Merkel: „Solange ich lebe …“

Eine gesamtschuldnerische Haftung, so die Kanzlerin, werde es in Europa nicht geben – „solange ich lebe“. Ein kühnes Wort! Aber ich hätte mir in dieser kategorischen Manier andere Sätze gewünscht. Diese zum Beispiel:

Es wird keine Erweiterung der EU mehr geben, solange ich lebe.

Solange ich lebe, soll jeder, der 40 Stunden in der Woche (oder länger) arbeitet, von seinem Lohn auch leben können.

Ich werde keine Mutter zwingen, schon ihr einjähriges Kind in eine Krippe zu stecken – solange ich lebe.

Brüssel wird keine muslimische Stadt werden, solange ich lebe.

Ich werde die Energiewende bereuen, solange ich lebe.

Die Reihe kann jeder fortsetzen, wie er mag!

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Eine Piratin kämpft gegen das Betreuungsgeld

Laura Sophie Dornheim, Mitglied der Piratenpartei, durfte im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (hier nachzulesen) sagen, warum ihrer Ansicht nach das Betreuungsgeld nur das Ziel hat, „einer ganzen Generation ein veraltetes Familienbild aufzuzwingen“.

Ich habe (noch) keine Kinder, meine Partei sitzt (noch) nicht im Bundestag. Aber als junge Frau, als Berufstätige und als Piratin bin ich ein Teil der großen Mehrheit in diesem Land, die sich gegen das von der Regierung geplante Betreuungsgeld stellt – weil es keiner Familie hilft, weil es Steuergelder verschwendet und weil es eine politische Farce ist.

Das ist an Lächerlichkeit kaum mehr zu überbieten, denn es erweckt den Eindruck, als sollten die Frauen jetzt „zurück an den Herd“ gezwungen werden. In Wirklichkeit ist es gerade umgekehrt: seit vielen Jahren wird ein immer größerer Druck aufgebaut, um Frauen schon kurz nach der Geburt ihres Kindes wieder in das Arbeitsleben zu zwingen. Nicht wer sein Kind, kaum daß es eine Beziehung zur Mutter aufgebaut hat, in die Krippe gibt, wird heutzutage diffamiert, sondern die Eltern, die es trotz großer finanzieller Schwierigkeiten wagen, dem Kind zu Hause einen guten Start ins Leben zu geben. Über sie wird nur noch verächtlich geredet und geschrieben. Das, finde ich, muß man sich aber nun wirklich nicht bieten lassen.

Die Hetze gegen Eltern wie uns, die ihre Kinder unter großen Opfern (und ich weiß, wovon ich rede!) vor ihrer Kindergartenzeit zu Hause erzogen haben, nimmt immer gehässigere Formen an. Da redet also diese Frau Dornheim, die noch gar keine Kinder hat, von einem „veralteten Familienbild“, von einem „realitätsfernen Motto zur moralischen Erpressung junger Eltern“.

In meine Ausbildung habe ich viel Zeit und der Staat viel Geld gesteckt, mein Beruf ist weit mehr als Broterwerb und Quelle für Steuereinnahmen, er ist ein essentieller Teil meiner Identität. Darauf für mehrere Jahre verzichten zu müssen würde meinem Kind eine sehr unglückliche Mutter bescheren.

Wie kann sie das wissen, wenn sie gar kein Kind hat? Sie setzt einfach ihre Priorität: an erster Stelle steht die Karriere, in die sie „so viel Zeit“ investiert hat, und erst an zweiter Stelle kommt das Kind. Das ist legitim, und viele Frau haben gar keine andere Möglichkeit. Aber das berechtigt Frau Dornheim noch lange nicht, Frauen (und auch Männer) verächtlich zu machen (und das tut sie!), die nicht der Karriere, sondern ihrem Kind die Priorität einräumen. Sollen wir uns jetzt dafür auch noch schämen, nur weil der „fortschrittliche“ Zeitgeist in eine andere Richtung weht?

Ich denke nicht daran.

In Deutschland fehlen, schreibt die Piratin, „rund 300000 Krippenplätze“. Nein – in Deutschland fehlen Eltern, die überhaupt noch den Mut zu einem eigenen Kind haben. Kinder sind in der Lebens- und Karriereplanung nur noch ein störendes Element. Irgendwie möchte man schon welche haben, aber für sie auf etwas verzichten, für sie Opfer bringen, das möchte man nicht. Unter keinen Umständen! Stattdessen kommt man mit den altbackenen feministischen Argumenten des letzten Jahrhunderts, schwärmt davon, wie viel besser es den Kleinen in der Krippe geht (soziales Lernen usw.!) – und mißachtet alle Studien, die vor den Folgen der frühen Trennung von Vater und Mutter warnen. (Ich werde, sobald ich Zeit dazu finde, an dieser Stelle von der bisher größten Studie über Krippenkinder in den USA berichten.)

Wie gesagt: ich weiß, wie schwer es für Frauen (besonders für Alleinerziehende) oft ist, die Mutterschaft mit der Berufstätigkeit zu verbinden. Daran ist aber nicht der Staat schuld, daran sind vor allem die Unternehmen schuld, die – in Deutschland noch viel mehr als in anderen Ländern – völlig desinteressiert an dem Problem sind und die Sache einfach zu einem Privatproblem erklären.

Es gibt viele Fälle, in denen man – leider! – an der Krippe nicht vorbeikommt. Aber muß man sie dann gleich zu einer wunderbaren und segensreichen Einrichtung hochstilisieren? Nicht nur die Kinder leiden durch die viel zu frühe Trennung von den Eltern, auch die Eltern selbst leiden darunter, da bin ich sicher. Schönreden kann man sich natürlich alles, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß man ein Wunschkind in die Welt setzt, um es dann schon im ersten oder zweiten Lebensjahr nur noch stundenweise zu sehen.

Deshalb bin ich strikt dagegen, daß man immer mehr Geld in Kinderkrippen steckt. Der Kindergarten ist wirklich wichtig, er ist für ein Kind der erste Schritt hinaus ins Leben, und er kommt, was die sozialen Kontakte des Kindes betrifft, zum rechten Zeitpunkt. Die Kinderkrippe kommt dafür viel zu früh, sie dient nur dem beruflichen Fortkommen der Eltern. Alles andere ist pure Ideologie.

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Bushido (2)

Daß Bushido in die Politik gehen will, hat er in seinem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (hier nachzulesen) noch einmal bekräftigt. Er will etwas ändern, vor allem den eigenen Steuersatz:

Ich bin für Steuersenkungen. Ich zahle jetzt über 52 Prozent Steuern, das ist legales Schutzgeld und fuckt mich ab. Da sollte man sich auf einem gesunden Level treffen. Man muss dafür sorgen, dass Menschen zufrieden sind.

Das tut zum Beispiel die Mafia. Treuherzig sagt Bushido:

Der Pate geht einkaufen, dann kommt ein Nachbar zu ihm und sagt, dass ihm ein anderer sein Geld wegnimmt, der Pate kümmert sich darum. Ein anderer hat eine kaputte Treppe, der Pate ruft seinen Kumpel an, der dann die Treppe repariert, und so weiter. Das ist ein ganz naives Prinzip, aber eigentlich müsste Politik das Gleiche sein, nur auf einer viel größeren Ebene.

Frau Prizkau, die Interviewerin, erinnert ihn in diesem Zusammenhang daran, daß er sich schon am Anfang seiner Laufbahn in Berlin mit einem mächtigen arabischen Familienclan zusammengetan habe, der mit schwerster organisierter Kriminalität in Verbindung gebracht werde.

Alles nur Freundschaft, und zwar bis heute, sagt Bushido und fügt hinzu:

Wahrscheinlich werden viele Leute mit vielen Sachen in Verbindung gebracht.

Auch der Hinweis, daß es gegen diesen Clan ganz konkrete Gerichtsurteile wegen des Raubüberfalls auf das Berliner Hyatt-Hotel gebe, bringt Bushido nicht aus der Ruhe. Lässig meint er:

Mir ist das scheißegal.

Und dann sagt er einen Satz, der ihn auf eine Stufe mit Philosophen wie Kant, Schopenhauer und Richard David Precht stellt:

Wir sind, was wir sind.

Genau so ist es: Bushido ist, was er ist. Aber näher darauf eingehen, was er genau ist, wollen wir an dieser Stelle lieber nicht. Vielleicht ein andermal.

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Bushido (1)

Mein Lieblingsrapper Bushido hat der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ein Interview gegeben (hier nachzulesen), und ich kann nicht anders – ich muß meinen Lesern ein paar Perlen von des Rappers Lebensweisheit mitteilen.

Bushido will eine Partei gründen und in den Bundestag einziehen. Nein, Sie sollten jetzt nicht lachen. Wenn die nichts sagenden Piraten aus dem Stand auf sieben oder acht Prozent der Stimmen kommen, ist alles möglich!

Bushido gewährt uns zum Beispiel einen tiefen Einblick in das Godesberger Programm der SPD, das er so zusammenfaßt:

Alles soll cool sein, und jeder soll jeden lieben. Damit kann man leben.

Aber das ist nur ein Vorgeplänkel. Jetzt beginnt Bushidos fundamentale und knallharte Kritik an den etablierten Parteien:

Politiker sind alle Gefangene in einem Spiel, Geiseln. Ich habe nicht das Gefühl, dass dort irgendeiner ausbricht.

Hier hakt die Interviewerin der Sonntagszeitung, Anna Prizkau, nach. Sie fragt hartnäckig nach Bushidos Parteiprogramm – und erhält eine Antwort!

Ich werde definitiv Punkte haben, die vielen Leuten tierisch auf den Sack gehen werden.

Ey, Alter, wir haben nichts anderes von dir erwartet!

Auch zur Euro-Krise hat er schon eine Meinung:

Weg mit dem Euro! Ich bin Kind der Deutschen Mark und war immer stolz auf meine Deutsche Mark.

Also, in der Wikipedia steht, daß Bushido Kind einer deutschen Mutter und eines tunesischen Vaters ist. Falls er wirklich Kind der D-Mark ist, dann müßte man den Eintrag korrigieren.

Greifen wir zum Schluß noch ein paar besonders schöne und tiefe Aussagen des Rappers auf. Zum Beispiel über Philipp Rösler:

Ich weiß nicht, ich gucke ihn an und kriege den Vollabsturz.

Zu Angela Merkel hat er ein differenzierteres Verhältnis. Sie ist zwar für ihn „überhaupt nicht attraktiv“. Aber, sagt er:

Ich würde mich auf jeden Fall mit ihr einlassen.

Die Interviewerin ringt offenbar mit der Fassung und fragt: „Wie jetzt?“ Und Bushido macht eine klare Ansage:

Sexuell. Dann könnte ich sagen, ich habe mit der Bundeskanzlerin geschlafen.

Geschlafen? Also ehrlich, Bushido, da hätte ich von dir jetzt aber ein anderes Wort erwartet!

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Julia Timoschenko und Ai Weiwei

Ob Wen Jiabao oder Janukowitsch – wenn es um die Vernichtung ihrer Gegner geht, sind alle Diktatoren gleich.

Janukowitsch läßt seine mutigste Gegnerin, Julia Timoschenko, von einer willfährigen Justiz für sieben Jahre ins Gefängnis stecken und bezeichnet sie – um sie für immer loszuwerden – jetzt auch noch öffentlich als Mörderin, und das sogar noch, bevor seine Marionetten in der Justiz diese Anklage erhoben haben. Und wenn das schiefgeht, werden eben neue Beschuldigungen erhoben.

Die chinesische Parteidiktatur macht es nicht anders. Der Künstler Ai Weiwei, der in den Augen der Machthaber nur eine Art Zecke ist (eine sehr lästige Zecke!), wird erst verschleppt, dann werden ihm nachträglich irgendwelche Steuer- oder Devisenvergehen vorgeworfen. Auch hier hat man vorgesorgt: man erhebt neue Vorwürfe gegen ihn, die immer absurder werden: illegaler Devisentausch, Pornographie und – Bigamie!

So gleichen sich die Bilder – in Kiew, Peking und anderswo.

Aber was sind das für armselige Gestalten, diese Machthaber! Die Macht haben sie, aber nie können sie ihrer sicher sein. Daher ihre ständige Angst, ihr Mißtrauen, denn ohne ihre Macht sind sie – nichts.

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Wehmütige Erinnerungen an eine Zeit, als im deutschen Fernsehen Sendungen noch angesagt wurden

Vor ein paar Jahren haben wir unsere alten Dokumentarfilme digitalisiert – ein Schatz auf mehreren hundert VHS-Bändern, der bis weit in die 80er Jahre zurückreicht. Das Frappierendste beim Überspielen auf DVD waren nicht die Filme selbst, sondern die damals mit aufgenommenen Minuten vor, nach und zwischen den Filmen.

Nicht ein einziger Trailer war da zu sehen!

Statt dessen hat eine wohlfrisierte Ansagerin (manchmal war es auch ein männlicher Ansager, die Hand graziös auf einen kleinen Tisch im Studio gestützt) den Film – angesagt. Das alles beim Überspielen wiederzusehen, war fast ein kleiner Kulturschock. Ja, das hat es wirklich einmal gegeben: Ansager, die sich freundlich an den Zuschauer gewandt und ihm erzählt haben, was gleich auf ihn zukommt. Es war, verglichen mit den heutigen Zuständen, ein Zeitalter der Höflichkeit, man hat sich noch die Zeit genommen, dem Zuschauer etwas zu erzählen, und die persönliche Ansprache („Liebe Zuschauer, wir zeigen Ihnen jetzt …“) hat beim Wiedersehen etwas so wohltuend Höfliches, Respektvolles, daß einem fast wehmütig wird.

Heute werden einem die Filme ja sozusagen vor die Füße geworden. Da hast du deinen Film, Zuschauer! Kein Wort erfährst du von uns! Statt dessen knallen wir dir drei, vier, fünf Trailer vor den Latz.

Damals hat man jedem Film Zeit gegeben, der ganze Nachspann wurde gesendet, ohne daß er unterbrochen, abgeschnitten oder zugedröhnt wurde. Das war vor der verhängnisvollen Entscheidung, Privatsender zuzulassen – mit ihnen sind eigentlich alle Unsitten ins Fernsehen eingezogen.

Eine der schlimmsten dieser Unsitten ist die Abschaffung der Ansager und ihre Ersetzung durch brüllende, reißerische Trailer. Diese Trailer sind eine wahre Pest. Oft ist der Film noch gar nicht zu Ende, da schreit schon einer: „Und morgen sehen Sie …“

Dabei will ich das gar nicht wissen – man muß einen Film, gerade einen guten Film, doch ausklingen lassen! Je berührender der Film war, desto unverschämter ist dieses Marktgeschrei, das jedes Gefühl, jedes Nachdenken nach einem Film im Keim erstickt.

Auf dem Fischmarkt in Hamburg oder auf dem Wochenmarkt in Hintertupfingen mag das angehen, aber doch nicht im Fernsehen! Das Problem ist, daß wir uns diese geringschätzige Behandlung bieten lassen. Mit der MTV-Generation hat es angefangen – wenn man sich nämlich einmal an das irrsinnige optische Stakkato der Musikvideos gewöhnt hat, erscheint einem das alles völlig normal. Aber es ist nicht normal. Auf dem Jahrmarkt oder im Basar werde ich auf diese Weise bedrängt, aber wenn ich zuhause im Wohnzimmer sitze, möchte ich nun einmal nicht angeschrien werden.

Ich weiß: es wird keine Rückkehr zu den höflichen Ansagern geben. Aber schön wär’s.

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Nur ein Depp verläßt das Paradies

Wenn man, wie gestern in den Google News, so einen Satz liest, kommt man schon ein wenig ins Grübeln:

Depp verlässt Paradis.

Das ist ja, dachte ich erst, eine ziemlich primitive Interpretation der Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies, noch dazu in einer fürchterlichen Rechtschreibung.

Adam als Depp, der auf die Verführung von Eva hereinfällt – das klingt ein bißchen wie eine Mischung aus Volxbibel und Bibel in gerechter Sprache. Aber auf den zweiten Blick hatte es auch etwas für sich. War Adam denn nicht wirklich ein – Depp? Hier ein ewiges Leben im Paradies, dort ein paar verführerische Momente mit einer Frau, und wofür entscheidet er sich? Natürlich für die Frau!

Typisch Mann. Eben der alte Adam, der Depp.

Erst beim Lesen des Artikels habe ich bemerkt, daß der Depp Johnny heißt und das Paradis Vanessa.

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Das ARD-Geheimpapier über die Talkshows

Manchmal dringt aus den unendlichen Weiten der öffentlich-rechtlichen Sender ein Lebenszeichen zu uns Erdlingen. Alles freut sich dann: „Sie haben Kontakt zu uns aufgenommen!“

Natürlich ist dieser Kontakt fast immer nur ein Versehen, denn eine echte Kommunikation mit uns gewöhnlichen Sterblichen wollen die Lebensformen in den Sendern nicht. Das hat jeder schon einmal erlebt, der den unbekannten Wesen einen Brief geschrieben hat. Da kommen, wenn er Glück hat, Word-Textbausteine zurück. Natürlich, heißt es da, sei man für jeden Brief dankbar, und alles werde sehr sorgfältig gelesen und bei den weiteren Planungen berücksichtigt!

Nur inhaltlich antworten – das will niemand von diesen Lebensformen. Machen Sie einfach einmal eine Probe aufs Exempel: fragen Sie den ZDF-Intendanten Thomas Bellut, warum er fast alle Qualitätssendungen seines Senders (und die gibt es!) im Mitternachtsprogramm versteckt und zur besten Sendezeit beinahe nur noch Sinnfreies sendet. Glauben Sie, daß Sie von ihm eine inhaltliche, argumentierende Antwort bekommen werden?

Niemals. Es kommen wieder nur Textbausteine. Und sonst gar nix.

Aber manchmal, wie gesagt, dringt etwas nach außen, was dorthin eigentlich gar nicht dringen sollte. So hat der Programmbeirat der ARD in einem „internen und vertraulichen Beratungspapier“ heftige Kritik an den eigenen Talkshows geübt (der Spiegel hat Auszüge veröffentlicht). Da ist im schönsten Deutsch von „Themendoppelungen und -verschleiß“ und von „Gästedoppelungen und -verschleiß“ die Rede, und man kommt – zusammen mit fast allen Fernsehzuschauern – zu dem Schluß, es gebe „zu viel vom Selben.“

Sehen Sie schon, worauf das alles hinausläuft? Natürlich – auf eine unfreiwillige, aber richtig gute und dazu noch kostenlose Promotion-Kampagne für den von mir gestifteten (undotierten) Hans-Olaf Henkel-Preis für ubiquitäre Talkshow-Präsenz!

Das Geheimpapier, das nun nicht mehr geheim ist, sagt schwarz auf weiß:

In den Sendungen tauchten zunehmend wieder die altbekannten Talkshowgäste auf, die bereits seit mehreren Jahren in den Runden sitzen.

Das wird dann fast buchhalterisch genau aufgelistet:

38 Personen seien im Zeitraum von September bis April mindestens dreimal zu Gast in den ARD-Talks gewesen. 14 Gäste mindestens viermal. Auch die vom Zuschauer gefühlte Allgegenwart von Ursula von der Leyen, Karl Lauterbach, Hans-Ulrich Jörges, Sahra Wagenknecht und Gertrud Höhler wird von der Statistik belegt. Sie waren fünfmal dabei, Heiner Geißler sogar sechsmal.

Ich habe freilich meine eigene „gefühlte“ Statistik, und da spielen der Philosoph Precht und vor allem der alte Grantler Peter Scholl-Latour eine große Rolle. Beide scheinen im ARD-Geheimpapier nicht vorzukommen. Bitte ergänzen!

Das Papier beurteilt die einzelnen Talkshows aber auch inhaltlich:

Bei Anne Will gebe es „immer wieder Sendungen mit wenig Erkenntnisgewinn.“ Sandra Maischberger „sollte bei der Auswahl skurriler Gäste darauf achten, keine öffentlich-rechtlichen Grenzen zu überschreiten.“ „Hart aber fair“ mit Frank Plasberg sei zu „soft“ geworden und habe „mit dem Motto, wenn Politik auf Wirklichkeit trifft, nicht mehr immer etwas zu tun“. Das übelste Zeugnis bekommt Star-Talker Günther Jauch. Der Moderator betreibe „Stimmungsmache“, seine Einspieler mit Passantenbefragungen „gaukeln eine vermeintliche Realität vor.“ In seinen Fragen nehme er meistens schon die „Antworten vorweg“.

Ach, man müßte – vielleicht unter dem Namen TVLeaks – viel öfter solche Geheimpapiere veröffentlichen! Da würde man nämlich sehen, daß viele Mitarbeiter in den Sendern (jedenfalls die klügeren!) genauso unzufrieden mit dem Programm sind wie die Zuschauer (die klügeren!). Gerade weil das so ist, weil immer noch so viele intelligente und sachkundige Menschen überall in den Sendern sitzen, so viele hervorragende Journalisten, Auslandskorrespondenten, Dokumentarfilmer usw. – gerade deshalb möchte ich zu gerne wissen: wer ist eigentlich dafür verantwortlich, daß alle diese guten Leute nicht zum Zuge kommen, und wenn überhaupt einmal, dann erst um Mitternacht? Wer bestimmt in den öffentlich-rechtlichen Sendern, daß um 20.15 fast nur noch Boulevard, Seichtes jeder Art und oft sogar purer trash gesendet wird?

Also, liebe Hacker von TVLeaks – ich will Namen hören!

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Jung, grün – und nicht sehr gescheit

In einer Zeit, in der das Wahlrecht für 12jährige gefordert wird, entscheiden bei der Grünen Jugend jetzt offenbar schon Vorschulkinder über den politischen Kurs. Trotzig mit dem Fuß aufstampfend, sagen sie (hier nachzulesen):

Ja, wir sind keine PatriotInnen. Uns sind andere Dinge einfach wichtiger als Deutschland: Individuelle Freiheiten, soziale Rechte oder die Frage, ob auch die nachfolgenden Generationen noch auf diesem Planeten leben können.

Das klingt so trotzig und selbstbewußt, daß man sich schon fragt, warum auf der Seite der Grünen Jugend nur noch der Anfang des Artikels zu lesen ist. Wenn man auf „Kompletten Artikel lesen“ klickt, tut sich nichts. Ich kann also nicht beurteilen, wie der „komplette Artikel“ aussieht, aber die zitierte Einleitung (und die in der Presse wiedergegebenen Teile) reichen mir eigentlich schon. Vielleicht nur noch ein besonders schönes Zitat, das ich in der Welt gefunden habe. Der positive Bezug zum eigenen „Vaterland“ – die Grüne Jugend schreibt Vaterland immer in Anführungszeichen! – bedeute „immer auch die Abwertung von Anderen“.

Liebe kleine Grüne,

ich darf euch doch duzen? In eurem Alter ist das ja noch erlaubt. Ihr seid noch klein und könnt vieles noch gar nicht wissen. Wenn ihr in die Schule kommt, lernt ihr das alles, aber ich will euch ein paar Sachen schon jetzt verraten.

Ihr redet dauernd vom bösen Patriotismus. Ich weiß ja nicht, wer euch das erzählt hat – euer Papi vielleicht? Oder der Onkel Ströbele? Es muß jemand gewesen sein, der mitsamt seinem Kopf nicht von dieser Welt ist. Ihr habt doch sicher schon einmal einen Film über Zeitreisende gesehen, die sich in eine Maschine setzen und sich plötzlich in einer ganz anderen Zeit wiederfinden. Seht ihr – der Mann, der euch das mit dem Patriotismus weisgemacht hat, der hat sich vielleicht 1968 in eine solche Maschine gesetzt, und plötzlich ist er im Jahr 2012. Das ist gar nicht so leicht für ihn! Jedenfalls könnt ihr dem Papi (oder dem Onkel Ströbele) ausrichten, daß Patriotismus etwas ganz anderes ist als Nationalismus. Das weiß er nämlich nicht, weil er eben aus einer fernen Zeit kommt. Und erzählt ihm auch, daß alles, was ihm „wichtiger ist als Deutschland“, von Menschen unter der schwarz-rot-goldenen Fahne erkämpft worden ist, die ihm so zuwider ist. Diese Fahne steht für den Kampf um Recht und Freiheit und Demokratie, und viele haben dabei ihr Leben verloren. Sie symbolisiert das gute, das mutige Deutschland, und sie kann gar nicht oft genug gehißt werden.

Sagt ihm auch, daß es wirklich nicht schlimm ist, wenn man sein Land liebt. Es ist eine ganz normale Sache, über die man eigentlich gar nicht reden müßte. Nur Zeitreisende reden darüber! Alle anderen hängen doch irgendwie von selbst an der Heimat, in der sie großgeworden sind, da kennt man die Gerüche, die Bäume, die im Frühling grün werden, die Mentalität der Menschen, und vor allem die Sprache. Und man kennt natürlich auch die Geschichte mit ihren wunderbaren und mit ihren fürchterlichen Seiten. Man kennt die Musik, die Literatur, die vielen klugen Wissenschaftler. Man fühlt sich zuhause.

Und warum, frage ich, soll man denn das alles nicht lieben? Überall auf der Welt ist das eine Selbstverständlichkeit – nur nicht in Deutschland.

Ihr sagt, ihr lieben kleinen Grünen, wer sein eigenes Land liebt, der wertet alle anderen Länder ab. Wer immer euch so einen Schmarrn erzählt hat, ob es jetzt der Onkel Ströbele war oder jemand anders – sagt ihm kurz und bündig, und mit einem schönen Gruß von mir, daß er nicht ganz gescheit ist. Und lest ihm dann vielleicht die letzten Zeilen der Kinderhymne von Brecht vor (der Onkel Ströbele müßte sie kennen!), denn da geht es genau um den Unterschied zwischen der natürlichen Liebe zu seiner Heimat und dem Nationalismus. Vom eigenen Vaterland heißt es bei Brecht:

Und das liebste mag’s uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.

Ist das nicht schön?

Ach ja, eine Bitte habe ich noch: wenn ihr wieder einmal etwas veröffentlichen wollt, laßt doch einen Erwachsenen kurz drüberschauen.

Oder wenigstens ein Kind, das schon eingeschult ist. 

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Der Saar Hunsrück Steig

Der Saar-Hunsrück-Steig ist ein sog. Premium-Wanderweg. Wir sind ihn noch nie gegangen, aber wir waren an seinem Ausgangspunkt, der Saarschleife, und schon die ist atemberaubend schön.

Atemberaubend ist aber auch der Titel eines Dokumentarfilms über diesen Steig, der kürzlich im WDR gesendet wurde. So steht es tatsächlich da, in großen Buchstaben, weiß auf grün, gleich zu Beginn des Films:

Der Saar Hunsrück Steig.

Überall sonst schreibt man ihn, wie es sich gehört: Saar-Hunsrück-Steig. Aber wer auch immer in dem Dokumentarfilm von Christian Hattesen für den Titel zuständig war, er stammt offenbar aus der armen Generation nach der Rechtschreibreform, die unter dem Motto „Schreibe, wie du willst!“ die totale sprachliche Freiheit auskostet.

Oder hat das Geld für die beiden Bindestriche nicht mehr gereicht?

Der Film ist in der Reihe „Wege der Genüsse“ erschienen, aber ein Genuß, lieber Herr Hattesen, ist dieser Titel nicht.

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