Ein gutes, friedliches und gesundes Neues Jahr

wünsche ich allen meinen Lesern – so wie es Wilhelm Busch 1886 seinem Freund Franz von Lenbach gewünscht hat:

Ein neues Jahr ist angezapft. Mögen dir die anmuthig dahin schwebenden Horen mit ihrem süßesten Lächeln manch guten Trunk daraus kredenzen!

Und Theodor Fontane schreibt in seinem Gedicht „Unterwegs und wieder daheim“ (1895):

Und wieder hier draußen ein neues Jahr –
Was werden die Tage bringen?!
Wird’s werden, wie es immer war,
Halb scheitern, halb gelingen?

Wird’s fördern das, worauf ich gebaut,
Oder vollends es verderben?
Gleichviel, was es im Kessel braut,
Nur wünsch‘ ich nicht zu sterben.

Ich möchte noch wieder im Vaterland
Die Gläser klingen lassen
Und wieder noch des Freundes Hand
Im Einverständnis fassen.

Ich möchte noch wirken und schaffen und tun
Und atmen eine Weile,
Denn um im Grabe auszuruhn,
Hat’s nimmer Not noch Eile.

Ich möchte leben, bis all dies Glühn
Rückläßt einen leuchtenden Funken
Und nicht vergeht wie die Flamm‘ im Kamin,
Die eben zu Asche gesunken.

In diesem Sinn: Prosit Neujahr!

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Alles Pfuscherey

Am 19. August 1788, als sein Romaufenthalt schon zu Ende ging, schrieb Goethe einen Brief an Charlotte von Stein. Die Freundin hatte ihm von ihren Zahnschmerzen berichtet, und er schreibt ihr:

Wenn ich von deinen Übeln, von deinem Zahnweh höre, wird mir’s im Gemüthe wie ich dirs nicht ausdrucken kann, daß dir unter dem unglücklichen Himmel das Leben unter Schmerzen hingehn soll. Ich habe doch diese ganze Zeit keine Empfindung aller der Übel gehabt die mich in Norden peinigten und lebe mit eben derselben Constitution hier wohl und munter, so sehr als ich dort litt. Ich habe manche Anzeigen daß ich dieses Wohlseyn, wie manches andre Gute, in Italien zurücklassen werde.

Man sieht: da hatte ihn nach gut anderthalb Jahren unter römischer Sonne der Abschiedschmerz ergriffen.

Still und ohne weiter zu dencken und zu grübeln benutz ich jeden Tag und eile mir die nötigsten Kenntnisse zu erwerben, suche ein wenig mich in Übung zu setzen.

Und er fügt hinzu:

Doch ist das alles nichts. Wer Rom verläßt muß auf Kunst Verzicht thun, ausserhalb ist alles Pfuscherey.

Wer einmal in Rom war – wir haben einmal eine ganze Woche lang von morgens bis abends die antiken und die päpstlichen „Altertümer“ der Stadt besichtigt -, der kann die Goethesche Wehmut gut verstehen.

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Republikaner:innen, Demokrat:innen und eine wolkenkuckucksgerechte Sprache

Delia Friess von der Frankfurter Rundschau schrieb vor einigen Tagen (hier nachzulesen, leicht gekürzt) einen Artikel mit der Überschrift

Donald Trump droht Republikanern an Weihnachten auf Twitter.

Dagegen wäre sprachlich nichts einzuwenden, wenn es nicht so weiterginge (nur ein paar Beispiele, Hervorhebungen von mir):

Donald Trump droht illoyalen Republikaner:innen auf Twitter

Seine straffällig gewordenen loyalen Anhänger:innen zu begnadigen und Republikaner:innen unter Druck zu setzen …

Den Rest seiner Zeit nutzt Donald Trump offenbar dazu, Republikaner:innen auf Twitter zu drohen.

Donald Trumps Berater:innen sollen illoyale Republikaner:innen beobachten.

Eine entscheidende Rolle bei der Diskreditierung von Republikaner:innen könnte das Great America PAC spielen.

Der Verteidigungshaushalt war von Republikaner:innen wie Demokrat:innen ausgehandelt worden.

Stellen sich Republikaner:innen beim Verteidigungshaushalt hinter Trumps Veto?

John Bolton hat die Republikaner:innen dazu aufgefordert, das Veto von Donald Trump zu überstimmen.

Wie kann, so frage ich mich, eine Zeitung, die einmal ein Karl Gerold gegründet und zwei Jahrzehnte geführt hat (ich war selbst jahrelang FR-Leser), wie kann eine solche Zeitung ihren Lesern eine derartige Orgie an Sprachdummheit, an gedankenloser Sprachvernichtung zumuten? Wie können sich überhaupt gelernte Journalisten dem Diktat einer kleinen, aggressiven Minderheit von Aktivistinnen beugen und, statt sprachliche Vorbilder zu sein, aus der deutschen Sprache ein unlesbares Gestammel aus Sternchen, Doppelpunkten und anderen Lächerlichkeiten machen? Alles soll nach Ansicht dieser Minderheit gerecht werden: das Grundgesetz, in dem auch noch die letzte Minderheit (Linkshänder? Fleischereifachverkäuferinnen?) als schützenswerte Gruppe ausdrücklich erwähnt werden muß, vor allem aber die Sprache, dieser wunderschöne, buntwuchernde Wildwuchs, den sie, die von ihrer eigenen Sprache nichts, aber auch gar nichts verstehen, in das Korsett ihrer schlichten Ideologie zwängen wollen. Niemals hat es eine gerechte Sprache gegeben, und es wird auch nie eine geben. Die Sprache ist nur ein Instrument, und man kann auf ihr, wie auf jedem Instrument, betörende, aber auch gräßliche Lieder spielen.

Aber die Sprache ändert sich doch ohnehin ständig! rufen die Ideologen. Ja, das stimmt. Aber noch nie – außer in fiktiven Dystopien wie Brave New World oder in totalitären Regimen – sind die Menschen administrativ gezwungen worden, sich dem schlechten Geschmack und der Dummheit einer politischen Minderheit unterzuordnen. Nur im privaten Bereich, da wo ich das Hausrecht habe, darf ich noch reden und schreiben, wie ich will. An den Universitäten, in den Verwaltungen, an den Schulen, in Unternehmen und vor allem in Rundfunk- und Fernsehanstalten sieht es schon heute ganz anders aus. Hier sitzen – mit Verlaub: wie die Spinnen im Netz – die Gleichstellungs- und Frauenbeauftragten, die ihre Macht gerade bei Einstellungen und Sprachregelungen dazu mißbrauchen, ihre Ideologie dem ganzen Land aufzuzwingen. Sie erinnern mich sehr an die „Tanten“ in Margaret Atwoods Roman Der Report der Magd.

Die unkritische Übernahme unnötiger englischer Ausdrücke, die vor einiger Zeit (auch von mir) kritisiert worden ist, schrumpft angesichts dieser immer dreisteren Eingriffe bis hinein in die Morphologie und Syntax unserer Sprache fast zu einer Petitesse. Hier wird nämlich aus niedrigen Beweggründen, nämlich zur Durchsetzung der feministischen Minderheitenideologie, und politisch abgesichert durch das linke und grüne politische Milieu, etwas Kostbares, historisch Gewachsenes mit voller Absicht zerstört: die deutsche Sprache.

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Frohe Weihnachten

wünsche ich allen meinen Lesern – und allen Menschen, die guten Willens sind!

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Homo ubiquitarius

Das hat schon etwas beinahe Quantenhaftes: kann ein Mensch tatsächlich an mehreren Orten gleichzeitig sein?

Man kann nämlich machen, was man will, Karl Lauterbach ist immer schon da. Das ist wie beim Hasen und dem Igel.

Vorhin habe ich ganz zufällig in den Sender ARD-alpha hineingehört, da läuft in der Mittagszeit immer das „Tagesgespräch“, eine Sendung, bei der Zuschauer anrufen und mitdiskutieren können. Und Sie können es sich sicher schon denken, wer da wieder einmal am Telefon war, schon beim ersten Wort an der Stimme erkennbar. Der Lauterbach.

Er ist einfach überall. Da hilft nur der kleine Knopf an der Fernbedienung, der den Bildschirmen innerhalb einer Sekunde zur schwarzen Mattscheibe macht. Aber man weiß auch: das hilft nur vorübergehend. Wenn man den Fernseher wieder einschaltet, ist einer mit Sicherheit schon wieder da. Karl Lauterbach.

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Ey, Aldi, was duzt du?

Dem Discounter Aldi ist zum siebten Mal hintereinander bescheinigt worden, daß er „bester Einkaufsmarkt“ ist, mit dem bestem Service und dem bestem Preis-Leistungs-Verhältnis von allen Discountern.

Aber warum glaubt er, daß er seine Kunden deshalb gleich duzen muß? In einer von mehreren ganzseitigen Anzeigen in überregionalen Tageszeitungen redet er nämlich so mit seinen Kunden:

Danke für Euer Vertrauen!

Wir sind auch in Zukunft immer wieder gerne für euch da!

Ich wüßte aber nicht, wann ich dem Aldi das Du angeboten hätte. Und zu irgendeiner Szene oder Peergroup, in der das Duzen normal ist, gehöre ich als Kunde auch nicht. Warum duzt mich der Aldi also?

Und es ist ja beileibe nicht nur er – überall und immer öfter wird man von Firmen, Läden und Organisationen ungefragt geduzt. Dahinter steht keine freundliche Zuneigung, sondern kalte Berechnung: man möchte, so will es das Kalkül der Marketingabteilungen, frisch und jugendlich daherkommen, wie es ja auch politische Parteien, Fernsehsender usw. gerne hätten: immer jünger, frischer, immer weiblicher, offener, diverser und bunter will man werden.

Wie heißt es in Goethes Torquato Tasso? „So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt“.

Es mag sein, daß das Kalkül der Marketingleute bei vielen sogar aufgeht. Bei mir nicht. Und meine Leser werde ich auch weiter siezen, wie es sich gehört. Versprochen!

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„Winkeldumpfigkeit“ – Über einen großen Sprachkünstler

Auf Bedeutendes und Interessantes stößt man fast immer durch Zufall. So bin ich vor ein paar Tagen auf einen Artikel Thomas Manns aufmerksam geworden, der 1930 unter dem Titel „Theodor Storm“ in der Zeitschrift Daheim erschienen ist.

Storm galt als „Heimatdichter“, ein Wort, das schon damals einen Hautgout von Provinzialität und geistiger Enge hatte. Von seiner „lokalpatriotischen Husumerei“ sprach auch Theodor Fontane, aber Thomas Mann ist ganz anderer Ansicht. Von Storms Nachahmern, schreibt er, sei

viel Läppisches und Nichtiges hergekommen, viel Bürgerwonne und Goldschnittgemüt, das doch bei ihm, an seiner hochgelegenen Quelle, etwas ganz, ganz anderes war.

Das Künstlertum Storms habe „nichts zu schaffen mit Simpelei und Winkeldumpfigkeit“.

Was für Wörter! – Bürgerwonne! Goldschnittgemüt! Winkeldumpfigkeit! Und so geht es weiter. Eine „weltvergessene Sommermittagsstimmung“ und „Zauberdichtigkeit“ sieht Thomas Mann in Storms Lyrik, und über das Gedicht „Im Walde“, das er „sommerzauberversponnen“ nennt, schreibt er am Ende:

Das ist nicht erzen, es ist aus zartestem Stoff; und doch steht es da für immer.

Wenn je ein Schriftsteller das Prädikat „Wortkünstler“ verdient hat, dann ist es Thomas Mann.

PS: Im selben Artikel spricht Mann von Gottfried Kellers „goldener Schnurrigkeit“ – eine treffendere und schönere Charakterisierung des Schweizer Schriftstellers ist mir noch nicht begegnet.

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Schrecken am Abend

Vor zwei Tagen in eine Talkshow gezappt. Furchtbar erschrocken: kein Lauterbach zu sehen!

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Hessische Weihnacht 2020

Das alles soll an Weihnachten in Hessen erlaubt sein (hier nachzulesen):

Treffen mit vier über den eigenen Hausstand hinausgehende Personen zuzüglich Kinder im Alter bis 14 Jahre aus dem engsten Familienkreis, also Ehegatten, Lebenspartner und Partner einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft sowie Verwandte in gerader Linie, Geschwister, Geschwisterkinder und deren jeweiligen Haushaltsangehörige, auch wenn dies mehr als zwei Hausstände oder fünf Personen über 14 Jahre bedeutet.

Meine Frage: wie oft muß ein durchschnittlich begabter Mensch diesen Text lesen, ehe er ihn bis in seine letzten Verästelungen verstanden hat? Und die zweite Frage: wer um alles in der Welt hat sich solche Bestimmungen ausgedacht?

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Nicht einmal mehr Glühwein!

Niedersachsen hat jetzt offiziell den Verkauf von Glühwein „zum Verzehr im öffentlichen Raum“ verboten. Glühweinstände, die letzten noch genehmigten Überbleibsel der verbotenen Weihnachtsmärkte, müssen abgebaut werden, auch Gaststätten und der Einzelhandel dürfen keinen „Glühwein to go“ mehr ausschenken.

Die Staatskanzlei begründet das Verbot so (hier nachzulesen):

Hintergrund ist, dass eine Darreichung von Alkohol, die zum unmittelbaren Verzehr einlädt, vor allem die deutlich erhöhte Gefahr größerer Personenansammlungen mit sich bringt.

Ich bin ja nun wirklich dafür, daß man sich diszipliniert und solidarisch verhält und die gebotenen Einschränkungen hinnimmt. Aber welche sind wirklich geboten? Welche Maßnahmen sind verhältnismäßig? Denn nur dann – und wirklich nur dann! – dürfen Grundrechte für einen streng begrenzten Zeitraum außer Kraft gesetzt werden.

Daß sich Kinder in den Schulen anstecken oder Gäste in einem Restaurant oder einem Café, ist unwahrscheinlich. Jeder, der in den letzten Monaten ein Restaurant besucht hat, weiß, wie penibel sich die Gastronomie an die vorgeschriebenen Hygienevorschriften gehalten hat. Wenn aber die Restaurants oder die Schulen maßgeblich für die hohen Infektionszahlen verantwortlich sind, dann müssen die Behörden das belegen. Auf eine bloße Vermutung hin pauschale Berufsverbote zu verhängen – das geht gar nicht.

Und die Vorstellung, daß sich an den Glühweinständen die Menschen voller Gier zu Hunderten zusammenrotten, um dem unmittelbaren Verzehr zu frönen, gehört eher in das Genre Satire.

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