Johann Gottlieb Fichte und das „heitere Wehen des Alterthums“

In seinen Aphorismen über Erziehung aus dem Jahre 1804 schreibt der deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte (1762-1814):

Einen Menschen erziehen heisst: ihm Gelegenheit geben, sich zum vollkommenen Meister und Selbstherrscher seiner gesammten Kraft zu machen. Der gesammten Kraft, sage ich; denn die Kraft des Menschen ist Eine und ist ein zusammenhängendes Ganze. Sogleich in der Erziehung einen abgesonderten Gebrauch dieser Kraft als Ziel ins Auge fassen, — den Zögling für seinen Stand erziehen, wie man dies wohl genannt hat, würde nur überflüssig seyn, wenn es nicht verderblich wäre. Es verengt die Kraft und macht sie zum Sklaven des angebildeten Standes, da sie doch sein Herrscher seyn sollte. Der völlig und harmonisch ausgebildeten Kraft kann man es überlassen, von welcher Seite her sie sich der Welt und der Praxis in ihr nähern werde […] Wer überhaupt nur wirklich ist, ein vernünftiges und in jedem Augenblicke selbstthätiges Wesen, wird immer mit Leichtigkeit sich zu dem machen, was er in seiner Lage seyn soll. Wer aber durch irgend eine äusserliche Einübung (Dressur) den leider ermangelnden Thierinstinct ersetzt hat, der bleibt eben in dieser Schranke befangen, die ihn wie eine zweite, ihm undurchdringliche Natur umgiebt, und die Erziehung, der Unterricht hat ihn gerade beschränkt, getödtet, statt ihn zu befreien und zum lebendigen Fortwachsen aus sich selbst fähig zu machen.

Umfassende Bildung und nicht Dressur und Einengung auf ein vorgegebenes Ziel – das wäre eine moderne, der Aufklärung verpflichtete Erziehung, dürfte aber heute, so wie es an unseren Schulen zugeht, nicht einmal im Ansatz zu erreichen sein.

Dann fährt Fichte fort:

Für Entwickelung der Geisteskraft in diesem allgemeinsten Sinne haben wir Neueren nichts Zweckmässigeres, als die Erlernung der alten klassischen Sprachen. Ob man fürs Leben jemals dieser Sprachen bedürfen werde, davon sey nicht die Frage: ja sogar davon werde abgesehen, ob es dem aufkeimenden Geiste räthlicher sey, in der gepressten Luft der modernen Denkart, oder in dem heiteren Wehen der Schriftsteller des Alterthums zu athmen.

Das ist natürlich „tiefstes 19. Jahrhundert“, schon wenige Jahrzehnte später, als Wissenschaft und Technik immer mehr das Leben bestimmten, ging man daran, die alten Sprachen im Stundenplan zu dezimieren. Mittlerweile erleben wir einen Kahlschlag ohnegleichen: immer mehr Studienfächer verzichten darauf, wenigstens das Latinum noch als Voraussetzung für das Studium beizubehalten. Juristen und Mediziner (!) brauchen in Deutschland kein Latinum mehr, und in NRW verzichtet man darauf sogar bei Lehramtsstudenten der romanischen Sprachen. Selbst ein Bachelorstudium in Philosophie und Geschichte – man höre und staune! – ist an einigen Universitäten ohne lateinische Grundkenntnisse möglich. Österreich und die Schweiz sind übrigens beim Raubbau an den Grundlagen der eigenen Kultur wesentlich zurückhaltender.

Heute redet man wieder gern vom „christlichen Abendland“, von den Werten und Grundlagen der europäischen Kultur, vom griechisch-römischen und christlichen Fundament Europas, das man entschlossen verteidigen will, aber zugleich macht man es den Schülern immer leichter, sich ohne jede Kenntnis dieser Grundlagen (und mit viel „Internet-Recherche“) durch die Schulzeit zu mogeln. Man will ihnen möglichst alles ersparen, was für eine gelungene Bildung notwendig ist: Ausdauer beim Lernen, Hartnäckigkeit und die eigene Anstrengung beim Lösen von Aufgaben. Und schon hört man auch wieder aus „fortschrittlichen“ Kreisen das dumme Wort von den „Arbeiterkindern“, denen man auf dem Weg zum Studium keine zu großen Steine in den Weg legen dürfe.

Wer Kindern keine Steine in den Weg legt, verhindert, daß sie wachsen und ihre geistigen Kräfte entwickeln können.

So bleiben viele, um noch einmal Fichte zu zitieren, in jener „Nebelwelt halbverstandener, nie bis auf ihren Kern untersuchter Vorstellungen, in der das gewöhnliche Bewusstseyn, auch der sogenannten Gebildeten, lebt“.

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Die Wowser sind wieder groß im Kommen!

Kennen Sie H.L. Mencken? Nein? Da geht es Ihnen wie den den meisten Menschen außerhalb der USA.

Mencken (1880-1956) war ein unerschrockener Journalist, der keiner Konfrontation aus dem Wege ging. Er war oft bitterböse, auch ungerecht, aber er hatte Mut, viel Mut. Ein Beispiel. Da gab es in Boston eine Niederlassung der New England Watch and Ward Society, die sich die Ausrottung des Lasters auf die Fahnen geschrieben hatte – ihr Gründungsname war deshalb auch Society for the Suppression of Vice („Gesellschaft zur Unterdrückung des Lasters“). Ihr Ziel war es, in Theaterstücken, Büchern und vor allem in Zeitungen nach „anstößigen“ Wörtern zu fahnden. Der New Yorker Ableger hatte auf seinem Siegel links eine Festnahme, rechts die Abbildung einer Bücherverbrennung – es ging hier also keineswegs um ein harmloses Kuriosum. Anthony Comstock, ihr Gründer, behauptete, offenbar nicht ohne Stolz, er habe „4000 Verhaftungen und 15 Selbstmorde verursacht“. Ein lupenreiner Christenmensch!

Der Sekretär der Bostoner Abteilung der Gesellschaft war ein frommer Reverend namens Frank Chase. Er sorgte als selbsternannter und bestens vernetzter Zensor dafür, daß Zeitungen mit unzüchtigen Wörtern gar nicht erst verkauft wurden. Auch Menckens Monatszeitschrift The American Mercury fiel 1926 in Boston der Zensur durch den Reverend zum Opfer, weil in einem völlig harmlosen Artikel über eine Prostituierte das Word „damned“ vorkam. Mencken hatte eine tiefe Verachtung für die bigotten Kleingeister, die ihre Mitmenschen schon bei der Polizei denunzierten, wenn die am Sonntagmorgen an ihrem Auto hantierten. Besonders ärgerte es ihn, daß durch diese fanatischen Puritaner und ihre zum Teil ungesetzlichen und heimlich durchgeführten Aktionen ein Klima der Drohung und Einschüchterung (threat and intimidation) entstanden war. Mencken ging zum Angriff über. Unterstützt von einem Anwalt der American Civil Liberties Union fuhr er nach Boston und verkaufte seinem Erzgegner Chase inmitten einer riesigen Menschenmenge, die zum Teil auf Bäume und Balkone geklettert war, ein Exemplar seines Mercury.

Der folgende Dialog ist überliefert:

“Are you Chase?” fragte Mencken.
“I am”.
“And do you want to buy a copy of the Mercury?”
“I do”.

Chase bezahlte, nahm die Zeitung in Empfang und befahl dann einem Polizisten, der ihn begleitete: „Officer, arrest that man!“

Mencken wurde durch die Menschenmenge zur Wache geführt und gegen eine Kaution von 500 $ auf freien Fuß gesetzt. Am nächsten Morgen stand er wegen „Verbreitung von Obszönitäten“ vor Gericht – eine riskante Sache, denn im Fall eines Schuldspruchs drohten ihm zwei Jahre Gefängnis, und alle waren sich einig, daß es dazu kommen würde. Aber der Richter, James P. Parmenter, überraschte alle: Mencken wurde freigesprochen. Es handle sich bei Menckens Artikel, so sagte er in seiner Urteilsbegründung, um eine „zwar freizügige, aber zugleich intellektuelle Beschreibung der Prostitution“, und er könne darin nichts entdecken, was „zu sexuellen Anwandlungen oder lasziven Gedanken“ anregen würde.

Mencken hatte einen unerwarteten Sieg über die Wowser errungen.

Die Wowser? Das ist ein Wort, das man in jenen Jahren häufig bei Mencken findet. Es stammt aus dem australischen Slang und bezeichnet im englischen Sprachraum im engeren Sinne einen fanatischen Puritaner, im weiteren einen scheinheiligen und bösartigen Moralisten, der anderen seine Meinung aufzwingen will. Der australische Schriftsteller C.J. Dennis (1876-1938) hat Wowser einmal so definiert:

An ineffably pious person who mistakes this world for a penitentiary and himself as a warder.

Ein unsagbar frommer Mensch, der diese Welt für ein Zuchthaus hält und sich selbst für einen der Wärter.

Mir scheint, daß es an solchen Wowsern auch heute nicht fehlt, ja daß sie viel häufiger als noch vor ein paar Jahrzehnten auch in Deutschland ihr Unwesen treiben. Sie sind überall: sie wollen, daß ich mich vegan ernähre, daß ich meiner Impflicht nachkomme, daß ich keine Plastiktüten benutze, daß ich auf meinen CO2-Fußabdruck achte, daß ich Frauen nicht mit altmodischen Komplimenten belästige – nur eines wollen sie nicht: daß ich mich des Daseins freue und das Leben genieße. Denn – um noch einmal Mencken zu zitieren: diese Moralisten treibt „die quälende Angst, daß irgendwo irgendjemand glücklich sein könnte“ (the haunting fear that someone, somewhere, may be happy).

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Ein kleine Lobpreisung des guten alten Drehknopfes

Als unser Küchenradio vor einiger Zeit sein irdisches Ende fand, holten wir seinen Vorgänger aus dem Keller, den wir aus einem unerfindlichen Grund aufgehoben hatten. Ein erster Test zeigte: er war schon ein bißchen ramponiert und zerkratzt, aber er funktionierte noch. Aber unser Glück war vollkommen, als wir ein altmodisches Detail entdeckten, das es heutzutage kaum mehr gibt: einen Drehknopf zum Einstellen der Lautstärke!

Am Handy und auf tausend anderen Geräten muß man heute abwechselnd auf Plus- und Minustasten einhämmern, bis man die gewünschte Lautstärke erreicht hat. Wenn es sehr laut ist und man das Gerät auf ganz leise stellen will, weil zum Beispiel das Telefon klingelt, muß man schon einmal sechs- oder achtmal die Minustaste drücken. Beim Handy genauso.

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Wie menschen- und benutzerfreundlich ist dagegen der gute alte Drehknopf! Das Drehen des Knopfes ist eine natürliche Bewegung, sie kommmt dem Menschen entgegen, und man kann mit ihr viel schneller (und stufenlos!) die gewünschte Lautstärke einstellen. Ähnlich ist es bei vielen den heutigen Kameras. Selbst bei einer alten Spiegelreflexkamera kann ich durch das Drehen des Einstellungsrings in Sekunden auf das Objekt scharfstellen. Versuchen Sie einmal, mit einer heute gängigen Bridgekamera manuell zu fokussieren! Ich weiß, das übernimmt im Normalfall die Automatik, aber die kommt bei schwierigeren Aufnahmesituation an ihre Grenzen. Ein einziges Mal habe ich versucht, mit meiner Lumix auf einen Gegenstand manuell scharfzustellen. Es war ein so elendes Gefingere, daß ich den Versuch nie wiederholt habe.

Das Drehen ist eine Bewegung, die man mit viel mehr Feingefühl ausführen kann – sie ist unersetzlich. Wenn ich an einem heutigen Radio einen nicht gespeicherten Sender finden will, geht es wie bei der Lautstärke zu: man drückt sich – links, links, rechts, rechts – die Finger wund. Bei den früheren Geräten mit einem Drehknopf zur Sendersuche hat man, zum Beispiel im Kurzwellenbereich, mit viel Gefühl auch noch ganz nahe nebeneinander liegende Sender ohne Problem finden können.

Manchmal hat man den Eindruck, daß die Konstrukteure nur noch von ihrer Technik her denken und arbeiten und den menschlichen Benutzer gar nicht mehr im Blick haben.

Wir werden unser altes Küchenradio jedenfalls in Ehren halten, bis es eines natürlichen Todes stirbt.

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My cup of tea

Zu den Redensarten, die seit einigen Jahren bei uns im Umlauf sind, gehört der Satz

Das ist nicht mein Ding.

Im Englischen gibt es zwar den ähnlichen Ausdruck „it is not my thing“, aber einen viel schöneren habe ich gestern in einem älteren Interview entdeckt. Die 1953 in Paris gegründete Literaturzeitschrift The Paris Review hat sich vor allem durch ihre Interviews mit zeitgenössischen Schriftstellern große Verdienste erworben. In einem dieser Gespräche wurde T.S. Eliot gefragt, ob er von den Gedichten des Lyrikers Robinson beeinflußt worden sei. Er habe einige Zitate aus dessen Gedichten in einem Zeitungsartikel gelesen, erwiderte Eliot, aber

that wasn’t my cup of tea at all.

Ist das nicht viel, viel schöner als unser plumpes „nicht mein Ding“?

Dabei scheint der Ausdruck „that isn’t my cup of tea“ im englischsprachigen Raum schon lange geläufig zu sein, aber ich muß gestehen, daß er mir heute zum ersten Mal begegnet ist. Es gibt ihn auch in der Formulierung „not everyone’s cup of tea“, auf Deutsch etwa: „nicht jedermanns Sache“. Und im Internet können Sie sogar Postkarten mit der Liebeserklärung „You are my cup of tea“ bestellen. Ähnliche Formulierungen findet man in England schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

PS: Wir haben ja im Deutschen auch noch den Ausdruck „das ist nicht mein Fall“, der aber leider weitgehend durch das „Ding“ verdrängt worden ist.

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Das Morgengrauen der Demokratie?

Nach dem Brand in Kapstadt, der gestern Teile des südafrikanischen Parlamentsgebäudes zerstörte, sagte der Abgeordnete Steve Swart, dieses Unglück habe große Bedeutung für alle Menschen in Südafrika:

Because here was the dawn of democracy in 1994.

Das ARD-Studio in Johannesburg übersetzt dieses Satz in einem Bericht für die Tagesschau so:

Denn hier hatten wir das Morgengrauen der Demokratie 1994.

Das Morgengrauen? Rolf Robischon hat ein Buch mit diesem Titel geschrieben: da geht es um das morgendliche Grauen von Schülern und Lehrern vor dem Betreten der Schule. Ein solches Grauen hat der südafrikanische Abgeordnete sicher nicht gemeint. Das englische Wort dawn bedeutet, ganz neutral übersetzt, die „Morgendämmerung“, mit der ein neuer Tag beginnt. Dagegen ist dusk die „Abenddämmerung“. Deshalb sagt man mit einer geläufigen Redewendung auch from dawn to dusk, also „von der Morgendämmerung bis zur Abenddämmerung“, oder kurz „von morgens bis abends“.

Metaphorisch könnte man dawn auch mit „Morgenröte“ übersetzen, aber das ist vielleicht ein bißchen zu lyrisch. Morgengrauen ruft jedenfalls Assoziationen hervor, die der Sprecher ganz bestimmt nicht gemeint hat.

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Allen meinen Lesern

wünsche ich ein gesundes und friedliches Jahr 2022!

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Claudia Roth und die wunderbare Verschiedenheit

In einem Beitrag der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung – „Vier Fragen an Claudia Roth“ – bekennt die neue Kulturstaatsministerin, daß sie „tief in den Biografien von inspirierenden Frauen versinken“ könne, aber auch „gerne skandinavische Krimis rauf und runter“ lese.

Ohne den dummen, inzwischen bis zum Überdruß strapazierten Topos der Diversität geht es freilich auch bei ihr nicht:

Ich bin immer gespannt auf die Diversität und den Reichtum unserer Kultur in all ihren Facetten. Bisher nimmt leider viel zu wenig der wunderbaren Verschiedenheit unserer Gesellschaft Raum im kulturellen Diskurs ein, beispielsweise sollten Menschen mit Migrationsgeschichte, LGBTIQ und Frauen mehr Aufmerksamkeit bekommen.

Ach ja? Das ist eine merkwürdige Forderung, wenn man bedenkt, daß mittlerweile in fast allen Medien, im Theater, in Zeitungen, in Radio und Fernsehen und selbst im letzten Tatort und im allerletzten Polizeiruf so viele queere Personen und so viele „Menschen mit Migrationshintergrund“ und „People of Color“ gezeigt und damit, wie es im Szenejargon heißt, sichtbar gemacht werden, daß man es kaum mehr erträgt. Man merkt die aufdringliche pädagogische Absicht, und man ist verstimmt.

Und wenn man vom „Reichtum unserer Kultur“ spricht, dann sollte man auch (wenigstens hin und wieder) an den Reichtum unserer eigenen Kultur denken und nicht nur an eine gebetsmühlenhaft beschworene Diversität. Hier sind – etwa in Literatur, Religion und Musik – ganze Traditionen dabei, immer rascher in Vergessenheit zu versinken, denn was nicht mehr in Schule und Elternhaus gelernt wird, kann auch nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben werden. Wie sollen die vielen illiterat gewordenen (oder gemachten) jungen Menschen, die ihre kulturellen Bedürfnisse auf Youtube und Instagram befriedigen, die Schätze, mit denen man sie nie bekanntgemacht hat, an ihre eigenen Kinder weitergeben? Diese Abwärtsspirale ist in vollem Gang.

Nur wenn man die eigene Kultur kennt und schätzt, kann man sich an den „Weltkulturen“ wirklich erfreuen.

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Hartes Gemetzel in der Heiligen Nacht

Natürlich stimmt es, daß auch in Deutschland die Säkularisierung immer weiter voranschreitet. Aber muß man denn in dieser stillen und heiligen Nacht Horrorfilme wie The Fog – Nebel des Grauens, True-Crime-Geschichten wie Snapped – Wenn Frauen töten oder einen Film wie Conan senden, dem eine Fernsehzeitschrift das Prädikat „hartes Gemetzel“ verliehen hat?

Etwas ganz Besonderes hat sich – wie zu erwarten – RTL 2 für diese Nacht ausgedacht: statt der „heiligen“ gibt es auf diesem Qualitätssender eine „Rambo-Nacht“. Sie beginnt um 20.15 Uhr mit „Rambo I“ und endet am frühen Morgen um 5.15 Uhr mit der Wiederholung von „Rambo III“.

Also neun Stunden lang Rambo und nichs als Rambo in der Heiligen Nacht – darauf muß man erst einmal kommen.

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Ein frohes Weihnachtsfest wünsche ich meinen Lesern und allen Menschen, die guten Willens sind!

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Der lange Marsch des Feminismus durch die Institutionen (7): Ulrike Lembke und die Humboldt-Universität

Wenn eine Stadt eine leibhaftige Professorin mit einem Gutachten beauftragt, dann kostet das Geld, viel Geld. Und Geld ist in den meisten Kommunen knapp. Da will man wenigstens die Gewißheit haben, daß das Gutachten im gewünschten Sinne ausfällt. Die Auswahl des richtigen Gutachters ist also von größter Bedeutung.

Nehmen wir einmal Hannover, die Hauptstadt des Landes Niedersachsen. Dort war man unseliger Vorreiter für das amtlich erzwungene Gendern in Deutschland. Schon am 18. Januar 2019 erließ die Stadtverwaltung eine „Regelung für geschlechtergerechte Sprache“ – und plapperte darin (ganz im Szenejargon!) nach, was an Peinlichkeiten schon damals im Umlauf war: das Schreiben richtete sich „an Frauen und Männer und diejenigen, die sich selbst nicht als Frau oder Mann beschreiben“; die Regelung trage „der Vielzahl geschlechtlicher Identitäten Rechnung“ usw. Man sieht, daß es bereits vor Jahren eine inhaltliche Verschiebung von der (grundgesetzlich sogar verpflichtenden) Gleichberechtigung der Frau hin zu allen möglichen Schattierungen der „Transpersonen“ gab, die zwar nur einen fast nicht mehr meßbaren Anteil an der Gesamtbevölkerung haben, durch ihre lautstarke Lobby und (noch mehr) durch die offenbar unstillbare und vermutlich nur in medizinischen Studien zu erklärende Lust der Grünen an der „Vielzahl geschlechtlicher Identitäten“ ein politisches Gewicht bekommen haben, das ihnen in keiner Weise zusteht. Ich erinnere in diesem Zusammenhang daran, daß die Grünen zumindest im ersten Jahrzehnt ihre Bestehens sogar eine ganz besonders verwerfliche „geschlechtliche Identität“, nämlich die des Pädophilen, in mehreren Parteibeschlüssen verteidigt haben (hier nachzulesen).

Der Flyer der „Regelung“ aus Hannover wurde von Maren Gehrke, der Stellvertretenden Gleichstellungsbeauftragten der Stadt, erstellt – „mit freundlicher Unterstützung von Verena Balve (Gleichstellungsbeauftragte Stadt Flensburg)“. Man sieht: die Netzwerke funktionieren nicht nur bei den Professoren der Gender Studies. Eine Empfehlung, ob sie nun auf Hannoveraner oder Flensburger Mist gewachsen ist, war die Vorschrift, statt „der Ingenieur / die Ingenieurin“ müsse es nun

der*die Ingenieur*in

heißen. Die Begründung:

In solchen Fällen wird der Genderstar auch zwischen den Artikeln gesetzt, um auf die Vielfalt der Geschlechter hinzuweisen.

Narrhalla-Marsch!

Schon im März 2017 hatte Volker Epping, der Präsident der Universität zu Hannover, zusammen mit der „Leiterin Hochschulbüro für Chancenvielfalt“, Helga Gotzmann, einen „Leitfaden: Geschlechtergerechtes Formulieren von Texten“ veröffentlicht. Um einen bloßen Leitfaden handelt es sich dabei aber keineswegs, das macht Epping, ein Professor für Öffentliches Recht, Völker- und Europarecht, schon in seinen Eingangsworten deutlich:

Ich bitte Sie, allen Beschäftigten Ihres Bereichs diesen Leitfaden mit der Anlage zur Kenntnis zu geben. Die Vorgaben sind für den dienstlichen Verkehr als verbindlich zu betrachten.

Das Symposium, das im Mai zum Ausscheiden der Gleichstellungsbeauftragten von der Universität Hannover veranstaltet wurde, trug übrigens den Titel „Professorinnen als Motor der Veränderung: Female Leadership im Hochschulkontext“.

Das alles war aber offenbar immer noch nicht genug. Um sich rechtlich abzusichern, hat die Stadt Hannover ein Gutachten mit folgendem Titel angefordert:

Geschlechtergerechte Amtssprache
Rechtliche Expertise zur Einschätzung der Rechtswirksamkeit von Handlungsformen der Verwaltung bei Verwendung des Gendersterns oder von geschlechtsumfassenden Formulierungen.

Der Auftrag erging an die Professorin Ulrike Lembke, die an der Humboldt-Universität zu Berlin Öffentliches Recht lehrt und zugleich Mitglied des dortigen Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien ist. Nach ihrem Zweiten Staatsexamen lehrte Lembke laut Wikipedia

bis 2015 als Juniorprofessorin für Öffentliches Recht und Legal Gender Studies an der Fakultät für Rechtswissenschaft der Universität Hamburg, von 2017 bis 2018 als Professorin für Gender im Recht an der FernUniversität in Hagen und seit 2018 als Professorin für Öffentliches Recht und Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin.

Ihre Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem in den Bereichen Rechtliche Geschlechterstudien, insbesondere Intersektionalität und Postkategorialität, Gewalt im Geschlechterverhältnis, Antidiskriminierungsrecht und Rechtssoziologie.

Muß man da noch rätseln, wie das Gutachten ausgefallen ist? Die Stadt Hannover bekommt aber nicht nur, wofür sie gezahlt hat, sondern noch viel mehr: der staatliche Zwang zum Gendern, so die „Expertise“ der Gutachterin, ist nicht nur mit dem Grundgesetz vereinbar, das Gendern geht vielmehr als Pflicht unmittelbar aus dem Gleichberechtigungsgebot des Grundgesetzes (Art.3 GG) hervor. Dabei fällt auf, daß der sprachwissenschaftliche Sachverstand der Autorin eher bescheiden ist. Als handele es sich bei ihrer Arbeit um ein feministisches Pamphlet und nicht um ein juristisches Gutachten, macht sie aus dem „generischen Maskulinum“ flugs ein „pseudo-generisches Maskulinum“ (dieses Wort taucht 123 mal in ihrem Gutachten auf!), sie schreibt, fast wie einst die 68er, im Stil des Geschlechterkampfs von einer „Perpetuierung gesellschaftlicher Machtverhältnisse durch Fortsetzung eines vorgefundenen Zustandes“, sie wirft den Verwaltungen, die noch nicht gendern, Pflichtvergessenheit vor, weil sie „in grober Verletzung rechtsstaatlicher Grundsätze davon ausgehen, ihre gesetzlichen Bindungen vernachlässigen zu können“, und der Rat für deutsche Rechtschreibung, der sich („vorübergehend“, wie Lembke hofft) gegen den Genderstern entschieden hat, wird geradezu beschimpft: seine Schlußfolgerungen seien „unbrauchbar“, zur „Regelung geschlechtergerechter Amts- und Rechtssprache“ habe er gar keine Kompetenz. Und weiter:

Aus rechtlicher Sicht ist die Verwendung geschlechtergerechter Amtssprache inklusive des Gendersterns keine Irregularität, sondern für hoheitliches Sprachhandeln und damit die Verwaltung insgesamt im demokratischen Rechtsstaat unverzichtbar.

Natürlich kommt auch hier wieder die ideologische Formulierung von der „sprachlichen Unsichtbarmachung“ der Frauen ins Spiel, und auch die Definition des Gleichberechtigungsgebots als „ein zu Gunsten von Frauen wirkendes, antipatriarchales
Verbot, von der gesellschaftlich dominanten Gruppe der Männer unterdrückt zu
werden“ zeigt, wie in dieser „Expertise“ – man könnte beinahe in Lembkescher Manier von einer Pseudo-Expertise sprechen – die Grenze zwischen juristischer Argumentation und feministischer Agitation verschwimmt. Vieles an diesem Gutachten läßt sich, wie es Reinhard Bingener in der F.A.Z. ausdrückt, „mit dem Streben nach einer wertneutralen Sprache in der Wissenschaft schwerlich vereinbaren“.

Lembke ist übrigens seit letztem Jahr auch Richterin am Landesverfassungsgericht Berlin. Vorgeschlagen wurde sie für dieses Amt von der Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Ihre Mitstreiterin an der Humboldt-Universität, Susanne Baer (Lembke kann sie in den Fußnoten gar nicht oft genug zitieren), schaffte es auf Vorschlag von SPD und den Grünen sogar in den Ersten Senat des Bundesverfassungsgerichts (siehe unten).

Verglichen mit diesen immer dichter werdenden feministischen Netzwerken wirken die „männlichen Seilschaften“ geradezu kümmerlich.

Die bisher erschienen Folgen der kleinen Reihe „Der lange Marsch des Feminismus durch die Institutionen“ finden Sie hier:

Kathrin Kunkel-Razum, Chefin der DUDEN-Redaktion
Katja Thorwarth und die Frankfurter Rundschau
Nina George und das PEN-Zentrum Deutschland
Lena Hornstein und wetter.com
Susanne Baer und das Bundesverfassungsgericht
Johanna Rahner, das Rumgesumse und die katholische Kirche

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