Lieben Sie Schmetterlinge?

Durch die Kontaktbeschränkungen in den Städten und Gemeinden sieht man seit Monaten viel mehr Menschen in der Natur als früher. Auch auf den verstecktesten Pfaden kommen einem auf einmal Spaziergänger, Radler und Jogger entgegen. Manchen Familien mit Kindern sieht man an, daß der Gang durch die Natur für sie etwas Ungewohntes ist, und so hat selbst die Pandemie ihre gute Seite – man könnte es einen Kollateralnutzen nennen.

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Schmetterlinge sind „fliegende Edelsteine“, jeder mag sie (auf dem Bild oben sieht man den gar nicht so seltenen Aurorafalter). Aber sie sind wie viele andere Tiere bedroht: vor allem durch den Verlust an Lebensräumen. Da ist es wichtig, daß man regelmäßig eine Bestandsaufnahme macht. Welche Arten sind im Rückgang begriffen, welche können sich an die neue, vom Menschen geschaffene Umwelt anpassen?

Hier kann jeder, der Freude an der Natur hat, als ehrenamtlicher Mitarbeiter seinen kleinen Beitrag leisten. Das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) sucht immer Naturfreunde, die sich langfristig an der Schmetterlingszählung in Deutschland beteiligen. Dazu muß man kein Schmetterlingsspezialist sein – wenn man Freude an der Natur hat und der schönen Sache von April bis September eine Stunde pro Woche opfert, kann man dazu beitragen, die Veränderungen der Fauna in der näheren Umgebung zu registrieren.

Man sucht sich eine Wegstrecke von ca. 200 m (oder mehr) und begeht diese Strecke einmal pro Woche. Dabei notiert man die Schmetterlingsarten und ihre genau Zahl in einem Erfassungsbogen. Man muß dabei bestimmte Regeln einhalten, aber die sind nicht schwer. Man bekommt eine genaue Anleitung und jede erdenkliche Hilfe. Die Daten kann man am Ende bequem online an das UFZ übertragen.

Angst vor dem Bestimmen der Schmetterlingsarten muß man nicht haben. Hier gilt die Devise „learning by doing“. Ein gutes Bestimmungsbuch (empfohlen wird Settele, Die Tagfalter Deutschlands aus dem Ulmer-Verlag) reicht, eine Kamera ist natürlich von Vorteil, damit man die Falter zuhause in Ruhe bestimmen oder sich von Experten Hilfe holen kann.

Ich bin jetzt im zehnten Jahr dabei und lerne jedes Jahr dazu. Mein „Transekt“ (so nennt man die Wegstrecke, die man über die Saison hinweg beobachtet) birgt zwar keine großen Raritäten, das kann man im Rhein-Main-Gebiet auch nicht erwarten, aber es ist spannend zu sehen, wie sich etwa das Wetter oder Veränderungen der Umgebung auf die Zahl der Schmetterlinge auswirken. Und dann findet man doch immer einmal wieder Falter, die man noch nie gesehen hat. Es macht einfach Spaß, man lernt mit jeder Begehung dazu – und man hilft obendrein, ganz im Sinne der Citizen Science, der Wissenschaft.

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Der ewige Lockdown – da helfen nur noch die Gerichte!

Ich war letztes Jahr sehr angetan davon, wie unsere Regierung das Land durch die erste Welle der Epidemie gebracht hat. Die überwältigende Mehrheit war für dieses Vorgehen und hat sich brav an alle Vorgaben gehalten. Was jetzt freilich passiert, ist dermaßen ideenlos, daß man sich nur wundern kann. Statt die Ländern darin zu bestärken, eigene Wege zu gehen, bestimmte, von allen herbeigesehnte Öffnungen (etwa der Außengastronomie) zuzulassen und wissenschaftlich zu begleiten, gibt es immer nur ein ständiges Verlängern und Verschärfen ohne Ende. Niemand weiß, ob diese stupiden Maßnahmen, die große Teile der Wirtschaft ruinieren, überhaupt einen Einfluß auf die Pandemie haben, aber wissenschaftliche Belege braucht man offenbar nicht. Jeder hat „seine“ Virologen, die notfalls die politischen Entscheidungen untermauern. Jetzt soll auch noch der Bund Kompetenzen erhalten, die bisher den Ländern vorbehalten waren. Das darf nicht geschehen! Die Staaten, die (wie etwa Frankreich) zentralistisch organisiert sind, hat die Pandemie besonders schlimm getroffen.

Alle seriösen Wissenschaftler sind sich einig, daß das Ansteckungsrisiko im Freien extrem niedrig ist. Warum setzt man dann gerade bei Veranstaltungen und Treffen im Freien an, in Biergärten, bei Sportveranstaltungen? Warum nächtliche Ausgangssperren, die ohne jede Wirkung sind? Warum hält man stur an einer einzigen Kennziffer fest, der Inzidenz, deren Höhe jetzt auch noch, sozusagen vollautomatisch, bestimmte Maßnahmen zur Folge haben soll? Warum hört man eigentlich immer nur auf dieselben Experten und, zum Beispiel, nicht auf die Forscher der Gesellschaft für Aerosolforschung, die soeben zum Umsteuern in der Coronapolitik aufgerufen haben. Sie schreiben wörtlich:

Die Übertragung der SARS-CoV-2-Viren findet fast ausnahmslos in Innenräumen statt.

Im Freien werde das Virus „äußerst selten“ übertragen, schreiben sie. Das bedeutet aber doch, wie fast zu erwarten war, daß der größte Teil der Maßnahmen auf unbewiesene Annahmen hin erfolgt ist – und das bei Regelungen, die so tief wie nie zuvor in unsere grundgesetzlich verbrieften Freiheitsrechte eingreifen. Auch der frühere Verfassungsrichter Di Fabio hat sich (hier nachzulesen) dazu kritisch geäußert.

Es ist deshalb höchste Zeit, daß sich alle rechtlichen Instanzen und vor allem das Bundesverfssungsgericht mit diesen Maßnahmen befassen.

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Hallo Liebes!

Fachebook hat mir gerade folgende Mail zukommen lassen:

Hallo Liebes,
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Hallo liebes Betrügerlein,
wenn Du an meine Kontodaten kommen willst, dann mußt Du aber noch ganz, ganz viel lernen, vor allem über die deutsche Sprache! Kaufe Dir am besten eine gute Sprachlehre und studiere recht gründlich die deutschen Umlaute und das „ß“. Dann klappt’s vielleicht mit dem Gaunern.
Dein Lupulus.

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Zitat des Tages (2): Metzger Juwi

Ägyptische Archäologen haben in der Nähe von Luxor eine bisher unbekannte Stadt ausgegraben. Unter den Fundstücken war auch ein Krug mit folgender Aufschrift in hieratischer Schrift:

Jahr 37, Fleischgericht für das dritte Sedfest aus der Schlachterei des Viehhofs des Kha, zubereitet vom Metzger Juwi.

Oh je, ich merke gerade, daß ich den Warnhinweis für die zarten vegetarischen Ohren vergessen habe! Tschuldigung!

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Zitat des Tages (1): Prinz Philipp

Das Zitat ist zwar schon fast neun Jahre alt, aber aus gegebenem, traurigen Anlaß (und weil seine Antwort so gut ist!), wollen wir hier noch einmal zitieren, was Prinzip Philipp an seinem 90. Geburtstag auf die Frage antwortete, wie er über sich selbst denke:

Gar nicht. Ich bin einfach da.

Ach, wie wünschte man sich mehr solcher Antworten, wenn einfallslose Journalisten ihre küchenpsychologischen Fragen („Was ging Ihren durch den Kopf, als …“) stellen!

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Der Mann und seine Männerhaut – Neues aus der Genderpedia

Der Mann, so erfahren wir aus der Wikipedia, ist ein „männlicher erwachsener Mensch“. Soweit dürften wir uns alle einig sein, auch wenn man in jüngerer Zeit hin und wieder die unfreiwillig komische Definition „nichtmenstruierende Person“ gelesen hat. Aber damit man gar nicht erst auf die abstruse Idee kommt, daß die Menschheit weitgehend aus Frauen und Männern bestehe, werden wir gleich belehrt, daß sich das Wort „Mann“ früher, also „im ursprünglichem Sinne“, auf das biologische Geschlecht bezogen habe, im „modernen Sprachgebrauch“ aber

auch auf die Geschlechtsidentität, etwa bei transgender Personen, die sich als Mann identifizieren.

Obwohl es sich bei der „Genderforschung“, ähnlich wie bei Alchemie und Kryptozoologie, um eine Pseudowissenschaft handelt, haben ihre gut vernetzten Verfechter längst in der Wikipedia Fuß gefaßt. Selbst ein flüchtiges Lesen einschlägiger Artikel zeigt, daß hier alle Korrektive versagt haben, die einseitige oder ganz und gar verrückte Artikel verhindern sollen. Versuchen Sie einmal, in einem Wikipedia-Beitrag grundsätzliche Kritik am Gendern zu formulieren. Wie bei den Borg heißt die Devise dann „Widerstand ist zwecklos! Sie werden assimiliert!“ Wer die Wissenschaftlichkeit dieser „Forschung“ in Frage stellt, kommt – wie etwa in dem Artikel „Gender Studies“ – allenfalls mit ein paar kurzen Beispielen zu Wort, und selbst die werden innerhalb des Abschnitts „Kritik durch Wissenschaft und Öffentlichkeit“von den Vertretern dieser Pseudowissenschaft „widerlegt“. So hat die „Genderforschung“ in der Wikipedia, die man mit Fug und Recht auch als Genderpedia bezeichnen könnte, immer das letzte Wort.

Aber immerhin finden sich in dem Wikipedia-Artikel über den „Mann“ auch einige interessante Erkenntnisse über uns Männer, etwa die:

Sie sind im Gegensatz zu Frauen mit typischer genetischer Entwicklung in keiner Phase ihres Lebens in der Lage, schwanger zu werden.

Wie wahr! Die unbekannten Autoren streifen dann kurz die männliche Anatomie, um anschließend aus unerforschlichen Gründen lange und ausführlich bei der „Männerhaut“ (so der Untertitel) zu verweilen. Diese Männerhaut muß etwas ganz besonderes sein:

Die dickere männliche Haut hat ein höheres Wasserbindungsvermögen, was die Haut gespannter und fester aussehen lässt. Die erhöhte Talgproduktion ist verantwortlich für eine ausreichende Menge an Feuchtigkeit in der Haut und für die Zusammensetzung des sogenannten Hydrolipidfilms. Dieser Film regelt den Wassergehalt der tiefer liegenden Schichten, hemmt die Austrocknung und gibt der Haut ein glattes, geschmeidiges Aussehen.

Wer hätte das gedacht! Und ich war mein Leben lang der Ansicht, daß die weibliche Haut glatter und geschmeidiger sei als die Männerhaut. Da habe ich wohl die Wirkung des Hydrolipidfilms unterschätzt.

Und noch etwas bemerkt der unbekannte Verfasser, der ein ausgesprochener Liebhaber der Männerhaut sein muß:

Zudem hat Männerhaut eine geringere Neigung zur Faltenbildung. Falten zeigen sich beim Mann meist später als bei Frauen und auch nicht als kleine Knitterfältchen, sondern mehr als tiefe („markante“) Falten.

Ach, die Männerhaut! Ganze Bibliotheken könnte man mit ihr füllen.

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Frauen zählen Frauen zählen Frauen – oder: Über die feministische Mathematik

Erbsenzählerei kennt man seit langem, aber Erbsenzähler sind nicht besonders beliebt. Die Frauenzählerei dagegen erlebt einen erstaunlichen Aufschwung. Frauen zählen überall, sie zählen Frauen (also sich selbst), sie zählen Männer, sie bilden Summen und Differenzen und Prozentzahlen bis in den letzten Kleingartenverein, nichts entgeht ihrem Auge. Gerechtigkeit stellen sie sich als eine Art Buchhaltung vor, ihr Ziel: ♀˃♂.

Die klassiche Musik, meint Amy Beth Kirsten, sei „in erdrückendem Maße männerdominiert“. Und Alex Ross schreibt:

Jede Einrichtung, die regelmäßig die Werke von Frauen präsentiert, wird ganz automatisch zu einem lebendigeren Ort. Möglicherweise hat das Desinteresse der jüngeren Generationen an klassischer Musik mit der muffigen, allzu exklusiv daherkommenden Atmosphäre des Repertoires zu tun.

Das ist sicher richtig, denn immer nur Haydn, Mozart, Beethoven und all die anderen alten Männer spielen, das nervt echt! Und in der New Yorker Met hat man in den letzten hundert Jahren nur eine einzige Oper einer Komponistin gespielt! Auch der Deutsche Bühnenverein zählt eifrig – und kommt zu einem erschütternden Ergebnis:

Und jedes Jahr wieder stehen Mozart, Verdi, Puccini und Wagner ganz oben bei den Opern.

Man faßt es nicht. Aber der Musikkritiker Uwe Friedrich hat eine Idee, wie man das ändern könnte:

Erst mal müssen Frauen das Gefühl vermittelt bekommen, dass sie willkommen sind.

Ja, so ist es: Männer komponieren einfach drauflos, Komponistinnen brauchen erst einmal eine auf sie zugeschnittene Willkommenskultur. Ir sult sprechen willekomen! Aber zurück zum Zählen. Da ist die Theaterwelt besonders ergiebig (hier nachzulesen):

Nur 30 Prozent der Inszenierungen an deutschen Theatern stammen von Frauen.
Nur 22 Prozent der Theater werden von Frauen geleitet.

Und woran liegt es, daß unsere Bühnenkunst „von der Perspektive des weißen, männlichen Künstlers dominiert“ wird? Natürlich an der „männlichen Kultur der Macht“!

Früher, in den alten Zeiten, da hat man doch tatsächlich, naiv wie man war, nur danach gefragt, ob es eine gute oder eine schlechte Oper, ein gutes Theaterstück oder ein fades, ein gelungenes Gedicht oder ein mißglücktes sei. Heute weiß man: die Kultur blüht nur auf, wenn Komponistinnen, Lyrikerinnen, Malerinnen und Schauspielerinnen in einem bestimmten mathematischen Verhältnis zu ihren männlichen Kollegen stehen. Alles nur Mathematik!

Aber selbst die ist, zumindest bei den amerikanischen people of color, in Verruf geraten. Dort hat es nämlich Brittany Marshall, eine junge farbige Studentin der Rutgers University, mit folgendem Satz zu landesweitem Ruhm gebracht:

The idea of 2+2 equaling 4 is cultural and because of western imperialism/colonization, we think of it as the only way of knowing.

Auf deutsch:

Die Idee von 2+2=4 hat kulturelle Gründe. Als Folge von westlichem Imperialismus/Kolonisierung halten wir sie für das einzig richtige.

Wer jetzt denkt, die Studentin sei daraufhin exmatrikuliert oder zumindest zu einem Gespräch mit dem Psychologischen Dienst ihrer Universität gebeten worden, hat sich getäuscht. Das Kultusministerium von Oregon hat, wie die F.A.Z. berichtet, alle Lehrer des Staates in einem Rundbrief aufgefordert, sich in einem Kursus namens „Ethomathematik“ weiterzubilden:

Der Bildungstrend gehe davon aus, daß der Fokus auf das korrekte Resultat im Mathematikunterricht ein Zeichen „weißer Vorherrschaft sei“. Ein Ziel der Fortbildung solle daher sein, für jede Aufgabe mindestens zwei Ergebnisse zu erarbeiten.

Also 2+2=3? Oder 2+2=5? Man kommt der Wahrheit ein Stück näher, wenn man die mathematischen Ergebnisse des sog. SAT-Tests betrachtet, der in den USA seit fast hundert Jahren an den Highschools durchgeführt wird. Von theoretisch möglichen 800 Punkten erreichten 2020

afroamerikanische Schüler 454 Punkte,
hispanischstämmige 478 Punkte,
weiße Schüler 547 Punkte und
asiatischstämmige Schüler 632 Punkte.

Da ja der liebe Gott, wie man weiß, Verstand und Schöpferkraft völlig gerecht und gleich an jedermann verteilt hat, kann das schlechte Abschneiden von Farbigen und Hispanos nur an „Imperialismus/Kolonisierung“ liegen. Deshalb fordern US-Pädagogen die Abschaffung der Algebra, und der Schulbezirk Seattle im Bundesstaat Washington hat vor zwei Jahren damit begonnen, den Unterricht zu „entkolonialisieren“ und die Mathematik durch Streetart, Genderstudien und Unterwasserrobotik zu ergänzen.

Genug des närrischen Treibens! Erwähnen wir am Ende noch Alexis de Toqueville, der von Mai 1831 bis Februar 1832 in den Vereinigten Staaten weilte, um dort im Auftrag der französischen Regierung das Rechtssystem der USA zu studieren. In seinem berühmten zweibändigen Werk, De la démocratie en Amérique (1835/1840), kam er zu dem Schluß, daß die USA der gerechteste Staat der Welt sei, aber er entdeckte auch ein gravierendes Manko: den Versuch, auch an Schulen und Universitäten das Prinzip von Mehrheitsentscheidungen einzuführen. Kunst und Wissenschaft aber, darauf beharrt er, seien in ihrem Wesen aristokratisch, nicht demokratisch. Anthony Kronman, dessen kluges Buch „The Assault on American Excellence“ (New York 2019) über die zunehmend totalitären Zustände an einigen amerikanischen Universitäten ich dringend zur Lektüre empfehle (es gibt leider noch keine deutsche Ausgabe), ist darauf ausführlich eingegangen.

Natürlich muß der Zugang zu Schulen und Universitäten gerecht sein. Aber (ich übersetze Kronmans Sätze in Ermangelung einert deutschen Ausgabe)

die Fähigkeit zu genießen, sich auszudrücken und zu urteilen ist bei einigen Menschen weiter entwickelt als bei anderen, und sie ist bei einigen wenigen besonders subtil und fein, besonders wenn es um intellektuell, ästhetisch und spirituell herausfordernde Anstrengungen geht. Das ist eine aristokratische Annahme. Sie ist in einer Demokratie wie der unseren immer in Gefahr, verspottet und abgelehnt zu werden. Aber dann verlieren wir etwas Wertvolles. Ohne die Idee von Größe wird das menschliche Leben unbedeutender und flacher. Es wird weniger erhaben und zugleich weniger tragisch. Diese Idee von Großartigkeit vor jeder demokratischen Beeinträchtigung zu bewahren, ist der erste Grund, warum unsere Colleges und Universitäten die aristokratische Liebe zu allem, was brilliant und großartig ist, fördern müssen. Der zweite liegt darin, daß diese Liebe einen Beitrag zur Stärke und Stabilität unserer Demokratie leistet.

Die Freiheit, sich seine eigene Meinung zu bilden, beinhaltet eine große Verantwortung. Viele erleichtern sich diese Last, indem sie die Meinungen anderer übernehmen, ohne sich selbst Gedanken zu machen. Das Ergebnis ist eine Art Gruppendenken, das teils aus Unwissenheit, teils aus Angst resultiert. Das macht es für Möchtegern-Tyrannen leichter, die demokratischen Massen zu manipulieren und sie schließlich ihrer Freiheit zu berauben. Tocquevilles größte Sorge für die Zukunft Amerikas war, daß die Konformität des Denkens den Weg zur Despotie erleichtern würde.

Große kulturelle Leistungen werden, auch wenn das Aktivisten und Fanatikern eines absurd überspitzten Gerechtigkeitsbegriffs nicht gefällt, auch in Zukunft immer nur den wenigen großen Begabungen gelingen. Die Vorstellung, daß Kultur allein schon dadurch entsteht, daß immer mehr Kindern – unabhängig von Begabung und Intelligenz – der Zugang zur höheren Bildung ermöglicht wird, führt in der Praxis zu einer Nivellierung der Bildung auf niedrigem Niveau. Auch die seltsame Vermehrung der Abiturienten in Deutschland war nur durch eine allgemeine Senkung des Niveaus möglich – ganz zu schweigen von der linken Phantasmagorie, man könne (nach Art des „Bitterfelder Wegs“ in der DDR) aus Werktätigen nach Belieben große Schriftsteller heranzüchten.

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Die Energiewende als Merkelsche Schnapsidee

Die Merkelsche „Energiewende“ war eine Schnapsidee, aus einer Emotion heraus entstanden und ohne Sinn und Verstand durchgeführt. Die F.A.Z. hat dazu keine durchgehende Meinung. Anna-Lena Niemann, Redakteurin im Ressort „Technik und Motor“, zählt in ihrem Kommentar zunächst die Probleme auf, die durch die Energiewende entstanden sind. Jedes Land, erst recht ein Industrieland wie Deutschland, braucht eine zuverlässige Energieversorgung – nicht nur, wenn die Sonne scheint und der Wind weht, sondern immer: zu jeder Stunde und in jeder Sekunde. Die geradezu sträfliche Zuversicht, bis zur kompletten Abschaltung von Atom- und Kohlekraftwerken werde man die Windenergie schon „irgendwie“ speichern können, gehört zu den schlimmsten Fehleinschätzungen der Merkelzeit.

Die Energiewende, schreibt Frau Niemann zurecht (hier nachzulesen),

darf noch nicht einmal dann als gelungen verbucht werden, wenn die Stromerzeugung der Erneuerbaren im Jahresdurchschnitt stimmt, sondern sie muss es zu jeder Sekunde, Stunde, an jedem einzelnen Tag tun, weil es kaum Speichermöglichkeiten gibt.

Das stimmt, und unsere Nachbarländer werden uns dann – nicht ohne Häme – ihren (klimafreundlichen!) Atomstrom verkaufen.

Wenn man einmal einzelne Tage betrachtet, sieht das so aus:

Am 22. März zum Beispiel deckten die Erneuerbaren um 19 Uhr noch 51 Prozent des Verbrauchs, weil sich der Wind ins Zeug gelegt hat. Zum Zeitpunkt der Spitzenlast, um 12 Uhr, waren es sogar 62 Prozent. Nur zwei Tage später ähnelt sich das Bild zur Mittagszeit zwar. Weil das aber vor allem auf das Sonnenkonto ging, sackt der Anteil am Abend auf 19 Prozent ab.

Anders gesagt: wir haben uns nicht nur von der technischen Entwicklung der immer sichereren Kernkraftwerke ausgeklinkt, wir verzichten damit auch auf eine eigene, sichere Energiebasis und werden auf lange Zeit von Stromlieferungen unserer Nachbarländer abhängig sein. Wer alle Kohle- und Atomkraftwerke abschaltet, hat vorher seinen Verstand abgeschaltet.

Kommt Frau Niemann auch zu diesem Schluß? Hören Sie selbst:

Solange die Erneuerbaren nicht den gesamten Bedarf decken können, müssen herkömmliche Kraftwerke einspringen. Und nun? Kohle und wieder Kernkraft oder Fernseh-, Back- und Ladeverbot am Abend? Weder noch. Statt selbstzufrieden auf wachsende Durchschnittswerte zu blicken, müssen endlich mit Nachdruck Wind, Sonne und Speicher ausgebaut werden. Sonst wird uns irgendwann im Dunkeln sitzend dämmern, dass die Wende missraten ist.

Die Analyse stimmt, aber die Folgerung ist absurd. Selbst wenn man die Windenergie auf Biegen und Brechen ausbaut und die letzten deutschen Naturlandschaften durch 200 Meter hohe Windkraftanlagen zerstört, wird man damit keine sichere Stromversorgung für Industrie, Gewerbe und Haushalte aufbauen können. Wo sollen die sicheren Speichermöglichkeiten denn herkommen, wenn es sie selbst zehn Jahre nach der Energiewende immer noch nicht gibt?

Nicht die Entscheidung in der Flüchtlingskrise des Jahres 2015, sondern die „Energiewende“ war die schlimmste und folgenschwerste Fehlentscheidung der Regierung Merkel.

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Der lange Marsch des Feminismus durch die Institutionen (3): Nina George und das PEN-Zentrum Deutschland

Das PEN-Zentrum Deutschland ist eine Schriftstellervereinigung, die ihre Satzungsziele so definiert:

Es setzt sich für politisch, rassisch, religiös oder wegen ihres Geschlechts oder ihrer Herkunft Verfolgte ein, insbesondere für Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Übersetzerinnen und Übersetzer, Herausgeberinnen und Herausgeber, Journalistinnen und Journalisten und Publizistinnen und Publizisten in aller Welt, die wegen freier Meinungsäußerung bedroht und verfolgt werden.

Schon an dieser Formulierung – fünf närrische Gender-Doppelformeln hintereinander! – sieht man, daß leider auch hier von der (von mir immer wieder herbeigewünschten!) Bewahrung der deutschen Sprache durch die Schriftsteller keine Rede mehr sein kann. Ich weiß nicht, wer die bewährte Satzung wann in diesem Sinne verändert hat; für die sprachliche „Sichtbarkeit“ der Frauen (vorher waren sie offenbar völlig unsichtbar, niemand wußte, daß es Frauen überhaupt gab!) hat wohl die Neufassung der Satzung vom 27. Mai 2019 gesorgt. Mitglied kann übrigens nur werden, wer „aufgrund besonderer schriftstellerischer Leistungen“ hinzugewählt wird, das sind inzwischen, wenn ich richtig gezählt habe, gut 700 Autoren.

Zu ihnen zählt Nina George. Obwohl zu ihren Werken so interessante Titel wie „Sag Luder zu mir“, „Warum Männer so schnell kommen und Frauen nur so tun als ob“ oder „Sex für Könner“ gehören, habe ich – ich gesteh’s zu meiner Schande – noch nie von ihr gehört. Erst durch ein Interview im Börsenblatt („Das Fachmagazin der Buchbranche“) bin ich auf sie aufmerksam geworden (hier nachzulesen). Nina George ist, wie es in der Einleitung des Interviews heißt,

Beirätin des PEN-Präsidiums und Beauftragte des Womens Writers Commitee des PEN-Zentrum Deuschland.

Sie ist also kein gewöhnliches Mitglied, sondern spricht, so muß man vermuten, auch in diesem Interview als Präsidiumsmitglied für das PEN-Zentrum als Ganzes. Oder doch nicht?

„Das Binnen-I nutze ich in Facebookchats, die Stern*chen vermeide ich“, sagt sie. Am liebsten sind ihr offenbar die Doppelformen, zu deren Verwendung sie alle Verlage energisch auffordert: diese sollen gefälligst

allesamt mal ihre Webseiten überarbeiten und zum Beispiel sagen, unsere Autoren und Autorinnen auf der Frankfurter Buchmesse oder möchten Sie mehr über die Autorinnen und Autoren wissen. Ich wünsche mir, dass die Verlage sich auf ihren öffentlichen Seiten die Mühe machen, so etwas präzise auszuschreiben. Außerdem wünsche ich mir, dass sie auf gar keinen Fall bei dieser seltsamen Erklärung des Vereins Deutsche Sprache (VDS) mitmachen, die gerade überall herumgeistert.

Die „seltsame Erklärung“, die (gottlob!) „überall herumgeistert“, ist ein Aufruf gegen die Duden-Redaktion, die ohne Sinn und Verstand damit begonnen hat, das generische Maskulinum aus der deutschen Sprache auszumerzen, weil eine kleine, aber rabiate feministische Minderheit, zu der auch die neue Duden-Chefin gehört, das durch administrativen Druck durchsetzen will. Den „seltsamen“ Aufruf, der längst überfällig war, und den inzwischen mehr als 33.000 Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung unterschrieben haben, nennt Nina George allen Ernstes „ein Symptom für gelebte Misogynie“.

Vielleicht kennt der eine oder andere dieses Fremdwort gar nicht, man kann aber auf der Online-Seite des Duden nachlesen, was es bedeutet:

1. krankhafter Hass von Männern gegenüber Frauen (Gebrauch: Medizin, Psychologie)
2. Frauen entgegengebrachte Verachtung, Geringschätzung; Frauenfeindlichkeit (Gebrauch: bildungssprachlich)

Das ist nun freilich ein starkes Stück. Wer (wie übrigens in allen Umfragen die Mehrheit der Deutschen) gegen das dumme Gendern von sprachlich unbedarften Ideologen sein Wort erhebt, tut das, so das Präsidiumsmitglied des deutschen PEN-Zentrums, aus krankhaftem Haß gegenüber Frauen und/oder (bildungssprachlich) aus Frauenfeindlichkeit. Eine solche Pathologisierung des Andersdenkenden kannte man bisher nur von totalitären Regimen, etwa der Sowjetunion, die ihre Dissidenten in der Psychiatrie unterbrachte, oder von Minderheiten, die bis heute jede anderen Meinung als Phobie abtun. Wer Kritik am Islam übt, ist dann islamophob, wer einen Mohrenkopf Mohrenkopf nennt, ist rassistisch, und wer sein Zigeunerschnitzel weiter in Zigeunersoße gart, ist ziganophob. Und – nicht zu vergessen! – wer Frauen Komplimente macht, ist sexistisch. Da genügt ein harmloses Gedicht, das Frauen mit Blumen vergleicht, um den gerechten Zorn des weiblichen Geschlechts zu erregen. Eugen Gomringer, durch dessen Gedichtzeile

avenidas y flores y mujeres y un admirador

Generationen von Berliner Studentinnen traumatisiert wurden, ist übrigens Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland, genau wie Friedrich Denk und Peter Schneider, die zusammen mit vielen anderen Schriftstellern die „seltsame Erklärung“ gegen die Duden-Redaktion unterschrieben haben.

Bisher in der Reihe „Der lange Marsch des Feminismus durch die Institutionen“ erschienen:
(1) Kathrin Kunkel-Razum, Chefin der DUDEN-Redaktion
(2) Katja Thorwarth und die Frankfurter Rundschau.

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Sie*er berichtete als Kriegsreporter*in

Wer einen Text wie den folgenden über eine gewisse, mir völlig unbekannte Maria „Masha“ Alexandrovna Gessen formuliert, in die Wikipedia stellt oder dort unwidersprochen stehenläßt, sollte schnellstens einen Psychotherapeuten seines Vertrauens aufsuchen (hier nachzulesen):

Masha Gessen wurde 1967 als Kind einer aschkenasisch-jüdischen Familie in Moskau geboren, seine*ihre Familie emigrierte mit ihm*ihr 1981 aus der Sowjetunion in die Vereinigten Staaten.

Später wurde sie*er Russlandkorrespondent*in des amerikanischen Nachrichtenmagazins U.S. News & World Report. 1991 kehrte sie*er als Journalist*in nach Russland zurück, um den Übergang in die liberale Demokratie journalistisch zu begleiten. Sie*er berichtete als Kriegsreporter*in über Tschetschenien, kommentierte den Aufstieg von Wladimir Putin und die Zeit unter Präsident Dmitrij Medwedew.

Als nichtbinäre Person bevorzugt Gessen, geschlechtsneutral mit dem singularen Fürwort they bezeichnet zu werden.

Daß in der internen Diskussion über diesen Wikipedia-Artikel lang und breit überlegt wird, ob man die jüdische Herkunft der Autorin erwähnen darf, während das absurde, bis zur Lächerlichkeit enstellte Genderdeutsch nicht einmal mehr diskutiert, geschweige denn in Frage gestellt wird, zeigt, wie tief der Sprachfeminismus schon in alle Bereiche des Lebens eingedrungen ist.

Die Wirkung auf unsere schöne Sprache ist verheerend.

PS: Zum „singularen Fürwort they“: ein Adjektiv „singular“ gibt es im Deutschen nicht. Aber is ja wurscht! Wir machen uns die Welt (und die Sprache), wie sie uns gefällt! Denn, so doziert eine Anne Curzan, Professorin an der University of Michigan (hier zitiert):

Am Ende geht es wirklich nur um Respekt: „Meiner Meinung nach gehört das Respektieren der Pronomen der Menschen zum Respekt der Menschen. Und wenn jemand sagt: “Das ist mein Pronomen und mein Pronomen ist they”, dann ist es respektvoll, das Pronomen von jemandem zu benutzen.

Wer hätte das gedacht, daß die richtige Verwendung des Pronomens einmal zu einer Sache des Respekts werden könnte! Wir leben in wunderbaren Zeiten.

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