Schlechtschreibung auf tagesschau.de

So einen Satz findet man im Jahre des Herrn 2018 auf der Internetseite der Tagesschau (hier nachzulesen):

Die Region des Ionischen Meeres ist Erdbeben gefährdet.

Daß eine so absurde Getrenntschreibung auf den Seiten einer Nachrichtensendung möglich ist, die einmal für ihre sprachliche Sorgfalt weithin berühmt war, ist geradezu beispielhaft für den Niedergang beim Gebrauch der deutschen Sprache.

Dieser Prozeß hat in den 60er Jahren begonnen, als eine „fortschrittliche“ Pädagogik immerfort „Sprachbarrieren“ aufheben und den Kindern alles so leicht wie nur möglich machen wollte. Die Entwicklung hat sich in den letzten zehn, zwanzig Jahren eher noch beschleunigt. Mit der dreisten „Neuen Rechtschreibung“ und dem neuesten Sprachunfug („Schreiben nach Gehör“, Abschaffung der Schreibschrift, „Einfache Sprache“ usw.) ist ein neuer Tiefpunkt erreicht worden.

Ist dieser Prozeß überhaupt noch umkehrbar? Ich bin ein von Natur aus optimistischer Mensch, aber Hoffnung sehe ich, was die deutsche Sprache betrifft, allenfalls in ferner Zukunft. Gut möglich, daß es erst einmal noch weiter bergab geht.

Alle, denen die deutsche Sprache am Herzen liegt, sollten – jeder an seinem Platz – alles tun, um unserer schönen Sprache ein glückliches Überwintern in frostigen Zeiten zu ermöglichen.

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Schöne arme Wörter (5): „liberal“

Wer liberal ist, macht sich unbeliebt – zumindest in den extremistischen Lagern jeder Couleur. Die aus dem Marxismus gespeiste Linke nennt ihn dann, um ihr Mißfallen auszudrücken, „wirtschaftsliberal“ oder „neoliberal“, für geistig schlichtere Genossen ist er in der ihnen eigenen differenzierten Sprache einfach nur „scheißliberal“. Den Anhängern der populistischen Rechten, die inzwischen große Teile des Internets beherrscht, gilt „Liberalität“ (ähnlich wie Toleranz, Weltoffenheit u.a.) nur noch als Schimpfwort.

Aber woher kommt das Wort? Da es einen lateinischen Ursprung hat, greift man am besten erst einmal zum „Georges“ (Ausführlich lateinisch-deutsches Handwörterbuch 1913). Dort liest man unter dem Stichwort liberalis folgendes:

I.   die Freiheit betreffend (…)
II. einem freigeborenen Menschen geziemend = edel, von edler Art od. Gesinnung, vornehm, anständig.

Daneben gibt es noch die Bedeutungen „gütig“ und „freigebig“. Man sieht: ein Römer, der als liberalis bezeichnet wurde, war ein rundherum angenehmer Zeitgenosse.

Wer heute liberal ist, findet sich im Duden so beschrieben:

dem Einzelnen wenige Einschränkungen auferlegend, die Selbstverantwortung des Individuums unterstützend; freiheitlich.

Immer noch recht positiv, wenngleich sich die Bedeutung vom Charakter des einzelnen Menschen hin zum politischen und gesellschaftlichen Bereich verschoben hat. Daß sich hier in Deutschland eine einzelne (ziemlich kleine) Partei als alleiniger Sachwalter der Liberalität fühlt, darüber kann man getrost hinwegsehen. Die Parteien der Mitte sind gottlob allesamt im guten Sinne liberal, und sie vertreten auch heute noch über 80% der Bevölkerung.

Liberal – man sollte das Wort schätzen und bewahren. Und die Sache, die es bezeichnet, erst recht!

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Schöne arme Wörter (4): „bunt“

Und schon wieder so ein Wort, das zwischen die Fronten der politischen Ideologien geraten ist: „bunt“. Aber bleiben wir erst einmal bei der Sprachwissenschaft.

Im Althochdeutschen, also der Sprachstufe etwa zur Zeit Karls des Großen, ist das Wort, wenn man dem Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm glauben darf, noch nicht nachweisbar. Anders im Mittelhochdeutschen, jener Sprachstufe also, wie sie im Hochmittelalter gesprochen und geschrieben wurde. Da bedeutete es laut Lexer (Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch 1966):

schwarz und weiss gefleckt oder gestreift.

Gerhard Köblers Mittelhochdeutsches Wörterbuch, das online verfügbar ist, nennt folgende Bedeutungen:

gefleckt, gestreift, zweifarbig, mehrfarbig, schwarz-weiß-gefleckt, schwarz-weiß-gestreift.

Die Bedeutung hat sich also im Laufe der Sprachgeschichte verschoben. Hat man damit zuerst alles damit bezeichnet, was nicht einfarbig war und Streifen bzw. Flecken hatte, so unterscheidet man heute viel genauer zwischen „schwarz-weiß“, „zweifarbig“ und eben „bunt“, das meist im Sinne von „mehrfarbig“ gebraucht wird.

Schon in der Goethezeit wird das Wort aber auch im übertragenen Sinne verwendet. Im Deutschen Wörterbuch heißt es dazu etwa:

Eine menschenmenge, wie sie lärmt, wühlt und tobt, erscheint auch bunt und gemischt in farben, vielartig in gesinnung.

„Vielartig in Gesinnung“ – das leitet schon zum heutigen, leider politisierten Gebrauch dieses schönen Wortes über. Den Grünen (in ihrem Namen sind sie einfarbig!), vor allem ihrem linken Flügel, konnte das politische Leben gar nicht bunt genug sein: daher auch seine weitere Bedeutungsverengung. „Bunt“ war nun vor allem eine soziale Mischung von möglichst vielen Nationalitäten und sexuellen Orientierungen in einem Land. Das Wort von der „Bunten Republik Deutschland“ kam auf, und alles sollte – ohne Rücksicht auf Verluste – auf einmal „bunt“, „tolerant“ und „weltoffen“ sein.

Diese Wörter – alle an sich wichtig und schön und bewahrenswert – sind leider zu fast inhaltslosen Worthülsen geworden, wie man sie aus der Werbe- und Marketingbranche kennt. Sie zu verwenden, begründet in der Regel schon die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ideologie, und es ist heute kaum noch möglich, sie unbefangen zu gebrauchen, denn für die extreme Rechte, geistig und sprachlich nicht weniger schlicht als ihre Gegner, sind „bunt“ und die anderen Attribute zu Schimpfwörtern verkommen, die man nur noch hämisch und herabsetzend verwendet.

Was also tun? Eines jedenfalls nicht: auf diese schönen alten Wörter verzichten, nur weil sich dumme, ungebildete Minderheiten ihrer bemächtigt haben. Ich jedenfalls lasse mir den klugen Gebrauch so ehrwürdiger Wörter weder von den Linken noch von den Grünen oder den Braunen verbieten.

Man kann sie nämlich – ein bißchen Sprachgefühl vorausgesetzt – durchaus so verwenden, daß schon durch den Kontext ersichtlich wird, daß man sich dem parteipolitischen und ideologischen Mißbrauch der Sprache widersetzt.

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Arme Meiolaniiden!

Die Meiolaniiden waren die letzten Nachfahren einer altertümlichen Familie von Schildkröten. In Australien haben sie überlebt – bis die ersten Aborigines den Kontinent „entdeckten“. Das war vor ungefähr 45.000 Jahren. Die Schildkröten hatten damals eine gewaltige Körpergröße erreicht – “ the size of a small car“, heißt es in dem Buch „Europe – A Natural History“ von Tim Flannery, dem ich diese Geschichte verdanke.

Einigen Exemplaren gelang die Flucht übers Meer auf die Insel Vanuatu. Dort lebten sie lange in Ruhe und Frieden – bis auch Vanuatu „entdeckt“ wurde, diesmal von den Vorfahren der heutigen Inselbewohner. Die Ankunft des Homo sapiens vor 3000 Jahren, das kam bei archäologischen Grabungen ans Licht, bedeutete das abrupte Ende der Meiolaniiden.

Man fand unzählige Reste von geschlachteten und gekochten Schildkröten.

Ihnen ist es nicht anders ergangen als vielen Menschenvölkern: es war immer schon lebensgefährlich, „entdeckt“ zu werden.

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Humanes Ungarn

Im christlich-abendländischen Ungarn tritt heute ein neues Gesetz in Kraft, das Obdachlosen den Aufenthalt im Freien praktisch verbietet. Bei Zuwiderhandlung drohen Gefängnisstrafen.

Alles natürlich nur zum Besten der Obdachlosen, damit sie sich in die Obhut der staatlichen Heime begeben. In denen kann freilich höchstens ein Drittel von ihnen unterkommen. Mehr Plätze gibt es nicht.

Das zuständige ungarische Ministerium nennt sich übrigens Ministerium für Humanressourcen.

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Meine leib Speise!

Über eine georgische Spezialität, die chinkali, schreibt jemand im Internet:

Habe sie mal in Georgien gegessen und seid dem sind sie meine leib Speise!

Das hat übrigens ein Mensch mit deutschem Vor- und Nachnamen geschrieben.

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Das Zitat des Tages – wieder einmal von Donald Trump

Und das sagte er gestern in einem CBS-Interview:

Die Europäische Union wurde gebildet, um uns beim Handel auszunutzen. Und das ist, was sie getan haben. Niemand behandelt uns viel schlechter als die Europäische Union.

Wir leben – wie man auch daran sieht – in einer Zeit, in der immer mehr großmäulige, geistig arm ausgestattete Politiker das Sagen haben.

Aber auch deren Zeit wird wieder vergehen.

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Schöne arme Wörter (3): „Gutmensch“

Schon wieder so ein Wort, das in den Sog der Extremisten geraten ist. Oder war es da von Anfang an? Aber wie ist es zu seiner negativen Bedeutung gekommen? Und warum fühlt man sich beleidigt, nur weil man als „guter Mensch“ bezeichnet wird?

Sehen wir, was der Duden dazu sagt:

[naiver] Mensch, der sich in einer als unkritisch, übertrieben, nervtötend o. ä. empfundenen Weise im Sinne der Political Correctness verhält, sich für die Political Correctness einsetzt.

Das ist eine eher schlampig formulierte Definition, die (mit ihrem Schwergewicht auf der politischen Korrektheit) wohl kaum den Wortinhalt richtig wiedergibt. Genauer trifft es das einzige Wort, das im Duden eingeklammert steht: „naiv“. Der Begriff „Gutmensch“ (oder „Gutmenschentum“), der leider auch in der von mir sehr geschätzten F.A.Z oft gebraucht wird, ist (und war wahrscheinlich von Anfang an) ein Schimpfwort. Wer einen anderen als „Gutmenschen“ beschimpft, will damit sagen: der ist naiv, realitätsfremd, dumm, er kennt die Wirklichkeit nicht. Aber wenn wir das Wort so definieren: wer, um Himmels willen, war da alles ein Gutmensch? Jesus? Gandhi? Dürfen jetzt Zyniker und selbsternannte „Realisten“ damit jeden beschimpfen, der noch noch (begründete!) Hoffnung auf ein gutes Ende der Menschheitsgeschichte hat?

Nein, das Wort „Gutmensch“, so wie es in der politischen Auseinandersetzung gebraucht wird, ist wirklich ein Unwort. Wir sollten es nicht mehr verwenden – oder getrost der AfD und der Neuen Rechten überlassen, in deren verkommener Sprache es neben „völkisch“ und „Vogelschiß“ seinen angemessenen Platz finden mag.

PS:  Im aufgeklärten England des 18. Jahrhunderts gab es das Ideal des „good-natured man“, wie er etwa in Henry Fieldings wunderbaren Romanen immer wieder anzutreffen ist. Niemand hätte damals im Traum daran gedacht, daß aus dem „guten Menschen“ einmal ein Schimpfwort werden könnte.

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Aus dem Lande des Sultans

Wie man heute in der F.A.Z. lesen kann, ist der Etat für die Gefängnisse in der Türkei zur Zeit zehmal größer als der für die Bildung.

Das ist mehr als verständlich. Kluge Untertanen stören nur.

Für seinen tausendzimmrigen Palast (genaugenommen sind es 1150 Zimmer!) gibt der Sultan übrigens pro Jahr 93 Millionen Euro aus.

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Zwei Fragen zum absurden Dieselfahrverbot

Erstens:
Wie kann es sein, daß die Prozeßhansel von der „Deutschen Umwelthilfe“ ihre Prozesse gewinnen und damit die Industrie eines ganzen Landes gefährden, obwohl sie sich laut Wikipedia seit 20 Jahren mit jährlich 50.000 bis 70.000 € von Toyota (also einem direkten Konkurrenten der deutschen Autoindustrie!) finanzieren lassen? Wie kann es sein, daß Richter diesem Verein immer wieder recht geben, obwohl durch nichts bewiesen ist, daß Fahrverbote, die sich auf einige Straßen einer Großstadt beschränken, tatsächlich für bessere Luft sorgen? Wie kann es sein, daß das Berliner Verwaltungsgericht allen Ernstes verfügt, die Fahrverbote dürften nicht mit der Begründung hinausgezögert werden, daß die Ergebnisse weiterer Untersuchungen abgewartet werden müßten? Hat man etwa Angst vor einer ergebnisoffenen Untersuchung solcher Grenzwerte vor und nach dem Fahrverbot? Ahnt man vielleicht, daß hier auf Kosten unseres Landes und seiner Bewohner nur ein dummer Aktionismus durchgesetzt werden soll?

Zweitens:
Glaubt denn irgendjemand, daß in allen anderen Großstädten der EU eine frische Landluft herrscht – nur nicht in Frankfurt, Berlin, Hamburg und München? Wer bestimmt hier wie dort, wo die entsprechenden Meßgeräte aufgestellt werden? Wieviele Prozesse sind wegen der EU-Grenzwerte gegen Städte außerhalb Deutschlands geführt worden? Etwa keiner?

Und: gilt das alte, ungeschriebene Gesetz nicht mehr, daß man Nutzen und Schaden auch vor Gericht sorgfältig gegeneinander abwägen sollte? Oder handelt man hier nach dem Satz „Fiat iustitia et pereat mundus“?

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