„Man muß sich auffüllen!“

Franz Biberkopf, der Held von Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz, sitzt mt zwei Freunden in einer Eckkneipe und gibt sich zum Erstaunen seiner Freunde der Völlerei hin. „Mit Wonne“ aß und trank er, heißt es da:

Zwei Eisbeine, dann Bohnen mit Einlage und eine Molle Engelhardt nach der anderen.

Eine Molle, das nur zur Erläuterung, ist im Berliner Dialekt ein Glas Bier, und Engelhardt war damals eine der großen Brauereien der Stadt.

Der Franz gibt den Kumpanen eine schöne Erklärung für seine „vollen Backen“:

Man muß sich auffüllen. Ein Mensch, der Kraft hat, muß essen. Wenn du die Plautze nicht voll hast, kannste nischt machen.

Das Zitat habe ich übrigens Bernhard Wördehoffs überaus vergnüglichem Buch Die Dichter bitten zu Tisch – Vom Essen und Trinken in der Weltliteratur entnommen (Lambert Schneider, Darmstadt 2011).

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Die AfD wird vom Verfassungsschutz geprüft – endlich!

Was man als Bürger dieser Republik schon en passant an Aussprüchen von führenden AfD-Funktionären gehört hat, geht – salopp gesprochen – auf keine Kuhhaut. Die Nachsicht der Staatsschutzbehörden war groß, und die immer brauneren Volksgenossen in dieser Partei, die sich von der (damals noch konservativen und seriösen) Lucke-AfD in ein Sammelbecken von Rechtsextremisten verwandelt hat, haben die rechtlich gebotene Gutmütigkeit des Staates weidlich mißbraucht.

Damit ist hoffentlich bald Schluß.

Es ist bezeichnend, daß sich die AfD jetzt lieber von den peinlichsten ihrer Teile trennen möchte, um der Beobachtung zu entgehen. Natürlich kommt zugleich die übliche Demagogik: man werfe auf die Partei mit Dreck, heißt es aus ihren Reihen. Sie hat sich viel zu lange auf die wohlwollende Duldung durch Hans-Georg Maaßen, den inzwischen entlassenen Chef des Verfassungsschutzes, verlassen können.

Wenn man die Causa AfD nicht verfassungsrechtlich, sondern politisch und moralisch betrachtet, ist sie spätestens seit der „Vogelschiß“-Rede ihres Vorsitzenden Gauland ein für allemal desavouiert. Wer auch nur einen Funken Anstand besitzt, kann diese Partei nicht wählen.

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Die AfD und die „braunen Flecken“

Ich kann es nur immer wieder sagen: jeder, der die AfD wählt, muß das vor seinem Gewissen verantworten. Keiner soll einmal sagen, er habe nicht gewußt, wem er da seine Stimme gegeben hat.

Die AfD ist längst zu einem Sammelbecken des gesamten braunen Milieus geworden. Die vielfältigen persönlichen Beziehungen etwa zwischen ihren Mitgliedern und Funktionären auf der einen und der Identitären Bewegung auf der anderen Seite sind vielfach belegt (man lese nur den Artikel „Kein Problem mit braunen Flecken“ auf S. 4 der heutigen F.A.Z.). Seit man Lucke und mit ihm alle seriösen, konservativen Politiker aus der Partei gedrängt hat, sind immer mehr „völkisch“ eingestellte Menschen in die AfD eingesickert. Man erkennt das an den Parteiversammlungen fast aller Ebenen: wenn da einer der wenigen gemäßigten Funktionäre spricht, bekommt er allenfalls höflichen Applaus; wenn Höcke & Co. reden, ist im Saal der Bär los. Daß solche Volksgenossen genau richtig in dieser Partei sind, wird ihnen auch von Gauland, der gern den Grandseigneur gibt, wohldosiert bestätigt: in der unsäglichen „Vogelschiß“-Rede zum Beispiel, die eine in unserem Land bis dahin nie dagewesene Verharmlosung und Relativierung der Nazizeit enthält. Sie ist praktische eine Einladung an alle Ewiggestrigen, sich in der AfD zu versammeln.

Wie gesagt: das alles ist täglich schwarz auf weiß nachzulesen. Darf ich am Ende noch ein kleines Beispiel geben? Der AfD-Politiker Liebenow aus Mannheim sagte der F.A.Z. in einem Gespräch:

Wir haben kein Problem mit braunen Flecken bei uns in der Mannheimer AfD.

Da klingt fast ein bißchen Stolz mit – und viel Unverfrorenheit. So etwas „darf man jetzt endlich wieder sagen“, das ist einer der Standardsätze der Funktionäre. Wir sollten in den Wahlkabinen dafür sorgen, daß diesen Dummenfängern der Triumphalismus vergeht.

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Über das Essen in feiner Gesellschaft – oder: Sancho Pansa spricht mir aus dem Herzen!


Zumindest mit diesen Worten aus dem Don Quichote:

Ich muß Euch sagen, gnädiger Herr, daß, wenn ich etwas Gutes zu essen habe, es mir im Stehen und so für mich weit besser schmeckt, als wenn ich einem Kaiser zur Seite gesetzt würde. Und soll ich vollends die Wahrheit bekennen, so schmecken mir Brot und Zwiebeln in meinem Winkel besser, wo ich ohne Umstände und Komplimente essen darf, als Puterbraten, wenn ich nur langsam kauen soll, wenig trinken, mir alle Augenblicke den Mund wischen muß, weder niesen noch husten darf, wenn mir die Lust ankömmt, oder andere Dinge tun, die sich mit der Einsamkeit und Freiheit vertragen.

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Die Wahrheit über den Klimawandel

Einer der renommiertesten deutschen Klimaforscher, Prof. Dr. Alexander Gauland vom Klima-Institut der AfD in Berlin, hat endlich für Klarheit gesorgt: den Klimawandel gibt es gar nicht! Und falls doch, dann hat der Mensch rein gar nichts damit zu tun.

Das Interview liegt zwar schon ein paar Monate zurück, aber man kann es immer wieder mit Gewinn lesen. Die folgenden Sätze zum Beispiel:

Wir glauben nicht, dass das sehr viel mit dem CO2-Ausstoß durch die Industrieproduktion und durch menschliches Tun zu tun hat. Wir hatten früher Heißzeiten, wir hatten früher kalte Zeiten, längst vor der Industrialisierung.

Mit diesen wuchtigen Sätzen hat Gauland die Klimadiskussion beendet. Das war sicher ein Schock für die ca. 99 % der Klimaforscher, die genau entgegengesetzter Meinung sind.

Es sind eben doch einfach nur „Heiße Zeiten, kalte Zeiten“, und das bißchen Erwärmung ist am Ende nur ein Vogelschiß in der langen, erfolgreichen Erdgeschichte.

PS: Auch hier gilt, wie immer bei Gauland: wer ihm glaubt, zahlt einen Taler.

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Ein Paket fähiger Versand von Spedition gut

Über den Wolken, so sang einst Reinhard Mey, müsse die Freiheit wohl grenzenlos sein. Natürlich ist die Freiheit nirgendwo grenzenlos – mit einer Ausnahme freilich: in der deutschen Rechtschreibung des Jahres 2019. Als Beispiel möge eine Mail genügen, die mir vor kurzem ein Unternehmen als Bestellbestätigung zugesandt hat. Hinzuzufügen ist nur noch, daß die (deutsche!) Firma für Sanitärprodukte nach eigenen Angaben über ein „Expertenteam mit Langjähriger Erfahrung“ verfügt.

Hiermit möchten wir Sie über den Fortgang ihrer Bestellung Informieren. Soweit es sich bei ihrer Ware um einen Paket fähigen Versand handelt wird diese wie im Angebot ausgelobt innerhalb von 2-3 Werktagen per Paketdienst Versendet.

Sie erhalten hier eine Versandnachricht mit der entsprechenden Paketnummer. Bitte Beachten Sie daß der Versand bei Sperrgut XXL einige Tage länger dauern kann da diese Pakete nicht Automatisch Befördert werden können.

Sollte es sich bei ihrer Ware um Spedition gut handeln wird diese in der Regel innerhalb von 14 Werktagen Angeliefert.

Das ist doch wirklich kreatives (Recht-) Schreiben! Und reduktionistisch ist es obendrein, denn es gibt nur noch ein einziges Satzzeichen: den Punkt. Dafür schenkt uns der Autor ein nostalgisches Schmankerl: das gute, alte „daß“.

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Ein paar Fundstücke von Alexander Pope

Alexander Pope (1688-1744) war ein glänzender Vertreter der frühen englischen Aufklärung. Ich habe ihn vor kurzem nach langer Zeit wiedergelesen und möchte meinen Lesern ein paar Auszüge nicht vorenthalten. Sie sind alle dem Essay on Man aus dem Jahr 1734 entnommen. Ich lasse sie unübersetzt, weil durch das Prosaische viel von der Kraft und der Schönheit der Verse verlorengehen würde.

Über das Leben:

Life can little more supply
Than just to look about us and to die.

Über die Welt:

A mighty maze! but not without a plan.

Der Mensch – so weak, so little, and so blind – sieht immer nur einen kleinen Teil der Welt:

Tis but a part we see, and not a whole.

Und dann kommen diese wunderbaren Verse über die Hoffnung – und die Mahnung, demütig zu hoffen:

Hope humbly then; with trembling pinions soar;
Wait the great teacher Death, and God adore!
What future bliss, he gives not thee to know,
But gives that Hope to be thy blessing now.
Hope springs eternal in the human breast:
Man never Is, but always To be blest:
The soul, uneasy and confin’d from home,
Rests and expatiates in a life to come.

Das erinnert an das schöne Wort des Augustinus:

Fecisti nos ad te, et inquietum est cor nostrum, donec requisescat in te.

Zu dir hin hast du uns erschaffen, und ruhelos ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.

Wie seicht, wie platt, wie billig wirkt da alles, was der heutige Atheismus zu bieten hat!

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Aus einem saudischen Schulbuch

In einem Schulbuch für saudische Erstkläßler (!) findet sich folgende Aufgabe (zitiert nach Hamed Abdel-Samad, Der Untergang der islamischen Welt):

Ergänze folgende Sätze mit jeweils einem der beiden Worte Islam – Hölle:

Jede Religion außer ———— ist falsch.
Wer kein Muslim ist, landet in der ———–.

Und dieses Schulbuch ist schon eine, wie es die saudischen Behörden ausdrücken, „haßfreie“ Ausgabe. Da möchte man lieber nicht wissen, was vorher alles in diesen frommen Fibeln gestanden hat.

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Merkur.de und die ALDI-Masche

Wer ab und zu einmal Google News besucht, kennt das: eine reißerische Überschrift, daneben ein „Symbolbild“ von ALDI. Urheber ist fast immer die Internetseite Merkur.de. Die jüngste Überschrift kann man hier nachlesen:

Kinder-Produkt von Aldi enthält überraschende Zutat – Mutter rastet aus

Was war passiert? Die „Kundin Analia V.“, so der Merkur-Schreiber Marc Dimitriu, hatte bei ALDI ein Nuß-Nougat-Hörnchen gekauft und sich dabei natürlich „nichts Böses gedacht“.

Als ich daheim war habe ich gelesen, dass die Hörnchen Alkohol enthalten. Ich war schockiert und entsetzt.

Und was tut eine schockierte und entsetzte Kundin, um aller Welt zu zeigen, wie „schrecklich“ und „unverantwortlich“ und „gewissenlos“

einige Hersteller und Supermärkte mit der Gesundheit der Kinder umgehen?

Sie macht ihrem Herzen auf Facebook Luft. Natürlich läßt sie sich von der freundlichen ALDI-Antwort, daß bei jedem Backen auf natürliche Weise Spuren von Alkohol entstehen, nicht beeindrucken. Analia V. wollte ihre „15 minutes of fame“, und die hat sie bekommen.

Und Merkur.de? Diese Seite nutzt auch noch die dümmsten Meldungen zur gewinnbringenden Zweitverwertung, denn jeder, der durch die Überschrift neugierig geworden ist, weil er treuherzig an einen echten Skandal glaubt, vermehrt durch seinen Klick das Werbeeinkommen des Unternehmens.

Zum Schluß (und zur Demonstration) nur noch ein paar Merkur-Meldungen der letzten Wochen:

Aldi-Produkt um 8.02 Uhr schon vergriffen – dann taucht es woanders  auf

Äußerst gefährliche Bakterien: Rückruf bei Lidl, Aldi und Netto

Aldi will mit modernen Filialen punkten – Kundin beschwert sich trotzdem

Aldi greift vor Silvester zu ungewöhnlicher Maßnahme bei Öffnungszeiten

Heikle Frage an der Kasse bei Aldi Süd: Kundin zieht Konsequenz

Verblüffende Enthüllung bei Aldi: Diese geheime Funktion haben Einkaufswagen

Aldi Nord droht Fiasko – jetzt macht noch eine Sache Hoffnung

Hersteller warnt vor dem Verzehr: Aldi Süd ruft ein Produkt wegen Keimen zurück

Tretroller-Eklat bei Aldi: Empörter Kunde hat das bisher „nirgends sonst erlebt“

„Sollte das drin sein, was drauf steht“: Nächste Kundin empört sich über Aldi-Produkt

Ekel-Schock bei Aldi: Kunde macht Entdeckung – sie verdirbt ihm den Appetit.

Die Liste könnte man beliebig verlängern. Dabei ist es doch so einfach, den Dummenfängern nicht auf den Leim zu gehen: einfach ignorieren, nicht klicken. Es ist fast nie etwas Interessantes hinter diesen reißerischen Überschriften.

Auch hier soll Goethe das letzte Wort haben (nachzulesen im West-Östlichen Divan):

Getretner Quark
Wird breit, nicht stark.

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Einen guten Rutsch …

… und ein friedliches Jahr 2019 wünsche ich allen meinen Lesern!

Und wie beschließt man einen solchen Brief? Vielleicht so, wie es Goethe im Dezember 1821 in seinem Schreiben an Carl Friedrich Ernst Frommann getan hat:

Heiterer Feyertage und ein frohes neues Jahr herzlich anwünschend und mich zu wohlwollendem Andenken bestens empfehlend.
Ergebenst J. W. v. Goethe.

Weniger förmlich schreibt er 1779 an Charlotte von Stein:

Auch ein glücklichs neues Jahr liebste, und Zuckerbrodt.

Auch Ihnen allen, liebe Leser, reichlich Zuckerbrodt!.

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