Ja, was ist denn ein After-Baby? Und was ist ein Bauch-Update?

Über beides informiert jetzt die Qualitäts-Plattform vip.de:

After-Baby-Bauch-Update von Jessica Paszka.

Auf dieses Update haben offenbar viele sehnsüchtig gewartet. Freilich kommen da bei mir einige Fragen auf. Wer oder was ist Jessica Paszka? Der Text klärt mich auf: Jessica Paszka ist eine „Ex-Bachelorette“. Aber was ist eine Bachelorette? Der Duden kennt nur, alphabetisch gleich nach dem „Bächelchen“, den „Bachelor“ als Inhaber des niedrigsten akademischen Grades. Eine Bachelorette kennt er gar nicht. In solchen Fällen hilft fast immer die Wikipedia. Sie weiß nicht nur, daß es sich bei der Bachelorette um eine „attraktive Junggesellin“ handelt, die in einer RTL-Show aus mehreren Kandidaten ihren Lebensabschnittspartner aussuchen darf, sie führt auch genauestens Buch über die jeweilige Junggesellin und ihre Kandidaten.

Also, mit Jessica Paszka verhält es sich laut Wikipedia wie folgt. Sie war 2017 die Bachelorette der vierten Staffel. Unter den zwanzig Freiern, die um sie warben – „Freier“ natürlich im altertümlichen Sinne des Wortes, wie es die Freier der Penelope in der Odyssee waren, denen freilich ein blutigeres Ende beschieden war als den Kandidaten von RTL – unter diesen Freiern also waren einige, die sich nur wenig Hoffnung machen konnten: ein „Sachbearbeiter für Logistikmanagement“ zum Beispiel, ein „Student (Philosophie und Sport auf Lehramt)“, ein „Werkzeugmechaniker“ und ein „Kundenberater bei einer Versicherung“. Auch der Niklas, bei dem unter Beruf vermerkt ist „plant italienisches Restaurant zu eröffnen“, dürfte es ziemlich schwer gehabt haben. Um es kurz zu machen: die Bachelorette entschied sich am Ende für den Schlagzeuger einer Metalband. Die beiden waren zwei Monate „liiert“, angeblich, dann trennten sie sich wieder. Inzwischen ist sie mit dem Zweitplazierten von 2017, einem „Außendienstmitarbeiter in der Baumaschinenbranche“ zusammen. Klingt nicht sehr glamourös, aber die beiden haben immerhin ein Baby bekommen.

Und das führt uns wieder zur Überschrift. Früher hat man ja eine Schwangerschaft gern unter geeigneter Kleidung verborgen, heute zeigt man schon kurz nach der Zeugung jedes Detail auf Instagram. Die Fachzeitschriften wie Bunte, Gala usw. reden dann gern vom „süßen Babybauch“. Eher neu ist, daß auch der Kampf gegen die Pfunde nach der Geburt (After-Baby-Bauch!) in stimmungsvollen Bildern geschildert wird – natürlich auch auf Instagram, und immer an geeigneten Locations, Ibiza zum Beispiel.

Abnehmen in Detmold oder Gelsenkirchen wäre ja auch ein bißchen öde.

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Brief an die Sprachpolizei – Betr.: Hermann Hesse

An die
Zentralabteilung der Sprachpolizei
– Literarische Altlasten –
Berlin

Betr.: Hesse, Hermann (1877-1962)

Sehr geehrte Damen und Herren,

unter Bezugnahme auf § 14 des Gesetzes zur Säuberung der deutschen Literatur (SdLG) möchte ich folgenden Text zur Anzeige bringen:

Hesse, Hermann, Der Europäer, in: Gesichtete Zeit – Deutsche Geschichten, hg. Marcel Reich-Ranicki, München (dtv) 1986.

Begründung:
Die Erzählung „Der Europäer“, die gleich mehrfach in eklatanter Weise gegen die in §3 SdLG aufgeführten Kriterien, vor allem §3b („Rassismus“) und §3c („Sexismus“), verstößt, ist dem heutigen Leser nicht mehr zuzumuten. Die folgenden wörtlichen Zitate mögen das belegen:

Ein gigantischer Neger fischte den Dahintreibenden auf, er lebte und kam bald wieder zu sich.

Der Neger rieb am Herde Feuer aus trockenen Hölzern und schlug vor Freude seiner fetten Frau in rhythmischen Taktfolgen auf die klatschenden Schenkel.

Wie der große Neger leicht und mühelos am Balken in die Höhe lief, das war des Zuschauens wert.

Der Indianer traf mit leichtem Pfeil das kleinste Ziel.

„Vorzeigen!“ rief der Neger, und alle drängten näher herzu.

Der Neger lachte munter und zeigte schneeweiße Zähne.

Der Neger aber, begleitet vom Eskimo, vom Indianer und dem Malaien, kam gegen Abend zu dem Patriarchen.

Ihr alle, du Neger und du Eskimo, habet für das neue Erdenleben, das wir bald zu beginnen hoffen, eure lieben Weiber mit, du deine Negerin, du deine Indianerin, du dein Eskimoweib.

Die Erzählung ist in zahlreichen anderen Sammelwerken vertreten, die zum Schutze der Allgemeinheit vor traumatisierenden Erlebnissen allesamt vernichtet werden sollten.

Ich hoffe, mit meinem Hinweis einen Beitrag zur geistigen Gesundheit des deutschen Volkes geleistet zu haben und verbleibe hochachtungsvoll

IM Lupulus.

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Jung, weiblich, mit Migrationshintergrund etc. – Die streng geheime Werteskala der Grünen

Sage einer, die Grünen hätten keine Wertehierarchie! Haben sie wohl. Man kann sie sogar tabellarisch, sozusagen in mathematischer Form, darstellen.

Weiblich 10 Punkte
jung (unter 45) +3 Punkte
People of color 7 Punkte
Migrationshintergrund 6 Punkte
LGBT+ 5 Punkte
Aktivist/-in 4 Punkte
Mann 0 Punkte
alter Mann -2 Punkte
alter weißer Mann -10 Punkte

Annalena Baerbock, selbst wenn wir sie als Klimaaktivistin einordnen, käme grade mal auf 17 Punkte – ein bißchen enttäuschend, sie kommt damit aber immer noch viel besser weg als Robert Habeck. Von seinen 5 Punkten als Aktivist, die wir ihm großmütig zubilligen wollen, müssen wir ihm leider 10 Punkte abziehen, weil er alt (51 Jahre) und weiß ist. Mit dann -5 Punkten rutscht er leider in die Minuszone und ist auch deshalb als Kanzlerkandidat eher ungeeignet. Aber selbst ein Cem Özdemir kann trotz der 6 Punkte für seinen Migrationshintergrund den Absturz ins Minus (-4 Punkte) nicht verhindern. Der Malus des alten weißen Mannes schlägt auch bei ihm kräftig durch.

Ideal als Kanzlerkandidatin der Grünen wäre dagegen Peggy Piesche, eine schwarze, in der DDR geborene, lesbische Aktivistin. Sie käme auf fast unschlagbare 32 Punkte, und für ihre Studien zu blackness und whiteness legen wir noch zwei Punkte drauf. Damit käme sie auf 34 Punkte, also doppelt so viele wie Baerbock – und wäre damit die am besten geeignete Kanzlerkandidatin der Grünen.

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Mauerlöwerlei, Schlachtplatter und Gulyassuppe nebst einem jüdischen Dichter namens Friedrich Schiller

Diesem antiquarischen Angebot konnte ich nicht widerstehen: Mimi Sheratons Buch „1,000 Foods to Eat Before You Die“. Darin führt uns die Autorin, die in den USA einen guten Ruf hat, in die Küchen der Welt. Gerichte aus aller Herren Länder stellt sie vor, von England bis Tahiti und von der Ukraine bis Kenia. Und natürlich auch Gerichte aus Deutschland.

Da wird es spannend. Man trifft nämlich auf die üblichen Verdächtigen, z.B. Brezln, Leberwurst, Gurkensalat, Königsberger Klopse, „Haxen“, Baumkuchen, Spätzle, Kartoffelsalat, Sauerbraten, Leberkäse, „Schwarzwälderkirschtorte“ und Berliner Pfannkuchen (auf hessisch Kreppel). Aber dann gibt es auch recht Merkwürdiges. Bei „Schlachtplatter“ und „Gulyassuppe“ kann man immerhin erahnen, was gemeint ist. Aber ist „Hirn mit Ei“ wirklich typisch für die deutsche Küche? Oder die „Biersuppe“? Und was bedeutet „Der Ganze Gans“?

Ganz und gar rätselhaft ist aber ein angeblich deutsches Backwerk, das Mimi Sheraton „Mauerlöwerlei“ nennt. Wenn man danach googelt, kommt als einziger Treffer eine Besprechung von Sheratons Buch im Guardian, in dem das Gericht wegen seiner „Unaussprechlichkeit“ (unpronounceability) auftaucht. Auch alle anderen Suchmaschinen kennen das Wort nicht. Man muß den englischen Text lesen, um der Lösung des Problems näherzukommen:

Mauerlöwerlei, or bricklayer’s loaves, are small, neat white-flour rolls whose rounded tops and oblong shape do indeed give them a somewhat bricklike aspect.

Es handelt sich beim „Mauerlöwerlei“ also um Brötchen (rolls), und den deutschen Namen übersetzt Sheraton mit „bricklayer’s loaves“. Bricklayer ist das englische Wort für „Maurer“, und loaf bedeutet „Brotlaib“. Wenn man beides miteinander kombiniert, kommt man nach längerem Probieren und Suchen auf ein Wort, das es tatsächlich gibt: „Maurerlaib“. Dabei handelt es sich freilich um ein Brot, das selbst in Bayern nur lokal bekannt ist.

Wie aber Mimi Sheraton auf das altertümlich klingende Wort „Mauerlöwerlei“ gekommen ist, wird wohl für immer ihr Geheimnis bleiben.

Zum Schluß nur noch zwei mißglückte Zitate aus dem Buch, die sich auf die deutsche Literatur beziehen. In dem Artikel „Sauerkraut“ zitiert Sheraton einen Vers von Heinrich Heine:

„You greeted me, my sauerkraut, with your most charming savor“ – From „Ode to Sauerkraut“ by Heinrich Heine.

Eine „Ode an das Sauerkraut“ gibt es freilich nicht. Die berühmten Verse stammen aus „Deutschland – Ein Wintermärchen“, und sie sind auch nicht so bieder lobend gemeint, wie die Autorin sie offenbar verstanden hat. Sie sind eingebettet in einen Reisebericht. Heine war nach vielen Jahren im Pariser Exil noch einmal nach Deutschland zurückgekehrt und beschreibt sein erstes Essen in der Heimat:

Von Köllen war ich drei Viertel auf acht
Des Morgens fortgereiset;
Wir kamen nach Hagen schon gegen drei,
Da ward zu Mittag gespeiset.

Der Tisch war gedeckt. Hier fand ich ganz
Die altgermanische Küche.
Sei mir gegrüßt, mein Sauerkraut,
Holdselig sind deine Gerüche!

Gestovte Kastanien im grünen Kohl!
So aß ich sie einst bei der Mutter!
Ihr heimischen Stockfische, seid mir gegrüßt!
Wie schwimmt ihr klug in der Butter!

Jedwedem fühlenden Herzen bleibt
Das Vaterland ewig teuer –
Ich liebe auch recht braun geschmort
Die Bücklinge und Eier.

Wie jauchzten die Würste im spritzelnden Fett!
Die Krammetsvögel, die frommen
Gebratenen Englein mit Apfelmus,
Sie zwitscherten mir: »Willkommen!«

»Willkommen, Landsmann« – zwitscherten sie –,
»Bist lange ausgeblieben,
Hast dich mit fremdem Gevögel so lang
In der Fremde herumgetrieben!«

Es stand auf dem Tische eine Gans,
Ein stilles, gemütliches Wesen.
Sie hat vielleicht mich einst geliebt,
Als wir beide noch jung gewesen.

Sie blickte mich an so bedeutungsvoll,
So innig, so treu, so wehe!
Besaß eine schöne Seele gewiß,
Doch war das Fleisch sehr zähe.

Es ist die für Heine typische Stimmung, in der jede aufkommende Sentimentalität sofort ironisch gebrochen wird. Von einer „Ode ans Sauerkraut“ also keine Spur. Das ist freilich, wenn man kein native speaker ist, schwer zu erkennen.

Ein anderer Satz in Sheraton’s Buch ist viel bedenklicher:

The Marbach-born Jewish poet Friedrich Schiller (1759-1805), whose poems were banned by the Nazi regime, was previously honored by way of two food specialties, both called Schillerlocken.

An diesem Satz stimmt – von Schillers Geburtsort abgesehen – buchstäblich nichts. Wie um Himmels willen kommt Sheraton auf die Idee, daß Schiller Jude war? Und daß seine „Gedichte“ vom Naziregime verboten wurden? Im Gegenteil, Schiller wurde von Anfang an von den Nationalsozialisten als eines ihrer großen Vorbilder betrachtet. An seinem Geburtstag fand jedes Jahr in Marbach eine „Schillerfeier“ statt, und im „Schillerjahr“ 1934 las man aus Anlaß seines 175. Geburtstags unter anderem dies (zit. nach Joseph Wulf, Literatur und Dichtung im Dritten Reich, S. 392-94):

Schiller als Nationalsozialist! Mit Stolz dürfen wir ihn als solchen grüßen. Mit Stolz und Dankbarkeit. Der Nationalsozialismus schöpft aus den gleichen, ewigen Kraftquellen deutscher Art, aus denen auch Schiller schöpfte. In seinem Werke aber hat der Dichter dem erwachenden Deutschland eine weitere unversiegbare Kraftquelle hinterlassen. Aus ihr wollen wir schöpfen und trinken. Aus ihr wollen wir auch unseren dürstenden Volksgenossen Kraft spenden. Unaufhaltsam marschieren unsere Kampfkolonnen. Kameraden, die den Opfertod starben, und die Toten aus den Kriegen der deutschen Vergangenheit „marschieren im Geist in unseren Reihen mit“. An der Spitze aber, dem leuchtenden Hakenkreuzbanner voran Schreiten Seite an Seite mit den lebenden Führern die großen Geister, deren Leiber die Erde deckt. Aufrecht und stolz ragt unter ihnen die Lichtgestalt Friedrich Schillers hervor.
(Hans Fabricius)

In Schillers soldatischer Natur lebt jener echte Ordensgeist, der auf Unterwerfung und Gehorsam heldischer Kriegernaturen gerichtet ist. Von hier erst erschließt sich Schillers überragende Bedeutung als eines politischen Dichters. Er hat nicht nur das politische Drama der Deutschen begründet, indem er als erster Deutscher große Geschichte, Weltgeschichte von inneren Erlebnissen her bewegte und durchgestaltete; er hat in dieses Drama eine wahrhaft politische, echt geschichtsschaffende Kraft einfließen lassen, indem er es mit Willensentscheidungen und überindividuellen Überwindungen, mit Todesentschlossenheit und Einsatzwilligkeit, mit Härte und Schicksalstrotz, mit bewusster Wahl des Untergangs und heldisch-feierlichem Sterben anfüllte.
(Walther Linden)

Einzige Ausnahme inmitten dieser grotesken Einverleibung war der Wilhelm Tell. Er durfte von 1941 an auf ausdrücklichen Wunsch des Führers nicht mehr aufgeführt werden, auch aus dem Kanon der Schullektüre wurde er gestrichen. Der Mord an einem Tyrannen sollte auf deutschen Bühnen nicht mehr gefeiert werden.

Das alles hätte auch Mimi Sheraton mit ein paar Mausklicks in Erfahrung bringen können.

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„Eine andere Blondine“

Manchmal stößt man selbst in einer so seriösen Zeitung wie der F.A.Z. auf ein Wort, das befremdet. So hat vor einigen Tagen Michaela Wiegel, die Frankreich-Korrespondentin, in einem Artikel über die französische Präsidentenwahl im nächsten Jahr (hier nachzulesen) folgendes geschrieben:

Eine Frau im Elysée-Palast? Bislang dachten die Franzosen dabei sofort an Marine Le Pen, die bei der Präsidentenwahl im nächsten Jahr zum dritten Mal für das höchste Staatsamt kandidiert. Doch nun drängt sich eine andere Blondine nach vorn: Die 54 Jahre alte Valérie Pécresse, die rechtsbürgerliche Regionalpräsidentin der Hauptstadtregion Île-de-France, hat am Donnerstagabend zur besten Sendezeit ihre Präsidentschaftskandidatur erklärt.

„Eine andere Blondine“ also. Aber was will uns der Dichter damit sagen – außer daß die beiden Kandidatinnen die gleiche Haarfarbe haben? Was wird da angedeutet, insinuiert? „Blondine“ ist ja keineswegs einfach nur eine „blonde Frau“, wie die Dudenreaktion meint. Wörter haben oft unsichtbare Konnotationen, sie können bewundernd oder abwertend gemeint (und verstanden) werden, überhaupt sind sie selten eins zu eins mit ihrer Definition identisch. Und das Wort „Blondine“, das noch in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts eine durchaus positive Konnotation besaß, ist spätestens seit den „Blondinenwitzen“ eher herabsetzend gemeint und bezeichnet, jedenfalls für viele Sprecher, auch heute noch ein naives Dummchen.

In diesem Sinne ist es völlig unverständlich, warum die Redakteurin der F.A.Z. die beiden Politikerinnen als „Blondinen“ bezeichnet. Hätte es sich bei den Kandidaten um Männer gehandelt, wäre sie sicher nicht auf die Idee gekommen, von „dem anderen Schwarzhaarigen“ zu sprechen.

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Das Kontinent

Alan Posener zitierte vor einigen Wochen in der Online-Ausgabe der ZEIT die folgenden Zeilen aus Goethes Gedicht „Den Vereinigten Staaten“:

Amerika, du hast es besser,
Als unser Kontinent, das alte,
hast keine verfallene Schlösser
und keine Basalte.

Posener bemerkte dazu:

So reimte Deutschlands Dichterfürst 1827, und man muss feststellen: Goethe, du hattest es besser. Um den Reim auf „Basalte“ zu ermöglichen, veränderte er einfach das Geschlecht des Worts „Kontinent“.

Das ist natürlich falsch. „Kontinent“ (oder „Continent“) ist in der Goethezeit vielerorts als Neutrum aufgefaßt worden. In Goethes Briefen heißt es mehrfach „das Continent“, zum Beispiel in seinem Brief an Zelter vom September 1828:

Bey niederem Barometerstande häufen sich Wolken auf Wolken, der Westwind treibt sie von dem Meere in das Continent hinein, wo zugleich auf der bewässerten Erdfläche Nebel genug aufsteigen und Wolken sich bilden und nach Osten immer vorwärts getrieben werden.

Ähnliche Neutra findet man zum Beispiel 1809 bei Arnold Heeren („das Continent von Asien“), im selben Jahr bei Adam Christian Gaspari („Australien zerfallt in zwey Haupttheile: das Continent und die Inseln“ oder „Amerika, ein besonderes Kontinent“), 1815 bei Friedrich Philipp Wilmsen („ein drittes Continent“) und an vielen anderen Stellen. Offenbar wurden Maskulina und Neutra über längere Zeit parallel verwendet, bevor sich die männliche Form endgültig durchsetzte.

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Theo Sommer und die deutschen Fernsehgrößen

Auch dem heute 91jährigen Theo Sommer, der fast zwanzig Jahre lang Chefredakteur der ZEIT und danach einer ihrer Herausgeber war, ist jetzt der Kragen geplatzt. Als „alter weißer Mann, der sich schwarzärgert“, kommentiert er aus Anlaß der Abschaffung des Wortes „Schwarzfahren“ durch den Hamburger Verkehrsverbund die grassierende politsche Korrektheit (hier nachzulesen). Und worüber ärgert er sich?

Über die überempfindliche, gendergeschlechtliche oder identitätspolitische Verschandelung der deutschen Sprache. Über die Anmaßung von Minderheiten, der Mehrheit vorzuschreiben, was sie denken und wie sie sich ausdrücken darf. Und über die eilfertige Devotheit, mit der sich staatliche Behörden, öffentliche Institutionen und deutsche Fernsehgrößen den modischen Anwandlungen der Sprach- und Denkpanscher unterwerfen.

Die „eilfertige Devotheit“ der deutschen Fernsehgrößen mag, wer will, im ZDF und anderswo genießen – wir nicht. Wir sehen uns das heute-journal, früher einmal ein journalistisches Glanzstück des ZDF, schon lange nicht mehr an. Die peinliche Anbiederung des Senders an eine kleine radikale Minderheit, die mit ihren Netzwerken in immer mehr Institutionen eindringt, muß man sich nicht antun. Es wundert mich freilich, daß die ständigen Verstöße der öffentlich-rechtlichen Sender gegen den gesetzlichen Kultur- und Bildungsauftrag, zu dem selbstverständlich der amtliche Sprachgebrauch gehört, kein gerichtliches Nachspiel haben. Freilich haben die Grünen zusammen mit der SPD dafür gesorgt, daß mit Susanne Baer, die sieben Jahre lang das GenderKompetenzZentrum an der Humboldt-Universität geleitet hat, der grüne Zeitgeist nun auch in den Ersten Senat des Bundesverfassungsgerichts eingezogen ist.

Auf die Gerichte sollte man sich also nicht verlassen. Der sicherste Weg, das Schlimmste zu verhindern, ist – auf keinen Fall die Grünen zu wählen. Grün im Sinne einer Liebe zu Pflanzen, Tieren und Natur sind die „Grünen“ nämlich schon lange nicht mehr, ihnen liegt nur noch die Lobbyarbeit für „LGBT“, die Windkraft- und Solarindustrie und die Feminismusgrüppchen am Herzen.

Was ist daran grün? Nichts.

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Ja, was hat denn Robin Williams mit dem Parteiprogramm der Grünen zu tun?

Es stimmt schon: auch das grüne Milieu, das gerade dabei ist, die Entstellung und Zerstörung der deutschen Sprache voranzutreiben, wird nicht ewig bestehen. Aber es ist ihm gelungen, viele Institutionen und Medien zu infiltrieren, die es besser wissen müßten – Fernseh- und Radiosender vor allem, aber auch Unternehmen, Universitäten und viele Zeitungen mit ihren Online-Ausgaben. Die grotesken Auswüchse einer (angeblich möglichen) „geschlechtergerechten“ oder „geschlechtersensiblen“ Sprache, die es nie gegeben hat und die es gottlob auch nie geben wird, führen deshalb nicht etwa zu mehr Einsicht, sondern zu trotzigem Beharren in der eigenen ideologischen Blase. Als sekundärer Gewinn winkt ein Gefühl der moralischen Überlegenheit, ja, man glaubt tatsächlich, an der Spitze des Fortschritts zu marschieren und die Frauen, diese schwachen, vom (weißen!) Mann unterdrückten, immer nur mitgemeinten armen Wesen so aus ihrer Knechtschaft zu befreien. Das alles ist absurdes Theater par excellence, aber ein sprach- und kulturfeindliches, radikales, von Ideologie gesättigtes und geschichtsvergessenes Theater – mit fatalen Folgen. Verheerend sind ja nicht die Aktivisten selbst, die kleinen Grüppchen, die sich, weil sie es nicht besser wissen, an der eigenen Sprache vergehen. Über sie ginge die Zeit schnell hinweg. Verheerend und zu einer Gefahr für unsere Kultur geworden ist die Resonanz, die sie mittlerweile in Schulen, Universitäten, Betrieben, vor allem aber in Parteien und Medien gefunden haben. Wer das Programm der Grünen liest und sich wenigstens ein Fünkchen Sprachgefühl bewahrt hat, dem wird allein schon angesichts der Sprache dieses Pamphlets – mit fast 600 Gendersternchen und lächerlichen Wortungetümen wie bürger*innennäher, Ehegatt*innensplitting oder Sinti*zze und Rom*nja, buchstäblich speiübel.

Einer der Gründe für das Vordringen dieses Unfugs, das wird oft übersehen, ist, daß in den letzten Jahrzehnten immer mehr illliterate Schüler ins Leben entlassen werden. Die meisten von ihnen haben nie empfunden, was für ein Glück es ist, den Stechlin oder das Glasperlenspiel zu lesen. Ja, ich gehe noch weiter: wer einmal einen Roman von Fontane oder Thomas Mann gelesen hat, der wäre für den Rest seines Lebens nicht mehr fähig, ein Wort wie „bürger*innennäher“ niederzuschreiben oder auch nur beim Lesen zu ertragen.

Einen Lehrer wie John Keating, den Robin Williams im „Club der toten Dichter“ so wunderbar verkörpert hat, wird man heute im „wirklichen Leben“ kaum noch finden. Der naturwissenschaftlich-technische Zeitgeist beherrscht alles und duldet Literatur, Philosophie und Religion, also alles Geistige, allenfalls noch in kleinen Nischen. Was das mit unserer Gesellschaft macht, können wir schon jetzt beobachten. Es könnte noch schlimmer kommen.

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Über das Köpfen

Das Köpfen ist ja dank einer modernen Strömung im Islam wieder gesellschaftsfähig geworden. Neu ist diese Tötungsart freilich nicht; in gar nicht so wenigen „wilden Stämmen“, wie man sie früher nannte, war es gang und gäbe, die Köpfe der im Krieg besiegten Feinde als Trophäen mit nach Hause zu bringen. Daß aber selbst einem so rohen Verhalten ein Fünkchen Kultur innewohnte, beschrieb der schottische Anthropologe James George Frazer in seinem Buch „The Golden Bough“. Die siegreichen Krieger auf der Insel Timor mußten Opfer darbringen, um die Seelen der getöteten Feinde milde zu stimmen, und sie baten ihre Opfer in einem von Tanz begleiteten Gesang um Verzeihung (zitiert nach Freuds Übersetzung in „Totem und Tabu“):

Zürne uns nicht, weil wir deinen Kopf hier bei uns haben; wäre uns das Glück nicht hold gewesen, so hingen jetzt vielleicht unsere Köpfe in deinem Dorf. Wir haben dir ein Opfer gebracht, um dich zu besänftigen. Nun darf dein Geist zufrieden sein und uns in Ruhe lassen. Warum bist du unser Feind gewesen? Wären wir nicht besser Freunde geblieben? Dann wäre dein Blut nicht vergossen und dein Kopf nicht abgeschnitten worden.

Das hat doch – angesichts des vergossenen Blutes – etwas so bieder Treuherziges und Versöhnliches, das man nur staunen kann. Dem Kopfabschneider von heute ist eine solche posthume Milde jedenfalls völlig fremd.

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Das „N-Wort“ gefährdet sogar die Verkehrssicherheit!

Ach, die Frau Baerbock! Fast könnte man Mitleid mit ihr bekommen. Jetzt hat sie auch noch in einer Diskussion beim Zentralrat der Juden in Deutschland das „N-Wort“ ausgesprochen! Dabei ist das eine Falschmeldung, der die meisten Zeitungen aufgesessen sind. Sie hat nämlich nicht „N-Wort“ gesagt, sondern „Neger“. Und genau genommen nicht einmal das, denn sie hat das Wort nur zitiert, es soll – schwarz auf weiß – auf dem Arbeitsblatt eines Schülers gestanden haben. Was es für die deutsche Sprache und unser Verhältnis zu Geschichte und Kultur bedeutet, wenn ein Wort selbst innerhalb von Anführungszeichen durch eine verhüllende Bezeichnung ersetzt werden muß, darüber ein andermal mehr.

Ich will nur auf einen kleinen Beitrag von Kathrin Reikowski auf merkur.de verweisen, der veranschaulicht, wie die Larmoyanz (vulnerability nennt man das in den USA) bis zur Absurdität übertrieben wird. Selbst wenn man das Wort nur zitiert, könne es bei Betroffenen zu einer „Re-Traumatisierung“ kommen. Reikowski zitiert den farbigen Musiker David Mayonga, der in einem Interview zum „N-Wort“ folgendes sagte:

Fällt das Wort ohne Vorwarnung, dann muss ich damit rechnen, dass da etwa ein Mann, der am Steuer eines Autos sitzt und ein Interview hört, plötzlich unkonzentriert ist oder sogar weinen muss.

Also, dazu fällt mir jetzt wirklich nichts mehr ein.

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