Dem Bindestrich sein Tod

Nehmen wir einmal eine Action-Filmreihe mit Matt Damon, die fast jeder kennt: die Originaltitel heißen

The Bourne Identity
The Bourne Supremacy
The Bourne Ultimatum
The Bourne Legacy.

Das ist völlig korrektes Englisch, denn im Englischen werden zusammengesetzte Substantive nur in Ausnahmefällen durch einen Bindestrich verbunden. In der Regel stehen sie einfach nebeneinander (wie etwa in bus stop). Im Deutschen ist das ganz anders: da werden die beiden Substantive entweder zusammengeschrieben oder durch einen Bindestrich verbunden. Sie nur durch eine Leerstelle getrennt aneinanderzureihen, das geht gar nicht – jedenfalls nicht, solange es beim Sprechen und Schreiben überhaupt noch die Vorstellung von richtig und falsch gibt.

Was haben nun die deutschen Firmen aus den genannten Filmtiteln gemacht?

Die Bourne Identität
Die Bourne Verschwörung
Das Bourne Ultimatum
Das Bourne Vermächtnis.

So hätte ein Anfänger die Titel übersetzt: einfach Wort für Wort – und damit falsch. Gerade in Medien, die kaum noch ausgebildete Journalisten, sondern Hinz und Kunz als Billigkräfte beschäftigen, wird man diesen Fehler fast überall finden. Seine exponentielle Ausbreitung geht mit der vieler anderer Sprachfehler einher. Inzwischen herrscht in der Rechtschreibung ein hemmungsloser Individualismus, der sich durch die desaströse (und wissenschaftlich nicht begründbare) „Neue Rechtschreibung“ noch verstärkt hat. Jeder schreibt heutzutage, wie er will.

Aber in den seriösen Medien, meinen Sie, gehe es gesitteter zu? Na, dann sehen Sie sich einmal den Titel dieses Dokumentarfilms an, der im Auftrag des WDR für die ARD produziert worden ist:

Das Wikipedia Versprechen.

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Fundstücke aus einem alten Duden (1): „abprotzen“

An dieser Stelle will ich in unregelmäßigen Abständen von Wörtern erzählen, wie man sie nur in alten Büchern findet – in diesem Fall in einer Ausgabe von Dudens „Orthographischem Wörterbuch der deutschen Sprache“ (8. Auflage 1908).

„Protzen“ ist ein Wort, das jeder kennt: es bedeutet laut Duden soviel wie

in der Absicht, Neid oder Bewunderung zu erwecken, eigene [vermeintliche] Vorzüge oder Vorteile in prahlerischer Weise zur Geltung bringen.

„Prahlen“ hätte als Erklärung auch genügt, aber der Duden neigt hin und wieder zu einer gewissen Umständlichkeit beim Definieren.

Aber – was um alles in der Welt bedeutet dann „abprotzen“? Das Protzen gehört ja zu den beliebten Ausdrucksmitteln von Menschen, die es für nötig halten, ihr Licht (ihr vermeintliches Licht, würde der Duden da zurecht einschränken!) nicht unter den Scheffel zu stellen. Das Gute zu tun, ohne alle Welt lautstark darauf aufmerksam zu machen – das geht bei Menschen, die man heute als Protzende bezeichnen würde, gar nicht.

Es war einmal ein Bischof (so mancher wird sich an ihn erinnern), der wollte mit dem Geld seiner Schäflein sein Haus mit gar edlen und kostbaren Dingen ausstatten, darum nannte man ihn überall im Land den Protzbischof. Könnte es nicht sein, daß man ihn damals mit dem energischen Zuruf „du protzest jetzt gefälligst ab!“ zur Vernunft hätte bringen können?

Es wäre zu schön gewesen. Aber ob der Bischof, der jetzt in Rom sein Auskommen hat und bester Laune ist, tatsächlich abgeprotzt hätte? Eher unwahrscheinlich.

Jetzt wollen wir das Geheimnis aber lüften. Das Wort „abprotzen“ hat nämlich mit Angeberei und ähnlichen Charakterfehlern rein gar nichts zu tun. Es geht auf das alte Wort „Protze“ (ital. birazzo) zurück, und noch älter ist das Wort „Protzwagen“. Beides beschreibt nach dem Grimmschen Wörterbuch den „vorderwagen der geschütze“. Ein Geschütz ist nämlich auf einem fahrbaren Gestell mit einer Achse und zwei Rädern befestigt, der Lafette. Damit man nun das Geschütz bequem transportieren kann, verbindet man die Lafette mit einem ebenfalls zweirädrigen „Vorderwagen“, eben der Protze. So entsteht ein vierrädriges Gefährt, das von Pferden gezogen werden kann. Auf der Protze kann sogar (Bild unten) ein Kutschbock befestigt sein. Wenn das Geschütz zum Einsatz kommen soll, trennt man es von von der Protze, es wird dann, wie man sagt, „abgeprotzt“.

So, jetzt wissen Sie, was eine Protze ist, und wenn sich die Gelegenheit ergibt, können Sie mit diesem neuen Wissen – protzen!

Protze mit Kutschbock (links) und Feldgeschütz auf Lafette (rechts) – Wikipedia
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Bayern – Das Land der albernen Rekorde?

Daß es hierzulande immer kindischer zugeht, sieht man besonders deutlich am Fernsehprogramm. Da bringt doch das Bayerische Fernsehen – also, wohlgemerkt, jener Sender, der die Tierfilmer Arendt und Schweiger vor die Tür gesetzt und auch eine angenehm seriöse Sendung wie „Wie in Bayern“ mit albernen Kinderspielchen angereichert hat, dieser Sender also bringt jetzt jeden Montag zur besten Sendezeit „unglaubliche Spitzenleistungen und Superlative aus Bayern“.

Ein paar Beispiele gefällig?

Deutscher Meister im Sensenmähen
die weltgrößte Teebeutelschachtelsammlung
Landesmeister im Ranggeln
die häufigsten beidhändigen Fingerschnipser in einer Minute
Weltrekord im Rückwärts-Radfahren und dabei ein Instrument spielen
die meisten Kniebeugen mit einem 90-kg-Rucksack in einer Stunde
der Bayerische Rekordmeister im Holzrücken
der Weltmeister im Traktor-Gleichmäßigkeitsfahren
die weltgrößte Sammlung an Dackel-Objekten
der Bayerische Meister im Goaßlschnalzen
der älteste Spickzettel Deutschlands
das schnellste Parken eines Traktors auf Glasflaschen
die meisten in einer Sekunde gejodelten Töne
der Weltmeister im Rutschautofahren

und nicht zu vergessen:

die weltgrößte Pyramide aus rohen Hühnereiern.

Das alles zur besten Sendezeit in bis jetzt acht (!) geplanten Folgen. Solche Entscheidungen häufen sich übrigens, seit Annette Siebenbürger im Februar 2020 zur Leiterin des „Programmbereichs Unterhaltung und Heimat“ berufen wurde (hier nachzulesen).

Jetzt reiht sich also auch der BR mehr und mehr in die Phalanx jener „Dritten“ ein, die ihre kostbare Sendezeit (in der man so viel Gutes machen könnte!) mit Sendungen füllen, die in jeder Hinsicht immer billiger werden. Und das in einem Sender, der einmal große Dokumentarfilmer wie Dieter Wieland hervorgebracht hat. Jammerschade.

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Auch eine Rentner*in ist gegen das Gendern

Den Aufruf „Rettet die deutsche Sprache vor dem Duden!“ haben in kürzester Zeit neben den 100 Erstunterzeichner 5.715 Menschen unterschrieben (Stand: 18. Januar 2021, 14.30 Uhr). Auf der Seite des Vereins Deutsche Sprache finden Sie den Text des Aufrufs und Listen mit allen Unterzeichnern, dort haben Sie auch die Möglichkeit, selbst zu unterschreiben und damit ein Zeichen zu setzen für die Bewahrung unserer schönen deutschen Sprache.

Ob die Rentnerin S.W. den Aufruf richtig verstanden hat, mag man freilich bezweifeln. Sie bezeichnet sich als „Rentner*in“.

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„Rettet die deutsche Sprache vor dem Duden!“

Der Sprachfeminismus, der die Verstümmelung der deutschen Sprache zu seinem ideologischen Ziel erklärt hat, ist dank seiner guten Vernetzung und dank der massiven politischen Unterstützung durch das linke politische Lager schon tief in den Alltag der Gesellschaft eingedrungen. Jetzt hat auch die früher renommierte und lange Zeit mit quasi amtlicher Vollmacht ausgestattete Dudenredaktion ihre Unterwerfung unter das Diktat des Sprachfeminismus angekündigt. Das generische Maskulinum wird abgeschafft – nicht etwa, weil es überholt oder nicht mehr in Gebrauch ist, sondern weil eine kleine, aber kampferprobte Minderheit glaubt, daß sie unsere schöne deutsche Sprache nach Belieben verunstalten darf.

Der „Verein Deutsche Sprache“ hat deshalb unter dem Titel „Rettet die deutsche Sprache vor dem Duden!“ einen Aufruf gestartet, den Sie mitunterzeichnen können – und sollten!

An dieser Stelle finden Sie den Text, die hundert Erstunterzeichner (eine illustre Schar!) und das Formular zum Mitmachen.

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Fontane, feministisch (noch) unzensiert

Es gibt hundert Anlässe, zu einem guten Buch zu greifen. Wir haben gestern im Sender RBB den Bericht über eine winterliche Radtour durch die Märkische Schweiz gesehen – keine tiefgehende Dokumentation, nur eine unterhaltsame, unprätentiöse Reisesendung. Da fuhren Ulrike Finck und Andreas Jacob durch Orte, von denen wir noch nie etwas gehört hatten: Ihlow zum Beispiel, Buckow, Garzin, Hasenholz, Tornow oder Waldsieversdorf. Gleich nach der Sendung dann der Griff ins Buchregal – Fontane natürlich. Die elektronische Ausgabe seiner Werke, vor langer Zeit als „DVD-ROM“ gekauft, bietet den Komfort einer Volltextsuche, und so sind die Orte schnell gefunden. Über das Dorf Ihlow hat Fontane einen kleinen Absatz geschrieben, über Buckow („bei bloßer Nennung des Namens steigen freundliche Landschaftsbilder auf“) sehr viel mehr. Aus Garzin berichtet er von einer alten Glocke, aus Tornow von den beiden Seen, die durch eine Schlucht verbunden sind. Fontane war überall, man wird lange nach einem Ort suchen müssen, den er nicht zumindest dem Namen nach erwähnt.

Seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg (der erste Band erschien 1862) hat Fontane ein Vorwort vorangestellt, in dem er fragt, ob man denn überhaupt „in der Mark“ reisen sollte. Ja, sagt er schließlich – „aber mit Vorbedingungen“.

Der Reisende in der Mark muß sich mit einer feineren Art von Natur- und Landschaftssinn ausgerüstet fühlen. Es gibt gröbliche Augen, die gleich einen Gletscher oder Meeressturm verlangen, um befriedigt zu sein. Diese mögen zu Hause bleiben. Es ist mit der märkischen Natur wie mit manchen Frauen. »Auch die häßlichste – sagt das Sprichwort – hat immer noch sieben Schönheiten.« Ganz so ist es mit dem »Lande zwischen Oder und Elbe«; wenige Punkte sind so arm, daß sie nicht auch ihre sieben Schönheiten hätten. Man muß sie nur zu finden verstehen. Wer das Auge dafür hat, der wag‘ es und reise.

Wir alle wissen, welcher dieser Sätze den größten Anstoß erregen wird, und ich muß meinen Lesern gestehen, daß ich den Text auch deshalb mit innniger (und grimmiger) Freude zitiert habe. Aber lassen wir jene doch im Grunde armen Geschöpfe fürs erste beiseite, die mit ihren „gröblichen Augen“ selbst im Kompliment noch eine Beleidigung sehen. Hören wir lieber, was Fontane im Vorwort zur zweiten Auflage über das Reisen in der Mark Brandenburg warnend schreibt:

Du mußt nicht allzusehr durch den Komfort der »großen Touren« verwöhnt und verweichlicht sein. Es wird einem selten das Schlimmste zugemutet, aber es kommt doch vor, und keine Lokalkenntnis, keine Reiseerfahrung reichen aus, dich im voraus wissen zu lassen, wo es vorkommen wird und wo nicht. Zustände von Armut und Verwahrlosung schieben sich in die Zustände modernen Kulturlebens ein und während du eben noch im Lande Teltow das beste Lager fandest, findest du vielleicht im »Schenkenländchen« eine Lagerstätte, die alle Mängel und Schrecknisse, deren Bett und Linnen überhaupt fähig sind, in sich vereinigt. Regeln sind nicht zu geben, Sicherheitsmaßregeln nicht zu treffen. Wo es gut sein könnte, da triffst du es vielleicht schlecht und wo du das Kümmerlichste erwartest, überraschen dich Luxus und Behaglichkeit.

„Sorglos“, schreibt Fontane, habe er seine Eindrücke und Beobachtungen gesammelt,

nicht wie einer, der mit der Sichel zur Ernte geht, sondern wie ein Spaziergänger, der einzelne Ähren aus dem reichen Felde zieht.

Und zum Schluß heißt es:

Es ist ein Buntes, Mannigfaches, das ich zusammengestellt habe: Landschaftliches und Historisches, Sitten- und Charakterschilderung, – und verschieden wie die Dinge, so verschieden ist auch die Behandlung, die sie gefunden. Aber wie abweichend in Form und Inhalt die einzelnen Kapitel von einander sein mögen, darin sind sie sich gleich, daß sie aus Liebe und Anhänglichkeit an die Heimat geboren wurden. Möchten sie auch in andren jene Empfindungen wecken, von denen ich am eignen Herzen erfahren habe, daß sie ein Glück, ein Trost und die Quelle echtester Freuden sind.

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Nen indischeskoch buch

Wenn man im Internet stöbert, stellt man immer wieder mit Erstaunen fest, wie kreativ viele Menschen mit der deutschen Sprache umgehen – diese junge Frau zum Beispiel, die von einem Kochrezept so begeistert ist, daß sie alles vergißt (auch die Satzzeichen):

Dieses rezept ist sehr lecker hab es schon mal gegessen und nen indischeskoch buch hab ich auch das kommt sofort in das koch buch und 5sterne lass ich da aber am liebsten würd ichdir dafür 50 geben liebe grüße.

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Bismarck: „Darf man so einen ehren? Geht das noch?“

Das fragt, in scheinheiliger Unschuld, der taz-Redakteur Alexander Diehl. Der wollte, wie sein Blatt schreibt, „irgendwann mal Geisteswissenschaftler werden“, habe sich dann aber „vom Journalismus ablenken“ lassen. Wenn man seine Artikel liest, weiß man: ein großer Verlust für die Geisteswissenschaften ist das nicht.

Heutzutage – man verzeihe mir die drastische Sprache – kann sich jeder Depp zum Historiker aufspielen. Dazu braucht es kein Quellenstudium mit Latein- und Griechischkenntnissen mehr, es genügt eine fortschrittliche Gesinnung, ein bißchen „Recherchieren“ im Internet – und eine linke Redaktion, die so einen Schmarrn druckt. Das alles steht Diehl zur Verfügung. Wenn dann noch ein paar unbedarfte Aktivisten dazukommen, die ein Denkmal beschmieren – umso besser.

So tobt also jetzt in Hamburg der Streit um ein Bismarckdenkmal. Es gibt da, um die Verrücktheiten aus der linken Provinz erst einmal aufzuzählen, eine (sie heißt wirklich so!) „Initiative Decolonize Bismarck“. Ein gewisser Kodjo Gläser, offenbar ein profunder Bismarck-Kenner und zugleich Mitglied der „Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland“, fordert unter der Überschrift „Vor allem Schwarze Menschen sollen entscheiden“ kategorisch, die deutschen Schul- und Geschichtsbücher müßten umgeschrieben werden, und zwar „unter Federführung der durch Kolonialismus Betroffenen bzw. von deren Nachfahren“ (hier nachzulesen). Und Hannimari Jokinen vom „Arbeitskreis Hamburg postkolonial“, eine bildende Künstlerin, die sich selbst als als „Stadtraumforscherin“ bezeichnet und „mit Historikern zusammenarbeitet“, wittert überall in Hamburg eine „Herrenmenschenkultur“ und ist entsetzt, daß in der Hafencity

Gebäude nach einstmals gewinnbringenden Kolonialwaren und Plätze nach Wegbereitern für koloniale Eroberungen benannt werden: Magellan-Terrassen, Marco Polo-Terrassen, Vasco da Gama-Platz. Nach hanseatischer Lesart sind diese Namensgeber euphemistisch »Erkunder weltweiter Handelswege« – oder der Letztgenannte schlicht ein »portugiesischer Seefahrer«.

Die Entscheidungsstrukturen in Hamburg seien „immer noch weiß“, bedauert sie.

Man könnte über solche Kindereien lachen, wenn nicht – ja, wenn nicht genauso unbedarfte Politiker der Grünen, der SPD und der Linken sich eilfertig diesen selbsternannten Historikern als politischer Arm zur Verfügung stellten. Auf eine Reaktion der akademischen Geschichtswissenschaft zu warten, dürfte vergebens sein: wie die Jagdszenen an der Humboldt-Universität belegen, wo anonyme trotzkistische Gruppen versucht haben, renommierte Historiker wie Herfried Münckler und Jörg Baberowski durch Denunziation zum Schweigen zu bringen, wird es an den Universitäten immer schwerer, einen freien Diskurs zu führen.

Daran sind nicht zuletzt die Universitätsleitungen schuld, die sich oft nur halbherzig für ihre Professoren einsetzen. Warum? Fürchten sie den Druck linker Studentengruppen?

„Forschung und Lehre sind frei“, heißt es in Art. 5 GG. Niemand darf das freie Wort an den Universitäten einschränken oder gar die Vertreter unbequemer Meinungen durch Druck einschüchtern. Niemand! – und schon gar nicht kleine Grüppchen von Ideologen, deren schlichtes Weltbild für sich spricht.

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Trumps Geist wird noch lange spuken

Trump ist ein kranker Mann. Selbst wenn man ihn wegen Hochverrats vor Gericht stellen könnte, würde man ihn aufgrund seiner schweren narzißtischen Persönlichkeitsstörung vermutlich in die Psychiatrie und nicht in ein Gefängnis einweisen.

Aber wie steht es mit seiner Entourage? Wie steht es mit Ted Cruz, Rudy Giuliani und all den anderen Hofschranzen? Und vor allem: wie steht es mit der Republikanischen Partei, die Trump ins Amt gebracht und vier Jahre lang (mit nur ganz wenigen Ausnahmen wie dem ehrenwerten John McCain) seine Lügen und sein großmäuliges Geschwätz mitgetragen hat? Erst jetzt, da Senatoren und Abgeordnete von schwerbewaffneten Polizisten durch die unterirdischen Gänge geschubst wurden, um sie vor Trumps Mob zu schützen, erst jetzt, da sie in Safe Rooms und verbarrikadierten Sitzungssälen hilflos auf den Ausgang der Erstürmung warteten – erst jetzt begriffen viele Republikaner, was für eine Büchse der Pandora sie selbst da geöffnet hatten.

Besser spät als nie, könnte man sagen. Aber die Umfragen nach den Ereignissen in Washington lassen nicht wirklich Freude aufkommen. Immerhin: 63% der Befragten verurteilten den Überfall (hier nachzulesen), aber 21% fanden ihn gut. Bei den Anhängern der Republikanischen Partei war sogar eine knappe Mehrheit (45%) auf der Seite der Aufständischen, 43% verurteilten die Aktion.

Es wird wahrscheinlich noch Jahre oder Jahrzehnte dauern, bis die Folgen der Ära Trump überwunden sind. Um die Last, die sich Joe Biden aufgebürdet hat, kann man ihn nicht beneiden.

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Lesbische Sichtbarkeit

Man hat in siebzig Lebensjahren ja schon viel erlebt, aber daß vom Land Hessen, also von Amts wegen, ein mit 10.000 Euro dotierter „Preis für lesbische Sichtbarkeit“ ausgelobt wird, zeigt mir, daß das Leben immer noch für eine Überraschung gut ist.

Manchmal ist man im übrigen froh, daß man über eine Nachricht hinweggelesen hat, so auch hier, denn die Übergabe des Preises „im Rahmen eines feierlichen Festakts“ an die Sozialpädagogin Veronica King fand schon im Oktober statt – und ist spurlos an mir vorübergegangen. Der Hessische Minister für Soziales und Integration, Kai Klose (Die Grünen), hat es sich natürlich nicht nehmen lassen, den Preis persönlich zu überreichen. Eine „sehr würdige Preisträgerin“ sei Veronica King, sie sei

als schwarze lesbische Frau erkennbar, teile ihre Erfahrungen und arbeite mit viel Energie daran, Strukturen zu öffnen und weiterzuentwickeln.

„Den lesbischen Aktivismus verknüpft sie dabei gekonnt mit Antirassismus- und Bildungsarbeit.“

Nun muß man zwei Dinge voneinander trennen. Die Diskriminierung von Homosexuellen ist in einer liberalen Demokratie (und die liegt mir sehr am Herzen!) unannehmbar, sie verstößt nicht nur gegen unsere Verfassung, sie muß auch in der Gesellschaft, also im gewöhnlichen Alltag, bekämpft werden. Das ist freilich weithin schon erreicht, wenn man von ein paar sehr ländlichen und sehr frommen Gegenden absieht.

Etwas anderes ist die Überschwemmung der ganzen Gesellschaft mit Lobpreisungen eines spezifisch schwulen oder lesbischen Lebensstils, den viele (wenn nicht die meisten!) homosexuellen Menschen gar nicht teilen. Mit der jeweiligen sexuellen Orientierung ist man auf die Welt gekommen, es ist also keine Leistung, und wenn man hin und wieder liest, jemand sei stolz, schwul zu sein, dann ist das völlig absurd, denn stolz kann man nur auf etwas sein, das man durch eigene Leistung erreicht hat. Die sexuelle Orientierung gehört gewiß nicht dazu – sie ist einfach gegeben. Und was die Sichtbarkeit in der medialen Öffentlichkeit angeht, so sind Schwule und Lesben dort inzwischen wirklich nicht mehr unter-, sondern im Verhältnis zu ihrer Zahl überrepräsentiert. Wer Fernsehkrimis schaut, weiß, daß praktisch kein einziger Film mehr ohne Schwule, Lesben oder Transen auskommt. Drehbücher ohne Rollen aus dem LGBT-Milieu werden vermutlich gar nicht mehr angenommen. Das gilt auch für Farbige: muß ein Kommissar oder ein Staatsanwalt ersetzt werden, dann ist die Rollenbeschreibung Frau/jung/farbig ideal, während Mann/alt/weiß gänzlich chancenlos ist.

Hier hat ein ideologisch begründeter Proporz- und „Gerechtigkeits“-Fanatismus eingesetzt, über den man nur den Kopf schütteln kann. Er betrifft ja nicht nur die Homosexualität. Nehmen wir die Veganer, die (im Unterschied zu den Vegetariern!) eine verschwindend kleine Minderheit bilden, aber in den Medien mit einer Ehrfurcht behandelt werden, als handele es sich bei ihnen um Vertreter der heiligsten und moralischsten aller denkbaren Lebensformen. Fast niemand, der auf Straßenumfragen interviewt wird, traut sich noch, etwas gegen sie zu sagen. Oder die (Sprach-) Feministinnen: auch sie eine kleine Minderheit, die es aber geschafft hat, ihren unheilvollen Einfluß auf die deutsche Sprache weit in die Medien und in die Gesellschaft hineinzutragen. Obwohl diese Minderheiten, jede für sich, sehr unterschiedliche Ziele haben, ist ihnen strukturell eines gemeinsam: sie begnügen sich nicht damit, ihre selbstverständlichen Rechte wahrzunehmen, sie wollen mit ihren Themen und Zielen der Mehrheitsgesellschaft – und ich gebrauche dieses Wort sehr bewußt – die Show stehlen. Ihr (nicht nur medialer) Herrschaftsanspruch geht weit über die eigene Klientel hinaus. Deshalb werden Vertreter der Mehrheit oft herablassend behandelt. Die oft unflätige Beschimpfung der „Fleischfresser“ durch rabiate Veganer (man besuche ein beliebiges Internetforum!) ist ein trauriges Beispiel dafür. Und Veronica King etwa, die oben genannte Preisträgerin, übernimmt kritiklos den feministischen Begriff der „Heteronormativität“, der in der (politisch immer einseitigeren) Wikipedia so definiert wird:

Heteronormativität bezeichnet eine Weltanschauung, welche die Heterosexualität als soziale Norm postuliert.

Falsch: Heterosexualität wird nicht als soziale Norm postuliert, sie ist die biologische und soziale Norm. Wenn je nach Definition an die 90% der Menschen heterosexuell sind, dann ist das ja wohl die Norm. Da helfen keine Sophismen.

Zugrunde liegt eine binäre Geschlechterordnung … Das heteronormative Geschlechtermodell geht von einer dualen Einteilung in Mann und Frau aus, wobei es als selbstverständlich angesehen wird, dass eine heterosexuelle Entwicklung vorgesehen ist und damit der „normalen“ Verhaltensweise entspricht.

Wieder falsch: nicht die Anschauung von der Welt ist binär oder dual, sondern die Welt selbst. Wer die „Einteilung in Mann und Frau“ nicht der Natur, sondern einem „Geschlechtermodell“ zuschreibt, hängt einer pseudowissenschaftlichen Ideologie nach, die sich nur deshalb an den Universitäten hat ausbreiten können, weil sie auf allen Ebenen politisch vom linken und grünen Lager unterstützt und mit Professuren überhäuft wird. Eine wirklich freie Diskussion darüber ist kaum mehr möglich, weil man sich Andersdenkende vom Leibe hält (d.h. von Diskussionen auslädt oder einfach nicht zu Wort kommen läßt).

Der Vergleich mit den rabiaten marxistischen Studenten der 68er-Bewegung ist daher mehr als gerechtfertigt. Die feministischen Frauennetzwerke sind freilich viel besser organisiert, und sie haben es, anders als die vergleichsweise plump agierenden (und agitierenden) Studenten damals, geschafft, tief in die Medien einzudringen, die ihre pseudowissenschaftlichen Begriffe fast kritiklos übernehmen und sich den feministischen Sprachvorschriften beugen.

PS: Gerade lese ich auf einer Genderseite von der im Alltag leider immer noch verbreiteten

Annahme, es gäbe zwei gegensätzliche Geschlechter und diese seien sexuell aufeinander bezogen.

Zwei gegensätzliche Geschlechter? Und die auch noch sexuell aufeinander bezogen? Ja, wer glaubt denn noch an so etwas!

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