Keine Macht den Dogmen!

Das ist das Motto der Papstgegner, die morgen in Berlin vom Potsdamer Platz zum Bebelplatz ziehen wollen. Die Veranstalter erwarten 20.000 Menschen. Die Veranstalter – das sind, wie man liest, 65 Organisationen, aber sie haben im Grunde nur ein Thema.

Hören wir einfach, was ihr Sprecher, Jörg Steiner, dazu sagt:

Der Papst vertritt eine menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik. Mit seiner Haltung, etwa zur Verhütung oder zum Schwangerschaftsabbruch, ist er gegen eine sexuelle Selbstbestimmung. Wir wollen eine Gegenöffentlichkeit schaffen.

Mein Gott, möchte man da ausrufen, gibt es in eurem Leben auch noch irgend etwas anderes? Lebt ihr nur in einer Dimension? Könnt ihr denn nicht ein einziges Mal über eure Geschlechtsorgane hinausdenken?

Es gibt, auch wenn ihr das nicht glaubt, ein Leben jenseits des Kondoms. Wirklich!

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Erdoganeshad zündelt weiter

Der Nahe Osten ist ein Pulverfaß. Viele bemühen sich nun schon seit Jahrzehnten, den Konflikt zu entschärfen, auch wenn dazu fast übermenschliche Fähigkeiten nötig sind.

Aber jetzt gibt es einen, der sich für einen großen Staatsmann hält: den türkischen Ministerpräsidenten Erdoganeshad. Er denkt gar nicht daran, auf die Heißsporne im Nahen Osten beschwichtigend einzureden, ganz im Gegenteil: er gießt auch noch Öl ins Feuer. Er ist ein gefährlicher Brandstifter, und die eher jovialen Töne, mit denen Präsident Gül bei seinem Staatsbesuch in Deutschland die neue türkische Großmannssucht verbrämt, sollen nur vom brandgefährlichen Kurs der türkischen Regierung ablenken.

Erdoganeshad will Kriegsschiffe Richtung Israel entsenden, er träumt von einem türkischen Flugzeugträger im östlichen Mittelmeer, und auch den Zypernkonflikt will er mit Gewalt lösen. Dieser Mann ist eine Gefahr für den Weltfrieden. Er hat die alten türkischen Eliten, vor allem im Militär, entmachtet, Journalisten mit Prozessen bedroht und mundtot gemacht, und jetzt, so glaubt er, ist seine Stunde gekommen. Es besteht kein Zweifel mehr daran, daß er Großmachtpläne hat, er will zur Schutzmacht aller islamischen Staaten im östlichen Mittelmeerraum werden. Dafür nimmt er jedes Risiko in Kauf – auch, wenn es sein muß, einen kriegerischen Konflikt.

Wenn man alle Äußerungen von türkischer Seite im Zusammenhang sieht, kann man sich nur wundern, wie blauäugig, ja devot zum Beispiel unser Bundespräsident auf die türkische Aggressivität reagiert. Und auch aus den USA hört man noch immer keine Zurechtweisung gegen den Kriegstreiber in Ankara. Dieses appeasement hat sich schon 1938 bitter gerächt, und es wird sich auch in der causa Türkei rächen.

Es ist mir völlig unbegreiflich, wie sich Wulff angesichts solcher Töne für die Aufnahme der Türkei in die EU aussprechen kann. Wir haben nun weiß Gott schon viel zu viele Länder in die EU aufgenommen, daher rührt ein großer Teil der Probleme, die Europa hat. Die Türkei gehört geographisch zu Asien – und nicht nur geographisch, wie man jetzt an der Politik von Erdoganeshad sehen kann.

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Über die Moral in der Finanzwelt

Jetzt also Italien!

Irgendeine dahergelaufene Ratingagentur – diesmal ist es Standard & Poor’s – stuft das Land herab, und alles ist in heller Aufregung: es ist die Meldung Nummer eins bei den Agenturen, in allen Nachrichten, und die Regierungen und Parteien reagieren darauf mit den üblichen öffentlichen Gefühlsregungen: Bestürzung, Verständnis, Enttäuschung. Aber wie auch immer: sie nehmen diese Meldung wichtig – so wichtig, daß sie automatisch (wie man in der Formel 1 sagen würde) die pole position erhält.

So werden Medien und Regierungen – beide hilflos, beide nicht willens, den Dingen wirklich auf den Grund zu gehen – zu Erfüllungsgehilfen der gewissenlosen Finanzwelt. Je kläglicher, je ängstlicher beide auf die Zumutungen dieser Subkultur reagieren, umso verwegener wird sie werden. Es ist wie bei einem Serienmörder: je mehr man über ihn berichtet, je mehr er die Öffentlichkeit im Griff hat, desto stärker werden seine Allmachtsgefühle. Dieser Vergleich ist übrigens ganz und gar nicht unangemessen, im Gegenteil: ein Mörder tötet nur hin und wieder einen Menschen, diese Agenturen aber vernichten mit einer einzigen Pressemeldung – „S&P zweifelt am Sparwillen Italiens“ – ein ganzes Land (und sie kennen die Folgen ihrer Meldung sehr genau). Wer handelt da eigentlich ethisch verwerflicher: der Serienmörder oder die Ratingagentur? Je länger ich beides vergleiche und an moralischen Maßstäben messe, umso mehr neigt sich bei mir die Waage zugunsten des Mörders. Er tötet im kleinen Maßstab, und meist sind es Affekte, Triebe, seelische Verwundungen, die ihn dazu treiben. Der Kapitalanleger, der mit seinen Entscheidungen ganze Länder ins Unglück stürzt, wird nicht von Affekten getrieben, er handelt (wenn man das so sagen darf) völlig rational und ohne jede Gefühlsregung. Denkt der Mitarbeiter einer Ratingagentur, wenn er Griechenland zu einem Ramschland macht, an die hunderttausend griechischen Familien, die er damit in den Ruin treibt? Bewahre!

„Wir stufen doch nur ganz objektiv die Kreditwürdigkeit eines Landes ein“, würde er Ihnen antworten. Die Folgen einer solchen Meldung gehen ihn nichts an.

Hier ist offenbar, ohne daß wir es wahrgenommen haben, ein völlig ethikfreier Raum enstanden. Die Banker, die Ratingagenturen, die Wertpapierhändler – sie alle übernehmen keinerlei Verantwortung für die Folgen ihres Handelns, sie verstecken sich hinter einer vordergründigen Rationalität, die das Schicksal der betroffenen Menschen vollständig ausblendet. Es geht nur noch ums Geld, um den Gewinn – ein ekelhafter Tanz ums Goldene Kalb von geradezu biblischen Ausmaßen.

Natürlich: im Grunde ist es ein menschlich armseliges Milieu, und nicht für alles Geld der Welt möchte ich mit einem dieser Banker und Wertpapierjongleure tauschen. Aber es ist auch höchste Zeit, daß man ihnen ihre Grenzen zeigt. Und das geht nur, wenn man nicht mehr auf die Sündenböcke eindrischt, egal, ob sie Griechenland, Italien, Portugal oder sonstwie heißen: man muß die eigentlichen Täter zur Verantwortung ziehen.

Und man sollte vielleicht in einer stillen Stunde auch einmal darüber nachdenken, ob nicht dieser vollständige Mangel an Moral, dieser Mangel an einem sicheren Gespür für Gerechtigkeit, für Gut und Böse in großen Teilen der Gesellschaft mit dem Sieg der Autonomie des aufgeklärten Menschen zusammenhängt.

Was haben wir noch zu fürchten, wenn Gott tot ist? Dann können wir jede Schandtat, jedes Verbrechen begehen und uns dabei noch ins Fäustchen lachen.

Es ist ein hübscher Gedanke, daß es auch eine Moral jenseits aller Religionen gibt. Aber dieser Gedanke ist eben nur hübsch, nichts weiter.

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Immer feste druff – auf den Papst

Wenn der deutsche Papst nach Deutschland kommt, wird der sonst friedliche Talkmaster zum Berserker. Gestern hat Plasberg mit einer plumpen Zusammensetzung der Gesprächsrunde den Einstieg gegeben, heute vollendet Maischberger.

Jeder darf den Papst kritisieren. Auch mir gefallen einige Lehren der katholischen Kirche ganz und gar nicht – zum Beispiel, wie sie mit Tieren und mit Geschiedenen umgeht.

Darf man deshalb so grob unhöflich sein? Nein, das darf man nicht. Das Wort „Gesprächskultur“ kommt von Kultur, also von einem zivilisierten Umgang miteinander. Davon war bei gestern bei Plasberg keine Rede. Seine Sendung, die anfangs beim WDR wirklich noch ansehnlich war, ist heute auch nur eine der vielen Krawallshows, bei denen die Gäste schon so eingeladen werden, daß sie dann aufeinander einbrüllen. Der Erkenntniswert ist da natürlich minimal.

Heute abend: die Fortsetzung bei Maischberger. Was sie auf ihrer Homepage schreiben läßt, reicht mir schon. Diese Sendung muß ich mir nun wirklich nicht antun.

Wieder kommen die selbsternannten Papstkritiker ausgiebig zu Wort. Zum Beispiel: der unsägliche Mathieu Carrière, der – nur weil fast jeder sein Gesicht kennt – natürlich auch dazu seinen Senf gibt. Die Kirche, sagt er schon vor der Sendung, maße sich an, „moralisches Vorbild zu sein.“

Das ist einfach nicht mehr glaubwürdig nach 2.000 Jahren Gemetzel und finsterster Barbarei.

Und dann sagt der „überzeugte Buddhist“:

Ich bin gegen Glauben allgemein. Ich halte das für sehr gefährlich. Religion ist eine Wahnwelt.

Ein so einfaches Weltbild ist immerhin mehr als ausreichend, um bei Maischberger eingeladen zu werden.

Aber es kommt ja auch noch eine echte Fachfrau für das Transzendente: die „Beststellerautorin“ Esther Vilar. Ihr Bestseller – „Der dressierte Mann“ – ist zwar vor vierzig Jahren erschienen, aber was solls: einmal Bestsellerautorin – immer Bestsellerautorin.

Und vor allem hat sie zum Thema etwas Inhaltliches zu sagen: nämlich daß die katholische Kirche engstirnig und sexistisch ist! Auch zur Ewigkeit hat sie sich so ihre Gedanken gemacht:

Man müsste Millionen Jahre leben. Das würde uns doch zu Tode langweilen.

Ach jehchen. Das erinnert mich in der argumentativen Schlichtheit ein bißchen an Gagarin, der nach seinem kurzen Flug durch die unendlichen Weiten des Weltraums sagte, er habe Gott dort nirgendwo angetroffen. Und das hat er wirklich und wahrhaftig als Beweis für die Nichtexistenz Gottes angeführt!

Wenn Gagarin noch lebte, er wäre bestimmt heute abend auch bei Maischberger.

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Der Tod des Bindestrichs

Der gute alte Bindestrich muß wohl bald sein Dasein auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Satzzeichen fristen. Immer öfter liest man, vor allem in der bildungs- und sprachfernen Schicht der Werbetexter, zusammengesetzte Wörter, die diesen Namen nicht mehr verdienen – sie werden nicht mehr zusammen-, sondern, wie in den isolierenden Sprachen, etwa dem Chinesischen, einfach beziehungslos nebeneinandergesetzt.

Über das schöne „Latein Wörter Buch“ habe ich ja schon berichtet (hier nachzulesen). Auf der Internetseite eines großen Einkaufszentrums (oder besser Einkaufs Zentrums?) lese ich gerade, daß es durch eine „neue Sandstein Fassade“ noch schöner geworden sei. Als Attraktion wird u.a. auf eine „Steifftier Ausstellung“ hingewiesen.

Dazu paßt dann gleich der erste Satz der Begrüßungsseite – er enthält eines meiner Lieblings-Dummwörter. „Wir freuen uns“, schreibt der Texter da,

dass wir Ihnen mit unserer Internetseite zeitnah einen Überblick über alle wichtigen Informationen geben können.

Manchmal stelle ich mir vor, daß hier gar keine Werbetexter, sondern Sprachkritiker und Satiriker am Werke sind, die besonders doofe und fast sinnfreie Sätze zusammenstellen und sich dabei halb totlachen.

Aber nein. Das ist alles wirklich ernst gemeint und mit Bedacht geschrieben.

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Gül strotzt

Politisch, sagte der türkische Präsident Abdullah Gül, sei die Türkei in der internationalen Arena so einflußreich wie die ganze EU zusammen.

Wäre es dann nicht angemessener, die EU würde die Aufnahme in die Türkei beantragen?

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Der verbrauchte Papst – müde, lustlos, blutleer

Das ist schon ein besonderes Stück von Meinungsjournalismus, das Frank Ochmann vom Stern da zu Benedikts Wort zum Sonntag abliefert (hier nachzulesen).

Erst einmal sagt er: natürlich sei es dem Papst „nicht vorzuwerfen, dass er inzwischen das 84. Lebensjahr vollendet hat und schon darum manchmal müde und verbraucht wirkt“,  auch ein Papst könne ja nicht aus seiner Haut heraus, und Benedikt XVI. könne natürlich auch nichts dafür, daß er nicht das Charisma, die Ausstrahlung seines Vorgängers habe.

Und dann – wirft ihm Ochmann das alles doch vor. Dem Papst sei „im beinahe regungslosen Gesicht“ die Vorfreude nicht anzumerken gewesen, die ihn „angeblich erfüllt“, und sein Blick war „starr auf den Teleprompter gerichtet“. Aber, so fügt Ochmann hämisch hinzu: „Mit mehr Esprit und Charisma war nicht zu rechnen.“ Der Papst „sinniert“ denn auch nur, liefert eine „blutleere Meditation über die Spuren des Göttlichen“ – und geht nicht auf das ein, was „hierzulande die meisten Menschen umtreibt“.

Sie ahnen schon, was jetzt folgt? Natürlich – der Mißbrauch, die geschiedenen Ehen, die Schwulen!

Und dann kommt dieser Papst daher und redet im Wort zum Sonntag allen Ernstes – von Gott.

Kein Wunder, daß Ochmann tief enttäuscht ist. „Belangloser“, schreibt er, „hätte dieses Wort an die Landsleute kaum ausfallen können.“

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Nieder mit den Griechen!

Vor ein paar Tagen habe ich schon einmal über die Sündenbockrolle geschrieben, die Griechenland – unfreiwillig – übernommen hat. Dieses garstige Spiel geht weiter.

Jetzt tritt auch Schäuble nach.

Die Anpassungsmaßnahmen sind sehr hart. Die Griechen müssen wissen, ob sie diese Last auf ihren Schultern tragen wollen.

„Schäuble droht Griechenland mit Zahlungsstopp“, schreibt dazu die Welt. Und Seehofer, einer der unberechenbarsten deutschen Politiker überhaupt, fordert jetzt – nur ein wenig verklausuliert – den Austritt der Griechen aus der Eurozone. Das Münchener Ifo-Institut verlangt Maßnahmen gegen Griechenland, die „richtig weh tun“. Die Nürnberger Nachrichten wollen das Land gar „auf den Pfad der Tugend zwingen“. Und für Röslers heruntergewirtschaftete FDP ist das populistische Einschlagen auf Griechenland ein letzter Versuch, das Abgleiten in die Bedeutungslosigkeit zu verhindern.

Das alles ist im Grunde ein psychologisches Schulbeispiel für die Sündenbockfunktion.

Die Politiker werden immer hilfloser, weil sie den eigentlichen Schuldigen – die international vernetzte und völlig gewissenlose Finanzwelt – nicht zur Verantwortung ziehen können (sie wollen es vielleicht nicht einmal). Deshalb prügeln sie immer hemmungsloser auf den Sündenbock Griechenland ein. Daß man dabei scheinrationale Argumente anführt, hat schon immer zum bösen Spiel mit dem Sündenbock gehört.

Die Griechen, sagt man, haben über ihre Verhältnisse gelebt. „Die“ Griechen?

Griechenland war schon immer ein armes Land, und seit der Einführung des Euro geht es der großen Mehrheit eher noch schlechter als vorher. Die Preise und die Mieten in den größeren Städten liegen zum Teil noch über dem deutschen Niveau – Milch, Käse und Eier kosten zum Beispiel annähernd doppelt so viel wie in Deutschland.

Die Einkommen reichen kaum noch zum Überleben. Über 60 % der Rentner bekommen weniger als 600 Euro im Monat, Berufsanfänger müssen im Durchschnitt mit etwa 700 Euro auskommen. Ein Angestellter verdient ca. 40 % dessen, was sein deutscher Kollege erhält. Ein Ingenieur mit dreijähriger Berufserfahrung bekommt 1.050 Euro im Monat, ein Programmierer 700 Euro – brutto! Und das alles (ich sage es noch einmal) bei Lebenshaltungskosten, die zum Teil höher sind als in Deutschland.

Armenküchen gibt es in Griechenland erst, seit es den Euro eingeführt hat. Heute bilden sich vor jeder Essensausgabe lange Schlangen. Jetzt hat auch noch der Pharmakonzern Roche seine Lieferungen nach Griechenland eingestellt, weil die griechischen Krankenhäuser ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können (bei Spiegel Online nachzulesen):

Das Ende Juni auf Druck der anderen Euro-Länder verabschiedete Sparpaket dürfte die Lage noch einmal verschärft haben. Laut dem Programm sollen allein in diesem Jahr 310 Millionen Euro im Gesundheitssektor eingespart werden. Bis 2015 sollen weitere 1,43 Milliarden Euro hinzukommen.

Das ist die Wahrheit – aber sie paßt nichts ins Bild von den „faulen Griechen“, die unsere Regierung sehr geschickt immer wieder lanciert. Wir sollten nicht darauf hereinfallen.

Es gibt sicher eine kleine korrupte Schicht in Griechenland, die sich auf Kosten der Bevölkerung bereichert – aber haben wir die nicht auch? Die große Mehrheit der Griechen jedenfalls hatte vom Euro nur Nachteile und soll jetzt auch noch alle Opfer tragen, wenn die arroganten europäischen Regierungen ihre Strafmaßnahmen diktieren.

Irgendwann wird sich auch der gefügigste Sündenbock gegen ein solches Diktat wehren. Griechenland hat jedes Recht dazu.

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Was ist Europa?

Europa – das sind viele Staaten, alle haben sie ihre Geschichte, ihre Kultur, ihre Traditionen, ihre ganz eigentümlichen Gewohnheiten. Und alle diese Staaten haben (wenn man vom Balkan absieht, der ja auch an der Peripherie des Kontinents liegt) seit dem letzten Weltkrieg in Frieden miteinander gelebt. Das liegt auch daran, daß jeder Staat seine eigenen Dinge seit jeher selbst geregelt hat.

Die Dinge liegen in Europa ganz anders als bei der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika. Es gibt nicht einen einzigen vernünftigen Grund, weshalb die europäischen Staaten ihre Souveränität – und damit ihre jahrhundertealte Kultur und Geschichte – aufgeben sollten.

Aber genau das verlangt die nordrhein-westfälische CDU in einem Grundsatzpapier. Die „Einheit Europas“ sei eine historische Notwendigkeit – man müsse jetzt „Souveränitätrechte abgeben“.

Muß man das?

Souveränitätsrechte abgeben an undurchsichtige Institutionen ohne wirkliche demokratische Legitimation? An eine aufgeblähte Bürokratie? An ein „Europa“, in dem es immerfort nur zu faulen Kompromissen kommt, das auch in der Zukunft weiter von Krise zu Krise stolpern wird? Wir haben doch schon jetzt so viele Rechte abgegeben, daß ein europäischer Gerichtshof uns zwingen kann, aus formalen Gründen gefährliche Verbrecher freizulassen.

Röttgen und seine CDU wollen uns weismachen, daß die Schuldenkrise uns jetzt zwingt, noch mehr Souveränität abzugeben. In Wirklichkeit ist es gerade umgekehrt! Eben weil wir schon jetzt nicht einmal mehr über unsere eigene Währung bestimmen können, sind wir der halbseidenen Finanzwelt hilflos ausgeliefert. Weil wir in der Vergangenheit so viele Hoheitsrechte abgegeben haben, hat es erst zu so dramatischen Finanz- und Schuldenkrisen kommen können.

Man kann Länder wie Frankreich, Deutschland oder Polen doch nicht mit Nevada oder South Dakota vergleichen! Wir haben hier im alten Europa Jahrhunderte gebraucht, um die Demokratie zu erkämpfen. Und jetzt sollen wir immer mehr dieser unter großen Opfern errungenen Rechte abtreten?

Nein – im Gegenteil. Wir sollten versuchen, unsere Souveränität zumindest in wirtschaftlichen Angelegenheiten wieder zurückzugewinnen. Auch weil das (wohlbegründete!) Gefühl der Menschen, daß sie „denen in Brüssel“ hilflos ausgeliefert sind, die Politikverdrossenheit weiter schüren wird.

Oder soll es so weit kommen, daß bei der nächsten und der übernächsten Krise (und die werden kommen) auch wieder nur noch Bangen und Beten hilft?

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Toll, dieser Artikel umfaßt ganze 23 Sätze!

Es ist ein offenes Geheimnis, daß bei uns das Gefühl für die Feinheiten der deutschen Sprache immer mehr abnimmt.

Ein eklatantes Beispiel dafür ist das Adjektiv „ganz“, das manchmal in einem sehr speziellen Sinn verwendet wird. Man sagt etwa, ein Mann habe „ganze zwei Jahre“ im Gefängnis gesessen, obwohl er ein schweres Verbrechen begangen hat. Man könnte dafür auch sagen: „nur zwei Jahre“. Eigentlich, das will man damit ausdrücken, hätte er viel länger sitzen müssen. Dieses „ganze“ sagt man also nur, wenn man darüber erstaunt ist, daß irgendeine Zahl oder Menge kleiner ist als erwartet.

Einer redet etwa „ganze zwei Minuten“ – das bedeutet: man hätte erwartet, daß er viel länger redet. Ein Kleid kostet „ganze 40 Euro“ – also ein Schnäppchen: eigentlich hätte man es für teurer gehalten.

Das ist doch eigentlich leicht zu verstehen, nicht wahr? Tatsächlich haben alle Generationen vor der heutigen das Wort auch genauso gebraucht.

Heute – hören Sie einmal aufmerksam Radio oder Fernsehen! – wird das Wort oft gerade umgekehrt, also völlig falsch gebraucht. Egal, ob es ein Privatsender oder unser Hessischer Rundfunk  ist, ständig hört und liest man das Wort, wenn jemand ausdrücken will, daß eine Anzahl größer als erwartet ist.

Da heißt es etwa, daß ein Lottogewinner „ganze sechs Millionen Euro“ gewonnen habe. Oder: ein Bürgermeister war „ganze 16 Jahre im Amt“. Wer einmal wachen Sinnes die Medien verfolgt, wird merken, daß diese Wendung inzwischen viel öfter falsch als richtig gebraucht wird.

Ich habe mich schon oft gefragt, woran es liegt, daß es heute mit dem Sprachgefühl so dramatisch bergab geht. Es kann eigentlich nur daran liegen, daß heute weniger, aber vor allem, daß viel einseitiger gelesen wird als früher. Man liest vor allem Krimis, Thriller, Science Fiction, Fantasy – und gewöhnt sich damit an einen ziemlich einheitlichen, eher einfachen Sprachstil: kurze Sätze, Alltagssprache, wenig stilistische Komplexität, oft handelt es sich auch um wirklich schlechte, in aller Eile hingeschluderte Übersetzungen aus dem Amerikanischen. Selbst in der Oberstufe der Gymnasien greift die Generation Copy & Paste gern und oft auf die Zusammenfassungen im Internet zurück, um sich das Selberlesen zu ersparen.

So kommt es, daß heute schon Texte aus der Mitte des 20. Jahrhunderts vielen Menschen Schwierigkeiten bereiten, von Literatur aus der Goethezeit oder dem Biedermeier ganz zu schweigen. Niemand wird mehr zum Lesen älterer Texte genötigt, das Sprachgefühl verkümmert oder bildet sich gar nicht erst.

Denn wenn man ein Gefühl für die Sprache entwickeln will, dann gibt es nur eines: lesen, lesen, lesen – und zwar alles: von den Tischreden Luthers über Schillers Balladen bis zu den Romanen von Fontane, Mann und Grass.

Einen anderen Weg gibt es nicht.

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