Ein Fundstück in den Sudelbüchern

In den Sudelbüchern von Georg Christoph Lichtenberg (1742-99) habe ich den folgenden schönen Gedanken gefunden:

Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinsieht, so kann freilich kein Apostel heraus gucken.

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Kleine Geschichte des Wortes „Neger“ (3)

Folge 1 der kleinen Wortgeschichte finden Sie hier, Folge 2 hier.

Wir wollen, ehe wir ins bürgerliche 19. Jahrhundert zurückkehren, in dieser Folge einen Blick darauf werfen, wie man in der Goethezeit über „Neger“ gedacht und geschrieben hat.

Da geht es sehr häufig um die kontrovers diskutierte Frage, wie die schwarze Hautfarbe entstanden ist. „Berühmte Männer“, schreibt Albrecht von Haller 1772, hätten

die Farbe der Negern einzig und allein vom Sonnenbrande hergeleitet, und es würden auch weiße Menschen in dergleichen Himmelsstriche allmälich in das Schwarze ausarten.
Hierzu könnte noch das Nakktgehen, das Salbeneinreiben, und die grössere Dikke der Oberhaut etwas mit beitragen.

Andere, etwa Justi in seiner Geschichte des Erd-Cörpers (1771), widersprechen:

Die schwarze Farbe ist ihnen wesentlich und von Natur eigen; und wenn sie auch in Europa oder andern gemäßigten Ländern eine lange Zeit und viele Zeugungen hindurch ihren Aufenthalt haben; so verändert sich deshalb nichts an ihrer schwarzen Farbe, sie werden deshalb nicht schwarzgelb, oder endlich gar weiß. Wir sind hiervon nunmehro auf das vollkommenste überzeuget, da die englischen Colonien in dem nordlichen Theil von America, und folglich in einer gemäßigten Himmelsgegend sich nunmehro seit hundert Jahren der Mohren aus Africa, oder der sogenannten Negern, in ihren Pflanzungen als Sclaven bedienen. So lange dieſe Negern sich nur unter einander selbst verheyrathen, und sich nicht mit weißen Menschen vermischen; so bleibet die Farbe ihrer Nachkommen, ohngeachtet ihres veränderten Aufenthalts, in allen folgenden Zeugungen eben so pechschwarz, als sie auf der Küste von Africa waren.

Neben solchen auf Beobachtung beruhenden Meinungen gibt es, wie nicht anders zu erwarten, auch geradezu groteske Beschreibungen dieser für viele offenbar furchterregenden schwarzen Menschen. Der Schweizer Mediziner Albrecht von Haller schreibt etwa 1774:

Die Negers der Goldküste verschlukken Hunde, Kazzen, Elefanten Gedärme und Vögel mit Eingeweide und allem.

Woher solche Meinungen kommen, läßt sich schwerlich nachverfolgen – aus eigener Anschauung sicher nicht, denn die einzige Expedition, die Haller geplant hatte, kam nicht zustande.

Skurril ist auch eine Bemerkung Jean Pauls in Katzenbergers Badereise (1809):

Unsere Zeit bildet uns in Kleidern und Sitten immer mehr den wärmern Zonen an und zu, und folglich auch darin, daß man wenig und nur in Morgen- und Mittagsstunden schläft; sodaß wir uns von den Negern, welche die Nacht kurzweilig vertanzen, in nichts unterscheiden, als in der Länge unserer Weile und unserer Nacht.

Andere lassen ihren dumpfen Vorurteilen freien Lauf. Da ist von den „Wilden und Negers“ die Rede (Ludovici) oder vom „feigen Neger“ (Johann Peter Uz), und „faul“ ist der Neger natürlich auch (Tetens 1777):

Der faule Neger bauet die Erde nicht weiter, als nur um nicht zu verhungern.

Die Hottentotten, so noch einmal Ludovoci, seien „die elendesten und faulsten unter allen Negers, welche die Küste der Caffern bewohnen“. Und die Bewohner der Kapverdischen Inseln, schreibt Georg Forster 1778, seien

häßlich und fast ganz schwarz, haben wollicht krauses Haar und aufgeworfne Lippen, kurz sie sehen wie die häßlichsten Neger aus.

Und ein Pater Charlevoix (Gall 1791) schließlich glaubt zu wissen, daß

die Negern von Guinea sehr beschränkte Geisteskräfte haben; viele unter ihnen schienen vollkommen dumm, es gäbe, die nicht über drey zählen könnten, von selbst dächten sie nichts, hätten kein Gedächtniß, und das Vergangene seye ihnen eben so unbekannt als das Zukünftige.

Man könnte die Reihe der Zitate ins Unendliche verlängern, aber es soll damit sein Bewenden haben. Festhalten kann man aber schon einmal, daß es bei der ersten Begegnung mit Menschen einer anderen Hautfarbe zu den verschiedensten Reaktionen kommen kann. Das reicht vom Versuch einer wissenschaftlichen, scheinbar wertfreien Untersuchung, so als habe man ein neuentdecktes Säugetier auf dem Seziertisch, bis zur herablassenden und gehässigen Beschimpfung von Wesen, denen gegenüber man sich für weit überlegen erachtet. Wirkliche Begegnungen mit dunkelhäutigen Menschen hatte man im Deutschland der Goethezeit freilich kaum, man konnte ihnen allenfalls an Fürstenhöfen begegnen, wo man sie zur Belustigung der Adelsgesellschaft hielt. Das Wissen über den „Neger“ kam deshalb bei uns – anders als in England und Frankreich – meist aus zweiter oder dritter Hand.

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Trigger oder: Warum in mir die Wut entflammt

Kennen Sie Abby Jimenez? Wohl eher nicht. Abby Jimenez lebt, wie ihr deutscher Verlag schreibt (hier nachzulesen)

in Minnesota, USA, und schreibt Romane, die regelmäßig die Bestsellerlisten stürmen. Sie steht auf gute Liebesgeschichten, Kaffee, winzige Hunde und liebt es, nicht das Haus verlassen zu müssen.

Zu ihrem Oeuvre zählen so bedeutende Werke wie Wenn aus Funken Flammen werden oder Wenn in mir die Glut entflammt. In ihrem neuesten Roman Just for the Summer geht es so dramatisch zu, daß sie dem Werk eine Warnung voranstellt:

Lieber Leser,
obwohl es sich bei meinen Büchern ausschließlich um romantische Komödien [im Original: „rom-coms“] handelt, könnten einige Themen in dieser Geschichte für einige Leser ein Auslöser sein [im Original: „may be triggering for some readers“] … Dieses Buch enthält Szenen mit Panikattacken, Angstzuständen, posttraumatischer Belastungsstörung, Depressionen, Darstellungen nicht diagnostizierter psychischer Probleme, einer toxischen Mutter und der Vernachlässigung früherer Kinder.

Wenn ich so eine Warnung lese, dann – und nur dann! – merke auch ich, wie in mir die Glut entflammt. Hier macht sich eine Autorin ganz klein, als habe sie selbst (und nicht eine ihrer Figuren) Angstzustände, und es ist ja wahr, sie hat wirklich Angst, eine begründete Angst, denn hätte sie in diese absurde, lächerliche Warnung nicht eingewilligt, hätte der Verlag – nach allem, was man weiß – das Manuskript nicht angenommen. So wie heute in Deutschland Drehbücher keine Chance mehr haben, wenn nicht mindestens ein Farbiger, eine Transperson oder ein schwules Paar darin vorkommen – denken Sie einmal daran, wenn Sie den nächsten Tatort oder Polizeiruf anschauen. Oft ist der Druck des Verlags oder des Senders auch gar nicht mehr nötig: der vorauseilende Gehorsam und die „Schere im Kopf“ sorgen dafür, daß – scheinbar ganz ohne Zwang – einer Verdächtigen eine lesbische Partnerin oder dem Kommissar eine schwarze Hautfarbe verordnet wird. Der Autor mag am Ende selbst glauben, daß er damit einer kleinen, verfolgten Minderheit zur „Sichtbarkeit“ verholfen hat. In Wirklichkeit ist er nur ein armseliges Werkzeug in der Hand von mächtigen (und sehr effektiven!) Lobbyverbänden – und alle kuschen sie: Verlage, Redaktionen, Sender – und finden sich damit ab, daß dieses große, aber unsichtbare Netz das ganze Land eingesponnen hat.

Aber man kann etwas tun! Wenn wieder einmal in einer Krimiserie ein alter, weißer Kommissar nach seiner Pensionierung durch eine junge, farbige und möglichst auch lesbische Frau ersetzt wird, dann schreiben Sie dem Sender, was Sie davon halten. Auch wenn es nicht viel ändern wird, wenigstens merken die Verantwortlichen dann, daß sie durchschaut sind. Das Publikum, das begreifen sie dann vielleicht: es merkt die Absicht, und es ist verstimmt.

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Martin Walser und die schwarzen Raben

Ich habe ein zwiespältiges Verhältnis zu Walsers Romanen, aber ein Zitat des Dichters aus dem Jahr 1994, das ich kürzlich in einem Zeitungsartikel entdeckt habe, zeigt, wie sprachmächtig er war:

Von gelegentlichen Besuchen in deutschen Feuilleton-Quartieren weiß ich, daß man in diesen Räumen da, wo wir Vorhänge haben, Schwärme schwarzer Raben hin und herfliegen läßt, um das im Übrigen glänzende Dasein ein bißchen eindüstern zu können.

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Günther: Von Merkel lernen heißt siegen lernen

Das ist natürlich etwas frei übersetzt. Der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Daniel Günther (CDU), sagte in einem Interview mit der Funke Mediengruppe, die CDU müsse sich stärker an der Politik der früheren Bundeskanzlerin Merkel orientieren. Ihr Kurs sei ein „Erfolgsrezept“ gewesen. Angela Merkel fehle der Politik insgesamt, sagte er. Er habe bei ihr immer bewundert, wie sie Probleme löse.

Sie ist als Naturwissenschaftlerin die Dinge immer sehr strukturiert angegangen, sie weiß, wie man Lösungsschritte plant.

Es fällt schwer, jemandem geistige Gesundheit zu bescheinigen, der so etwas sagt. Aber die beiden Herren, Wüst und Günther, sind natürlich bei Sinnen, sie wissen auch genau, was sie sagen. Mit einer bürgerlich-konservativen Wende, die unser Land nach den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwüstungen durch Rot-Grün – und der katastrophalen „Energiewende“ ihrer Naturwisenschaftlerin! – so dringend braucht, haben sie nichts am Hut. Sie träumen nicht nur von Schwarz-Grün, sie posaunen ihre Sehnsucht nach dieser Traumkoalition jetzt schon in die Welt hinaus. Das ist – mit Verlaub – das Allerdümmste, was man tun kann.

Da ist der persönliche Ehrgeiz wohl größer als der politische Verstand.

PS: Sehen Sie sich doch einmal den „Zukunftsvertrag für Nordrhein-Westfalen“ an, den Wüsts CDU mit den Grünen 2022 vereinbart hat. Er liest sich über weite Strecken wie ein Aktionsprogramm grün-linker Aktivisten. Von CDU ist da kaum etwas zu spüren – es ist eine einzige (und peinliche) Unterwerfung der CDU unter die staubige, verbrauchte grüne Ideologie. Da sieht man aufs Schönste, was uns blüht, wenn sich der Merkel-Flügel der CDU durchsetzt.

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Der Hessische Rundfunk im Kampf mit der deutschen Sprache

Daniel Schmitt ist Redakteur beim Hessischen Rundfunk (Schwerpunkt Fußball). Seinem Artikel über die Abwehrschwäche der Eintracht gibt er (hier nachzulesen) folgende Überschrift:

Schon jetzt mehr Gegentore als in der Hinrunde
Eintracht-Abwehr: Wenn der Schlendrian Einzug erhält

Und – merken Sie etwas? Ich hoffe es für Sie!

So eine Überschrift wird beim Hessischen Rundfunk einfach durchgewinkt. Wetten, daß ein generisches Maskulinum oder eine fehlende Doppelform auf der Stelle bemerkt und korrigiert worden wäre?

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Kleine Geschichte des Wortes „Neger“ (2)

Teil 1 dieser kleinen Wortgeschichte finden Sie hier.

Einzelne Belege für das Wort Neger findet man vereinzelt schon im 17. Jahrhundert, etwa bei dem schlesischen Dichter Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts werden die Belege häufiger, nicht nur in der Dichtung, sondern auch in Sach- und Reisebüchern. So heißt es etwa in der deutschen Übersetzung von Pomets Histoire générale des drogues, die 1717 erschienen ist:

Die Tamarindenbäume wachsen zu Senega sehr häuffig: dererselben Früchte machen die Neger zu Kuchen, wenn sie zuvor die Kerne und das fasichte Wesen heraus gethan, und bedienen sich ihrer gemeiniglich zu Löschung des Durstes.

Im Vollständigen Kaufmanns-Lexicon von Carl Günther Ludovici (1756) geht es um die Insel St. Thomas (heute São Tomé) im Golf von Guinea:

Und ungeachtet also die Portugiesen die ersten gewesen sind, die solche bewohnet und angebauet haben: so befinden sich doch itziger Zeit die Negers in grösserer Anzahl daselbst, als die Portugiesen.

Der Plural „Negers“ (oder „Negern“) war damals übrigens weit verbreitet. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist das Wort „Neger“ dann so oft belegt, daß man einzelne Stellen nicht mehr zitieren muß. Wer danach sucht, dem sei das überaus verdienstvolle Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache empfohlen, dessen bis ins Jahr 1600 zurückgehende Textkorpora mit 67 Milliarden Belegen eine wahre Fundgrube sind.

Von Johann Gottfried Herder (1744-1803) wollen wir dieses (menschenfreundliche!) Zitat aus seinen Briefen zur Beförderung der Humanität (Zehnte Sammlung, 1797) hinzufügen:

Was endlich ist von der Kultur zu sagen, die von Spaniern, Portugiesen, Engländern und Holländern nach Ost- und Westindien, unter die Neger nach Afrika, in die friedlichen Inseln der Südwelt gebracht ist? Schreien nicht alle diese Länder, mehr oder weniger, um Rache? Um so mehr um Rache, da sie auf eine unübersehliche Zeit in ein fortgehend wachsendes Verderben gestürzt sind. Alle diese Geschichten liegen in Reisebeschreibungen zutage; sie sind bei Gelegenheit des Negerhandels zum Teil auch laut zur Sprache gekommen. Von den spanischen Grausamkeiten, vom Geiz der Engländer, von der kalten Frechheit der Holländer, von denen man im Taumel des Eroberungswahnes Heldengedichte schrieb, sind in unsrer Zeit Bücher geschrieben, die ihnen so wenig Ehre bringen, daß vielmehr, wenn ein europäischer Gesamtgeist anderswo als in Büchern lebte, wir uns des Verbrechens beleidigter Menschheit fast vor allen Völkern der Erde schämen müßten. Nenne man das Land, wohin Europäer kamen und sich nicht durch Beeinträchtigungen, durch ungerechte Kriege, Geiz, Betrug, Unterdrückung, durch Krankheiten und schädliche Gaben an der unbewehrten, zutrauenden Menschheit, vielleicht auf alle Äonen hinab, versündigt haben! Nicht der weise, sondern der anmaßende, zudringliche, übervorteilende Teil der Erde muß unser Weltteil heißen; er hat nicht kultiviert, sondern die Keime eigner Kultur der Völker, wo und wie er nur konnte, zerstöret.

Bei Goethe und Schiller finden sich erstaunlicherweise nur ganz wenige Belege für das Wort. Über ein Singspiel, an dem er gerade arbeitete, schreibt Goethe am 26. Januar 1786 in einem Brief an Frau von Stein:

Meine arme angefangne Operette dauert mich, wie man ein Kind bedauern kann, das von einem Negersweib in der Sclaverey gebohren werden soll.

Ein anderes Zitat über die Engländer und den Sklavenhandel findet sich in seinen Gesprächen mit Eckermann (1. September 1829):

Während aber die Deutschen sich mit Auflösung philosophischer Probleme quälen, lachen uns die Engländer mit ihrem großen praktischen Verstande aus und gewinnen die Welt. Jedermann kennt ihre Declamationen gegen den Sclavenhandel, und während sie uns weismachen wollen, was für humane Maximen solchem Verfahren zu Grunde liegen, entdeckt sich jetzt, daß das wahre Motiv ein reales Object sei, ohne welches es die Engländer bekanntlich nie thun, und welches man hätte wissen sollen. An der westlichen Küste von Afrika gebrauchen sie die Neger selbst in ihren großen Besitzungen, und es ist gegen ihr Interesse, daß man sie dort ausführe. In Amerika haben sie selbst große Negerkolonien angelegt, die sehr productiv sind und jährlich einen großen Ertrag an Schwarzen liefern. Mit diesen versehen sie die nordamikanischen Bedürfnisse, und indem sie auf solche Weise einen höchst einträglichen Handel treiben, wäre die Einfuhr von außen ihrem mercantilischen Interesse sehr im Wege, und sie predigen daher nicht ohne Object gegen den inhumanen Handel.

Werfen wir nun noch einen letzten Blick auf die Goethezeit. Heinrich von Kleist (1777-1811) hat eine Novelle geschrieben, die so beginnt:

Zu Port au Prince, auf dem französischen Anteil der Insel St. Domingo, lebte, zu Anfang dieses Jahrhunderts, als die Schwarzen die Weißen ermordeten, auf der Pflanzung des Herrn Guillaume von Villeneuve, ein fürchterlicher alter Neger, namens Congo Hoango. Dieser von der Goldküste von Afrika herstammende Mensch, der in seiner Jugend von treuer und rechtschaffener Gemütsart schien, war von seinem Herrn, weil er ihm einst auf einer Überfahrt nach Cuba das Leben gerettet hatte, mit unendlichen Wohltaten überhäuft worden. Nicht nur, daß Herr Guillaume ihm auf der Stelle seine Freiheit schenkte, und ihm, bei seiner Rückkehr nach St. Domingo, Haus und Hof anwies; er machte ihn sogar, einige Jahre darauf, gegen die Gewohnheit des Landes, zum Aufseher seiner beträchtlichen Besitzung, und legte ihm, weil er nicht wieder heiraten wollte, an Weibes Statt eine alte Mulattin, namens Babekan, aus seiner Pflanzung bei, mit welcher er durch seine erste verstorbene Frau weitläuftig verwandt war. Ja, als der Neger sein sechzigstes Jahr erreicht hatte, setzte er ihn mit einem ansehnlichen Gehalt in den Ruhestand und krönte seine Wohltaten noch damit, daß er ihm in seinem Vermächtnis sogar ein Legat auswarf; und doch konnten alle diese Beweise von Dankbarkeit Herrn Villeneuve vor der Wut dieses grimmigen Menschen nicht schützen. Congo Hoango war, bei dem allgemeinen Taumel der Rache, der auf die unbesonnenen Schritte des National-Konvents in diesen Pflanzungen aufloderte, einer der ersten, der die Büchse ergriff, und, eingedenk der Tyrannei, die ihn seinem Vaterlande entrissen hatte, seinem Herrn die Kugel durch den Kopf jagte.

Und, kennen Sie diese Novelle? Sie heißt „Die Verlobung in St. Domingo“ und ist spannender als mancher „Thriller“ unserer Zeit.

Fortsetzung folgt!

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Kleine Geschichte des Wortes „Neger“ (1)

Zur Geschichte des Wortes „Neger“ gibt es eine Vorgeschichte, und damit wollen wir beginnen. Die alten Römer nannten nämlich die Farbigen, mit denen sie zuerst in Kontakt kamen, nach ihrer Herkunft „Aethiopes“ oder „Afri“. Dieser Begriff bezeichnete bei ihnen bald alle Menschen mit schwarzer Hautfarbe. Man nannte sie auch „atrae gentes“, also schwarze Völker. Im Althochdeutschen tauchte dafür im 8. Jahrhundert der Begriff „mor“, also „Mohr“ auf, mit dem man zunächst nur die dunkelhäutigen Bewohner Nordafrikas und die in Spanien eingefallenen Mauren, danach aber alle Schwarzafrikaner bezeichnete.

Das Wort „Neger“ war also im Deutschen bis weit ins 18. Jahrhundert hinein fast unbekannt. Erst in Johann Christoph Adelungs Grammatisch-kritischem Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, dessen Auflage letzter Hand zwischen 1793 und 1801 erschienen ist, taucht es auf, zuerst unter dem Stichwort „Der Mohr“:

Der Mohr
des -en, plur. die -en, Fämin. die Mohrinn, ehedem Möhrinn.

1. Eigentlich, ein Einwohner des ehemahligen Mauritaniens, wegen der braunen oder bräunlich gelben Gesichtsfarbe; aus dem Lat. und Griech. Maurus. Nachdem diese aus Afrika in das westliche Europa eingefallen waren und sich daselbst fest gesetzet hatten, nannte man erst diese, und hernach in den spätern Zeiten nicht nur alle Muhamedaner in dem südlichen Theile Asiens und auf den Küsten und Inseln des Indischen Meeres, sondern auch die braunen Äthiopier wegen dieser ihrer Gesichtsfarbe Mohren. Die letztern kommen unter diesem Nahmen in der Deutschen Bibel mehrmahls vor. Wegen der großen Zweydeutigkeit dieses Wortes hat man in den neuern Zeiten angefangen, die Einwohner des ehemahligen Mauritaniens, oder die gesittetern nördlichen Afrikaner Mauren zu nennen, um sie von den Mohren in der folgenden Bedeutung zu unterscheiden; die Muhamedaner in dem südlichen Asien aber, welche größten Theils Araber von Herkunft sind, nennet man richtiger Muhamedaner, ungeachtet sie in vielen Reisebeschreibungen noch immer den Nahmen der Mohren führen.

2. Ein Mensch von ganz schwarzer Gesichtsfarbe mit krausen wolligen Haaren und dicken aufgeworfenen Lippen, dergleichen die Bewohner des südlichern Afrika, am Senegal, in Neu-Guinea und Congo, die Einwohner von Monomotapa, Malabar, Malakka und einigen südlichen Inseln sind: welche auch unter dem Nahmen der Schwarzen oder Negern bekannt sind. Besonders pflegt man einen solchen ganz schwarzen Afrikaner, welchen vornehme Herren zu ihrer Bedienung halten, einen Mohren zu nennen.

An anderer Stelle steht bei Adelung dann ein eigener, aber kleinerer Artikel über das Wort „Neger“:

Der Neger
des -s, plur. die -n, Fämin, die Negerinn, aus dem Franz. Negre, und dieß von dem Latein. niger, eine Benennung, welche man heut zu Tage den Einwohnern des südlichen Afrika wegen ihrer völlig schwarzen Gesichtsfarbe zu geben pflegt, und die daher auch wohl die Schwarzen genannt werden.

„Heut zu Tage“, schreibt Adelung – das Wort war also noch relativ neu. Aber wie ist es nach Deutschland gekommen? „Schwarz“ heißt lateinisch „niger“, und aus dem Lateinischen ist das Wort in fast alle romanischen Sprachen übergegangen. Im Spanischen heißt es „negro“, im Italienischen „nero“, im Rumänischen „negru“ und auf Katalanisch „negre“. Und im Französischen heißt schwarz zwar „noir“, aber einen dunkelhäutigen Menschen nannte man „nègre“. Französisch, das muß man wissen, war damals in Europa nicht nur die Sprache der Diplomatie, es war auch die Sprache der Kultur. In den gebildeten Schichten sprach man Französisch – auch in Deutschland. Da ist es kein Wunder, daß neben vielen anderen Wörtern auch „nègre“ als leicht veerändertes Lehnwort in die deutsche Sprache aufgenommen wurde.

Fortsetzung folgt!

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Neues aus dem Munde des Patriarchen Kyrill

Der russische „Weltvolksrat“, an dessen Spitze der Patriarch der Russisch-Orthodoxen Kirche steht, hat kürzlich die Wunschträume des Patriarchen und seiner „Kirche“ so formuliert (zitiert ach der F.A.Z. vom 8. April):

Aus spiritueller und moralischer Sicht ist die spezielle Militäroperation ein heiliger Krieg, in dem Rußland und sein Volk bei der Verteidigung des einheitlichen geistigen Raums des heiligen Rußlands die Mission des ‚Heilands‘ erfüllen und die Welt vor dem Ansturm des Globalismus und dem Sieg des dem Satanismus verfallenen Westens schützen.

Nach dem Ende der „Spezialoperation“ müsse die Ukraine, so der fromme Mann weiter, „fester Bestandteil des russischen Rechtssystems“ werden.

Etwas Ekelhafteres hat man von einem „Kirchenfürsten“ lange nicht mehr gehört.

PS: Ein anderer Kirchenfürst, Papst Franziskus, hat vor kurzem gemeint, die Ukraine solle den Mut zur „weißen Fahne“ haben. Daß diese Ermahnung eine freundliche Aufforderung an die Ukraine war, sich dem Angreifer zu unterwerfen, haben auch die nachträglichen Interpretationen aus dem Vatikan nicht mehr leugnen können. „Der Klügere gibt nach“ – das ist die Quintessenz einer solchen Empfehlung, aber dazu hat schon die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916) alles Nötige gesagt. Im „Ersten Hundert“ ihrer Aphorismen, 1880 in Berlin erschienen, liest man unter der Nummer 21:

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Vegetarisch? Vegan? Veggie?

Um es gleich vorweg zu sagen: ich bin weder Vegetarier noch Veganer. Aber ich bin schon mein ganzes Leben lang immer bemüht gewesen, mit der Sprache, mit den Begriffen sorgfältig umzugehen. Und da stehen wir, was unsere Ernährung betrifft, gleich vor einem großen Problem – und dieses Problem heißt Veggie.

Mit dem Wort „vegetarisch“ vehält es sich noch einfach. Wer vegetarisch lebt, verzichtet auf Essen, für die ein Tier getötet werden muß. Diese Haltung ist klar verständlich und nachvollziehbar. Wir haben Vegetarier in unserer Familie, und ich habe selbst immer einmal wieder grundsätzlich darüber nachgedacht, bin aber aus Gründen, die hier keine Rolle spielen, zu einer negativen Entscheidung gekommen. Wie gesagt: die Gründe dafür, vegetarisch zu leben, sind schon auf den ersten Blick verständlich, und sie haben auch etwas Sympathisches an sich. Wer Tiere liebt, so könnte man diese Einstellung zusammenfassen, möchte doch nicht, daß man sie tötet, nur um ein schmackhaftes Stück Fleisch auf dem Teller zu haben.

Wenn man aber das Wort „vegan“ gebraucht, gerät man, und zwar in jeder Hinsicht, in eine ganz andere Sphäre. Sehen wir uns einmal an, was PETA Deutschland darüber schreibt:

Vegane Menschen meiden die Nutzung von Tieren oder tierischen Produkten in allen Lebensbereichen.
Veganer:innen konsumieren beispielsweise keine tierischen Produkte wie Fleisch, Fischfleisch, Milch, Honig und Eier.
Auch tragen sie keine Kleidung oder Schuhe, die aus tierischen Materialien wie Leder, Pelz, Daunen oder Wolle bestehen.
Sie verwenden nur Kosmetikprodukte und Reinigungsmittel, die keine tierischen Inhaltsstoffe enthalten und nicht in Tierversuchen getestet wurden.
Darüber hinaus gehen Veganer:innen nicht in Zoos, besuchen keine Zirkusse mit Tieren und reiten in ihrer Freizeit nicht auf Pferden.
Vegan lebende Menschen tun dies meist aus ethischen Gründen, weil sie nicht wollen, dass Tiere für sie gequält und getötet werden.

Man sieht auf den ersten Blick, daß hier ein ganz anderer Ton herrscht als bei Vegetariern. Es geht hier gar nicht mehr in erster Linie um das Töten von Tieren und das Essen von Fleisch, sondern um das, was Veganer in einseitiger und geradezu boshafter Weise als Nutzung von Tieren bezeichnen. Tiere soll es, wenn es nach ihnen geht, in der Nähe des Menschen überhaupt nicht mehr geben. Nur wilde Tiere, fern vom Menschen und ohne Kontakt zu ihm, sind ethisch akzeptabel. Auch wenn ein Zoo seinen Tieren allen Platz der Welt gäbe, wäre er immer noch ein Gefängnis. Veganer:innen gehen deshalb nicht in Zoos und schon gar nicht in Zirkusse, sie essen keinen Käse und keine Eier, tragen keine Lederschuhe und schlafen nicht auf Daunenkissen. Das Land, in dem Milch und Honig fließen, wäre kein Land der Verheißung für sie. Veganer:innen haben aber vor allem eine tiefe Verachtung für alle Menschen, die keine Veganer:innen sind.

Das Jahrtausende alte Zusammenleben von Mensch und Tier wird zu einer brutalen Herrschaft des bösen Menschen über das arme Tier verfälscht. Natürlich gibt es immer noch die unerträgliche Massentierhaltung, es gibt die kriminellen Tiertransporte und die Behandlung von Tieren, als seien sie bloß gefühllose Sachen. Aber gerade die Grünen, die in ihren Forderungen überall sehr ethisch daherkommen, haben gegen die Massentierhaltung nur minimale Erfolge erzielt, obwohl sie seit Jahrzehnten auf allen politischen Ebenen an der Macht beteiligt sind. Auch die moralische Arroganz und der missionarische Eifer der Veganer werden an den Auswüchsen der „Tierproduktion“ nichrs ändern. Wer nur von Maximalforderungen träumt, wird nicht einmal die wichtigen kleinen Schritte tun. Man muß die Menschen überzeugen, statt mit der Keule auf sie einzuschlagen.

Aber mir geht es ja hier auch (und in diesem Artikel hauptsächlich) um die Sprache. Und da fällt es auf, daß das Wort „vegetarisch“ nur noch ganz selten überhaupt gebraucht wird; statt dessen ist das englische „veggie“ in aller Munde. „Unser veggie Sortiment“ heißt es da bei ALDI Nord oder „mein Veggie Tag“. Und wenn man nach „Aldi“ und „veggie“ googelt, wird man förmlich überschwemmt:

aldi veggie würstchen
aldi veggie hack
aldi veggie schnitzel
aldi veggie wurst
aldi veggie bratwurst
aldi veggie frikadellen
aldi veggie nuggets
aldi veggie aufschnitt usw.

Ganz abgesehen davon, daß hier Menschen, die es vor dem Essen von Tieren moralisch ekelt, verzweifelt versuchen, den Geschmack von Fleisch im Labor künstlich herzustellen (warum eigentlich?), wird durch das Wort „veggie“ der gravierende Unterschied zwischen der vegetarischen und der veganen Lebensweise eingeebnet und damit verhüllt. Den Veganern kommt das sicher entgegen. Sie sehen sich als die besseren und konsequenteren Vegetarier und sind doch, anders als diese, von einer moralischen Arroganz ohnegleichen. Wer das für übertrieben hält, besuche einmal eines der veganen Foren – er wird sein blaues Wunder erleben.

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