Trittin und die „Energiepflanzen“

Die Grünen sind längst von einer Naturpartei zu einer Energiepartei geworden. Im Zweifelsfall, dann also, wenn sie sich entscheiden müssen, handeln sie für die Energiegewinnung und gegen die Artenvielfalt in der Natur – oder sie vollführen einen peinlichen Eiertanz.

Das läßt sich sehr schön an einem Brief von Jürgen Trittin vom Januar 2011 exemplifizieren, der auf der Seite von abgeordnetenwatch.de nachzulesen ist.

Es gebe „ein Potenzial für nachhaltig erzeugte Biomasse“, schreibt er dort. Aber:

Biokraftstoffe dürfen nicht aus Rohstoffen herstellt werden, die auf Flächen mit hohem Wert hinsichtlich der biologischen Vielfalt oder hohem Kohlenstoffbestand erzeugt werden. Dazu zählen Tropenwälder, Feuchtgebiete, Torfland, aber auch natürliches oder künstlich geschaffenes Grünland.

Das sind nicht einmal mehr fromme Wünsche, nein – was er hier schreibt, grenzt an eine Verdummung der Bevölkerung, denn die Zerstörung der biologischen Vielfalt für die Energiegewinnung ist seit über einem Jahrzehnt in vollem Gange, und sie nimmt immer beängstigendere Ausmaße an. Über den Siegeszug der Ölpalme, den man nur noch als Naturkatastrophe von globalen Ausmaßen bezeichnen kann, habe ich den letzten Tagen an dieser Stelle Material zusammengetragen, die Situation bei Zuckerrohr, Mais, Raps, Weizen usw. ist vergleichbar. Die Natur wird zunehmend nur noch als Reservoir für die Energiegewinnung gesehen, sie wird rücksichtslos ausgeplündert, damit in China und Brasilien und natürlich auch in Europa jeder sein Auto fahren kann. Die Vorstellung, daß man diese brutalen Naturzerstörungen etwa in den Schwellenländern Südamerikas durch den Trittinschen Ausnahmenkatalog eingrenzen kann, ist mehr als lächerlich. Trittin weiß das sehr genau.

Und selbst wenn man diesen Katalog in der Praxis durchsetzen könnte: welche Flächen bleiben eigentlich für die „Energiepflanzen“ noch übrig, wenn das alles ausgeschlossen wird? Es sind die Brachen und und die bis jetzt nur extensiv genutzen Ackerflächen – und gerade die sind wahre Schätze an biologischer Vielfalt. Jeder Botaniker, jeder Zoologe weiß das, auch die Naturverbände wissen es – und sogar viele Grüne an der Basis.

Trittin nicht.

Er fordert, als sei die Entwicklung gerade erst am Anfang,

die Schaffung eines Zertifizierungssystems, das verbindliche ökologische und soziale Standards für den Anbau von Energiepflanzen und die Produktion von Agrotreibstoffen festlegt.

Wieder so ein Satz aus Onkel Trittins Märchenstunde! Ein Mensch, der noch einigermaßen bei Verstand ist, kann doch nicht im Ernst glauben, daß man Ländern wie Indonesien, Kolumbien und Brasilien mit ihren korrupten Behörden durch ein Zertifizierungssystem beikommt. Da wird zertifiziert werden, was das Zeug hält – während der einträgliche Raubbau weitergeht.

Nein, hier darf es kein Lavieren mehr geben. Die Zerstörung der Natur für die Energiegewinnung wird alles in den Schatten stellen, was wir bisher an Raubbau erlebt haben – und die grüne Bewegung legt diesem Treiben auch noch ein grünes Mäntelchen um und gibt ihren Segen dazu.

Die Utopie, daß man seine Energie zu einem beträchtlichen Teil aus Pflanzen gewinnen könne, muß sofort und ohne Wenn und Aber ad acta gelegt werden. Die Schäden an der Natur, die solche dummen, nur auf Wunschdenken und wohligen Gefühlen gründenden Pläne überall auf der Welt angerichtet haben, sind schon heute kaum mehr reparabel.

Was wir brauchen, ist also eine völlige Neubesinnung in der grünen Bewegung. Sie kann wahrscheinlich nur von unten, von der Basis her kommen. Und sie kommt, wenn auch erst zaghaft, vor allem aus den betroffenen Ländern selbst, nicht aus dem satten, zufriedenen Europa mit seinen immer satteren, immer zufriedeneren Grünen.

In Deutschland berauschen sich die Grünen zur Zeit an ihren Wahlsiegen – das macht sie noch unempfindlicher für Kritik. Aber die Zeit der Siege wird, wie alles unter dem Mond, einmal zu Ende gehen. Dann wird man sehen, was aus der Welt geworden ist, während wir gebannt Onkel Trittins und Tante Künasts Märchenstunde gelauscht haben. Es wird ein böses Erwachen sein.

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Noch einmal zur Ölpalme

Die Nachrichten aus den Ländern, die noch über nennenswerte Regenwälder verfügen, werden immer dramatischer. Was die großen Holzkonzerne nach ihrem Raubbau stehengelassen haben, macht jetzt den großflächigen Monokulturen der Ölpalme Platz.

Die Organisation Rettet den Regenwald e.V. sammelt seit langem verläßliche Informationen über die Zerstörung dieses einmaligen und unersetzlichen Ökosystems. Was sie in den letzten Monaten zusammengetragen hat, ist deprimierend (alles nachzulesen bei http://www.regenwald.org).

In Kolumbien läßt ein mächtiger Konzern mit Hilfe der Polizei Bauern von ihrem Land vertreiben, um Palmplantagen anzulegen.

In Peru hat ein einheimischer Konzern, dem auch die größte Bank des Landes gehört, von der Regierung die Konzession zum Anbau von Ölpalmen im Amazonasbecken erhalten. Knapp 10.000 ha Regenwald sind seitdem abgeholzt worden. Auch hier werden Kleinbauern vertrieben:

Der intensive Einsatz von Pestiziden und Herbiziden auf den Plantagen verseucht das Wasser und die Böden der Region. Eine erneute nachhaltige landwirtschaftliche Nutzung dieser Flächen ist so auch langfristig nicht möglich.

In Indonesien treibt es Wilmar International, der größte Palmölkonzern der Welt, besonders dreist. Er kann dort offenbar schalten und walten, wie er will, und macht Behörden und Polizei bei der Vertreibung der Bauern zu seinen Handlangern.

Und in Mexiko sollen in den nächsten 10 Jahren im Bundesstaat Chiapas wertvolle und artenreiche Wälder vernichtet und auf einer Fläche von 500.000 ha durch Ölpalmen ersetzt werden.

Aber kehren wir einmal vor der eigenen Haustür. In Deutschland wurde 2008 auf einer Fläche von etwa 1 Million Hektar (!) Raps angebaut. Das sind Monokulturen mit einem hohen Bedarf an Wasser und Stickstoffdünger, und ein großer Teil der Pflanzen, die ein hochwertiges und gesundes Öl liefern, wird als „Öko-Sprit“ in unseren Autos verbrannt.

Jedes Stück Brachland hat eine hundertfach größere Artenvielfalt als das Rapsfeld, in das es dann verwandelt wird. Aber davon redet niemand mehr – es geht ja nur noch um Energie und CO2-Bilanz. Auch bei dieser dramatischen Verengung des Blickwinkels sind die Grünen ganz vor dabei.

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Über den Protestantismus

Die Stärke des Protestantismus ist zugleich seine größte Schwäche – es ist die Predigt. Durch die Verarmung der Liturgie hängt im evangelischen Gottesdienst buchstäblich alles an der Predigt, am Wort. Hat man es mit einem wortgewaltigen Prediger zu tun, wie Luther selber einer war, ist alles gut. Predigt er bloß, wie er es im Seminar gelernt hat, bleibt vom ganzen Gottesdienst nur ein schaler Geschmack übrig.

Etwas anderes kommt in letzter Zeit noch dazu: ein Hang zum Infantilen, fast Kindischen. Kommt es nur mir so vor, als redeten vor allem die Pfarrerinnen zu der Gemeinde, als hätten sie kleine Kinder vor sich?  Wird bald jeder Gottesdienst zum Kindergottesdienst?

Liebe Pfarrerinnen und Pfarrer, möchte man ihnen in einem fort zurufen: vor Euch sitzen Erwachsene, die im Leben stehen, sie spielen nicht mehr mit Rasseln, sie sind auch noch keine Tattergreise; sie können denken, und sie möchten geistlich und geistig herausgefordert werden. Also fort mit dem kindischen, pastoralen Duktus, der im ganzen Land gleich klingt – gleich langweilig, gleich gekünstelt, gleich einstudiert.

Ich will als Pfarrer einen richtigen Menschen haben, einen, dem man seinen Glauben abnimmt. Wie anders könnte er mich sonst überzeugen? Er muß nicht mit Engelszungen reden, er muß nur meine Sprache sprechen, und er muß mich ernst nehmen – und nicht wie ein kleines Kind behandeln, das er einlullen möchte.

Aber vielleicht ist das schon zu viel verlangt.

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Der Fluch der (Öl-) Palme

Zur Palme haben die meisten Menschen ein ganz besonderes Verhältnis: mit ihr assoziiert man Urlaub, tropische Wärme, Südsee, Oasen in der Wüste, Sandstrände. Aber natürlich waren verschiedene Palmenarten auch schon immer von wirtschaftlichem Interesse: die Kokospalme, die überall in den Tropen angebaut wird, ist so ein Fall. Fast alles an ihr wird genutzt, die Kokosnuß selbst natürlich mit Fruchtfleisch und Kokoswasser, es gibt Kokosmilch, Kokosfasern, Palmenherzen (als Salat), Palmwein, Palmhonig. Aus dem Stamm der Kokospalme hat man Boote, Hütten und Möbel gebaut, aus den Palmwedeln Dächer.

Dieser nachhaltige Umgang mit einer so segensreichen Pflanze nähert sich in unserer globalisierten Welt langsam dem Ende. Jetzt scheint eine andere Palme einen viel gefährlicheren Siegeszug anzutreten: die Ölpalme (Elaeis guineensis).

Diese Palme (das Bild habe ich der Wikipedia entnommen) wird nun ganz und gar nicht mehr von den einheimischen Völkern für ihre eigenen Bedürfnisse angebaut, ganz im Gegenteil. Die großen Ölpalm-Plantagen arbeiten schon lange vor allem für die internationalen Lebensmittel- und Kosmetikkonzerne. Palmöl ist ein Grundstoff für Margarine, Schokolade, Fritierfette, Glasuren und Süßwaren, es findet sich in Waschmitteln und Kosmetika, neuerdings wird es auch (auf immer größeren Anbauflächen) als „Biodiesel“ in unseren Autos verbrannt.

An dem dummen Geschwätz von „nachhaltigen Energiepflanzen“ waren die ihren grünen Wurzeln längst entfremdeten, mehr und mehr technologisch denkenden Grünen von Anfang an schuldhaft beteiligt. Daß sie sich in letzter Zeit, auch gedrängt von der eigenen Basis, kritischer äußern, ist begrüßenswert, kann aber die Folgen nicht mehr verhindern. Jetzt werden Regenwälder gerodet, damit an ihrer Stelle gigantische Monokulturen aus Ölpalmen für den Export gepflanzt werden können. In Indonesien zum Beispiel, das ohnehin kaum Hemmungen hat, seine Natur meistbietend an die internationalen Konzerne zu verkaufen, sind allein bis 2005 neue Palmölplantagen auf einer Fläche von drei Millionen Hektar entstanden, in Malaysia sind es fast zwei Millionen Hektar. Durch Brandrodungen wird der Regenwald zerstört, dann entstehen auf den gerodeten Flächen Ölpalm-Monokulturen bis zum Horizont, die nur unter gewaltigem Einsatz von Bewässerung und Pestiziden am Leben gehalten werden können. Das Aussterben des Orang-Utans, dessen letzte Refugien dadurch immer mehr schrumpfen, ist wahrscheinlich nicht mehr zu verhindern.

Inzwischen hat auch in Südamerika der Flächenverbrauch für die Ölpalme riesige Ausmaße angenommen. In Ecuador, Kolumbien und Brasilien werden dafür immer mehr Flächen vernichtet, vor allem das Amazonasgebiet weckt die Begehrlichkeit von Regierung und Wirtschaft. „Das Palmöl ist unser grünes Erdöl“, meinte der brasilianische Senator Flexa Ribeiro. Unter den Abnehmerländern rückt das energiehungrige und ökologisch ohnehin völlig hemmungslose China immer weiter nach oben. Aber auch Indien und Pakistan sind ganz vorn dabei – und die EU.

Der ständige anwachsende Protest von Umweltverbänden wie WWF oder Rettet den Regenwald gegen diese Entwicklung hat dazu geführt, daß sich die betroffenen Regierungen und Konzerne zu beschwichtigenden Maßnahmen herablassen: man setzt sich an runde Tische, redet von der Zertifizierung der Nachhaltigkeit und verspricht, Ölpalmen nur noch auf Brachland anzubauen. Nichts davon sollte man glauben.

Die einzige ernstzunehmende Gegenmaßnahme wäre ein vollständiges Importverbot für Palmöl. Aber selbst wenn das in Deutschland oder der EU durchzusetzen wäre – China, Indien, Pakistan und die anderen (in letzter Zeit hochgelobten) „Schwellenländer“ würden sofort in die Bresche springen.

Fast wäre man geneigt, hier von einer „Achse des (ökologisch) Bösen“ zu reden.

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Zu den amerikanischen Angelegenheiten

Manches an den amerikanischen Angelegenheiten, so scheint mir, wird erst dann verständlich, wenn man begreift, daß man dort viel mehr am Alten als am Neuen Testament hängt.

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Amerika und das alte Europa

Der Fall Strauss-Kahn wird diesseits und jenseits des Atlantiks mit einer Schärfe diskutiert, die überrascht. Sind Europa und die USA denn nicht gerade durch ihre gemeinsamen Werte, zu deren innerstem Kern die Rechtstaatlichkeit gehört, eng verbunden?

Bei Maybrit Illner war gestern abend auch die US-Journalistin Heather DeLisle zu Gast. Sie ist in Deutschland geboren, arbeitet als Korrespondentin u.a. für ABC und bekennt sich zur Republikanischen Partei (was in unserem Fall aber weniger wichtig ist). Schon viel interessanter war, wie aggressiv sie ohne eine Spur von Nachdenklichkeit das amerikanische Rechtssystem vertreten hat.

Während sich ihre deutschen Kollegen eher differenziert und durchaus auch selbstkritisch über den Zustand der Dinge in Europa äußern, feuert sie nur Breitseiten gegen Europa ab. Natürlich werden in den USA alle Mensch gleich behandelt, vom IWF-Chef bis zum Zimmermädchen, dagegen herrschen im alten Europa (so klingen jedenfalls ihre Einlassungen) noch immer Geld, Macht und Adel. Die Unschuldsvermutung hat bei ihr fast keinen Stellenwert. Daß Strauss-Kahn der „Täter“, das Zimmermädchen das „Opfer“ ist, wird vorausgesetzt. Ein Mann, der doch zunächst eines Verbrechens nur beschuldigt wird, aber keineswegs überführt ist, wird in Handschellen vorgeführt, und Frau DeLisle macht aus diesem üblen Spektakel einen Triumph der democracy. Sie instrumentalisiert damit nicht nur den (vermeintlichen) Täter, sondern auch das (vermeintliche) Opfer.

Maureen Dowd schreibt in ihrer Kolumne in der New York Times von einer „begeisternden Geschichte“, weil „selbst einem Zimmermädchen“ (!) Würde zugestanden wird, wenn es „einen der mächtigsten Männer der Welt bezichtigt, ein Raubtier zu sein“. Muß man bei einer solchen Wortwahl noch etwas über Vorverurteilung und Unschuldsvermutung sagen?

Ja, Frau DeLisle, ich lebe im „alten Europa“ (wie es der in jeder Hinsicht unsägliche US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld einmal ausgedrückt hat). Und ich danke Gott dafür, daß ich hier lebe! Ich weiß, daß auch unser Rechtssystem seine Schwächen hat, aber wer auch immer bei uns in die Mühlen der Justiz gerät (und das kann manchmal ganz schnell gehen), ist so lange unschuldig, bis ihn ein Richter verurteilt hat. Der Pranger hat bei uns (anders als in den Vereinigten Staaten) ausgedient – und wir wollen ihn auch nicht wiederhaben.

Im übrigen sollte ein Land, das seine Landsleute mit bestialischen Methoden „hinrichtet“ (inzwischen sind es an die fünfzig Vollstreckungen pro Jahr), besser einmal über das eigene Rechtssystem nachdenken. Frau DeLisle freilich, die seltsamerweise auch für die Deutsche Welle arbeitet, wird das wohl nicht tun. Für sie gehört die Todesstrafe zu den „amerikanischen Werten“, für die sie kämpft.

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China-Schrott

Gehen Sie einmal durch einen beliebiges Kaufhaus (oder einen beliebigen Supermarkt), und Sie werden im unteren, inzwischen sogar schon im mittleren Preissegment als Herkunftsbezeichnung fast nur noch „Made in China“ finden. Das wäre an sich noch nicht schlimm, aber es ist eine Erfahrungstatsache, daß das meiste davon fast unbrauchbarer Schrott ist.

Vor ein paar Jahren waren wir auf der Suche nach einer großen Warmhaltekanne. Wir kauften eine – aber sie hielt die Wärme nicht. Nach ein, zwei Stunden war der Tee kalt. Mit der zweiten, dritten und vierten ging es uns nicht anders. Praktisch alle Warmhaltekannen waren funktionsloser Schrott. Alle trugen die Aufschrift „Made in China“. Erst nach langem Suchen fanden wir eine Kanne „made in Germany“ – sie war ein bißchen teurer, aber sie funktioniert heute noch wie am ersten Tag.

Das gleiche gilt z.B. für chinesische Handy- und Kamera-Akkus, die in ungeheuren Mengen (vor allem bei ebay) den Markt überschwemmen. Es ist fast unmöglich, einen Akku zu finden, der nicht schon nach kurzer Zeit den Geist aufgibt.

Nun weiß ich, daß preiswerte Dinge nicht die gleiche Qualität haben können wie teurere. Aber sie müssen doch funktionieren – wenigstens ein paar Wochen lang! Wie deutsche Importeure dazu kommen, immer mehr von diesem chinesischen Schrott zu importieren, ohne seine Funktionsfähigkeit zu prüfen, ist mir ein Rätsel. Offenbar geht das nach der Devise: „Hauptsache billig!“ – auch wenn der Gebrauchswert der importierten Waren für den Verbraucher gleich Null ist.

Ich plädiere deshalb dafür, ein Moratorium für China-Importe einzuführen.

Ein Jahr lang keine Importe mehr aus China!

Es wäre ein Segen für die deutschen Verbraucher – und die chinesischen Firmen würden vielleicht ein bißchen bescheidener werden. Die völlig unbegründete Arroganz, mit der sie die ganze Welt mit ihrem Schrott überfluten, verlangt nach einer deutlichen Antwort.

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Gewahrsam

Was haben Ai Weiwei und Dominique Strauss-Kahn gemeinsam? Sie sind in Gewahrsam. Aber was heißt das – Gewahrsam?

Der Duden klärt uns kurz und bündig auf: Gewahrsam sei

veraltet für Gefängnis.

Aber das ist doch ein bißchen sehr kurz und ein bißchen sehr bündig.

Das Wort ist alt, das sieht man ihm an. Und es war zuallererst bloß ein (heute nicht mehr gebrauchtes) Adjektiv: wer gewahrsam war, der war aufmerksam, wachsam, auf lateinisch cautus. Von einem Hund heißt es im 18. Jahrhundert, er sei „ein fleisziger und getreuer, gewahrsamer hüter“. Das Landrecht von 1616 empfiehlt deshalb auch, mit dem Feuer „gewarsam“ umzugehen. Ein gewahrsamer Ort war ein sicherer Ort. „Wir wollen“, schreibt Simon Schaidenreisser im 16. Jahrhundert, „ietz dein hab und gut an ain gewarsames ort bringen, damit dir nichts entragen werde.“

Ist also Ai Weiwei, der sich nach den Agenturberichten im „Gewahrsam“ der chinesischen Behörden befindet, an einem sicheren Ort? Das muß bezweifelt werden.

Irgendwann hat man von dem Adjektiv ein Substantiv abgeleitet. Es war erst ein Femininum, später wurde es zum Neutrum oder Maskulinum. Also: der, die oder das Gewahrsam. Die Bedeutungsentwicklung wird nun allmählich, wie es im Grimmschen Wörterbuch heißt, „unübersichtlich“. Jedenfalls drängt sich aber immer mehr die Bedeutung „sicherer Ort“ in den Vordergrund. Goethe schreibt noch in einem Brief von 1821, daß „das schon lange in meinem gewahrsam sich befindende manuscript gestern mit dem postwagen abgegangen“ sei.

Immer öfter wird aber jetzt als lateinische Entsprechung custodia genannt, was zwar zunächst nur „achtsame Fürsorge“ bedeutet, dann aber auch die fürsorgliche Bewachung in einem Gefängnis. Aus dem „sicheren Ort“ ist nun also ein „verschlossener Raum“, ein Gefängnis geworden. Eine Frauensperson, so steht es in einem Heidelberger Polizeibericht von 1899, „wurde wegen trunkenheit in polizeilichen gewahrsam genommen“.

Wer jetzt „verwahrt“ wird, hat also seine Freiheit verloren. Wie sicher der Ort des Gewahrsams ist, hängt dann natürlich von den rechtlichen Zuständen im Lande ab. Auf jeden Fall sollte man das Wort vermeiden, wenn man von der bloßen Unterbringung in einem Gefängnis spricht.

Ob jemand (wie Strauss-Kahn) mit allen Möglickeiten zu rechtsstaatlicher Verteidigung in den USA inhaftiert ist oder (wie Weiwei) als Opfer einer kommunistischen Willkürjustiz verschleppt und an einem unbekannten Ort gefangengehalten wird, macht einen großen Unterschied aus.

Dieser Unterschied sollte nicht mit dem Wort „Gewahrsam“ eingeebnet werden.

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Maßlos in Mainz (und anderswo)

Es gibt eine Maßlosigkeit im Fernsehen, die offenbar immer weiter fortschreitet. Das neueste Beispiel dafür sind die Kochsendungen.

Alles begann 1994 mit Alfred Bioleks alfredissimo. Biolek war immer ein höflicher und gebildeter Gastgeber, das kann man leider nicht von allen seinen Nachfolgern sagen. Denn irgendwann kochte Kerner mit Kerners Köchen, und seither quillt alles über von Köchen.

Kochen auf allen Kanälen, fast rund um die Uhr!

Schuhbeck kocht, Tim Wälzer kocht, Lafer kocht natürlich auch, Sarah Wiener kocht, Lichter kocht, Rainer Sass kocht, Alexander Hermann kocht, Cornelia Poletto kocht, Kolja Kleeberg kocht, Zuschauer kochen, Schmankerlkönige kochen, Sterneköche kochen, Kräuterfrauen kochen, sogar Ralf Zacherl mit seinem Ho-Chi-Minh-Bärtchen kocht – alles kocht, einfach alles!

Hier kommt offenbar ein neues Gesetz zum Vorschein, das es erst seit ein, zwei Jahrzehnten gibt. Nennen wir es die Tumorisierung des Fernsehens.

Sobald ein Sendeformat auch nur halbwegs erfolgreich ist, bildet es in allen anderen Sendern bösartige Metastasen. Jemand erfindet zum Beispiel eine dämliche Gerichtsshow, in dem die Zeugen immerfort sagen: „Das müssen Sie mir glauben, Herr Richter!“, die Sendung hat trotzdem ordentliche Einschaltquoten – und was passiert? Bald haben wir ein halbes Dutzend davon, und Salesch, Alexander Hold, Lenßen und Partner, und wie sie alle heißen, füllen ganze Nachmittage.

Ein anderes Beispiel. Der Tatort war früher eine Delikatesse, jetzt ist er Massenware. Kein Sonntag ohne Tatort, und selbst an Werktagen läuft immer irgendwo in einem Dritten eine Wiederholung. Der Freitagskrimi im ZDF hat sich schon lange verdoppelt – aber möchte wirklich irgendjemand zwei Krimis hintereinander sehen?

Es wird kopiert, kumuliert, metastasiert ohne Sinn und Verstand. Kein Maß ist mehr da, keine sinnvolle Beschränkung, keine Zurückhaltung. Sobald auch nur der vage Verdacht besteht, dem Zuschauer könnte etwas gefallen, wird es verhundertfacht, und er wird gemästet damit wie ein armer Truthahn.

Ist es da ein Wunder, daß einem beim Genuß dieser Programme manchmal speiübel wird?

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Gottes Segen für die Windkraft?

Die „Ethikkommission“ zur Energiewende ist, wie man in der heutigen F.A.Z. lesen kann, „zu einem nicht geringen Teil mit Kirchenleuten besetzt“. Vor allem die evangelische Kirche gibt ja seit Wiederbewaffnung und Ostpolitik zu allen aktuellen Themen ihren Senf dazu. So war es klar, daß sich auch der Evangelische Arbeitskreis der CDU/CSU (EAK) am Freitag mit der (deutschen) Mutter aller Themen beschäftigen würde. Umweltminister Röttgen ist zwar katholisch, aber er war trotzdem ein gern gesehener Gastredner im Konrad-Adenauer-Haus. Er bedankte sich mit einer Formulierung, die es in sich hat. Die Energiewende, so sagte er, sei

schöpfungsethisch fundiert

und werde „mit marktwirtschaftlicher Kompetenz vollzogen“.

Schöpfungsethisch fundiert – darauf muß man erst einmal kommen! Klar, die Schöpfung sollte erhalten und den künftigen Generationen einigermaßen intakt hinterlassen werden. Das wußte ich übrigens schon, als Herr Röttgen noch in Rheinbach die Schulbank drückte. Neu ist mir freilich, daß jetzt jedes Windrad und jeder Sonnenkollektor unter dem besonderen Schutz des lieben Gottes steht.

Es gibt Länder, in denen der gesunde Menschenverstand, der common sense, regiert. In solchen Ländern ist gut leben. Aber bei uns herrscht neuerdings die Maxime

Seid ethisch, ethisch, ethisch!

Wir sollen morgens schon mit einem schlechten Gewissen aufwachen (ist der Kaffee auch wirklich fair gehandelt? stammt die Milch von glücklichen Kühen?), und so geht es den ganzen Tag weiter, bei jedem Bissen, bei jeder menschlichen Regung, bis wir abends im Bett noch einmal über unsere ganz persönliche CO2-Bilanz des Tages nachgrübeln.

Lebe ich noch in einem freien Land? Oder entscheidet, wie zu Zeiten von Robespierre und Danton, ein comité de salut public (auch eine Art Ethikkommission!) darüber, was gut und gerecht ist?

Mein Land befindet sich zur Zeit in einer Art seliger Trunkenheit. Eine große Mehrheit berauscht sich am Guten, Edlen, ökologisch Korrekten, man ist so ethisch, so gut, daß einem fast schon übel wird. Aber der Kater wird kommen.

Der Volkswirtschaftler Carl Christian von Weizsäcker spricht von einer „Zwangsernährung mit ökologisch korrekten Produkten“, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung nennt es Ökotyrranei. Gegen diese „herzliche Ökodiktatur“, schreibt sie, sei nicht anzukommen. „Gegenwehr ist zwecklos.“

Tröstlich ist nur, daß auch der tiefste Rausch einmal der Nüchternheit weicht.

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