Hermann Hesse – „Als wäre sie Niemandes Wohnung“

Vielleicht kennt ja der eine oder andere meiner Leser das Schild noch nicht, das Hermann Hesse am Eingang seines Hauses in Montagnola anbrachte, als er der vielen ungebetenen Besucher überdrüssig war:

Wenn einer alt geworden ist und das Seine getan hat, steht ihm zu, sich in der Stille mit dem Tod zu befreunden. Nicht bedarf er der Menschen. Er kennt sie, er hat ihrer genug gesehen. Wessen er bedarf, ist Stille. Nicht schicklich ist es, einen solchen aufzusuchen, ihn anzureden, ihn mit Schwatzen zu quälen. An der Pforte seiner Behausung ziemt es sich vorbeizugehen, als wäre sie Niemandes Wohnung.

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„Wie tickten die Nazis?“

In der Reihe ZDF-History lief vor einigen Tagen die Folge „Hitlers Helfer auf der Couch – Der Psychologe von Nürnberg“. Darin will der Sender folgende Frage klären:

Wie tickten die Nazis?

Eine solche Formulierung wäre bis vor ein, zwei Jahrzehnten undenkbar gewesen – nicht nur, weil die flapsige Formulierung dem Thema ganz und gar nicht angemessen ist, sondern vor allem, weil man damals noch zwischen der Alltags- und der Hochsprache unterschieden hat. Diesen Unterschied zu kennen und auch praktisch einzuhalten, ist ein Teil unserer Kultur. Man redet daheim, unter Freunden oder auf dem Schulhof anders als bei einem formelles Anlaß, und erst recht verbietet sich die Umgangssprache, wo man einen gedruckten Text verfaßt.

Wie kommt es also zu einem solchen Satz im quasi offiziellen Text des ZDF zur eigenen Sendung?

Die Bedeutung der Sprache, genauer gesagt: der Wert, den man ihr als einer der Säulen der Kultur beimißt, ist in Deutschland seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts kontinuierlich zurückgegangen. Damals hat man damit begonnen, in den Schulen nicht mehr Literatur, sondern „Texte“ zu interpretieren. Das sieht auf den ersten Blick wie eine erwünschte Weitung des Horizonts aus, war aber in Wirklichkeit eine Relativierung der echten Literatur im Verhältnis zu Alltagstexten wie Zeitungsartikeln oder Flugblättern. Hesses Glasperlenspiel wurde auf eine Stufe mit einem Kommentar in der Bildzeitung gestellt, es gab keine Unterscheidung der Qualität mehr, keinen Rang, keine Abstufung. Es gab nur noch Texte, und der echten Literatur begegnete man mit Mißtrauen. Eine der absurdesten Blüten dieser „Demokratisierung“ der Kultur war der Bitterfelder Weg in der DDR, wo man mittels einer „Bewegung schreibender Arbeiter“ aus dem Proletariat Dichter heranzüchten wollte.

Darf ich an dieser Stelle eine kleine Episode aus meiner Jugend erzählen? Ich habe mein Studium im politisch bewegten Jahr 1968 begonnen. Egal, wo man damals war, irgendjemand drückte einem immer ein Flugblatt in die Hand. Als mich ein Vertreter eines maoistischen Grüppchens in der Mensa fragte, was ich von seinem Flugblatt hielte und ich, nachdem ich es überflogen hatte, in meiner Naivität als angehender Germanistikstudent sagte, das sei aber „schlechtes Deutsch“, da hat nicht viel gefehlt, und er wäre handgreiflich geworden.

Schlechtes Deutsch! Ich war als Bildungsbürger entlarvt.

Es sind dann andere Generation gekommen, aber Sprache und Literatur, so scheint es mir jedenfalls, haben sich von dieser Denunzierung des Bildungsbürgers, die auch heute noch in manchen linken Kreisen gang und gäbe ist, nicht wieder erholt. Dabei kann es doch gar nicht genug Bildungsbürger geben! Sie sind das Rückgrat einer Kulturnation – und es wäre schön gewesen, wenn man das auch im Wahlkampf von der einen oder anderen Partei einmal gehört hätte.

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Vegetarischer geht’s nicht!

Ein Rezept, das ich hier gefunden habe, macht das Unmögliche möglich:

Balkanpfanne, ein sehr schönes Rezept aus der Kategorie Gemüse

Was wirst du brauchen
1 große Schweinelende …

PS: In einer Zeit, in der sogenanntes „Fleisch“ schon in vitro erzeugt oder als ganz und gar denaturierte Labormischung aus Soja, Hülsenfrüchten, Weizengluten und allen möglichen Zusatzstoffen zusammengeschustert wird, wird man uns dereinst vielleicht auch einmal, wer weiß, mit einer veganen Schweinelende beglücken.

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„Es gibt in der heutigen Zeit sehr viele verschiedene Fertigprodukte“

Ich koche gern und bin immer auf der Suche nach neuen Rezeptideen. Dabei bin ich auf eine Seite (hier einzusehen) gestoßen, die mir viele neue Erkenntnisse verschafft hat. Ein paar davon muß ich einfach an meine Leser weitergeben (alles in der Original-Rechtschreibung):

Eine chinesische Gemüsepfanne besteht grundlegend aus einer Reihe von Gemüsen.

In der Regel stammen Obstsorten von mehrjährigen Pflanzen.

Obstprodukte werden in sämtlichen Formen angeboten und sind meist überall zu erwerben.

Die Auswahl an Obstprodukten ist erstaunlich groß.

Obst in vielfältiger Form gibt es das ganze Jahr über, wenn nicht regional, so doch als importierte Ware.

Lebensmittel sind Produkte die der Mensch zu sich nimmt, um sich zu ernäheren oder für den Genuß.

Die Nahrungsmittel dienen hauptsächlich der Ernährung,dem zunehemen von wichtigen Vitaminen und Inhaltsstofen und unserer Gesundheit.

Für Käseliebhaber bietet der Handel eine Vielfalt an verschiedenen Käsesorten an. In der Küche kann Käse vielseitig eingesetzt werden.

Es gibt in der heutigen Zeit sehr viele verschiedene Fertigprodukte.

Es ist wesentlich leichter, eine Fertigprodukt zuzubereiten, anstatt für die ganze Familie etwas schnelles zu kochen.

Danke für die vielen neuen Einsichten, auf die man sonst nie gekommen wäre!

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Das Schweigen der Sozis

Saskia Esken, Norbert Walter-Borjans, Rolf Mützenich – gibt’s die überhaupt noch? Nichts hört man mehr von ihnen, es scheint, als bestehe die SPD nur noch aus Olaf Scholz.

Ein kluger Schachzug!

Aber es werden bei der Bundestagswahl eben nicht Kanzlerkandidaten gewählt, sondern Parteien, und wer SPD wählt, wählt im September – mit großer Gewißheit – Rot-Rot-Grün. Gysi hat schon angekündigt, daß auch die Nato-Feindschaft der Linken kein wirkliches Hindernis sein werde. Da wird man, um an die Macht zu kommen, schon irgendeinen faulen Papierkompromiß finden.

Aber sei’s drum! Wer sich von grünen und linken Moralaposteln vorschreiben lassen will, was er in Zukunft noch essen, welches Auto er fahren und welche Wörter er benutzen darf, der soll in Gottes Namen SPD, Grüne oder Linke wählen. Aber dann hat er auch die Verantwortung für alles, was auf uns zukommt.

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Thomas Mann und das Gendern

Nein, Thomas Mann hat nicht gegendert – schon der Gedanke daran ist absurd. Aber sehen wir uns doch erst einmal zwei Beispiele seiner (beispiellosen!) Sprachkunst an. So beschreibt er in der Erzählung Mario und der Zauberer Cipolla, den Protagonisten seines kleinen Prosawerks:

An der Rampe stehend und sich mit lässigem Zupfen seiner Handschuhe entledigend, wobei er lange und gelbliche Hände entblößte, deren eine ein Siegelring mit hochragendem Lasurstein schmückte, ließ er seine kleinen strengen Augen, mit schlaffen Säcken darunter, musternd durch den Saal schweifen, nicht rasch, sondern indem er hie und da auf einem Gesicht in überlegener Prüfung verweilte – verkniffenen Mundes, ohne ein Wort zu sprechen.

Und über die Fürstin bemerkt er in der gleichen Erzählung, daß ihre „Lippen korallenrot aufgehöht“ waren. Thomas Mann war ein Meister des Adjektivs, vielleicht unser größter.

Wenn ich heute mit wachsendem Entsetzen beobachten muß, wie erwachsene Menschen (und nicht nur Kinder und Jugendliche!) mit ein paar Wörtern wie „toll“, „super“ und „mega“ auskommen, also im Grunde, statt sprachlich erwachsen zu werden, ihre Kindersprache beibehalten, dann verheißt das nichts Gutes für den geistigen Zustand unseres Landes – ganz zu schweigen von jenem (knappen) Drittel der Gesellschaft, das sich offenbar bei der Zerstörung der eigenen Muttersprache durch das barbarische Gendern recht wohlzufühlen scheint.

Und praktisch alle diese Menschen haben acht oder neun Jahre den Deutschunterricht besucht, sie haben ihr Abitur bestanden und bevölkern heute unsere Universitäten. Hat ihnen nie jemand beigebracht, was für ein Glück es ist, solche Sätze wie den von Thomans Mann zu lesen? Überhaupt: gute Literatur zu lesen? Ist da nie ein Funke übergesprungen? Hat ihnen nie jemand erklärt, daß auch für jedes große Werk der Literatur das tua res agitur gilt, daß diese Werke ihr Leben bereichern und beglücken und sie sogar zu besseren Menschen machen können (zu gebildeteren sowieso)?

Ja, das kostet ein bißchen Mühe und Arbeit, aber der Gewinn ist unendlich groß. Wenn man es freilich den Schülern immer leichter macht und jede Schwierigkeit von ihnen fernhält, nimmt man ihnen auch das Glück, geistig und seelisch zu wachsen, zu reifen. Die Folgen sieht man heute überall, wo sich Menschen mündlich oder schriftlich ausdrücken – es ist oft zum Gotterbarmen.

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Friedells „Kulturgeschichte der Neuzeit“ – Eine Entdeckung

Ich habe lange kein so interessantes, anregendes Buch gelesen wie Egon Friedells Kulturgeschichte der Neuzeit. Friedell (1878-1938) war das, was man früher einmal einen Universalgelehrten genannt hat. Er hatte aber nicht nur ein umfassendes Wissen, er war auch ein höchst origineller Kopf und ein brillanter Stilist. Zu lesen, wie er auf den 1.571 Seiten meiner Ausgabe „Die Krisis der europäischen Seele von der Schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg“ beschreibt, ist ein geistiges Vergnügen der ganz besonderen Art – es ist, als ginge man mit einem klugen Mann spazieren, der gutgelaunt und mit Charme und Esprit über ein halbes Jahrtausend europäischer Kultur plaudert, ohne daß auch nur ein Moment der Langeweile aufkommt.

Nehmen wir einmal Raffael.

War Raffael nicht, so fragt er in dem Kapitel über die italienische Renaissance, einer der vollkommensten Maler? Und er antwortet: „Zweifellos.“ Aber:

Die Vollkommenheit Raffaels ist es ja gerade, die ihn uns so fern, so fremd und stumm macht. „Das Unzulängliche ist produktiv“, lautet einer der tiefsten Aussprüche Goethes. Alles Ganze, Vollendete ist eben vollendet, fertig und daher abgetan, gewesen; das Halbe ist entwicklungsfähig, fortschreitend, immer auf der Suche nach seinem Komplement. Vollkommenheit ist steril.

Und er fügt hinzu:

Diese Ansicht, daß die Darstellung des Vollkommenen die Aufgabe der Kunst sei, war der Grundirrtum Raffaels; und der Grundirrtum des ganzen Klassizismus. Immer wieder tauchen von Zeit zu Zeit große Künstler auf, die uns vorübergehend zu beweisen scheinen, daß Klassizismus, das heißt: strenge Ordnung, Einheit, Gradlinigkeit, Harmonie, farblose Durchsichtigkeit die Blüte jeder Kunst sei. In der Tat: manche „klassische“ Schöpfungen sind bisweilen von einer so übernatürlichen, unwirklichen Schönheit, daß wir für den Augenblick geneigt sind, zu vermuten, dies sei die Spitze der Kunst und alles andere nur ein mehr oder minder unvollkommener tappender Versuch nach diesem Gipfel hin. Es ist aber eine Täuschung. Diese Phänomene sind nicht etwa die Verkörperung der Regel (was man glauben könnte, wenn man bedenkt, daß sie die regelmäßigsten sind); sie sind im Gegenteil interessante Abweichungen, bewunderungwürdige Monstra. Unregelmäßigkeit ist das Wesen der Natur, des Lebens, des Menschen.

Wir betrachten klassische Schöpfungen mit Staunen und Verehrung wie Gletscher, aber wir möchten nicht dort wohnen und können es auch gar nicht.

In diesem klaren, immer wieder überraschenden Stil geht es weiter, Absatz für Absatz, Seite für Seite.

Man kann nicht aufhören, wenn man einmal mit dem Lesen angefangen hat.

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„Kabul ist eine schöne Stadt“ – Ein Bericht über Afghanistan aus dem Jahre 1857

Wer noch die blauen Marx-Engels Werke im Regal stehen hat, sollte vielleicht einmal den Band 14 aufschlagen. Da findet sich auf S. 73 ff. ein Artikel, den Friedrich Engels im August 1857 unter dem Titel „Afghanistan“ für eine amerikanische Enzyklopädie geschrieben hat, nämlich für The New American Cyclopaedia – A Popular Dictionary of General Knowledge.

Es fängt ganz sachlich an:

Afghanistan – ein weiträumiges Land in Asien, nordwestlich von Indien. Es liegt zwischen Persien und Indien und, der anderen Richtung nach, zwischen dem Hindukusch und dem Indischen Ozean. Wie alle gebirgigen Tropenländer bietet es eine große klimatische Vielfalt. Im Hindukusch sind die hohen Gipfel das ganze Jahr hindurch schneebedeckt, während in den Tälern das Thermometer bis auf 130° Fahrenheit (54,4° C.) ansteigt.

Der Boden ist von einer üppigen Fruchtbarkeit. Dattelpalmen gedeihen in den Oasen der sandigen Einöden, Zuckerrohr und Baumwolle in den warmen Tälern, und europäische Obst- und Gemüsearten wachsen im Überfluß an den Bergterrassen bis zu einer Höhe von 6.000 bis 7.000 Fuß. Die Berge sind mit stattlichen Wäldern bedeckt, in denen Bären, Wölfe und Füchse zu Haus sind, während sich Löwe, Leopard und Tiger in Gebieten finden, die ihrer Lebensweise entsprechen.

Kabul ist eine schöne Stadt, auf 34° 10′ nördlicher Breite und 60° 43′ östlicher Länge am Fluß gleichen Namens gelegen. Die Häuser sind aus Holz, reinlich und geräumig, und da die Stadt von schönen Gärten umringt ist, bietet sie einen sehr gefälligen Anblick. Sie ist von Dörfern umgeben und liegt inmitten einer weiten, von niedrigen Bergen umschlossenen Ebene. Ihr bedeutendstes Baudenkmal ist das Grab des Kaisers Baber. Peschawar ist eine große Stadt mit einer auf 100.000 geschätzten Einwohnerzahl. Ghasni, eine Stadt mit bedeutender Vergangenheit, einstmals die Hauptstadt des bedeutenden Sultans Machmud, hat seinen alten Glanz eingebüßt und ist jetzt ein armseliger Ort. In seiner Nähe befindet sich die Grabstätte Machmuds. Kandahar wurde erst 1754 gegründet. Es liegt an der Stelle einer älteren Stadt. Einige Jahre war es die Hauptstadt, 1774 jedoch wurde der Sitz der Regierung nach Kabul verlegt. Es soll 100.000 Einwohner haben.

Über die Bevölkerung schreibt Engels:

Die Afghanen sind ein tapferes, zähes und freiheitsliebendes Volk; sie beschäftigen sich ausschließlich mit Viehzucht und Ackerbau und meiden Handel und Gewerbe, die sie voller Verachtung den Hindus und anderen Stadtbewohnern überlassen. Der Krieg ist für sie ein erregendes Erlebnis und eine Abwechslung von der monotonen Erwerbsarbeit. Die Afghanen sind in Clans aufgeteilt, über welche die verschiedenen Häuptlinge eine Art feudaler Oberhoheit ausüben. Nur ihr unbezwinglicher Haß auf jede Herrschaft und ihre Vorliebe für persönliche Unabhängigkeit verhindern, daß sie eine mächtige Nation werden; aber gerade diese Ziellosigkeit und Unbeständigkeit im Handeln machen sie zu gefährlichen Nachbarn, die leicht vom Wind der Laune aufgewühlt oder durch politische Intriganten, die geschickt ihre Leidenschaften entfachen, in Erregung versetzt werden können.

Die Rechtspflege erfolgt in den Städten durch Kadis, aber die Afghanen nehmen selten zum Gesetz ihre Zuflucht. Ihre Khans haben das Recht auf Bestrafung, sogar bis zur Entscheidung über Leben und Tod. Die Blutrache ist Pflicht der Sippe; trotzdem sollen die Afghanen, wenn sie nicht gereizt werden, ein freisinniges und edelmütiges Volk sein, und die Rechte der Gastfreundschaft sind so geheiligt, daß ein Todfeind, der als Gast Brot und Salz ißt, selbst wenn er es durch List bekommen hat, vor der Rache geschützt ist und sogar den Schutz seines Gastgebers gegen alle anderen Gefahren fordern kann. Der Religion nach sind sie Mohammedaner von der Sunna-Sekte; aber sie sind ihr nicht blind ergeben, und Verbindungen zwischen Schiiten und Sunniten sind keinesfalls ungewöhnlich.

Dann schreibt der Autor über den ersten Versuch der Engländer, sich Afghanistan einzuverleiben. Eine Armee von 12.000 Mann überquerte den Indus. Einige Städte wurden erobert, andere fielen den Briten kampflos zu. Nachdem sich auch Kabul ergeben hatte, schien der Krieg gewonnen.

Die Eroberung Afghanistans schien abgeschlossen zu sein, und ein beträchtlicher Teil der Truppen wurde zurückgeschickt. Aber die Afghanen gaben sich keineswegs damit zufrieden, von den Feringhi Kafirs (den europäischen Ungläubigen) beherrscht zu werden, und während der Jahre 1840 und 1841 folgte in den einzelnen Teilen des Landes ein Aufstand dem andern. Die englisch-indischen Truppen waren gezwungen, ständig in Bewegung zu bleiben. Doch Macnaghten erklärte, das sei der normale Zustand der afghanischen Gesellschaft, und schrieb nach Hause, alles sei in Ordnung und die Macht Schah Schudschahs festige sich. Vergeblich waren die Warnungen der englischen Offiziere und anderer politischer Agenten.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Schah Schudschah war übrigens der von den Engländern eingesetzte Herrscher, Macnaghten, der Gouverneur von Bombay, zog die Fäden.

Die Besetzung Afghanistans kostete dem indischen Schatzamt jährlich 1 250 000 Pfund Sterling: 16 000 Soldaten – die englisch-indischen und die Truppen Schah Schudschahs – in Afghanistan mußten bezahlt werden; weitere 3000 lagen in Sind und am Bolanpaß; Schah Schudschahs königlicher Prunk, die Gehälter seiner Beamten und alle Ausgaben seines Hofes und seiner Regierung wurden vom indischen Schatzamt bezahlt; und schließlich wurden die afghanischen Häuptlinge aus derselben Quelle subsidiert oder vielmehr bestochen, um zu verhindern, daß sie Unheil stifteten. Macnaghten wurde mitgeteilt, daß es unmöglich wäre, weiterhin diese hohen Geldausgaben beizubehalten. Er versuchte, Einschränkungen vorzunehmen, aber der einzig mögliche Weg, sie zu erzwingen, bestand darin, die Zuwendungen für die Häuptlinge zu beschneiden. An demselben Tage, an dem er das versuchte, stifteten die Häuptlinge eine Verschwörung zur Ausrottung der Briten an, und so war es Macnaghten selbst, der zur Einigung jener aufständischen Kräfte beitrug, die bislang einzeln und isoliert und ohne Übereinstimmung gegen die Eindringlinge gekämpft hatten.

Die Engländer mußten sich aus dem Land unter schweren Verlusten zurückziehen, Schah Schudschah, ihre Marionette auf dem Thron, wurde getötet. „So endete der Versuch der Briten“, schreibt Friedrich Engels, „in Afghanistan eine ihrer Kreaturen auf den Thron zu setzen.“

Ja, es stimmt: die Geschichte wiederholt sich nicht. Aber lernen kann man aus ihr schon. Wenn man nur wollte.

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Armes Curry

Die 27jährige indischstämmige Foodbloggerin Chaheti Bansal aus Kalifornien sorgt für Aufsehen, ihr Name geht durch alle Medien. Warum? Weil sie ihr Lieblingsthema, die indische Küche, mit dem modernen Zeitgeist verbindet, der in den USA gerade besonders stürmisch weht. Sie schreibt (hier nachzulesen):

Es gibt ein Sprichwort, dass sich das Essen in Indien alle 100 km ändert, und dennoch verwenden wir immer noch diesen Oberbegriff, der von Weißen populär gemacht wird, die sich nicht die Mühe machen konnten, die tatsächlichen Namen unserer Gerichte zu erfahren.

Was sie dann in Interviews nachgeschoben hat – die indische Küche sei so vielfältig, daß man sie doch nicht unter dem Oberbegriff „Curry“ zusammenfassen könne usw. – das alles ist zwar richtig, aber damit hätte sie kaum Aufsehen erregt, und NBC Asian America hätte sie auch niemals zum Interview eingeladen. Erst ihre Aussage, das Wort Curry sei „von Weißen populär gemacht“ worden, noch dazu von Weißen, die sich nicht einmal die Mühe gemacht hätten, die „tatsächlichen Namen“ der Gerichte zu erfahren, hat sie in die Schlagzeilen gebracht.

Könnte es nicht sein, daß die Namen für europäische Ohren so fremd und unaussprechlich waren, daß man sie durch einfacher klingende ersetzt hat? Ist das nicht immer und überall, bei allen Völkern, so gewesen? Ich könnte mir, mit Verlaub, sogar vorstellen, daß man in Indien auch nicht alle österreichischen Mehlspeisen, wenn man sie denn überhaupt kennt, mit ihrem korrekten Namen bezeichnet. Oder irre ich mich da? Was mich aber am meisten ärgert: muß man denn heutzutage immerfort und überall Kolonialismus und Rassismus wittern? „Die Weißen“, liebe Frau Bansal, gibt es genausowenig, wie es „die Inder“ gibt.

Nicht einmal eine wirklich weitgereiste Autorin wie die US-Schriftstellerin Mimi Sheraton, die sogar ein Buch über die deutsche Küche geschrieben hat, war in der Lage, alle deutschen Gerichte richtig zu buchstabieren, sie hat sogar Fantasienamen wie das Mauerlöwerlei verwendet. Ich habe an dieser Stelle darüber berichtet. Und da sollen wir alle indischen Namen kennen?

Es gibt kaum etwas, das die Menschen mehr verbinden kann als das Essen. Wir haben von vielen Urlauben Rezepte mitgebracht, die heute in unserem Familienkochbuch stehen: aus Griechenland, Italien und Spanien, aus den Niederlanden (Poffertjes!), aus der Türkei und dem Orient mit ihren herrlichen Gewürzen – und, ja, auch ein indisches Gericht ist dabei. Essen zu kochen und miteinander zu genießen, das sollte uns verbinden. Wen interessiert es, ob der Name eines Gerichts von „den Weißen“ oder sonst jemand stammt?

Mich jedenfalls nicht.

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Der Tod von dem Schüler

Ja, so steht es wirklich da – in einer kurzen Inhaltsangabe zur Serie Riverdale im vielbesuchten Portal fernsehserien.de:

Der Tod von dem Schüler Jason Blossom am 4. Juli versetzt die gesamte Stadt in Schockstarre.

Wetten, daß der Autor dieses Satzes problemlos sein Abitur geschafft hat? In welchem Bundesland – da hätte ich auch ein paar Ideen. Das eigentlich Schlimme ist aber, daß die Zahl der Menschen, denen so ein Fehler überhaupt noch auffällt, immer kleiner wird.

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