Spannende Geschichten am Holocaust-Gedenktag

Den Sender Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) kennt man hier in Hessen kaum, aber beim Zappen durch unsere Kabelkanäle – ein Unternehmen übrigens, bei dem einem die letzten Illusionen über das Wesen des Menschen zuverlässig genommen werden! – bin ich gestern zufällig bei der Sendung „rbb Kultur“ hängengeblieben.

Jedenfalls hat da eine (mir völlig unbekannte) Nadine Heidenreich – laut Wikipedia eine „deutsche Schauspielerin, Synchronsprecherin und Moderatorin“ – durch eine Sendung über den Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust geführt. Bei einem Satz aber, mit dem sie einen Sendeblock mit Veranstaltungshinweisen eingeleitet hat, ist mir denn doch ein bißchen „anders“ geworden:

Weitere spannende Veranstaltumgen zum Holocaust-Gedenktag gibt es jetzt in unseren Kulturtipps.

Ich bin Jahrgang 1950 und nicht (wie Frau Heidenreich) Jahrgang 1981, vielleicht liegt es ja daran, daß dieser Satz für sie völlig normal war, vermutlich verstünde sie meine Aufregung nicht einmal. Aber für mich ist es einfach ungehörig, im Zusammenhang mit der Schoa von „spannenden Veranstaltungen“ zu sprechen.

Das Wort „spannend“, das im Grimmschen Wörterbuch noch nicht vorkommt, ist heute fast zu einem umgangssprachlichen Synonym für „interessant“ oder „sehenswert“ geworden, das höchste Lob gilt einem Bericht, der als „spannende Geschichte“ bezeichnet wird.

Gewisse Anstandsgrenzen sollten bei der Verwendung der Umgangssprache im Fernsehen, zumal bei einem solchen Thema, schon eingehalten werden. Aber sprachliches Taktgefühl gilt nicht mehr viel in unserer Zeit.

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Die narzißtische Persönlichkeitsstörung – oder: Woher kenne ich die schnell nochmal?

Ein Mensch, der an einer „narzißtischen Persönlichkeitsstörung“ leidet, ist ein Kranker. Seine Krankheit wird sowohl von der Weltgesundheitsorganisation (ICD-10) als auch von der American Psychiatric Association (DSM-5) zu den Persönlichkeitsstörungen gezählt. Die WHO rechnet die Störung zu den „sonstigen spezifischen Persönlichkeitsstörungen“ (F60.8). Die DSM-5 spricht von einer „narzißtischen Persönlichkeitsstörung“, sobald beim Patienten fünf der folgenden Kriterien erfüllt sind (hier nachzulesen):

Hat ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit (z. B. übertreibt die eigenen Leistungen und Talente; erwartet, ohne entsprechende Leistungen als überlegen anerkannt zu werden).

Ist stark eingenommen von Fantasien grenzenlosen Erfolgs, Macht, Glanz, Schönheit oder idealer Liebe.

Glaubt von sich, „besonders“ und einzigartig zu sein und nur von anderen besonderen oder angesehenen Personen (oder Institutionen) verstanden zu werden oder nur mit diesen verkehren zu können.

Verlangt nach übermäßiger Bewunderung.

Legt ein Anspruchsdenken an den Tag (d. h. übertriebene Erwartungen an eine besonders bevorzugte Behandlung oder automatisches Eingehen auf die eigenen Erwartungen).

Ist in zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisch (d. h. zieht Nutzen aus anderen, um die eigenen Ziele zu erreichen).

Zeigt einen Mangel an Empathie: Ist nicht willens, die Gefühle und Bedürfnisse anderer zu erkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren.

Ist häufig neidisch auf andere oder glaubt, andere seien neidisch auf ihn/sie.

Zeigt arrogante, überhebliche Verhaltensweisen oder Haltungen.

Also, von allen Staatenlenkern auf der Welt kenne ich nur einen, auf den nicht nur fünf, sondern alle Kriterien zutreffen. Kennen Sie ihn auch?

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Klick, klick oder: Auf das Notizbuch kommt es an!

In einer ganzseitigen Anzeige, die von Selbstbeweihräucherung nur so trieft, will uns Amazon in der heutigen F.A.Z. weismachen, was jungen Menschen bei einer Bewerbung wirklich hilft:

Die Bewerbung für den Job war ein Volltreffer. Schon in drei Tagen ist das heißersehnte Vorstellungsgespräch. Also bestellen Sie – klick, klick – über Nacht dieses hochwertige Notizbuch. Genau das Richtige, um ihrem professionellen Auftritt noch mehr Gewicht zu verleihen.

Na, jetzt wissen wir wenigstens, weshalb so viele Menschen bei ihren Bewerbungen abgewiesen werden: ihnen fehlt das hochwertige Notizbuch von Amazon.

Pech gehabt!

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Johannes der Täufer und ein frommer Impuls

So ganz habe ich das immer noch nicht verstanden: was ist eigentlich ein „Impuls“? Wenn von einem Menschen oder einem Ereignis „Impulse“ ausgehen, dann bedeutet das nach meinem Sprachverständnis, daß Denkanstöße gegeben werden. Vor allem in den letzten Jahren hat sich aber, zumindest in den christlichen Kirchen, eine Bedeutungsverschiebung ergeben: „Impuls“ nennt man jetzt offenbar den Text selbst, von dem – jedenfalls nach Ansicht der Verfasser – Denkanstöße ausgehen sollen.

Die evangelische Kirche schickt ihren Mitgliedern zweimal im Jahr eine solche „Impulspost“, und kürzlich habe ich auch auf katholisch.de eine ähnliche Begriffsverwendung entdeckt.

Da lese ich unter einem kurzen Artikel mit der Überschrift „Wie Johannes Jesus durchschaut“:

Impuls von Schwester Anne Kurz.

Da haben wir ihn also schon wieder, den Impuls. Und welchen Denkanstoß gibt mir Schwester Anne Kurz jetzt?

Johannes der Täufer sieht Jesus auf ihn zugehen. Was mag ihm dabei durch den Kopf gegangen sein?

Eine seltsame Frage. Was hat man nicht manchmal für Schwierigkeiten, einem Familienmitglied anzusehen, was ihm gerade durch den Kopf geht. Und da soll ich herausfinden, was einem völlig fremden Menschen, aus einer mir völlig fremden Kultur, die noch dazu zwei Jahrtausende zurückliegt, durch den Kopf gegangen ist?

Schwester Anne Kurz kann das. Sie gibt sogar ein kleines Psychogramm Johannes des Täufers:

Hinter der rauhen Schale seines Auftretens verbirgt sich ein feinfühliger und aufmerksamer Mensch. Die Wüste hat ihn manches gelehrt. Er ist einer geworden, der sehen und erkennen kann. Er lässt sich nicht blenden, sondern schaut auf den Grund der Menschen und Ereignisse.

Ein tiefes, starkes Glück muss Johannes erfasst haben.

Also, mir jedenfalls kommt so eine psychologisierende Betrachtung fast ein bißchen leichtfertig, ja ungehörig vor. Aber anders als Schwester Anne kann ich ja auch nicht in den Kopf des Täufers hineinschauen.

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Der University-Präsident

Ja, so steht es heute wirklich schwarz auf weiß im Lokalteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Auf dem Bild, das einen Bericht über den Jahresempfang der Industrie- und Handelskammer Frankfurt ziert, sei

Frank Dievernich, der Frankfurt-University-Präsident,

zu sehen, liest man da.

„Frankfurt“ geht ja noch in Ordnung. Warum aber eine Universität in der Heimatstadt Goethes (und im Lande Wilhelm von Humboldts!) offiziell „University“ heißt, nämlich „University of Applied Sciences“, das läßt sich wohl nur psychopathologisch erklären. Statt die Tradition der großen deutschen Naturwissenschaftler und Ingenieure des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts fortzuführen, will man sich wohl lieber mit Yale und Harvard vergleichen.

Aber dann bitte auch University President – und nicht so ein Zwitterding wie „University-Präsident“!

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Ein Kirchenneubau in Neuperlach, von Architektenlyrik umnebelt

Unsere modernen Architekten können zwar kaum noch schöne Gebäude errichten, aber in der Beschönigung des Häßlichen durch ihren Marketing-Jargon sind sie immer noch unschlagbar. Man denke nur an die „harmonische Verbindung von Alt und Neu“, die immer ins Feld geführt wird, wenn neben ein altehrwürdiges Gebäude ein moderner Klotz gesetzt wird. Das gewaltige Ulmer Münster, um nur ein Beispiel zu nennen, ist auf diese Weise von furchtbaren neuen Gebäuden so umzingelt, daß wir bei unserem ersten Aufenthalt in Ulm, so schnell uns die Füße getragen haben, ins Fischerviertel und an die Donau geflüchtet sind.

Jetzt ist also im Münchener Stadtteil Neuperlach eine neue Kirche gebaut und geweiht wurden – und das ist etwas Besonderes, denn es ist der einzige Kirchenneubau im Jahr 2019 in Deutschland. Da wird man sich doch ganz besonders viel Mühe gegeben haben, denkt man – aber nur so lange, bis man einen Blick auf das Äußere und in das Innere dieser Kirche geworfen hat (beides ist hier zu sehen). Zur Warnung: fürchten Sie das Schlimmste, und es wird noch übertroffen!

Die baufällig gewordene Vorgängerkirche, so liest man auf katholische.de, sei 1974 in einer schnell hochgezogenen Siedlung aus Hochhäusern und Wohnblöcken gebaut worden:

Architektonisch passte der Bau zur Umgebung: freiliegender Beton und kantige Formen.

Und was charakterisiert heute, Jahrzehnte später – und, wie man denken könnte, Jahrzehnte klüger! – den Neubau? Richtig, freiliegender Beton und kantige Formen. Nur die Gemeinderäume hat man gnädig mit Holz verkleidet.

„Außen wie innen besticht das Gotteshaus durch seine Schlichtheit“, lobt katholisch.de. Aber ist das denn ein Lob? Seit fast zwei Jahrtausenden baut man jetzt schon Kirchen, und immer ist es darum gegangen, den Entbehrungen des irdischen Lebens, der Nüchternheit des Alltags in der Gestalt der Kirche etwas entgegenzusetzen: Schönheit und Erhabenheit. Der erste Schritt hin ins „Schlichte“ waren viele der evangelischen Kirchen, wie man sie heute noch erlebt: oft schön von außen, innen aber kahl und schmucklos (es zählt ja nur das Wort, nur das Wort!). Nach dem Krieg, als man in kurzer Zeit Kirchen für die vielen katholischen Vertriebenen bauen mußte, sind dann auch die ersten katholischen Kirchen im „modernistischen Stil“ entstanden: allesamt ungeliebt von den Gläubigen, weil sie nicht nur billig waren, sondern auch billig aussahen.

Über das Innere der neuen Kirche schreibt katholisch.de:

Im Kirchenraum dient ein an der Oberseite abgeschnittener Findling aus dem Allgäu als Altar, in den auf der Rückwand angebrachten Rillen scheint eine Kreuzform auf. Daneben gibt es nur einen hölzernen Ambo sowie eine historisierende Marienfigur und einen versilberten Tabernakel aus der alten Kirche.

Und weiter:

Durch die wenigen Ausstattungsstücke und das vor allem aus einer Deckenluke einfallende indirekte Licht entsteht eine meditative Atmosphäre.

Außen billiger Beton, innen (sicher absichtlich) ein Hauch von Zen-Buddhismus. Und wo bleibt da die reiche Tradition christlicher Architektur?

Der Artikel gipfelt in einer Aussage, die wohl tröstlich gemeint ist – und der wir nichts hinzufügen wollen:

Der Kirchbau entstand in kubischen Formen: Ein hoher in Sichtbeton ausgeführter Quader ist durch ein goldenes Kreuz, das sich um eine Gebäudeecke biegt, als Kirche erkennbar.

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Gibt es in Deutschland wieder die Todesstrafe?

Im Strafrecht natürlich nicht. Aber alle Menschen, die zum Überleben eine Organspende brauchen, werden das, was der Bundestag gestern beschlossen (und vor allem: was er nicht beschlossen) hat, genauso empfinden. Für viele von ihnen ist es ein Todesurteil.

Jeden Tag sterben in Deutschland drei Menschen, weil sich kein Organspender für sie findet. 9.400 Menschen stehen auf der Warteliste für ein Organ – und für sie ist das nicht eine Frage von feinsinnigen moralischen Erörterungen. Für sie geht es buchstäblich um Leben und Tod.

Jetzt werden sich viele Politiker wieder selbst feiern, weil sie im Bundestag angeblich „parteiübegreifend“ eine „große Debatte“ geführt haben. Das mag sein, aber was am Ende herausgekommen ist, wird nicht einem einzigen Schwerkranken helfen. Wirklich geholfen hätte ihnen nur die Widerspruchslösung, wie sie Jens Spahn vorgeschlagen hat. Die Vorstellung, daß nun alles besser wird, weil jeder Bürger bei der Beantragung eines neuen Personalausweises (also alle 10 Jahre!) von einem Angestellten des Einwohnermeldeamts gefragt wird, ob er Organspender werden möchte, ist geradezu absurd.

Ganze 955 Deutsche haben im Jahr 2018 Organe gespendet. Das muß man sich einmal vorstellen: 955 von 83.042.200 deutschen Staatsbürgern. Das finde ich, ehrlich gesagt, doch ein bißchen beschämend.

Spahns Gesetzentwurf hätte daran etwas geändert. Er ist einer der wenigen Minister im Kabinett Merkel, die man nicht missen möchte.

PS: „Jede Organspende“, schreibt Kim Björn Becker heute in der F.A.Z., „ist ein Akt der Nächstenliebe und damit nichts, was ein möglicher Empfänger als vermeintliches Recht für sich in Anspruch nehmen kann.“ Das stimmt. Aber wenn jede Organspende ein Akt der Nächstenliebe ist (und damit in die Sphäre von Moral und Religion erhoben wird!) , dann möchte ich doch auch einmal hören, wie man die Verweigerung der Organspende moralisch bewertet. Sie müßte dann ja ein Akt der Sünde, auf jeden Fall aber moralisch verwerflich sein.

Spahns Entwurf hätte nicht zu einer „Zwangsentnahme“ von Organen geführt, das intensive Gespräch mit den Angehörigen wäre auch da verpflichtend gewesen. Aber, so scheint mir, wir wollten wieder einmal zeigen, daß wir auf einer höheren Stufe der Moral stehen als unsere europäischen Nachbarländer.

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Ernst Jünger und die Anbräuner

Ernst Jüngers Roman Auf den Marmorklippen, 1939 erschienen, gilt als „umstritten“, weil der Autor umstritten ist. Er ist eben in die moralische Deutung von Mensch und Literatur, in den grobschlächtigen, selten mit dem Florett ausgefochtenen Kampf zwischen Links und Rechts, zwischen Gut und Böse gezogen worden, und da ist er, zumindest für die Gattung der Ideologen, deren Zahl immer größer wird, bis heute entweder Freund oder Freund.

Als er 1982 für den Goethepreis der Stadt Frankfurt nominiert wurde, gaben die Grünen folgendes zu Protokoll (hier nachzulesen):

Uns ist es relativ gleichgültig, ob Ernst Jünger ein guter oder schlechter Schriftsteller ist. Er war unbestritten ein ideologischer Wegbereiter des Faschismus und ein Träger des Nationalsozialismus von Kopf bis Fuß. Ein Kriegsverherrlicher und erklärter Feind der Demokratie. Er war und ist ein durch und durch unmoralischer Mensch.

Wer macht sich da angesichts einer solchen damnatio noch die Arbeit, den Autor zu lesen, wenn es gleichgültig ist, ob er „ein guter oder schlechter Schriftsteller“ ist? Das Urteil ist schon gefallen. Er selbst hat in seiner Rede darauf geantwortet:

Auch die Inquisition ist säkularisiert. Wie einst der konfessionellen, spürt sie heute der politischen Abweichung nach. Dem Zeitalter des Anstreichers ist das Zeitalter der Anbräuner gefolgt.

Daß Jünger ein großer, ein bedeutender und lesenswerter Schriftsteller ist, dazu muß man nur die ersten Sätze seiner Marmorklippen lesen.

Ihr alle kennt die wilde Schwermut, die uns bei der Erinnerung an Zeiten des Glückes ergreift. Wie unwiderruflich sind sie doch dahin, und unbarmherziger sind wir von ihnen getrennt als durch alle Entfernungen. Auch treten im Nachglanz die Bilder lockender hervor; wir denken an sie wie an den Körper einer toten Geliebten zurück, der tief in der Erde ruht, und der uns nun gleich einer Wüsten-Spiegelung in einer höheren und geistigeren Pracht erschauern läßt. Und immer wieder tasten wir in unseren durstigen Träumen dem Vergangenen in jeder Einzelheit, in jeder Falte nach. Dann will es uns scheinen, als hätten wir das Maß des Lebens nd der Liebe nicht bis zum Rande gefüllt gehabt, doch keine Reue bringt das Versäumte zurück. Oh, möchte dieses Gefühl uns doch für jeden Augenblick des Glückes eine Lehre sein! Und süßer noch wird die Erinnerung an unsere Mond- und Sonnenjahre, wenn jäher Schrecken sie beendete. Dann erst begreifen wir, wie sehr es schon ein Glücksfall für uns Menschen ist, wenn wir in unseren kleinen Gemeinschaften dahinleben, unter friedlichem Dach, bei guten Gesprächen und mit liebevollem Gruß und zur Nacht. Ach, stets zu spät erkennen wir, daß damit schon das Füllhorn reich für uns geöffnet war.

Der Verleihung des Goethepreises der Stadt Frankfurt an Ernst Jünger sind übrigens nicht nur die Grünen ferngeblieben, sondern auch der damalige Bundespräsident Karl Carstens (CDU) und der hessische Ministerpräsident Holger Börner (SPD). Sie alle dürften – von ein paar „anstößigen“ Stellen abgesehen, die damals in grünen und linken Postillen verbreitet wurden – nie eines der Jüngerschen Werke gelesen haben.

PS: Wie soll man sich eigentlich einen „Träger des Nationalsozialismus von Kopf bis Fuß“ vorstellen?

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SugaNorm – Dieses Wundermittel gegen Diabetes hilft dank Ziegengans sogar in der Konditoreswarenfabrik

So beginnt eine wundersame Geschichte:

Guten Tag! Ich heiße Bettina Hennies, ich bin 46 Jahre alt. Ich arbeite als leitender Technologe in einer Konditoreswarenfabrik, ich habe zwei Kinder und einen wunderbaren Enkel (bald werde ich auch eine Enkelin haben). Ich meine mein Leben ist wirklich froh und hell! Aber es war nicht immer so.

Die Bettina erkrankte nämlich an Diabetes, als sie 29 Jahre alt war. Sie mußte, wie sie schreibt, mit der „Kontrolle des Spiegels des Zuckers“ beginnen. Aber sie wollte sich „von Diabetes befreien“!

Bis vor kurzem war es ganz unreal, aber dieses Mittel existiert jedoch.

Über SugaNorm habe ich zufällig gehört – ich stand ohne Schwung in einer Schlang vor der Kasse und hörte, wie zwei Frauen besprechen, dass die Mutter einer von ihnen sich von dem Diabetes befreit hat. Natürlich , ist es schlecht zu belauschen, aber diese Frage war für mich sehr wichtig, also ich kam an ihnen zu, entschuldigte mich und fragte, was es für ein Mittel sei. So erfuhr ich über SugaNorm.

Als ich das Präparat einzunehmen begann, begann der Zucker allmählich mit jeder Prüfung abzubauen. Es ist sehr einfach das Präparat zu trinken, 1-2 Päckchen pro Tag. Es ist wichtig den Kurs völlig durchzugehen, alle 30 Tage, und man soll es zwei mal pro Jahr machen. So mache ich schon drei Jahre und alle Analysen zeigen den Zucker immer in Ordnung. , toi,toi,toi.

Also, meine Leidensgefährten, wir haben die Möglichkeit uns auszuheilen! Es wäre dumm es nicht zu benützen – es ist doch unsere zweite Chance auf die Gesundheit, die wir bekommen.

Und es ist eine ganz große Chance für die Hersteller, deren gebrochenes Deutsch allein schon jeden mißtrauisch machen müßte, und die mit diesem Mittel auf Dummenfang gehen. Ein Wundermittel für Diabetiker gibt es nicht, es wird wohl auch nie eines geben. Um eine Änderung des Lebensstils, um das lästige Messen und Spritzen kommt man nicht herum.

Wenn man im Internet nach dem Wundermittel „SugaNorm“ sucht, wird man schnell fündig. 20 Kapseln, die angeblich für zehn Tage reichen, kosten zwischen 39 und 79€. Auf der Seite des Herstellers (hier einzusehen) heißt es in fehlerhaftem Deutsch:

Das Präparat löst sich schnell und beseitigt hyperglykämischer Effekt. SugaNorm – ist langsam bekömmlich und stabilisiert den Zustand des Kranken. Die Zusammenwirkung einer Sonderdiät und SugaNorm erhöht die Möglichkeit den Diabetes zu siegen.

Die Seriosität der Seite soll durch ein abgebildetes Mikroskop bekräftigt werden, daneben liest man:

Die deutschen Gelehrten aus dem Labor von Dr. Budberg im Hamburg haben eine einzigartige Zusammensetzung der Arzneipflanzen aufgesucht.

Auf einer anderen Seite heißt es:

Deutsche Wissenschaftler aus Hamburg Lao Dr. Laboratory. Budberg findet einzigartige Zutaten in natürlichen Kräutern.

Es versteht sich von selbst, daß man im Internet weder einen Dr. Budberg in Hamburg noch das angegebene „Laboratory“ findet. Dafür findet man auf Youtube zahlreiche Videos, auf denen in immer den gleichen Worten („Konditoreswarenfabrik“ usw.) Diabetiker von ihrer Gesundung durch SugaNorm schwärmen. Auch ein Mathäus Schulze, Facharzt für Diabetologie, preist das Mittel auf Youtube. Die angegebene Telefonnummer führt zum Medicum in Hamburg, wo es einen „Mathäus Schulze“ offenbar gar nicht gibt. Auch ein „Domschke Ulrich, Doktor der Medizin, Facharzt für Endokrinologie“ ist außerhalb des SugaNorm-Universums nicht auffindbar. Er ist zwar abgebildet, sieht aber aus, als hätte man einem armen Arbeitslosen für ein paar Euro einen schlechtsitzenden Arztkittel übergestülpt. Seine „Expertenmeinung“:

Schon nach 1 Kurs wird der Diabetes allmählich weg, die Arbeit aller Systeme des Körpers wird wiederhergestellt.
Die Wirksamkeit des Präparats bestätigen die Laboruntersuchungen und die praktische Anwendung.

Die angebliche „Leiterin vom Call-Zentrum Gertrud Levin“, die auf der Seite von SugaNorm auf einem Foto abgebildet ist, findet man übrigens, wenn man die Google-Bildersuche verwendet, auf Dutzenden von ukrainischen oder russischen Seiten wieder.

Ich glaube zwar nicht, daß diese SugaNorm-Kampagne, die offenbar ausschließlich mit fiktiven Ärzten und fiktiven Leserkommentaren arbeitet, in Deutschland sehr erfolgreich ist, aber es müßte doch möglich sein, ihre Urheber, die sicher irgendwo im Ausland sitzen und mit ihren Heilsversprechen naive Menschen um ihr Geld bringen, an ihrem Tun zumindest auf Plattformen wie Youtube zu hindern.

Im übrigen sollte man niemandem Glauben schenken, der für seine Wundermittel viel Geld verlangt, die deutsche Sprache aber nur radebrechend beherrscht. Hersteller soll übrigens „Bernatatte Ltd., Av. Ricardo J. Alfaro, Panama International“ sein.

PS: Die Inhaltsstoffe von SugaNorm, bestehen, wie hier ausgeführt wird, aus

Amaranth Samen, Ziegengans, Artischocke, Hagebutte, Cordyceps.

Statt „Ziegengans“ heißt es auf anderen Seiten auch „Gänseblutrot“. Da erübrigt sich ja wohl jeder Kommentar.

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Schmerzlich vermißt: Constanze Angermann

Daß Menschen einfach so verschwinden, kommt öfter vor, als man denkt. Schon sprichwörtlich ist der Mann, der abends schnell noch Zigaretten holen will und nie wieder gesehen wird. Daß aber eine Fernseh-Moderatorin verschwindet, ist ungewöhnlich.

Constanze Angermann hat im Wechsel mit anderen Moderatoren über 20 Jahre lang die „Hessenschau“ moderiert, jeden Tag von 19 Uhr bis 19.30 Uhr. Am 4. August moderierte sie ein letztes Mal, dann war sie mit einem Mal verschwunden. Keine Nachricht vom Sender, keine Pressemeldung. Die Zuschauer dachten, sie habe einen längeren Urlaub angetreten.

Dann kam Ende des Monats die Meldung der Bildzeitung, die zwei Mitarbeiter des Hessischen Rundfunks zu Wort kommen ließ. Beide wollten – wohl aus guten Gründen – anonym bleiben:

Uns wurde auf einer außerordentlichen Sitzung gesagt, Constanze sei zu alt für den Schirm, der hr wolle sich in Zukunft jünger und frischer präsentieren.

Der hr hat wohl Angst, dass die jungen Zuschauer ausbleiben. Immer wieder ist von Verjüngung die Rede, in allen Bereichen. Wir fragen uns, ob 50 die neue Grenze ist? Dann würde Kompetenz auf der Strecke bleiben. Für uns ist diese Personalie alarmierend und nicht nachzuvollziehen.

Natürlich hat der Sender sofort dementiert: es sei keineswegs eine außerordentliche Sitzung gewesen, und das Alter der Moderatorin habe bei der Entscheidung keine Rolle gespielt. Ein Moderationswechsel sei „ein alltäglicher Prozess im TV-Geschäft“:

Immer wieder aber müssen Tradition und Neues neu austariert werden, damit die ‚Hessenschau‘ das Flagschiff der regionalen Information bleibt.

Eine TV-Sendung braucht immer wieder neue Impulse. Dazu gehören auch neue Gesichter vor der Kamera.

Das klingt sachlich und vernünftig, aber ein paar Fakten sprechen dafür, daß der hr sich da nur herausreden will. Frühere Moderatoren, die das hessische Publikum genauso wie unsere „Conny“ ins Herz geschlossen hatte, etwa Uwe Günzler, Frank Lehmann, Barbara „Babs“ Siehl und Holger Weinert sind alle an ihrem letzten Arbeitstag würdevoll verabschiedet worden. Zu Weinert liest man in der Wikipedia:

Am 31. März 2017 moderierte Weinert zum letzten Mal die Hessenschau und wurde anschließend von der Redaktion gebührend verabschiedet.

Warum hat man Constanze Angermann nicht „gebührend“ verabschiedet? Und wo bleibt eigentlich das neue „frische Gesicht“ der Hessenschau? Von einer Nachfolgerin ist jedenfalls weit und breit nichts zu sehen. Könnte der Rauswurf am Ende nicht doch daran liegen, daß sie kein gestyltes Püppchen war, mit dem man heute – fast immer vergebens – ein „junges Publikum“ gewinnen möchte?

So viel Schäbigkeit hätte ich dem Hessischen Rundfunk denn doch nicht zugetraut.

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