, in dieser Reihenfolge von oben nach unten: Bachmann Industries Inc. (a Bermuda-registered, Chinese-owned company), Bachmann Group (Premiumanbieter von Design-Steckdosen), Bachmann electronic GmbH (Automatisierung, Netzmessung und-Schutz, Visualisierung und Zustandsüberwachung von Maschinen und Anlagen), Bachmann24.com (Bachmann Steckdosenleisten – Tischanschlußfeld günstig kaufen), Bachmann Trains Online Store (Now that’s the way to run a railroad), Bachmann Bestattungen (in Erzhausen, Langen und Egelsbach), Bachmann Immobilien (Ihr Immobilienmakler für Berlin & Brandenburg) – und dann (endlich!) kommt der Link auf Ingeborg Bachmann, ehe es mit Autohaus Bachmann usw. usf. weitergeht.

So verloren wie in der Googlesuche war Ingeborg Bachmann auch in ihrem Leben. Und ihr Ende in Rom war fürchterlich.

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Möglicherweise vielleicht

Im Tagesspiegel konnte man vor längerer Zeit folgende Meldung lesen:

Der Mann, der am Mittwoch den slowakischen Ministerpräsidenten Robert Fico lebensgefährlich verletzt hat, ist möglicherweise vielleicht doch kein Einzeltäter.

Diesen Satz, der am 20. Mai im Tagesspiegel zu lesen war, kann man sich genau so auch heute noch online zu Gemüte führen. Das liegt möglicherweise vielleicht daran, daß sich vor allem in den Online-Redaktionen – pardon! – kein Schwein mehr um die deutsche Sprache kümmert.

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Der lange Marsch des Feminismus durch die Institutionen: Carola Lentz und das Goethe-Institut

Im November 2020 wurde die Ethnologin Carola Lentz Präsidentin des Goethe-Instituts. In einem Interview mit der Berliner Zeitung, das sie kurz nach ihrer Ernennung gab (hier nachzulesen), wurde sie unter anderem gefragt, ob sie beim Sprechen gendere. Ihre Antwort:

Ich bin da ganz unorthodox. Wir versuchen im Goethe-Institut genderbewusst zu formulieren, und wir haben da viele Möglichkeiten. Manchmal hilft das mit dem Sternchen, manchmal ist es in Texten schrecklich zu lesen. Es kann auch sein, dass man manchmal einfach den weiblichen Plural nimmt. Ich finde das wichtig, und ich freue mich auch sehr, dass ich hier in einer Organisation arbeite, wo wir bis zur zweiten Führungsebene, also der Ebene unter dem Vorstand, in den Führungspositionen einen Frauenanteil von mindestens 50 Prozent haben. Wenn nicht mehr.

Lentz hat das Gendern im Goethe-Institut nicht eingeführt, das ist wohl schon unter ihrem mehr als 12 Jahre amtierenden Vorgänger Klaus-Dieter Lehmann geschehen. Aber wenn man bedenkt, daß es die Aufgabe des Goethe-Institus ist, unsere schöne deutsche Sprache und die deutsche Kultur überall auf der Welt vorzuzeigen und zu fördern, dann sind solche Sätze ein Armutszeugnis. Gerade am Ende zeigt sich, daß es im Grunde gar nicht um Sprache und Kultur geht, sondern um eine doch ziemlich schlichte, arithmetische Version des Feminismus: „Hauptsache Frau!“ – und nicht etwa „Egal, ob Mann oder Frau, Hauptsache klug und gebildet!“

Wenn man sehen will, was inzwischen aus dem Goethe-Institut (nota bene: Goethe ist der Namensgeber dieses Instituts!) geworden ist, welcher kulturelle Verfall jetzt auch diese Institution ergriffen hat, dann genügt ein Blick auf seine Internetseite. Nehmen wir nur einmal Unterrichtsmaterialien wie Gendern im Deutschen (hier herunterzuladen). Da heißt es zum Beispiel:

Viele Nomen für Personen und Berufe im Deutschen haben eine maskuline und eine feminine Form: der Schüler und die Schülerin. Und wenn man alle ansprechen möchte? Früher sagte man dann einfach: ‘’Liebe Schüler’’. Heute ist das nicht mehr so normal.

Und warum ist das „nicht mehr so normal“? Weil eine kleine politisch-ideologische Gruppe, die offensichtlich nur eine bescheidene Kenntnis davon hat, was Sprache überhaupt ist, mit schlechten Argumenten, dafür mit effektiver Netzwerkarbeit und mit der blinden Unterstützung der grünen und linken Parteien, vor allem aber: mit sozialem und psychischem Druck in Redaktionen, Schulen, Universitäten, Betrieben und Stadtverwaltungen ihr Zerstörungswerk an der deutschen Sprache vorantreibt – gegen den Willen der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung. Davon werden Sie aber auf der Seite des Goethe-Instituts nichts finden – statt dessen lesen Sie da so etwas:

Wenn eine Schuldirektorin eine Rede mit „Liebe Jury, liebe Lehrer und Schüler“ beginnt, ist das problematisch. Es ist nicht klar, ob ihre Rede auch für Lehrerinnen oder nicht-binäre Schüler (Schüler_innen) ist. Sie kann aber nach „Schüler“ eine Mini-Pause machen und dann „innen“ sagen. So ist klar: Sie meint Schüler und Lehrer aller Gender. Genderinklusiv ist auch „Liebe Jury, liebe Lehrkräfte, liebe Deutschlernende“ zu sagen. Für diese Worte gibt es keine spezifisch maskuline oder spezifisch feminine Variante. Sie sind für alle Gender.

Also, ich bin jetzt 74 Jahre auf der Welt und habe seither, wie die meisten Menschen, sicher tausend und mehr Gelegenheiten erlebt, wo Menschen mich und andere mündlich oder schriftlich angeredet haben: von „Liebe Schüler!“, „Liebe Mitschüler!“, „Liebe Kommilitonen!“ bis hin zu „Liebe Mitarbeiter!“ usw. Und ich kann an dieser Stelle – notfalls durch eine eidesstattliche Versicherung! – bekräftigen, daß sich niemals Mädchen oder Frauen durch solche Anreden diskriminiert gefühlt haben. Und das nicht etwa, weil sie damals noch naiv und unwissend waren – im Gegenteil: weil sie, anders als die heutigen Aktivisten, zwischen dem grammatischen und dem biologischen Geschlecht noch unterscheiden konnten. Und sie mußten auch nicht erst von irgenwelchen feministischen Grüppchen sichtbar gemacht werden, sie waren sichtbar – und wie!

Carola Lentz verläßt jetzt das Goethe-Institut – und wird natürlich kräftig gelobt, vor allem von Baerbocks Auswärtigem Amt. Sie habe das Institut „umsichtig geführt“, sagt der Leiter der Kulturabteilung. Und weiter: sie habe „die Notwendigkeit einer Transformation erkannt und den Reformprozess im Präsidium aktiv unterstützt, um so das Institut gut für die Zukunft aufzustellen“. Die euphemistisch so genannte „Transformation“ besteht zum Beispiel darin, Institute auszudünnen und zusammenzulegen und ganze Standorte zu schließen, zum Beispiel die in Bordeaux, Genua, Osaka, Rotterdam, Triest, Turin und Washington. (Sind ja auch alles nur kleine, unbedeutende Provinzstädte!)

Frau Lentz hatte als Schwerpunkt ihrer ethnologischen Forschung immer Afrika. Da hätte man doch denken können, daß sie wie eine Löwin um jedes ihrer Institute kämpft!

PS: Daß sich jemand „im Grabe herumdreht“, wenn er sieht, was die Nachfolger mit seinem Erbe machen, ist eine etwas abgegriffene Formel. Aber hier trifft sie sicher zu, denn von 1993 bis 2001 war Hilmar Hoffmann Präsident des Goethe-Instituts, ein hochgebildeter Mann, dem Frankfurt am Main unter anderem sein Museumsufer verdankt. Neben so einem Riesen wirken die Zwerge von heute noch viel kleiner.

Die bisherigen Folgen dieser kleinen Reihe:
Kathrin Kunkel-Razum, Chefin der DUDEN-Redaktion
Katja Thorwarth und die Frankfurter Rundschau
Nina George und das PEN-Zentrum Deutschland
Lena Hornstein und wetter.com
Susanne Baer und das Bundesverfassungsgericht
Johanna Rahner, das Rumgesumse und die katholische Kirche
Ulrike Lembke und die Humboldt-Universität

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Ein Fundstück in den Sudelbüchern

In den Sudelbüchern von Georg Christoph Lichtenberg (1742-99) habe ich den folgenden schönen Gedanken gefunden:

Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinsieht, so kann freilich kein Apostel heraus gucken.

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Kleine Geschichte des Wortes „Neger“ (3)

Folge 1 der kleinen Wortgeschichte finden Sie hier, Folge 2 hier.

Wir wollen, ehe wir ins bürgerliche 19. Jahrhundert zurückkehren, in dieser Folge einen Blick darauf werfen, wie man in der Goethezeit über „Neger“ gedacht und geschrieben hat.

Da geht es sehr häufig um die kontrovers diskutierte Frage, wie die schwarze Hautfarbe entstanden ist. „Berühmte Männer“, schreibt Albrecht von Haller 1772, hätten

die Farbe der Negern einzig und allein vom Sonnenbrande hergeleitet, und es würden auch weiße Menschen in dergleichen Himmelsstriche allmälich in das Schwarze ausarten.
Hierzu könnte noch das Nakktgehen, das Salbeneinreiben, und die grössere Dikke der Oberhaut etwas mit beitragen.

Andere, etwa Justi in seiner Geschichte des Erd-Cörpers (1771), widersprechen:

Die schwarze Farbe ist ihnen wesentlich und von Natur eigen; und wenn sie auch in Europa oder andern gemäßigten Ländern eine lange Zeit und viele Zeugungen hindurch ihren Aufenthalt haben; so verändert sich deshalb nichts an ihrer schwarzen Farbe, sie werden deshalb nicht schwarzgelb, oder endlich gar weiß. Wir sind hiervon nunmehro auf das vollkommenste überzeuget, da die englischen Colonien in dem nordlichen Theil von America, und folglich in einer gemäßigten Himmelsgegend sich nunmehro seit hundert Jahren der Mohren aus Africa, oder der sogenannten Negern, in ihren Pflanzungen als Sclaven bedienen. So lange dieſe Negern sich nur unter einander selbst verheyrathen, und sich nicht mit weißen Menschen vermischen; so bleibet die Farbe ihrer Nachkommen, ohngeachtet ihres veränderten Aufenthalts, in allen folgenden Zeugungen eben so pechschwarz, als sie auf der Küste von Africa waren.

Neben solchen auf Beobachtung beruhenden Meinungen gibt es, wie nicht anders zu erwarten, auch geradezu groteske Beschreibungen dieser für viele offenbar furchterregenden schwarzen Menschen. Der Schweizer Mediziner Albrecht von Haller schreibt etwa 1774:

Die Negers der Goldküste verschlukken Hunde, Kazzen, Elefanten Gedärme und Vögel mit Eingeweide und allem.

Woher solche Meinungen kommen, läßt sich schwerlich nachverfolgen – aus eigener Anschauung sicher nicht, denn die einzige Expedition, die Haller geplant hatte, kam nicht zustande.

Skurril ist auch eine Bemerkung Jean Pauls in Katzenbergers Badereise (1809):

Unsere Zeit bildet uns in Kleidern und Sitten immer mehr den wärmern Zonen an und zu, und folglich auch darin, daß man wenig und nur in Morgen- und Mittagsstunden schläft; sodaß wir uns von den Negern, welche die Nacht kurzweilig vertanzen, in nichts unterscheiden, als in der Länge unserer Weile und unserer Nacht.

Andere lassen ihren dumpfen Vorurteilen freien Lauf. Da ist von den „Wilden und Negers“ die Rede (Ludovici) oder vom „feigen Neger“ (Johann Peter Uz), und „faul“ ist der Neger natürlich auch (Tetens 1777):

Der faule Neger bauet die Erde nicht weiter, als nur um nicht zu verhungern.

Die Hottentotten, so noch einmal Ludovoci, seien „die elendesten und faulsten unter allen Negers, welche die Küste der Caffern bewohnen“. Und die Bewohner der Kapverdischen Inseln, schreibt Georg Forster 1778, seien

häßlich und fast ganz schwarz, haben wollicht krauses Haar und aufgeworfne Lippen, kurz sie sehen wie die häßlichsten Neger aus.

Und ein Pater Charlevoix (Gall 1791) schließlich glaubt zu wissen, daß

die Negern von Guinea sehr beschränkte Geisteskräfte haben; viele unter ihnen schienen vollkommen dumm, es gäbe, die nicht über drey zählen könnten, von selbst dächten sie nichts, hätten kein Gedächtniß, und das Vergangene seye ihnen eben so unbekannt als das Zukünftige.

Man könnte die Reihe der Zitate ins Unendliche verlängern, aber es soll damit sein Bewenden haben. Festhalten kann man aber schon einmal, daß es bei der ersten Begegnung mit Menschen einer anderen Hautfarbe zu den verschiedensten Reaktionen kommen kann. Das reicht vom Versuch einer wissenschaftlichen, scheinbar wertfreien Untersuchung, so als habe man ein neuentdecktes Säugetier auf dem Seziertisch, bis zur herablassenden und gehässigen Beschimpfung von Wesen, denen gegenüber man sich für weit überlegen erachtet. Wirkliche Begegnungen mit dunkelhäutigen Menschen hatte man im Deutschland der Goethezeit freilich kaum, man konnte ihnen allenfalls an Fürstenhöfen begegnen, wo man sie zur Belustigung der Adelsgesellschaft hielt. Das Wissen über den „Neger“ kam deshalb bei uns – anders als in England und Frankreich – meist aus zweiter oder dritter Hand.

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