Ahmadineshad – nur ein „Popanz“?

Zum Gedicht – wie versprochen – kein Wort mehr, aber ein Satz, den Günter Grass am Karfreitag gesagt hat (hier nachzulesen), ist so ungeheuerlich, daß man ihn nicht durchgehen lassen darf.

Er habe, sagt Grass jetzt, gar nicht Israel, sondern die Regierung Netanjahu kritisieren wollen, die

mit „dem Iran und der Vermutung, dass dort eine Atombombe gebaut wird, einen Popanz‘‘ aufbauen würde.

Ein Popanz ist ein Schreckgespenst, das „aufgrund vermeintlicher Bedeutung … Furcht, Einschüchterung o. Ä. hervorruft od. hervorrufen soll“ (Duden Universalwörterbuch). Das Wichtigste ist hier das Wort „vermeintlich“, das Grimmsche Wörterbuch definiert den Popanz deshalb als „schreck-, trug-, scheinbild“.

Was Grass sagt, bedeutet also im Klartext: die kriegslüsterne israelische Regierung weiß genau, daß Ahmadineschad nur ein Maulheld ist und in Wirklichkeit gar keine Atombombe besitzt, aber sie baut ihn zu einem Popanz auf, weil sie das iranische Volk auslöschen will.

Wie kann ein intelligenter Mensch so etwas wachen Sinnes behaupten? Hat er jetzt jedes Gefühl für die politische Wirklichkeit verloren? Ich begreife es nicht. Nur eines ist sicher: Günter Grass, der das Florett gegen die grobe Keule des Demagogen eingetauscht hat, redet sich im Moment um Kopf und Kragen.

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Immer mehr Selbstmorde in Griechenland

Die Selbstmordrate hat sich in Griechenland in den letzten Monaten verdoppelt, wenn nicht verdreifacht – zu einer in diesem Land noch nie dagewesene Quote, und die Dunkelziffer ist hoch. Selbsttötungen hat es früher in Griechenland kaum gegeben, statistisch sind auf 100.000 Einwohner nur 3,5 Fälle gekommen.

Auch die Zahl der registrierten Fälle von Depression steigt stark an. Das ist auch die direkte Folge der Sparpolitik, die wir – Merkel, Sarkozy, Juncker usw. – Griechenland aufgezwungen haben. Wir selbst haben nach dem zweiten Weltkrieg von überall her Hilfe zum Aufbau gekommen, aber Griechenland lassen wir jetzt, obwohl es ein vollwertiges Mitglied der Europäischen Union ist, buchstäblich verhungern.

Das ist – mit Verlaub – eine Schande.

Ein 77jähriger Apotheker hat sich gestern morgen auf dem Syntagma-Platz im Zentrum von Athen erschossen. Er rief noch vor der Tat, er wolle seinen Kindern keine Schulden hinterlassen. In seinem Abschiedbrief heißt es:

Ich sehe keine andere Lösung für ein würdiges Ende, bevor ich im Müll wühlen muss, um mich zu ernähren.

Da höre ich schon wieder die gehässigen Kommentare: sind doch selber schuld, die Griechen! Nein, „die Griechen“ sind ganz und gar nicht schuld – wer das behauptet, weiß nicht, wovon er spricht. Es gibt in Griechenland eine kleine Schicht von korrupten Profiteuren (wie es sie übrigens auch in Deutschland gibt). Die Mehrheit der griechischen Bevölkerung hatte schon durch die Preisexplosion nach der Einführung des Euro nur Nachteile – jetzt wird das Land durch das Diktat der reichen Europäer ausgehungert und vollends ruiniert.

Die griechisch-orthodoxe Kirche zeigt sich dabei, wie ein Fall aus dem nordgriechischen Kosani beweist, nicht gerade von ihrer besten Seite. Eine Frau, die sich in einem See ertränkt hatte, durfte auf Anordnung des Bischofs nicht kirchlich begraben werden. Auch der Trauergottesdienst wurde verboten.

Jesus hat sich immer der Armen, Schwachen, Verzweifelten und Verachteten angenommen. Er wird diesem unchristlichen Bischof, wenn es einmal so weit ist, hoffentlich die Hammelohren langziehen.

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Mein letztes Wort über das Gedicht von Günter Grass

Günter Grass hat ein handwerklich dürftiges, inhaltlich abstruses Gedicht geschrieben. Aber eigentlich ist es gar kein Gedicht, es ist eine Art Un-Gedicht, ein politisches Pamphlet, das der Schriftsteller in schlechte, offenbar schnell hingeworfene Verse gegossen hat.

Und der Inhalt? Israel gefährdet den Weltfrieden. Punkt. Mehr ist nicht.

Grass hat gestern den ganzen Tag Fernsehteams ins sein Haus gelassen, aber er hat allen eigentlich nur einen einzigen Satz gesagt: Israel gefährdet den Weltfrieden. Das Orakel von Berkenthin hat gesprochen – aber nein, kein Orakel, die Aussage war ja nicht dunkel und schillernd, sie war klar und eindeutig. Auch wer es gut mit Grass meint, hatte keine Chance, diese Aussage auch nur ein bißchen zu relativieren.

In den vielen Kritiken taucht immer wieder das Wort „Antisemitismus“ auf – völlig zu Unrecht. Was Grass speist, ist eine diffus linke Haltung, wie sie vor fast einem halben Jahrhundert ihren Platz im geistigen Spektrum dieses Landes hatte (und damals vielleicht unvermeidbar war), die aber heute nur noch museal und verstaubt wirkt. Wenn Grass sich von der Reaktion auf sein Gedicht verletzt fühlt und dabei „die Springer-Zeitungen“ ausdrücklich hervorhebt, dann ist das zumindest ein Indiz, daß er geistig noch in dieser alten, gottlob untergegangenen Welt lebt.

Zorn oder Verachtung kann ich deswegen nicht empfinden, eher Traurigkeit. Man sieht, wie ein großer Schriftsteller starr wird, auch in seinem sprachlichen Ausdruck, und man weiß: jetzt kommt die Zeit, wo man das Werk gegen den Schriftsteller selbst verteidigen muß.

Also: kein Wort mehr über dieses Gedicht – dafür aber wieder einmal die Blechtrommel lesen! Oder eines seiner frühen Gedichte, die von einer wunderbaren sprachlichen Präzision waren. Damals hat er die deutsche Sprache zum Funkeln, zum Leuchten gebracht, das sollten wir in der heutigen Aufregung nicht vergessen.

Dieses Werk wird bleiben.

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Das Romane Lesen macht aus Jünglingen Schlemmer und Wüstlinge

Ein Briefsteller – ich habe ja schon einmal darüber geschrieben – ist ein Buch mit Musterbriefen für alle Gelegenheiten. Solche Bücher waren im 19. Jahrhundert sehr beliebt, inzwischen gibt es sie so gut wie gar nicht mehr.

Heute will ich aus dem „Vollständigen Universal-Briefsteller“ von F. Brunner einen weiteren Musterbrief zitieren – diesmal ist es der Brief eines Vaters an seinen Sohn:

Lieber Sohn!

Dein Lehrherr beklagt sich bitter darüber, daß Du in letzter Zeit sehr nachlässig und zerstreut geworden seist, und gibt als Grund dafür an, daß Du das Romane Lesen ganz leidenschaftlich treibest und dieser Leidenschaft sogar einen großen Teil Deiner Geschäftszeit opferst. Das ist nicht gut, mein Sohn! Du wirst Dich noch erinnern, wie ich über das Romane Lesen denke. Es dient jungen Leuten weder zur Wissens- noch zur Herzensbildung, sondern es zieht ab von allem ernstlichen Streben. Es füllt unreife Köpfe mit allerlei überspannten Gedanken und unreinen Phantasiebildern. Es lähmt die Arbeitskraft und weckt Genußsucht. Schon mancher junge Mensch ist durch diese Leidenschaft ein Schlemmer und Wüstling geworden.

Ich bin Deinem Lehrherrn sehr zu Dank verpflichtet, daß er mir von Deiner Verirrung Kenntnis gegeben hat, und ich habe ihn gebeten, mit aller Strenge Dich zur Erfüllung Deiner Pflichten anzuhalten. Ich warne Dich zum letzten Mal in dieser Sache und hoffe, daß Du meine Warnung beherzigst, sonst müßte ich andere Maßregeln ergreifen.

Dein Vater
J. Brecht.

„Das Romane Lesen“ – das sieht fast ein bißchen nach der neuesten Rechtschreibung aus!

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Günter Grass und sein „tödlicher lyrischer Schlag gegen Israel“

Günter Grass hat sich heute bitter über die Kritik an seinem Gedicht beklagt. Man sei auf den Inhalt gar nicht eingegangen. Er spricht sogar von einer „Gleichschaltung der Meinung“.

Das ist absurd. Praktische alle Kommentare, die ich gelesen habe, sind ausschließlich auf den Inhalt des „Gedichts“ eingegangen, und da kann Grass noch froh sein, denn handwerklich, als ein literarisches Werk, ist dieses Gedicht von recht bescheidener Kunstfertigkeit.

Aber wir wollen doch auch einmal betonen, daß es lobende Stimmen für das Gedicht gegeben hat, und zwar – bitte korrigieren Sie mich, wenn ich einen übersehen habe! – insgesamt drei.

Der erste Lober war Wolfgang Gehrcke, der den Mut von Günter Grass herausstellte, „auszusprechen, was weithin verschwiegen wurde“. Gehrcke war Gründungsmitglied der Deutschen Kommunistischen Partei und ist später über die PDS zur Linken gekommen. Wenn man anhören muß, welchen Mut beim Aussprechen der Wahrheit sich Grass und Gehrcke selbst zuschreiben, glaubt man freilich, nicht recht zu lesen: in Israel selbst wird über diese Fragen so frank und frei (und so heftig!) diskutiert, daß das Gedicht von Grass daneben wie ein müdes Pamphlet wirkt.

Der zweite ist Klaus Staeck, ein alter SPD-Genosse, der Grass jetzt mit dem Satz beispringt, man müsse „ein klares Wort sagen dürfen“. Selbstverständlich – aber dann muß man auch die Antwort ertragen, ohne das schlimme Wort von der Gleichschaltung zu benutzen, das ja dem nationalsozialistischen Vokabular entspringt. Mit der groben Keule austeilen und dann dünnhäutig über die Reaktion jammern – das geht gar nicht.

Jetzt wollen wir aber den dritten Laudator nicht vergessen (die Meldung ist gerade über die Agenturen gekommen). Der iranische Sender Press TV berichtete begeistert, daß „nie zuvor im Nachkriegs-Deutschland ein prominenter Intellektueller Israel auf so mutige Weise angegriffen hat wie Günter Grass mit seinem umstrittenen Gedicht“. Grass sei „ein tödlicher lyrischer Schlag gegen Israel gelungen“.

Das sind also die Freunde, die ihn noch loben. Wäre ich Grass – es würde mich wenigstens ein bißchen nachdenklich machen.

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Noch’n Gedicht – von Günter Grass

Si tacuisses, philosophus mansisses – wenn du geschwiegen hättest, wärst du (vielleicht) ein Philosoph, oder doch zumindest ein politisch kluger Kopf geblieben. Das nämlich muß jeder bezweifeln, der das neue Gedicht von Günter Grass mit dem Titel „Was gesagt werden muß“ (hier veröffentlicht) gelesen hat.

Welcher Teufel hat ihn geritten, ein so schlechtes Gedicht zu schreiben? Er kann es doch viel besser. Wenn man auf Reim und festes Metrum verzichtet, also in freien Versen schreibt, braucht man ein besonders feines Gefühl für den Rhythmus der Sprache. Davon ist hier nichts zu spüren.

Hier hat, so scheint mir, die Botschaft, die verbreitet werden sollte, die Form völlig überwältigt. Was er der Welt verkünden wollte, war für ihn so groß und mächtig, daß für eine präzise, wohlüberlegte Sprache kein Raum mehr war.

Aber auch inhaltlich ist hier wirklich nichts wohlüberlegt.

Das Gedicht stellt die Wirklichkeit völlig auf den Kopf. Es ist demagogisch und undifferenziert, und die scheinbar nachdenklichen Zwischentöne, in denen der Autor so tut, als reflektiere er kritisch über seine eigene Haltung, dienen nur der Verstärkung der Botschaft. Und die heißt, ganz explizit: Israel gefährdet den Weltfrieden. Ahmadineschad ist nur ein „Maulheld“, aber Israel mit seiner Atombombe ist brandgefährlich. Da wird das kleine Land Israel, das seit seiner Gründung von Feinden umzingelt ist, zum Dämon gemacht, zum bösen Brandstifter, und das Regime im Iran, wahrscheinlich das gefährlichste der Welt, wird fast verniedlicht, denn „im Machtbereich“ des Maulhelden wird der Bau einer Atombombe ja nur „vermutet“.

Die Reaktion auf das Gedicht von Grass ist vernichtend. Dabei gehen mit manchem Kritker die Gäule durch, vielleicht werden auch – man hat das schon bei der SS-Diskussion sehen können – alte Rechnungen beglichen. Der lästige Schriftsteller ist angeschlagen, da haut man einfach drauf.

Aber Grass ist sicher kein Antisemit. Eher schon hält er mit einer unverständlichen, fast trotzigen Hartnäckigkeit an einigen Bestandteilen der lange obsoleten linken Ideologie fest, zu der leider schon immer eine überkritische Haltung zu Israel und eine romantisierende Vorstellung von den Palästinensern gehört hat. Daß diese linke Haltung alle Schandtaten der Palästinenser – von München 1972 über die Flugzeugentführungen bis hin zu den Foltergefängnissen der Hamas – relativiert oder völlig ignoriert, kennzeichnet sie vollends als ideologisch. Die Palästinenser bleiben für die Linke, egal was sie tun, die edlen Wilden. In dieses geistige Spektrum ist auch das Gedicht von Günter Grass einzuordnen, mit dem er sich wirklich keinen Gefallen getan hat.

Trotz alledem: Grass ist, allein schon durch die Blechtrommel, einer der großen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Das kann (und darf!) ihm keiner nehmen – auch wenn er hin und wieder Dinge sagt, die er besser nicht gesagt hätte.

Und auch das wollen wir nicht vergessen: daß er ein alter, ein sehr alter Mann ist.

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Neue Gesichter heute abend bei Anne Will

Endlich kommt einmal frischer Wind in unsere Talkshows.

Zwei unverbrauchte Gesichter hat Anne Will nämlich für ihre Talkshow gewinnen können: Arnulf Baring und Heiner Geißler. Sicher sind alle Zuschauer auf diese Überraschungsgäste schon sehr gespannt.

Danke, Anne!

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Ein paar Gedanken zur „Herdprämie“

Wenn man sich als Paar zu einem Kind durchringt (und „durchringen“ ist heutzutage angesichts der Belastungen ein zutreffendes Wort), kommt man an einer wichtigen Entscheidung nicht vorbei: soll einer der Partner zuhause bleiben, um das Kind selbst großzuziehen, oder sollen beide weiterarbeiten und das Kind einer öffentlichen Einrichtung anvertrauen?

Ich bin keineswegs dafür, daß man Frauen wieder an den „Herd“ zwingt, aber ich bestehe darauf, daß man den Eltern die freie (und zwar eine wirklich freie!) Wahl zwischen den beiden Möglichkeiten gibt.

Diese Möglichkeiten haben die Eltern inzwischen nicht mehr.

Erstens: durch die vielen schändlichen und sittenwidrigen Niedriglöhne, an denen sich eine große Zahl von Unternehmen förmlich mästet, ist es schon aus finanziellen Gründen in den meisten Fällen nicht mehr möglich, von einem einzigen Gehalt den Unterhalt einer Familie aus Vater, Mutter und Kind zu bestreiten. Oft ist es sogar so, daß beide Löhne zusammen gerade einmal zum Überleben reichen.  Hier werden die Frauen also in den Beruf gezwungen, ob sie es wollen oder nicht. Sie haben keine Wahlfreiheit mehr.

Zweitens: in den letzten Jahren hat sich der ideologische und soziale Druck vor allem auf die Frauen merklich erhöht. Die Verachtung von Grünen, Linken und Fortschrittlichen jeder Couleur für eine Rolle, die sie (fast immer herabsetzend) „Hausfrau“ oder „Heimchen am Herd“ nennen, hat überall ihre Wirkung getan. Wenn eine Mutter oder ein Vater sich entschließen, die Erziehung ihrer Kinder selbst in die Hand zu nehmen, treffen sie meist auf unverhohlene Kritik.

Eine Hausfrau ist so beinahe zu einer Monstrosität geworden.

Die Argumente sind immer die  gleichen:

1)  Ein Mensch kann sich nur im Beruf „verwirklichen“!
Ja, ist das so? Natürlich gibt es Menschen, die das Glück haben, sich in ihrem Beruf zu verwirklichen. Aber das ist ein eher seltenes Glück – die Regel ist es wirklich nicht. Bei Lidl oder Rewe an der Kasse zu sitzen, Büros zu putzen usw. – das sind doch oft die „Traumjobs“, in denen sich Frauen verwirklichen dürfen. Wieviel Liebe und Erfahrungen hätten sie in dieser Zeit ihren Kindern geben können! Statt dessen müssen sie sich von Firmen zu Minlöhnen ausbeuten lassen (und dieses Wort, das ich nicht oft gebrauche, ist hier wirklich am Platz.)

2)  Frühe soziale Kontakte von der Krabbelstube bis zur Kita sind unerläßlich für die Kinder!
Soziale Kontakte sind wichtig, das stimmt – aber glaubt denn jemand allen Ernstes, daß Eltern, die ihre Kinder selbst erziehen, diese Kontakte unterbinden? Das Gegenteil ist der Fall – ich jedenfalls habe damals einen großen Teil meiner Zeit damit zugebracht, unsere Kinder von einem Kindergeburtstag zum anderen zu fahren, und viele der Freundschaften bestehen heute noch, obwohl die Kinder schon lange erwachsen sind. Natürlich waren sie auch im Kindergarten, aber am Nachmittag war ich immer für sie da. Das Märchen vom sozial verarmten Kind ist also eine dumme und nur ideologisch begründete Verleumdung.

3)  Kindern aus schwierigen familiären Verhältnissen kann nur in staatlichen Einrichtungen geholfen werden!
Das bedeutet im Klartext: nur weil unsere Jugendämter usw. mit diesem kleinen Prozentsatz an schwierigen Familien nicht zurechtkommen, soll der großen Mehrheit der Eltern die Wahlfreiheit genommen werden? Und überhaupt: glaubt man denn allen Ernstes, daß solche Familien, die schon heute ihre Kinder allen Sozialkontakten entziehen, es dann nicht mehr tun?

Nein, hier soll auf Biegen und Brechen eine gesellschaftspolitische Ideologie durchgesetzt werden, und ganz und gar nicht, wie naive Menschen denken mögen, damit Frauen sich im Beruf verwirklichen können, sondern: damit die Unternehmen mit ihren Niedriglöhnen für Frauen immer genug Menschenmaterial bekommen. Patrick Döring sagt es ganz offen:

Wenn wir die Frauenerwerbstätigkeit erhöhen und die Rückkehr von Frauen in den Beruf erleichtern wollen, sollten wir nicht die Betreuung von Kindern zu Hause vergüten, sondern den Ausbau von Kita-Plätzen fördern.

Daß die Kanzlerin mit ihrer DDR-Sozialisation kein Problem mit Krippen schon für die Kleinsten hat, ist verständlich. Daß aber große Teile der CDU ihre Traditionen über Bord werfen, ist schlimm. Wenn Grüne und Linke jetzt (zusammen mit dem Riesen-Staatsmann Patrick Döring) beim Betreuungsgeld von einer Herdprämie sprechen, wird sich niemand wundern, sie folgen nur den alten ideologischen Pfaden. Es ist aber mehr als bedauerlich, wenn selbst in der CDU gefordert wird, das Betreuungsgeld zu streichen und die eingesparten Mittel lieber in die Krippen und Kitas zu stecken.

Die Wahlfreiheit der Eltern, die jetzt schon durch die Niedriglöhne stark eingeschränkt ist, wäre dann vollends dahin.

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Bewerbung einer Schlecker-Frau um eine neue Stelle

So hätte sie vor langer Zeit vielleicht ausgesehen:

Hochwohlgeborener, hochgeehrter Herr Filialleiter!
Euer Gnaden suchen für Ihre Filiale in Jügesheim eine Kassiererin. Sollte diese Stelle noch nicht vergeben sein, so erlaube ich mir, mich bei Euer Gnaden dazu angelegentlichst zu empfehlen. Entsprechend dem Ausschreiben in der Frankfurter Rundschau gebe ich meine Personalien wahrheitsgemäß an, wie folgt: ich bin geboren den 12. Februar 1968 und bin die Tochter des Samuel Reinöl, Gutspächter in Patershausen. Bis zum 10. Jahre besuchte ich die Grundschule, von da ab bis zum 16. Jahre die Hauptschule. Da ich mich dem Einzelhandel widmen wollte, wurde ich nach Erstehung des erforderlichen Examens in dem Schleckerschen Markt in Isenburg aufgenommen. Da nun aber dieser Markt, wie auch die meisten andern, in Konkurs gegangen ist, so löst sich dieser Kontrakt am 1. des Monats, weshalb ich zu obiger Bewerbung geschritten bin.

Zeugnisse über meine Bildungslaufbahn und meine seitherige praktische Thätigkeit erlaube ich mir in amtlich beglaubigten Abschriften hier beizuschließen. Sollten Euer Hochwohlgeboren geneigt sein, mir genannte Stelle anzuvertrauen, so würde es mein aufrichtiges Bestreben sein, Euer Gnaden Gunst durch tüchtige Leistungen und Gewissenhaftigkeit zu erwerben

Euer Hochwohlgeboren ergebenste
Leonore M.

PS: Wissen Sie, was ein Briefsteller ist? So nannte man bis ins 20. Jahrhundert hinein Sammlungen von Musterbriefen für alle Lebenslagen, die anhand von Beispielbriefen zeigen sollten, wie man sich zum Beispiel um eine Stelle bewirbt. Das obige Beispiel habe ich (mit einigen wenigen Änderungen) dem „Vollständigen Universal-Briefsteller“ von F. Brunner entnommen, der um 1900 erschienen ist.

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Die Piraten – eher Null als Eins

Die ganze bunte Welt des Computers reduziert sich, je näher man seinem Innersten rückt, auf die Ziffern 0 und 1. Die Piraten, die sich aus einer Generation speisen, für die das Internet viel mehr ist, als es verdient, halten es eher mit der Null als mit der Eins.

Gelegentlich liest man beschwichtigend, auch die Grünen hätten doch einmal so angefangen. Einen dümmeren Satz habe ich lange nicht gelesen.

Die grüne Bewegung, deren Anfänge weit in die 70er Jahre zurückreichen, hatte schon in ihren allerersten Ursprüngen ein inhaltliches Ziel: die Bewahrung der Natur – und das in einer Zeit, als die meisten Menschen noch betrunken waren von Hochhäusern aus Beton und immer mehr Autobahnen. Der sozialdemokratische Verkehrsminister Georg Leber wollte damals gar durchsetzen, daß kein Bürger mehr als 25 km bis zur nächsten Autobahnzufahrt haben sollte. Wer noch Ansichtskarten aus diesen Jahren besitzt, sieht, wie stolz selbst kleine Städtchen waren, wenn sie nur genügend Straßen, Hochhäuser und Betoniertes aller Art hatten. Und mitten in dieser öffentlichen Meinung, die auf ihre Weise auch völlig betoniert war, traten die ersten Menschen auf, die unter dem Hohngelächter der „fortschrittlichen“ Mehrheit gegen die Denaturierung ihres Landes ankämpften. Sie waren für die meisten Menschen nur „Spinner“ und „Naturapostel“.

Einer von ihnen war Herbert Gruhl, damals noch Abgeordneter der CDU im Deutschen Bundestag. Vor ein paar Tagen habe ich beim Aufräumen im Keller sein Buch „Ein Planet wird geplündert“ (1975) wiedergefunden. Natürlich ist einiges überholt, aber vieles ist auch frisch, und den Grünen täte eine neuerliche Lektüre gut. Denn der Planet wird heute in einem für Gruhl damals unvorstellbarem Ausmaß „geplündert“ – nur diesmal (wie im Fall der „Bio-Energie“, des „Bio-Sprit“ usw.) unter dem lauten Beifall der grünen Bewegung. Daß sich Linke (bis hin zu maoistischen Gruppen) organisatorisch und inhaltlich in die Bewegung hineingedrängt haben, schadet den Grünen bis auf den heutigen Tag.

Und die Piraten? Haben sie irgendetwas außer einem lustigen Namen und Werbesprüchen wie „Transparenz“? Nichts, gar nichts. Wollen sie überhaupt irgendetwas? Jedenfalls nichts, was in den Kernbereich politischer Gestaltung gehört. Natürlich, man will volle Freiheit im Internet, keine „Zensur“ (so nennt man jede Einschränkung, selbst wenn sie mehr als gerechtfertigt ist), aber das alles ist doch dürftig genug. Wenn man Interviews mit Vertretern der Piraten hört oder liest, möchte man in den Boden versinken vor so viel Schlichtheit.

Also bitte keine Vergleiche mit der Anfangszeit der grünen Bewegung! Die Piraten vertreten allenfalls jenen Teil der heutigen Generation Internet, der so gut wie unpolitisch ist, alles auf Teufel komm raus und immerzu nur locker sieht und halt irgendwie gut drauf ist.

Aber halt! Gerade lese ich: zumindest die Piraten im hessischen Gießen haben ein Thema gefunden – den Kampf gegen das Tanzverbot an Karfreitag. Sie wollen an diesem Tag eine „Tanz-Demo“ veranstalten.

Na bravo.

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