Der Saar Hunsrück Steig

Der Saar-Hunsrück-Steig ist ein sog. Premium-Wanderweg. Wir sind ihn noch nie gegangen, aber wir waren an seinem Ausgangspunkt, der Saarschleife, und schon die ist atemberaubend schön.

Atemberaubend ist aber auch der Titel eines Dokumentarfilms über diesen Steig, der kürzlich im WDR gesendet wurde. So steht es tatsächlich da, in großen Buchstaben, weiß auf grün, gleich zu Beginn des Films:

Der Saar Hunsrück Steig.

Überall sonst schreibt man ihn, wie es sich gehört: Saar-Hunsrück-Steig. Aber wer auch immer in dem Dokumentarfilm von Christian Hattesen für den Titel zuständig war, er stammt offenbar aus der armen Generation nach der Rechtschreibreform, die unter dem Motto „Schreibe, wie du willst!“ die totale sprachliche Freiheit auskostet.

Oder hat das Geld für die beiden Bindestriche nicht mehr gereicht?

Der Film ist in der Reihe „Wege der Genüsse“ erschienen, aber ein Genuß, lieber Herr Hattesen, ist dieser Titel nicht.

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Hatte Marx etwa doch recht?

In der Süddeutschen Zeitung liest man heute:“Griechenland atmet auf – doch Spaniens Krise verschärft sich“, und weiter:

Entziehen die Märkte den beiden Schwergewichten Spanien und Italien das Vertrauen, wird es für die Regierungen immer schwieriger, neues Kapital zur Finanzierung der Staatshaushalte aufzunehmen. Die bisherigen Rettungsschirme gelten aber für umfangreiche Hilfen an diese Länder als zu klein. Spanien soll bereits bis zu 100 Milliarden Euro Kredite zur Stützung seiner Banken erhalten.

Und Reuters schreibt:

Die Finanzmärkte haben die Euro-Zone weiter am Haken.

Da haben wir sie wieder: „die Märkte“. Sie haben etwas Gottgleiches, dann wieder etwas Mysteriöses, fast Okkultes an sich, und sie scheinen nichts dagegen zu haben, wenn sie von der Politik gleichsam vergöttlicht werden.

Wie werden die Märkte reagieren? Was sagen sie? Schneiden sie uns womöglich den Lebensfaden ab – oder lassen sie uns erst noch ein bißchen zappeln?

Sie haben etwas von den unerforschlichen Mächten in Kafkas Schloß, und wir – wir sind so arm,  so hilflos und oft auch so wütend wie der Landvermesser K.

Die „Märkte“ haben fast die nebulöse Macht des Delphischen Orakels. Aber sie sind in Wirklichkeit alles andere als nebulös. Sie bestehen – ganz anders als das altmodische Orakel von Delphi – nur aus zwei Komponenten: Geld (sehr, sehr viel Geld!) und – Macht.

Interessant ist nun, daß die Geldgeber und Banken, die ja – nicht erst seit den Fuggern – schon immer auch Staaten und Regierungen mit Anleihen zur Seite gesprungen sind und dabei wunderbare Gewinne gemacht haben, jetzt zum ersten Mal nicht mehr dezent im Hintergrund bleiben. Dabei war stille Vertraulichkeit eigentlich immer die Geschäftsgrundlage – nie sind solche Geschäfte an die große Glocke gehängt worden.

Mit dieser Zurückhaltung ist es vorbei. Das große Finanzkapital läßt seine Muskeln spielen, es geht öffentlich und mit einer beispiellosen Brutalität zum Angriff über. Regierungen, Staaten, ganze Kontinente werden erpreßt, bedroht und – wenn es sein muß – runiert. Bis in die Regierungsbildung hinein wollen diese Geldgeber alle Bedingungen der Staaten so manipulieren, daß sich ihr Kapital dabei am besten verwertet.

Früher haben die Geldgeber, wie ich sie einmal nenne, um nicht beleidigend zu werden, früher haben sie also ängstlich nach den Wahlergebnissen geschaut, heute ist es umgekehrt: die gewählten Politiker starren ängstlich auf die „Märkte“. Es ist, zumindest auf den ersten Blick, eine verkehrte Welt: demokratische Regierungen kuschen und machen sich klein, die Geldgeber blähen sich auf.

Bei Lenin hieß das noch Monopolkapital und Finanzoligarchie, aber es war genau dasselbe. Es ist konzentriertes Kapital, Kapital in einem Umfang, wie sich ein Laie das – trotz der Gewöhnung an milliardenschwere Rettungsschirme – nicht vorstellen kann. Aber dieses „Finanzkapital“ ist sich nun seiner Macht bewußt geworden und macht von ihr auch Gebrauch. Das ist neu.

Hilflos sind unsere Regierungen nur, weil sie uneins sind. Es ist nämlich nicht so, daß die Staaten von den Geldgebern abhängig sind – die Geldgeber sind ihrerseits auch von den Staaten abhängig. Sie verdienen so gut an den (immer höher verzinsten) Geldanleihen, daß die beim griechischen Schuldenschnitt verlorenen Geldern nur peanuts waren.

Man müßte mit ihnen im selben Ton reden, in dem sie mit uns reden. Man muß ihnen – wie kleinen Kindern – die Grenzen zeigen, denn es sind im Grunde kleine, aber sehr böse und sehr gefährliche Kinder.

Und man kann durchaus einmal wieder in den Werken von Marx und Engels blättern, das ist keineswegs ehrenrührig – freilich nicht, um wieder monströse sozialistische Gesellschaften zu errichten (davor behüte uns Gott), sondern vielmehr, um zu untersuchen, ob nicht doch manche der Analysen – vor allem bei Marx – richtig waren.

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So darf man mit Griechenland nicht länger umspringen

Wenigstens im Fußball hat Griechenland – völlig unerwartet! – etwas geschafft, was der arg geschundenen griechischen Nation gutgetan hat. Es hat das hoch favorisierte Rußland geschlagen und ist ins Viertelfinale eingezogen. Das war Balsam für die griechische Volksseele. Die emotionalen Interviews mit den Spielern nach dem Match zeigen, wie tief die Verletzungen sind, die das Land erlitten hat.

Bis vor ein paar Jahren war Griechenland ein gern besuchtes Urlaubsland, ein bißchen leger, ein bißchen schlampert – wie alle Mittelmeervölker, aber gerade darum hat man doch dort Urlaub gemacht. Wenn man selbst in den Ferien noch deutsche Akkuratesse, deutsche Pünktlichkeit braucht, dann muß man halt im eigenen Land bleiben.

Die Griechen sind ein liebenswertes Volk. Mit dem (von der Politik gesteuerten!) Zerrbild, das bei uns neuerdings herumgeistert, haben sie nichts, aber auch gar nichts zu tun. Ich kenne das Land und seine Menschen seit 1973 – und ich werde wirklich fuchsteufelswild, wenn ich höre, mit welcher arroganten Kaltschnäuzigkeit etwa unsere Kanzlerin, die gern eine zweite iron lady werden möchte, über dieses Land den Stab bricht. Sie bohrt das dünnste Brett, denn an die Finanzspekulanten, die ein europäisches Land nach dem anderen ruinieren, wagt sie sich nicht heran.

Aber mit den Griechen kann man es ja machen.

Die kann man unter dem Gejohle der deutschen plebs mal so richtig fertigmachen. Sie sind der perfekte Sündenbock, weil man sich an die wirklichen Täter nicht herantraut.  Über die Griechen fühlt sich fast jeder Deutsche erhaben – auch wenn er von Schwarzarbeit lebt, die Versicherung übers Ohr haut, Teppiche unverzollt einfliegen läßt oder eine osteuropäische Pflegekraft ohne Versicherung anstellt. Auch jeder deutsche Unternehmer, der seinen Mitarbeitern Löhne zahlt, von denen sie nicht einmal ihre Miete zahlen können, fühlt sich über die Griechen weit erhaben. Deutsche Manager, die sich Gehälter und Boni in Millionenhöhe genehmigen, Sportler, die ihren Wohnsitz nach Monaco verlegen, sie alle zeigen mit dem Finger nicht auf sich, sondern – auf Griechenland.

Schämt euch! – sage ich da. Was wißt ihr eigentlich von diesem Land, das fast vier Jahrhunderte lang, seit der Eroberung von Byzanz durch die Osmanen (1453), unter der Knute des Sultans von Istanbul hat leben müssen? Jahrhundertelang durften griechische Kinder nicht einmal Schulen besuchen, es gab keine Schulen, keine Universitäten, keine Literatur, kein kulturelles Leben, keine Zeitungen, nichts. Einzig und allein die griechisch-orthodoxe Kirche wurde von den Osmanen geduldet, und sie war es auch, die zum Teil unter elenden Bedingungen die griechische Sprache und – trotz der fortgesetzten Unterdückung und mehrerer Einwanderungswellen aus dem Balkan – auch die griechische Identität bewahrt hat. Und: die Griechen waren das erste Volk, dem es in einem jahrelangen Freiheitskampf gelang, das türkische Joch abzuschütteln.

Aber das alles zählt nicht mehr – so wie auch für unsere ignoranten Politiker das griechische Erbe der Antike nichts mehr bedeutet. Kann sich irgendjemand vorstellen, daß für die Herren Pofalla, Kauder, Seehofer die Namen Solon, Demosthenes, Platon oder Demokrit noch irgendeine Bedeutung haben? Auf ihnen ruht zwar unsere Kultur, aber viel wichtiger sind doch die neuesten Verdikte der Ratingagenturen.

Was wir – gerade unter der Regierung Merkel – erleben, ist (biblisch gesprochen) eine Anbetung des Goldenen Kalbes, eine beinahe uneingeschränkte Herrschaft des Pekuniären. Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles! Nichts anderes ist mehr von Belang, es geht nur noch (um mit Marx zu sprechen) um die bare Zahlung. Selbst wenn es irgendwo in Europa Wahlen gibt, hört man immer nur die bange Frage: was werden die Märkte dazu sagen? Ob ein Volk die kulturellen Grundlagen des ganzen Kontinents geschaffen hat – was soll’s? Wenn der Daumen der Ratingagenturen nach unten geht, dann opfern wir – anders als damals unter den römischen Kaisern – nicht nur eine Handvoll von Gladiatoren, sondern, und zwar mit leichter Hand, ein ganzes Volk.

So machen sich die demokratischen Regierungen – unbegreiflicherweise! – zum Büttel eines moralisch heruntergekommenen Finanzsystems.

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Das lange Warten auf die Kühe

Im Alpenpanorama (jeden Morgen von 7.30 bis 9 Uhr auf 3sat) befinden wir uns leider in einer Art Zwischenzeit. Der Winter hat sich auf die höchsten Berge zurückgezogen, auch der Winkemann winkt (leider!) nicht mehr, aber so richtig Sommer ist es auch noch nicht. Weil der Schnee besonders lange gelegen hat, ist das Gras noch kurz – zu kurz, um schon die Kühe auf die Almen zu bringen. Aber lange kann es nicht mehr dauern!

Die Zäune sind schon aufgestellt, und bald wird man in Berwang und anderswo die ersten Kühe grasen sehen. Das ist immer ein schöner Moment.

Überhaupt sind Kühe sehr liebenswürdige und kluge Tiere – wenn sie freilich den ganzen Tag im Stall stehen, merkt man davon nichts, da verkümmern sie. Erst auf der Weide zeigen sie ihren Charme, ihr Selbstbewußtsein – und ihre Lebensfreude.

Wer sie einmal bei einer Wanderung in den Bergen länger beobachtet hat, wird nie mehr von einer „dummen Kuh“ sprechen.

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Explodierende Stromkosten und Beschneidung der Bürgerbeteiligung – das ist die Energiewende

Es gibt Menschen, die noch an Märchen glauben. Eines dieser Märchen – und darauf muß man erst einmal kommen! – lautet: durch die Energiewende werden die Strompreise sinken. Über diesen hanebüchenen Unsinn, den ein leibhaftiger WDR-Redakteur namens Döschner verbreitet hat, habe ich gestern berichtet.

Jetzt liegt ein Interview des Bundeswirtschaftsministers Philipp Rösler in der F.A.Z. vom Donnerstag vor, der klipp und klar sagt:

Klar ist schon heute, dass der starke Ausbau der Erneuerbaren die EEG-Ausgaben und damit auch die Strompreise weiter in die Höhe treiben wird.

Rösler bekennt sich ausdrücklich dazu, daß der Strompreis für die Industrie stark subventioniert wird, weil „Deutschland ein Industriestandort bleiben“ müsse. Vielleicht sollte aber auch ein Minister, der – wie seine Partei – nur noch Klientelpolitik für die Wirtschaft betreibt, daran denken, daß Deutschland vor allem wieder ein Standort werden sollte, wo Menschen von ihrem Einkommen auch leben können. Deutschland, so würde ich es ausdrücken, muß wieder ein Menschenstandort werden. Und es sage niemand in seiner Einfalt, wenn es der Wirtschaft gutgeht, dann gehe es den Menschen auch gut! Das mag früher hin und wieder so gewesen sein, aber seit die jungen Manager prall angefüllt mit purer Gier von den Universitäten kommen, schert es niemanden mehr, ob ein Mitarbeiter von seinem Gehalt auch leben kann.

Rösler besteht auch darauf, daß es für Einsprüche gegen den Netzausbau mit dem Bundesverwaltungsgericht nur noch eine einzige Instanz geben dürfe. Die heute geltenden Umwelt- und Tierschutzgesetze sind ihm keinen Pfifferling mehr wert. Sie waren der Wirtschaft und vielen Behörden ja schon lange ein Dorn im Auge – jetzt soll ihnen endgültig der Garaus gemacht werden:

Auf Fachebene laufen die Gespräche. Dabei geht es vor allem um die Fauna-Flora-Habitat- sowie die Vogelschutz-Richtlinie. Da müssen wir ran. Jedem Beteiligten muss klar sein, dass wir auf die Herausforderungen der Energiewende auch unbequeme Antworten geben müssen. Uns wäre bereits geholfen, wenn wir zum Beispiel beim Durchqueren von Schutzgebieten einen Teil der EU-Regeln auf Zeit außer Kraft setzen könnten.

Selten habe ich so entlarvende Sätze eines Wirtschafts-Lobbyisten gelesen. „Da müssen wir ran“, sagt er. Und beim „Durchqueren von Schutzgebieten“ will er freie Hand haben.

Wir sollten alles tun, um ihm diese Möglichkeit aus der Hand zu schlagen. Hier soll der Windenergie-Lobby, die sich schon jetzt an unseren Steuergeldern mästet, auch noch die Natur zum Fraß vorgeworfen werden.

Jeder Naturschützer weiß, wie lange es dauert, wieviele Jahre vergehen, und wieviele Gutachten erstellt werden müssen, bis ein Gebiet endlich unter Naturschutz gestellt wird. Und da kommt jetzt ein Herr Rösler und will das alles – im Interesse der Wirtschaft und gegen die Interessen der Natur – einfach wegwischen. Allein schon daran sieht man, daß das ganze Gerede von Ökologie und Nachhaltigkeit und von „erneuerbarer Energie“ nichts als Heuchelei ist. Hier soll schlicht und einfach einer boomenden Branche die Tür zu den Märkten geöffnet werden – auf unsere Kosten, denn genau wie bei der Solarenergie, die schon bei einer kleinen Reduzierung der Subventionen in sich zusammenfällt, wird auch die windige Windkraft nur am Tropf des Steuerzahlers überleben können. Von solchen Luftblasen eine ganze Volkswirtschaft abhängig zu machen, ist ein politischer Dilettantismus, für den man keine Worte findet.

Damit darf Rösler, damit darf die Regierung Merkel nicht durchkommen! Es wäre nicht nur das Ende der Bürgerbeteiligung, die in der Zukunft nach Belieben den wirtschaftlichen Bedürfnissen geopfert werden könnte, es wäre auch das Ende des Naturschutzgedankens – und das Ende für viele gefährdete Tier- und Pflanzenarten.

Und wo bleibt, frage ich, die scharfe Reaktion unserer großen Naturschutzverbände? Geht es ihnen überhaupt noch um die Natur – oder machen sie nur noch Politik? Darf man sich eine (angeblich!) natürliche Energie leisten, auch wenn die überall – und jetzt selbst in streng geschützten Gebieten – die Natur zerstört?

Darauf will ich endlich eine Antwort haben.

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Das Betreuungsgeld langweilt unsere Bundestagsabgeordneten – lieber schnell ins Wochenende!

Das Betreuungsgeld ist – wenn man es nach der öffentlichen Aufregung beurteilt – eines der am meisten diskutierten Gesetze der letzten Zeit. Heute sollte im Bundestag die erste Lesung stattfinden – aber das Interesse der Abgeordneten war gering. Viele sind wohl lieber gleich zum Grillen ins Wochenende gefahren. Jedenfalls war der Bundestag bei nur 211 anwesenden Abgeordneten beschlußunfähig.

Das ist kein Ruhmesblatt – weder für die Regierungkoalition noch für die Opposition.

Wenn man als Abgeordneter im Monat 7.646 Euro bekommt, dazu eine steuerfreie monatliche Kostenpauschale von 3.969 Euro und jede Menge Vergünstigungen (Netzkarte für die Deutsche Bahn usw.), dann kann man ja wohl erwarten, daß die Damen und Herren Abgeordneten, die für uns im Parlament sitzen, auch an den Freitagssitzungen teilnehmen, statt sich so schnell wie möglich ins Wochenende abzusetzen.

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Ein selten dummer WDR-Kommentar zur Energiewende

Die großen Energiekonzerne klagen vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die Bundesrepublik Deutschland und fordern wegen der aus heiterem Himmel erzwungenen Abschaltung der Atomkraftwerke Schadenersatz von insgesamt bis zu 15 Milliarden Euro. Niemand weiß, wie so ein Verfahren ausgehen wird – auch nicht Frau Merkel. Sie hat ohne nachvollziehbaren Grund in ihrer Energiepolitik eine abrupte Wende vollzogen, die uns teuer zu stehen kommen wird.

Ohne nachvollziehbaren Grund? Aber da war doch Fukushima! Das ist freilich eine geradezu abenteuerliche Begründung, denn spätestens seit Three Mile Island und Tschernobyl kennt man alle Gefahren von Atomkraftwerken. Was hat Fukushima denn an neuen Erkenntnissen gebracht, die vorher noch nicht bekannt waren? Nichts.

Die Klagen der Energiekonzerne sind also keineswegs aussichtlos. Umso merkwürdiger erscheint ein Kommentar des WDR-Wirtschaftsredakteurs Jürgen Döschner (hier nachzulesen). Er führt fast alles auf die typische Angst der Deutschen zurück:

Es wächst die Angst – Angst davor, dass die Energiewende vielleicht doch nicht rechtzeitig zu schaffen ist, Angst vor Stromausfällen, vor allem aber Angst vor den Kosten.

Als ob das irrationale, durch nichts begründete Ängste wären! Daß die Stromkosten explodieren werden, daß kein wissenschaftlich vertretbares Verfahren zur Speicherung der Windenergie vorhanden ist, daß es deshalb selbstverständlich immer wieder zu Stromausfällen kommen wird – das alles schließt Döschner praktisch aus. In einem hier veröffentlichten Interview antwortet er im März dieses Jahres auf die Frage, ob der Atomausstieg zu höheren Strompreisen führe:

Nein! Weder haben in der Vergangenheit Atomkraftwerke bewirkt, dass die Strompreise sinken, noch wird umgekehrt der Strompreis steigen, wenn nun diese AKWs abgeschaltet werden.

Das ist, schlicht gesagt, eine Logik des Irrsinns, und man fragt sich wirklich, ob der Kommentator mit dem Klammerbeutel gepudert ist. Er hat im Grunde ein ganz einfaches Weltbild: die Konzerne wollen nur Angst schüren, sie machen ein „Klage-Geschrei“, die Erfolgsaussichten der Klagen sind gering. Seine simple Empfehlung: Gelassenheit.

Da begeht also eine Regierung unter dem Namen „Energiewende“ den größten Pfusch in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, einen Pfusch, der den Wirtschaftsstandort Deutschland viel mehr bedroht als jede Wirtschaftskrise, und die einzige Empfehlung dieses Journalisten heißt: Gelassenheit.

Hören wir noch einen weiteren prophetischen Satz dieses Experten:

Belegt ist allerdings, dass der verstärkte Einsatz von Erneuerbaren Energien den Strompreis sogar signifikant gesenkt hat.

Bei soviel argumentativer Dreistigkeit fehlen mir, das gebe ich zu, die Worte.

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Eine Anklage gegen Putin ist überfällig

Nicht nur der Mörder ist ein Verbrecher, sondern auch der ist es, der ihm die Waffen überläßt. Putin hilft Assad, wo er nur kann: er schützt seinen Freund diplomatisch und politisch, er hält ihm den Rücken frei – und er liefert ihm offenbar selbst jetzt noch Waffen. Wie man in der F.A.Z. lesen kann, hat Assad jetzt damit begonnen, Wohnviertel auch mit seinen russischen Kampfhubschraubern anzugreifen.

Und Rußland? Im streng abgeschirmten russischen Marinestützpunkt im syrischen Tartus legen ständig Kriegsschiffe an. Niemand weiß, was dort entladen wird, aber man kann es sich denken. Putin weigert sich ausdrücklich, seine Waffenlieferungen an Syrien zu stoppen.

Ich finde, es wäre mehr als angemessen, nicht nur Assad wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzuklagen, sondern auch seine Helfershelfer in Rußland und China. Ohne sie wäre Assads mörderischer Feldzug gegen die eigene Bevölkerung schon zu Ende.

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Ein Sinti- und Roma-Schnitzel gefällig?

Die politische Korrektheit ist die Pest unserer Zeit – nein, nicht die einzige, aber eine, die Menschen mit einem Gefühl für Sprache (und Sprachgeschichte!) wirklich wehtut. Überall bilden sich seit einigen Jahren kleine Gruppen von „Menschenrechtlern“, die glauben, sie hätten die polizeiliche Oberhoheit über die deutsche Sprache. Es sind die Sprach-Blockwarte unserer Zeit.

Nehmen wir das Zigeunerschnitzel. In Österreich bedrängt eine „antirassistische“ Vereinigung mit dem dramatischen Namen SOS Mitmensch die Wirte und Cafébesitzer, diesen und alle anderen „diskriminierenden Speise- und Getränkenamen“ auf ihren Speisekarten durch politisch korrekte Namen zu ersetzen. Dieser Verein („Spenden sind absetzbar!“) setzt sich, wie er selbst sagt, „lautstark und tatkräftig für die Durchsetzung der Menschenrechte“ ein. Er besteht also ausschließlich aus guten Menschen. Aber gute Menschen müssen nicht unbedingt kluge Menschen sein. Gute Menschen müssen auch nicht unbedingt begreifen, daß die Sprache ein bißchen mehr ist als ein Spielzeug in den Händen von guten Menschen. Sie sehen in der Sprache etwas für sie immer Verfügbares, eine Art Wachs, das sie einschmelzen und dann, ganz wie es ihnen gefällt, zu politisch korrekten Wörtern umschmelzen können. Etwas Unverfrorenes liegt in dieser Einstellung, und auch etwas ganz und gar Un- und Antihistorisches. Die Moral – c’est moi, sagen sie. Sie sind die Evangelikalen der Sprachkritik, sie haben dieselbe fundamentalistische Humor- und Respektlosigkeit, alles ist immerfort so in Moral, in Gendergerechtigkeit, in Antirassismus, in ewige Gerechtigkeit getränkt – daß einem fast übel wird.

Mit einer vernünftigen Einstellung zu Sprache und Sprachgeschichte hat das alles nichts zu tun. Kein Sinti, kein Roma wird „beleidigt“, wenn ich ein Zigeunerschnitzel Zigeunerschnitzel nenne. Überhaupt nimmt das Katz- und Mausspiel um das Wort „Zigeuner“ allmählich absurde Züge an. Die Polizei darf einen verdächtigen Griechen Griechen nennen, und einen gesuchten Kroaten Kroaten. Aber ein verdächtiger Zigeuner ist niemals ein Zigeuner, denn Zigeuner gibt es nicht mehr, seit wir alle gut, gerecht und antirassistisch sind. Er ist allenfalls ein Sinti und Roma, was aber auch nicht geht, weil er ja nur entweder Sinti oder Roma sein kann. Die Polizei greift dann zu so abstrusen Umschreibungen wie „gewöhnlich umherziehende Personengruppen“.

Das Zigeunerschnitzel jedenfalls, das noch aus der Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie stammen soll, ist und bleibt ein Zigeunerschnitzel, und ich kann nur allen Restaurants empfehlen, sich von diesen moralisierenden Grüppchen nicht einschüchtern zu lassen.

PS: Die Mohrenköpfe und Negerküsse unserer Kindheit sind von der Sprachpolizei seit langem verboten. Als nächstes wird jetzt (hier nachzulesen) die alte österreichische Süßspeise „Mohr im Hemd“ angegriffen. Ein übereifriger Gastwirt hat sie schon umbenannt in „heißer Schoko-Nuss-Gugelhupf mit Schokosauce und Schlagobers“. Da erübrigt sich jeder Kommentar.

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Die „Herdprämie“, das Elternrecht und die CDU

Es gibt in Deutschland offenbar eine Mehrheit gegen das Betreuungsgeld – vor allem unter jungen Menschen und in den östlichen Bundesländern. Ich bin (meine Leser wissen es) dezidiert und ohne Abstriche für das Betreuungsgeld. Begründen kann man beide Meinungen, und die Gegner scheinen durch eine neue Studie der OECD an Stärke gewonnen zu haben.

Aber lassen wir am besten wieder einmal den durch und durch fortschrittlichen Stern sprechen, der übrigens wie auch andere Presseorgane das böse (und dumme) Wort „Herdprämie“ ohne Anführungszeichen schreibt (hier nachzulesen):

Herdprämie hält Frauen von Jobsuche ab
Laut OECD-Studie tendieren besonders Frauen aus Zuwandererfamilien mit sozial schwachem Hintergrund dazu, Geld vom Staat anzunehmen und ihre Kinder zu Hause zu versorgen, statt eine Arbeitsstelle und Betreuung zu suchen.

Diese Frauen haben also die Frechheit, sich selbst um ihre Kinder zu kümmern, statt sie in „Betreuungseinrichtungen“ zu stecken! Dabei weiß doch jeder Psychologe, daß es ein- und zweijährigen Kindern, die sich jeden Morgen von der Mutter (oder dem Vater) trennen müssen und in die „Obhut“ einer Betreuerin gegeben werden, viel, viel besser geht! Diese Rabenmütter rauben ihrem Kind die sozialen Kontakte, sie sind arbeitsscheu, und sie flüchten vor ihrer Verantwortung – an den Herd.

Kein Wunder, daß der Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer, Hans Heinrich Driftmann, stinksauer ist: „Dieses Thema regt mich wirklich auf“, sagt er, denn das Reinigungsgewerbe, die Supermärkte, die Friseurketten brauchen schließlich dringend Frauen für ihre elend bezahlten Billigarbeitsplätze:

Das Betreuungsgeld setze falsche Signale und halte Frauen davon ab, arbeiten zu gehen.

Da sind wir jetzt also beim eigentlichen Kern der Sache. Alles andere – die wundersame Wirkung sozialer Kontakte auf das Kleinstkind, die segensreiche Integration von Müttern mit Migrationshintergrund – ist nur Brimborium. In Wirklichkeit geht es darum, fast durchweg unterbezahlte Frauen im Arbeitsmarkt zu halten.

Wohlgemerkt: ich bin nun wirklich nicht gegen die Berufstätigkeit von Frauen. Ich bin aber ganz entschieden dafür, daß ein kleines Kind vor dem Kindergartenalter in der Familie erzogen wird. Danach kann und soll es nach und nach die Welt erobern – erst im Kindergarten, dann in der Schule. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Aber erst einmal muß in der Familie der Grund gelegt werden. Nur so entsteht das Urvertrauen, das dem Kind später hilft, auch schwierige Situationen in seinem Leben zu meistern.

In der OECD-Studie geht es im übrigen bei der Beschreibung von Risiken ausdrücklich um Kinder, die älter als drei Jahre sind. Das hat also mit dem deutschen Modell eines Betreuungsgeldes, das nur Kinder im ersten und zweiten Lebensjahr betrifft, überhaupt nichts zu tun. Gerade die ideologischen Gegner des Betreuungsgeldes sind da ausgesprochen geschickt, man könnte es auch demagogisch nennen: sie tun so, als habe man etwas gegen Kindertagesstätten, wenn man für ein familiäre Betreuung vor dem dritten Lebensjahr ist. Auch der Stern erwähnt zwar, daß es in Deutschland nur um Ein- und Zweijährige geht, schreibt dann aber, das Betreuungsgeld

soll ab 2013 an Eltern gezahlt werden, die ihre Kinder nicht in einer öffentlichen Kita betreuen lassen.

So kann man die Menschen manipulieren, die einen Artikel vielleicht nur flüchtig lesen.

Der finanzielle Aufwand für das Betreuungsgeld, das sinnvoll ist und Familien mit Kindern hilft, ist doch geradezu lächerlich gering, wenn man ihn mit den Beträgen vergleicht, die in Europa gerade den Banken zugeschanzt werden. Es sind peanuts, aber so wird wenigstens ein kleiner Schritt hin zu einer wirklichen Wahlfreiheit von jungen Familien gemacht. Sie sollen schließlich die Möglichkeit haben, selbst darüber zu entscheiden, wie sie ihre Familienplanung angehen. Das ist eben das selbstverständliche Elternrecht, wie es in der vormerkelschen CDU zurecht noch hochgehalten wurde. Seit Frau Merkel Kanzlerin ist, weiß niemand mehr, woran er bei der CDU ist – die Partei changiert in allen Farben, mal grün, mal rot, mal schwarz, und dabei hat sie, jedenfalls scheint es mir so, ihr Rückgrat verloren.

Trotz alledem: das Elternrecht muß notfalls auch gegen die CDU durchgesetzt werden, und weder Arbeitgeber noch Parteien noch der Stern haben sich einzumischen, wenn zwei Menschen überlegen, was für ihr Kind das Beste ist. Wenn aber alles Geld, das verfügbar ist, in die Betreuungseinrichtungen gesteckt wird, kann von einer wirklichen Wahlfreiheit der Eltern keine Rede mehr sein.

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