„Schönes Wetter besorgt Behörden“

So eine Überschrift möchte ich eigentlich in der F.A.Z. nicht lesen, auch nicht, wenn es sich nur um eine Übernahme von einer Nachrichtenagentur handelt („Quelle: shüs./dpa“ steht unter dem Online-Artikel, hier nachzulesen).

Vieles kann man man „besorgen“, z.B. Toilettenpapier für die betagten Eltern oder ein Geschenk für die Kinder. Aber man kann doch nicht „die Behörden besorgen“! In Fällen wie diesen sollte man einfach einmal Subjekt oder Objekt durch ein Personalpronomen ersetzen, etwa so:

Ich besorge die Behörden.

Meine Mutter besorgt mich.

Und schon sieht man, daß eine solche Satzkonstruktion blanker Unfug ist. Daß die Behörden besorgt sind wegen des schönen Wetters, das wäre gutes Deutsch. Oder daß sie sich deshalb Sorgen machen. Es gibt hundert Möglichkeiten, den gemeinten Sachverhalt sprachlich richtig auszudrücken, auch in der Kürze, die für eine Überschrift nötig ist.

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„Adidas sagt Entschuldigung“

Die Seite 5 der heutigen F.A.Z. besteht aus einer ganzseitigen Anzeige von adidas mit der Überschrift „ADIDAS SAGT ENTSCHULDIGUNG“.

Es ist die Reaktion auf einen „Shitstorm“ im Internet, als bekannt wurde, daß Adidas, wie einige andere Ladenketten, angeblich keine Miete mehr für seine Filialen zahlen will. Das war in dieser Form gar nicht richtig, es ging nur um eine Stundung, die obendrein mit den Vermietern abgesprochen war. Aber die lieben User kennen eben, wie zu Neros Zeiten, nur „Daumen nach oben“ oder „Daumen nach unten“.

Und adidas reagiert mit einer teuren „Entschuldigung“ (der Anzeigenpreis dürfte allein in der F.A.Z. bei ca. 70.000 € gelegen haben), die bis zum Rand angefüllt ist mit einer peinlichen, beinahe fernöstlichen Selbstkasteiung.

Schlimmer noch ist aber die Anbiederung an die spätfeministische Sprachverhunzung. Hier einige Beispiele aus der Anzeige:

Liebe Leser_innen,

die Entscheidung, von Vermieter_innen unserer Läden die Stundung der Miete für April zu verlangen, wurde von vielen von Ihnen als unsolidarisch empfunden. Deshalb möchten wir uns bei Ihnen in aller Form entschuldigen. Wir haben unseren Vermieter_innen die Miete für April bezahlt.

Um langfristig die Arbeitsplätze unserer 60.000 Mitarbeiter_innen zu sichern, machen wir harte Einschnitte.

In China haben wir medizinische Güter für Ärzt_innen und Pflegepersonal bereitgestellt.

Die F.A.Z., die diesen ideologischen Sprachunfug in ihrem redaktionellen Teil nie mitgemacht hat, muß die Anzeige natürlich so drucken, wie es der Auftraggeber will. Aber es ist ein schändlicher Angriff auf die deutsche Sprache, auf die Kultur überhaupt, wenn jetzt schon große Unternehmen sich dem Sprachdiktat einer kleiner ideologischen Minderheit beugen.

Dafür – und nicht für ihre Mietstundungen – sollte sich adidas schämen.

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Und was kommt danach?

Ob wir denn nach dem Ende der Corona-Krise andere (vielleicht sogar bessere?) Menschen sein werden, das fragt man in diesen Tagen Passanten, Philosophen und Theologen.

Wer darauf eine Antwort haben und zugleich, vielleicht in häuslicher Quarantäne, ein kleines Meisterwerk der deutschen Literatur lesen möchte, der greife zu Heinrich von Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“. Es hat als Reclamheft nur 62 Seiten und kostet gerade einmal 3,60 € (Kommentar und Materialien inklusive).

Die Frage, ob der Mensch womöglich durch Katastrophen (in der Novelle ist es ein fürchterliches Erdbeben in Santiago de Chile) geläutert wird, kann auch Kleist nicht ein für allemal beantworten, aber leider spricht nicht sehr viel dafür.

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Corona, Corona, Corona …

Obwohl ich mir redlich Mühe gebe, es zu vermeiden – auch mein Tagebuch kommt an dem Thema „Coronavirus“ nicht vorbei.

Heute abend sollte in der ARD endlich der dritte Teil der Dokumentarfilm-Reihe „Im Reich der Wolga“ laufen. Nach zwei Sendungen mit unglaublich schönen Bildern von einem Fluß, den viele von uns nur dem Namen nach kennen, hat man sich schon auf die dritte gefreut – auch heute wieder vergebens. Dreimal ist er (wenn ich richtig gezählt habe), verschoben worden, auch heute abend wird ihn niemand sehen können. Und warum?

Weil man genau wie am letzten Montag Frank Plasberg für seine Talkshow zwei Stunden am Stück (!) zur besten Sendezeit (20.15-22.15) zugeschanzt hat. Man hat so langsam das Gefühl, daß 90% des Programms nur noch ein Thema haben: Corona. Das ist inzwischen so ausgeufert, daß man von der (natürlich wichtigen!) Informationspflicht der Sender gar nicht mehr sprechen mag. Es ist ein täglicher Corona-Overkill ohne jedes Maß geworden, die Sender wetteifern anscheinend darum, wer es schafft, pro Tag mehr Sendestunden damit zu füllen als alle anderen.

Liebe Programmacher! Stellt euch einmal folgendes vor, nur so zum Spaß. Ein Mann liegt im Krankenhaus, sagen wir: mit einem Beinbruch. Er ist natürlich bettlägerig und sieht durch das Fenster des Krankenzimmers allenfalls ein Stück blauen Himmel. Sein kranker Zimmerkollege heitert ihn ihn auch nicht gerade auf. Also schaltet er den Fernseher ein. Und was sieht er da? Von morgens bis abends nur medizinische Sendungen über Knochenbrüche: er sieht einfache und komplizierte Frakturen und ihre Behandlung, mögliche Komplikationen, sogar Livebilder aus dem OP, Reportagen aus der Reha und Interviews mit den führenden deutschen Orthopäden. Wenn der arme Mann das nicht länger erträgt und auf andere Sender umschaltet, nützt es ihm nichts: es ist überall das gleiche Programm.

Habt ihr verstanden, was ich damit sagen will, liebe Programmacher?

Wir sind doch alle ein bißchen eingesperrt in diesen Zeiten – und ihr gönnt uns nicht einmal etwas Schönes und Gutes, über das wir uns freuen können.

PS: Die uralten Dokumentationen (teilweise bis 2008 zurückreichend!), die ihr aus den verstaubten Archiven hervorholt – selbst auf 3sat gibt es seit Monaten nichts anderes mehr! -, die, liebe Programmacher, könnt ihr euch, mit Verlaub, an den Hut stecken.

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Der Kampf um die wirklich wichtigen Dinge des Lebens im Jahr 2020

Die Kreispolizeibehörde Oberbergischer Kreis berichtet von einer Begebenheit, die sich am Mittwoch in der Gemeinde Reichshof ereignet hat:

Eine 54-jährige Reichshoferin wollte am Mittwoch (25. März) in einem Verbrauchermarkt an der Stadionstraße in Bergneustadt mehrere Pakete Toilettenpapier kaufen. Als sie darauf hingewiesen wurde, nur ein Paket zu kaufen und die übrigen zur Seite zu legen, setzte sich die Frau auf das Kassenband und behinderte so den weiteren Verkauf an andere Kunden. Die hinzugerufene Polizei versuchte zunächst die 54-Jährige zu beruhigen und sprach einen Platzverweis aus, welchen sie jedoch nicht befolgte. Daraufhin legten ihr die Beamten Handfesseln an, um sie aus dem Geschäft und zur Polizeiwache zu transportieren. Dagegen wehrte sich die 54-Jährige heftig. Sie brüllte, ließ sich zu Boden fallen, sperrte sich gegen die Maßnahme und musste schließlich zum Streifenwagen getragen werden. In einer Polizeizelle hatte sie anschließend Gelegenheit sich zu beruhigen, bevor sie wieder nach Hause entlassen wurde – ohne Toilettenpapier. Zu einem Kaufvorgang ist es in Folge der Randale nicht gekommen.

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„Digitalisiere oder stirb!“

Zeitungsbeilagen wandern bei uns fast immer gleich in den Papierkorb. Meist kommen sie von einer Unternehmensbranche, der Windkraftindustrie zum Beispiel, der Gastronomie oder der Touristik. Sie sind ein bißchen lästig, aber ärgern sollte man sich nicht über sie, denn nur von ihren Abonnenten kann heute keine Tageszeitung mehr leben. Ohne Anzeigen und Beilagen gäbe es keinen guten Journalismus in unserem Land.

Heute war eine Beilage von erfolg-und-business.de in unserer Zeitung, und das in ziemlich brutaler Aufmachung. Neben dem Foto eines freundlich lächelnden Mannes las man mit Schrecken:

KMU
Digitize or die!

KMU war bekanntlich der alte Name der Universität Leipzig („Karl-Marx-Universität“), aber die heißt doch seit 1991 anders. Der Mann auf dem Foto jedenfalls, ein gewisser Philipp Depiereux, hat eine erstaunliche Anzahl von beruflichen und anderen Attributen, die ich hier einfach einmal nach dem Zufallsprinzip aneinanderreihe:

Diplom-Betriebswirt
Innovation Leader
gefragter Keynote-Speaker
Messias der Digitalisierung
CEO und Co-Founder
druckreif formulierendes Energiebündel
Initiator von Changerider
Buch-, Blog- und Kolumnen Autor
Gründer der Startup-Schmiede etventure
einer der führenden Köpfe des Landes
Family Man usw.

Wie kann es nur sein, daß mir so ein Mann bis jetzt völlig unbekannt war? Gibt es vielleicht doch, wie manche Physiker vermuten, zwei oder mehr Universen? Wenn Depiereux in dem einen lebt und ich in einem anderen, dann könnte man immerhin verstehen, warum ich zwar Shakespeare, Goethe und Thomas Mann kenne, von Depiereux aber bis zum heutigen Tag noch nie etwas gehört habe.

KMU ist übrigens die Abkürzung für „Kleine und mittlere Unternehmen“. Habe ich auch nachschlagen müssen.

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„Das macht null Sinn!“

Das sagt jedenfalls eine gewisse Janine Pink zu den von der Bundesregierung beschlossenen Kontaktbeschränkungen.

Und sie muß es wissen, denn sie ist, wie man auf tag24.de nachlesen kann, „die amtierende Promi Big Brother-Gewinnerin“ und hat auf Instagram 530.000 Follower.

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Humor in den Zeiten des Coronavirus

Ja, es gibt ihn noch! Am meisten habe ich gestern über diese Schlagzeile geschmunzelt:

Nach Aufforderung durch Parteiführung:
AfD-„Flügel“ löst sich auf.

Lachen wird ja oft dadurch ausgelöst, daß im Alltag Gegensätzliches aufeinanderprallt. In diesem Fall ist es anders. Das Lustige an dieser Schlagzeile ist, daß die Parteiführung und der Flügel als zwei voneinander verschiedene Dinge angesprochen werden. Denn nur dann kann – logischerweise – der eine den anderen zu etwas auffordern.

Aber ich merke schon, Humor kann und sollte man nicht erklären.

PS: Auf der Facebook-Seite „Der Flügel“ heißt es übrigens immer noch (Stand: Sonntag, 14 Uhr):

Die kursierenden Medienmeldungen über einen angeblich heute gefassten „Beschluss zur Auflösung des Flügels“ sind unzutreffend.

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Walter-Borjans kritisiert Söder

Norbert Walter-Borjans, der zusammen mit Saskia Esken das neue Traumpaar an der Spitze der SPD bildet, möchte auch ein bißchen von der Corona-Krise profitieren, und er glaubt allen Ernstes, daß ihm das am besten gelingt, wenn er den bayerischen Ministerpräsidenten Söder angreift (hier nachzulesen):

Es wäre besser, wenn die Länder, wie vereinbart, mit der Kanzlerin abgestimmt handeln würden. Wer jetzt so tut, als kenne sie oder er das Patentrezept im Umgang mit dieser Situation, streut den Bürgerinnen und Bürgern Sand in die Augen.

Man stelle sich einmal vor, Helmut Schmidt hätte während der Sturmflut von 1962 die Maßnahmen erst einmal mit allen Instanzen „abgestimmt“, statt einfach das Nötige zu tun. Die Folgen wären fürchterlich gewesen.

Ich finde es ganz erstaunlich, wie schnell der von vielen unterschätzte (und oft herabsetzend behandelte) Markus Söder zu einem tatkräftigen Politiker geworden ist, der das richtige Wort zur richtigen Zeit findet und sofort handelt, wo es nötig ist. So einen wünschte ich mir als Kanzler.

Die SPD freilich kann von solchen Politikern zur Zeit nur träumen. Vielleicht grantelt sie deshalb an allen herum.

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Der Toilettenpapier-Rechner

Ja, es gibt ihn wirklich, und man kann mit Fug und Recht sagen, daß die Welt auf ihn gewartet hat: auf den Toilettenpapier-Rechner nämlich.

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