Kritik am Sultan = Terrorpropaganda

Erdogan hat wieder zugeschlagen: ein kurdischstämmiger Deutscher, der in Hamburg als selbständiger Taxifahrer arbeitet, ist während eines Besuchs bei seiner Mutter in der Südost-Türkei verhaftet worden. Hier kann man den Grund der Verhaftung nachlesen:

Auf seiner Facebook-Seite soll sich Ilhami A. kritisch gegenüber der türkischen Regierung geäußert haben, so der Anwalt. In dem Haftbefehl werde Ilhami A. deswegen Terrorpropaganda vorgeworfen.

Natürlich sind die Schergen des Sultans „am frühen Morgen“ in das Elternhaus des Mannes eingedrungen – das hat die Gestapo auch so gemacht.

Die mathematischen Berechnungen in Erdogans tausendzimmrigem Palast in Ankara könnte man folgendermaßen beschreiben: wieviele Geiseln muß ich noch einkerkern, um die Auslieferung des Erzfeindes Gülen zu erzwingen?

Das Auswärtige Amt sollte viel deutlicher darauf hinweisen, daß jeder, der in seinem Leben irgendwann einmal Erdogan kritisiert hat, auf keinen Fall in die Türkei reisen darf. Ob der Sultan unter den bei uns lebenden Türken Zuträger hat, die kritisch eingestellte Mitbürger denunzieren, ist noch nicht bewiesen, aber manches deutet darauf hin.

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Adel verpflichtet – Neues aus der Feder der Beatrix von Storch

Heute ist eine Autobahnbrücke in Genua eingestürzt. Wieviele Opfer das Unglück gekostet hat, weiß man noch nicht – es soll mindestens 30 Tote gegeben haben. Spiegel Online twitterte:

In der italienischen Hafenstadt Genua ist eine vierspurige Autobahnbrücke eingestürzt. Bisher gibt es noch keine Berichte über mögliche Opfer. Wir halten euch auf dem Laufenden.

Und was macht die Frau von Storch? Sie beliebt zu scherzen und twittert zurück:

Wer sind denn nun die Laufenden?

So etwas sagt viel aus: über den moralischen Zustand des deutschen Adels – und über den moralischen Zustand der AfD.

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Ich improve mich jetzt selbst!

Die wirklich sensationellen Erkenntnisse kommen heutzutage aus dem Internet, ob das nun medizinische Studien bei heilpraxisnet.de sind, Wundersames zum Klimawandel von Alexander Gauland – oder das hier:

Bücher und Co. sind entscheidende Helfer beim Self-Improvement.

Michelle Winner hat diese völlig neue Erkenntnis (hier nachzulesen) soeben im OnlineMarketing Karrieremagazin veröffentlicht. Es sei nämlich, schreibt sie, „leider unabdingbar auch einen Teil der Freizeit zum Self-Improvement zu nutzen“:

Das tun zumindest die erfolgreichsten Menschen der Welt.

Und es geht weiter, Schlag auf Schlag:

So wurde in einer fünfjährigen Studie festgestellt, dass 86 Prozent der 200 befragten Self-Made-Millionäre lesen würden.

Auf den ersten Blick könne „ein dickes Buch abschreckend wirken“. Doch die Autorin macht uns Mut:

Ein wenig Zeit für Lektüre findet sich im Normalfall immer, zum Beispiel auf dem Arbeitsweg mit öffentlichen Verkehrsmitteln, vor dem Schlafen oder eben auf der Toilette.

Und fünf Stunden pro Woche genügen, egal, ob man „unterhaltsame Werke“ oder „Fachliteratur zur persönlichen Weiterbildung“ liest.

Merkwürdig: daran habe ich mich immer gehalten, aber ein „Self-Made-Millionär“ bin ich nie geworden. Ich muß irgendetwas falsch gemacht haben. Auf jeden Fall werde ich von jetzt an versuchen, mich gehörig selbst zu improven.

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Neuer Orgasmus-Trend!

Wir leben in einer merkwürdigen Welt. Wie hätte es sonst in der Online-Ausgabe der Hamburger Morgenpost (hier nachzulesen) zu einer solchen Schlagzeile kommen können:

Ärzte warnen
Neuer Orgasmus-Trend nennt sich Peegasm und ist gefährlich.

Ein neuer Orgasmus-Trend also, fett gedruckt in Riesenbuchstaben. Die Bildunterschrift unter einem „Symbolbild“ bringt dann Klarheit:

Im Internet beschreiben Frauen, dass sie sich zum Orgasmus pinkeln können. Ärzte warnen davor.

Mich würde einmal etwas ganz anderes interessieren: was sind das für Menschen, die an ihrem Redaktionsschreibtisch solche Schlagzeilen produzieren? Sind sie noch bei Verstand? Oder müßten sie nicht besser (wie eben gerade Jan Ullrich) in die Psychiatrie eingewiesen werden?

Aber müßten dann nicht auch ihre Leser eingewiesen werden?

Fragen über Fragen.

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Der Rotten – einer der großen Flüsse Europas

Jetzt sagen Sie nur, Sie kennen den Rotten nicht!

Tout le monde ist doch schon an seinen Ufern gefahren, jeder Deutsche jedenfalls, der mit dem Auto nach Südfrankreich oder Spanien aufgebrochen ist. Man kommt erst in den Großraum Lyon, und dann geht es schnurstracks nach Süden, immer auf der A7, der berühmten Autoroute du Soleil – und immer im breiten Tal des Rotten, bis Marseille oder dann westlich Richtung Spanien.

Ach, der Rotten!

Er fließt immer aufs Mittelmeer zu, in das er am Ende mündet – im gewaltigen Rottendelta, das jedes Kind in Europa kennt, schon wegen der Flamingos in der Camargue.

PS:  Falls Sie den Rotten doch nicht kennen sollten, dann suchen Sie in Google Maps doch einmal einen Fluß, der in Frankreich, in Europa und eigentlich auf der ganzen belebten Welt – eben nur nicht in Google Maps! – Rhône heißt.

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Gandhi und die Schreibschrift

In Mahatma Gandhis Autobiographie The Story of My Experiments with Truth, das 1940 in englischer Sprache erschienen ist, habe ich folgenden Absatz gefunden:

I do not know whence I got the notion that good handwriting was not a necessary part of education, but I retained it until I went to England. When later, especially in South Africa, I saw the beautiful handwriting of lawyers and young men born and educated in South Africa, I was ashamed of myself and repented of my neglect. I saw that bad handwriting should be regarded as a sign of an imperfect education. I tried later to improve mine, but it was too late. I could never repair the neglect of my youth.

Ins Deutsche übersetzt:

Ich weiß nicht, wie ich zu der Meinung gekommen war, daß zur Bildung nicht unbedingt eine gute Handschrift gehört, aber ich behielt diese Meinung, bis ich nach England kam. Als ich später, vor allem in Südafrika, sah, was für eine schöne Handschrift junge Männer und Rechtsanwälte hatten, die in Südafrika geboren und ausgebildet worden waren, schämte ich mich und bedauerte meine Nachlässigkeit. Ich begriff, daß eine schlechte Handschrift der Ausdruck einer unvollkommenen Erziehung war. Später versuchte ich, meine Handschrift zu verbessern, aber es war zu spät. Ich konnte die Nachlässigkeit meiner Jugend nicht wiedergutmachen.

Dies den strunzdummen Kultusbürokraten ins Stammbuch geschrieben, die es allen Ernstes ins Ermessen der Lehrer stellen, ob sie den Schülern noch eine ordentliche Schreibschrift beibringen oder nicht.

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Zeitnah

In Meuselwitz im Altenburger Land ist ein Känguruh entlaufen, in Sachsen hat man es wiedereingefangen.

In der Tagesschau-App heißt es zum Känguruh:

Es sei wohlauf und solle zeitnah in sein Zuhause zurückkehren, twitterte die Polizei mit einem Lächel-Smiley.

„Zeitnah“, liebe Polizei, ist einer der dümmsten und überflüssigsten Neologismen der letzten Jahre. Überflüssig, weil es in der deutschen Sprache hundert gute, alte Wörter gibt, die man an seiner Stelle benutzen kann.

Und die Duden-Redaktion? Sie tut (hier nachzulesen), was sie nun schon seit vielen Jahren tut: völlig kritik- und kommentarlos alles in ihre Nachschlagewerke aufnehmen, was an Sprachdummheit gerade in Mode gekommen ist. Daß eine Sprache auch gepflegt werden muß, daß also sprachlicher Unsinn auch ausdrücklich gebrandmarkt werden muß, das ist der Redaktion offenbar gleichgültig – auch das im übrigen ein Zeichen ihres (verdienten!) Niedergangs, der spätestens mit der eilfertigen Übernahme der „Neuen Rechtschreibung“ eingesetzt hat.

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Windkraftanlagen am Gardasee?

Noch gibt es sie offenbar nicht. Wir waren gerade eine Woche dort und haben gottlob kein einziges Windrad gesehen – auch nicht auf den Bergen zwischen Tremalzo und Monte Baldo. Da konnte das Auge auf einem märchenhaft schönen Landstrich ruhen, ohne durch den Anblick dieser Monster beleidigt zu werden.

Ob es dabei bleibt, ist nicht sicher.

Auf einem Immobilienportal ist nachzulesen, daß schon seit dem Jahr 2013 nahe der Autobahnabfahrt Affi auf dem Monte Mesa „vier majestätische Windräder“ (so steht es da wirklich!) das Landschaftsbild nahe der Etsch beherrschen. Ob man sie vom See aus sehen kann (sie stehen östlich von Bardolino), weiß ich nicht. Aber die italienischen Kommentare dazu in Google Maps sind fast durchweg positiv: „Nützlich und schön anzusehen“, meint einer, ein anderer schreibt, daß da sogar Blumen blühen.

Auf dem Portal liest man weiter, nach der Inbetriebnahme des Windparks werde es jetzt „vor allem um den Erhalt und die Wiederherstellung der umliegenden Landschaft gehen“.

Aber: muß man denn eine Landschaft erst zerstören, um sie dann mit viel Mühe „wiederherzustellen“?

Eine bizarre Argumentation. Es gibt nur einen Weg, die „umliegende Landschaft“ wiederherzustellen: den Abbau der Anlagen.

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My Tirol

Auf der „Zeil“, der großen Frankfurter Einkaufsstraße, gibt es seit 2009 ein modernes Einkaufszentrum, dem die Investoren den grauenhaften Namen „My Zeil“ gegeben haben. Schlimmer, dachte ich damals, kann es sprachlich nicht mehr kommen. Überhaupt hatte ich den Eindruck, daß die Zahl der Dumm-Anglizismen in der Unternehmens- und Werbebranche insgesamt leicht zurückgegangen ist.

Aber letzte Woche haben wir auf der Fahrt zum Gardasee am Fernpaß ein Hotel entdeckt, das tatsächlich stolz den Namen

My Tirol

trägt. My Tirol! Es ist nicht zu fassen. Da soll also wieder auf plump-provinzielle Art Weltläufigkeit vorgetäuscht werden, und auf der Internetseite des Hotels geht es ganz ähnlich zu. Die Menüpunkte, die man aufrufen kann, heißen

My Resort
My Action & Sport
My Locations
My Specials.

Noch ein paar Beispiele von der Internetseite gefällig (man beachte auch die abwechslungsreiche Orthographie)?

My holiday in der Tiroler zugspitz arena

Willkommen im MyTirol, dem urban style Hotel mit Zugspitzblick. Auf über 1.000m, zwischen traumhaften Berglandschaften der Zugspitz Arena und der malerischen Tiroler Natur, sind wir auf Du und Du. Preisbewusste Urlauber und Gäste genießen bei uns einen ansprechenden und qualitativ hochwertigen Urlaub direkt in der Tiroler Zugspitzarena. In unserem Designhotel ermöglichen wir Euch zu jeder Jahreszeit ein umfangreiches In- und Outdoor Angebot sowie einen unvergesslichen Aktiv-, Sport- und Wellnessurlaub.

Mytirol – my world.

Das „Designhotel“ kann ich Ihnen aus urheberrechtlichen Gründen nicht im Bild zeigen, aber es ist der Sprachkunst seiner Besitzer durchaus ebenbürtig.

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„Müssen wir heute überhaupt noch richtig schreiben können?“

Das fragt allen Ernstes tag24, die Online-Ausgabe der sächsischen Morgenpost, einer sog. Boulevardzeitung.

Warum also überhaupt noch richtig schreiben? Man kann doch auch als strunzdummer Analphabet ohne alle kulturellen Techniken ein glückliches Leben führen, nicht wahr?

Das stimmt sogar.

Die intellektuelle Qualität von tag24 kann man übrigens an den folgenden Schlagzeilen ablesen, die ich der heutigen Ausgabe entnommen habe:

Schei*** gelaufen: Promi Big Brother-Sieger macht sich in die Hose

So beeinflusst eine Mondfinsternis die Gesundheit der Zähne

„Ekelhaft, pervers, sexistisch“: Shitstorm nach Brüste-Post von Robert Geiss

Purer Albtraum: Hund leckt Mann ab, nun hat er keine Hände und Beine mehr

Rapper Bonez MC nimmt Gzuz in Schutz

Hat Demi Rose die heißesten Kurven bei Instagram?

Aber kehren wir zurück zur „Rechtschreibreform“, die Heike Schmoll heute in der F.A.Z. zurecht (aber vielleicht sogar etwas untertrieben) als „Unglück der Sprachgeschichte“ bezeichnet. Hans Zehetmair, heute 81 und CSU-Mitglied, viele Jahre Vorsitzender des Rates für Deutsche Rechtschreibung, wird in tag24 unter anderem so beschrieben:

Anlässlich des 20. Jahrestags der Einführung der Rechtschreibreform zieht der CSU-Politiker Bilanz und erklärt, warum man auch heute noch korrekt schreiben können sollte.

Eine korrekte Rechtschreibung sei auch in Zeiten des Internets noch wichtig.

Die neue Rechtschreibung war zum 1. August 1998 an Schulen und Behörden offiziell eingeführt worden. Die Reform hatte zu heftigen Debatten und gerichtlichen Auseinandersetzungen geführt.

Zehtemaier beobachtet die Rechtschreibung noch immer: „Ich stelle mit Genugtuung fest, dass Familien und Schulen doch auf eine gewisse Korrektheit achten. Eine korrekte Rechtschreibung ist auch symptomatisch für die Gesellschaft.“

Die Rechtschreibung ist also „auch in Zeiten des Internets noch wichtig“? Und Familien und Schulen achten „auf eine gewisse Korrektheit“?

Eine dümmere Aussage zur deutschen Sprache habe ich von einem Politiker, der für die katastrophale „Rechtschreibreform“ mitverantwortlich ist, noch nicht gehört.

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