Ein offener Brief an die Kanzlerin aus Anlaß ihrer Wiedereinführung des Kalten Krieges

Sehr geehrte Frau Bundeskanzler,

ich habe mit großer Betroffenheit gehört, daß Sie im Zusammenhang mit den ukrainischen Angelegenheiten den Kalten Krieg wiedereingeführt haben. War das wirklich nötig?

Jetzt muß ich Sie doch einmal ganz direkt fragen: was haben Sie eigentlich gegen den armen Janukowitsch? Es stimmt schon, er ist nicht gerade ein sympathischer Mensch, aber andererseits ist er doch geradezu ein Musterbeispiel für eine gelungene Resozialisierung! Wir haben ja inzwischen alle gelesen, daß er in seinen jungen Jahren auf die schiefe Bahn geraten ist und zweimal eingesessen hat: einmal wegen Raubes und einmal wegen Körperverletzung. Aber ist das denn so schlimm? War halt noch ein junger Bursch damals, der Janukowitsch.

Aber dann hat er sich aufgerappelt und eine phänomenale Karriere in der Politik hingelegt: Gouverneur, Ministerpräsident – und jetzt sogar Präsident der Ukraine. Na ja, es stimmt, die Wahlen sollen nicht immer ganz sauber gewesen sein, er kennt halt alle Schliche, und er weiß, wie man überlebt. Ihr Kollege Seehofer, verehrte Frau Bundeskanzler, würde es wahrscheinlich so ausdrücken: „A Hund is er scho, der Janukowitsch!“ 

Aber ist das gleich ein Grund, ihm den Kalten Krieg zu erklären?

Wenn jemand wirklich die aufdringliche Frau Timoschenko in den Magen geboxt hat – der Präsident der Ukraine war es jedenfalls nicht. Er hat nämlich ein Alibi.

Und deshalb sollten Sie den Kalten Krieg sofort wieder beenden.

Bedingungslos!

Hochachtungsvoll
Ihr Lupulus.

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Auf in den Odenwald!

Gestern haben wir unsere traditionelle Frühlingswanderung im Odenwald gemacht. Es war schönstes Wanderwetter – nicht zu warm und nicht zu kalt, dazu ein frischgrüner Aprilbuchenwald, wie man ihn eben nur im April sehen kann. Schon im Mai werden die Blätter dunkel und lassen kein Licht mehr durch.

Das Schönste aber war: alle Höhen, auch wo ein frischer Wind wehte, waren frei von Windrädern. Ja, wirklich: auf der ganzen Wanderung von ungefähr 15 Kilometern – wir sind von Bensheim und der Bergstraße her in den Odenwald hineingewandert – haben wir kein einziges Windrad gesehen! Wer eine solche Wanderung in Nordhessen, Thüringen, Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern versucht, wird kein Glück haben. Aber es gibt noch Gebirge, in denen die Menschen ihre schöne Heimat noch nicht dem Mammon als Opfer dargebracht haben.

Wer also einmal eine Mittelgebirgslandschaft sehen will, die noch unversehrt ist (so wie es vor zehn oder zwanzig Jahren alle Mittelgebirge noch waren!), der komme an die Bergstraße und in den Odenwald!

Er sollte sich aber beeilen: die Bauern in den vielen kleinen Dörfern des Odenwalds, die unfruchtbare Äcker auf den windigen Höhen haben, freuen sich schon auf die großzügigen Angebote der Windkraftlobby. Ihnen ist die Schönheit ihrer Heimat höchstens 30 Silberlinge wert.

Wir aber können bei einer solchen Wanderung genießen, was es bald auch im südlichen Hessen nicht mehr geben wird: unberührte, unverschandelte Natur.

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Die Wut in China wächst – und der Mut auch!

Chen Guangchen ist seit seiner Kindheit blind. Er brachte sich sein juristisches Wissen selbst bei und wurde zum „Barfußanwalt der Bauern“. Erst verteidigte er Behinderte, dann immer öfter Frauen, die wegen einer zweiten Schwangerschaft mit brutalen Mitteln zur Abtreibung gezwungen wurden. Das hatte Folgen – nicht nur für ihn selbst, sondern auch für seine Familie (hier nachzulesen). Die Sippenhaft ist in China an der Tagesordnung.

Er wurde unter fadenscheinigen Vorwänden („Verkehrsbehinderung“, „Anstachelung zur Zusammenrottung“) zu einer vierjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Kaum war er wieder zuhause, begann – wie man es von China kennt – das eigentliche Martyrium: die lokalen Behörden stellten nicht nur ihn unter Hausarrest, sondern auch seine Frau, seine Mutter und seinen kleinen Sohn. Dann kamen die Schlägertrupps: sie wickelten ihn und seine Frau in Decken ein und schlugen stundenlang auf die beiden ein, bis die Rippen brachen. Auch seine Mutter wurde mißhandelt, bis sie schrie. Rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag, beobachteten die primitiven Schergen des Regimes seine Wohnung. Niemand durfte das Haus verlassen, niemand durfte es betreten.

Solche Schlägerbanden aus dem Lumpenproletariat hat in China offenbar jeder bessere Parteifunktionär an der Hand.

Aber Chen Guangchen ist seinen Peinigern entkommen. Er befindet sich an einem sicheren Ort in Peking, wie es heißt – und damit seine Familie unter der Flucht nicht leidet, hat er seine Geschichte in einem viertelstündigen Interview erzählt. Und er nennt die Namen seiner Peiniger, sicher alles verdiente Parteisekretäre, die seine Familie seit Jahren verfolgen . Es ist ein bewegender Bericht, und wer die Leidensgeschichte von chinesischen Dissidenten kennt, kann erahnen, wieviel Mut zu einem solchen Schritt gehört.

Aber Mut wird belohnt – und wo Gefahr ist, so hat es Hölderlin in seinem Gedicht Patmos gesagt, „wächst das Rettende auch“. Die ganze Parteibürokratie mitsamt ihren Schlägerbanden aus dem kriminellen Milieu wird zusammenbrechen, und zwar viel früher, als sie glaubt.

Eine Partei, die ihre Herrschaft nur noch mit Hilfe der kriminellem Unterwelt aufrechterhalten kann, darf und wird keinen Bestand haben.

An Chen Guangchen aber und an seinen Mut wird das chinesische Volk noch in Dankbarkeit denken, wenn es die Namen der erbärmlichen Parteibonzen schon lange vergessen hat.

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„Bombenserie in Timoschenkos Geburtsstadt“

So titelt das Hamburger Abendblatt (hier nachzulesen). Und das Abendblatt macht sich so zum Sprachrohr des ukrainischen Herrschers. Denn der bereitet womöglich schon die nächste Anklage gegen Julia Timoschenko vor, die er im Gefängnis verrotten lassen möchte. Sie hat die Bombenanschläge in ihrer „Geburtsstadt“ natürlich in Auftrag gegeben. Nach dem „Auftragsmord“, den er ihr auch anhängen will, würde das niemanden mehr wundern.

Die Verletzten der Bombenanschläge in Dnjepropetrowsk waren noch nicht einmal verarztet, da gab es schon jede Menge Presseerklärungen – vom Staatsanwalt bis hinauf zum Obersten Herrscher höchstselbst. Die Obrigkeit war offenbar gut vorbereitet.

Man las vom Blatt.

Der Staatsanwalt wußte schon Minuten nach den Explosionen, daß es ein „Terroranschlag“ war, und Janukowitsch, der Herrscher über die Ukraine, sagte ebenso schnell: „‚Wir verstehen, daß dies eine weitere Herausforderung für uns ist, für das gesamte Volk.“

Und ein Herrscher seines Schlags braucht solche Herausforderungen. Da kann man doch ganz wunderbar von einem Justizsystem ablenken, das den Richter zum Büttel der herrschenden Clique macht. Und weil Julia Timoschenko gerade die armselige Willfährigkeit des Richters, den Janukowitsch für sie ausgesucht hat, immer wieder mit schneidender Schärfe kritisiert hat, wird man sie noch härter anfassen. Und man wird ihr wahrscheinlich neben dem „Auftragsmord“ auch noch die Anstiftung zu den Bombenanschlägen in ihrer „Heimatstadt“ anlasten.

Mir würde die Lust am Fußballspielen (und auch am Zuschauen) in einem solchen Land vergehen. Und vor allem: wenn man von vornherein zusagt, daß die EM – komme was da wolle – stattfinden wird, gibt man seinen größten Trumpf aus der Hand.

Aber am Fußballzirkus hängt in Europa soviel Geld – da wird die Europameisterschaft durchgezogen, egal welches Regime davon profitiert. Die UEFA, schreibt die Welt, habe den nationalen Fußballverbänden empfohlen, „sich aus politischen Diskussionen herauszuhalten“.

Gilt das auch, wenn man damit einem autoritären Herrscher zu einem Triumph verhilft? Und was ist, wenn Julia Timoschenko am Ende ihres Hungerstreiks stirbt?

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Häftlinge in Janukowitschs Ukraine

Eine Frage muß gestellt werden.

Wenn der Herrscher der Ukraine schon mit Julia Timoschenko so brutal verfährt, auf die doch die Augen der Welt gerichtet sind – wie mag es dann ganz „normalen“ mißliebigen Häftlingen ergehen, die er ins Gefängnis geworfen hat?

Man mag es sich nicht vorstellen.

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Eine reißerische Überschrift

Sie steht in der Berliner Morgenpost (hier nachzulesen):

Merkel droht Ukraine mit Boykott der Fußball-EM

Die Kanzlerin denkt aber gar nicht daran, die Fußball-EM abzusagen – sie läßt nur offen, ob sie selbst die Spiele in der Ukraine besucht.

Das ist schon ein kleiner Unterschied.

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Gauck sagt Reise in die Ukraine ab

Joachim Gauck, unser Bundespräsident, hat eine Reise in die Ukraine demonstrativ abgesagt.

So muß man es machen – einem Mann wie Janukowitsch schüttelt man nicht die Hand.

Ein anderes Kaliber haben Überlegungen innerhalb der Regierung Merkel. Politiker, die EM-Spiele in der Ukraine besuchten, sollten „den Kontakt zur ukrainischen Führung auf ein Minimum zu reduzieren“.

Na, da wird er aber Angst bekommen, der Janukowitsch!

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Real Madrid gegen Bayern München

In der Komödie der Irrungen läßt Shakespeare Dromio von Ephesus sagen:

Bin ich so rund mit Euch, als Ihr mit mir,
Daß Ihr mich wie ’nen Fußball schlagt und stoßt?
Hin und zurück nach Lust schlägt mich ein jeder:
Soll das noch lange währ’n, so näht mich erst in Leder!

Der Fußball ist also nicht erst durch Peter Handke („Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“) zu literarischen Ehren gekommen, sondern schon im 16. Jahrhundert. Das Spiel mit einem runden Ball aus Leder ist zwar noch viel älter (die Chinesen sollen schon im vierten Jahrhundert vor Christus etwas Ähnliches gespielt haben), aber bei Shakespeare hat der Ball immerhin schon seinen heutigen Namen: „football“.

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Strand am Meer

Handys mit dem Betriebssystem Android gibt es, so schreiben die Sprachkünstler der PC-Welt, „wie Strand am Meer“.

Was für eine wundervolle und originelle Metapher!

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Zustand von Julia Timoschenko „besorgniserregend“

Nach fünf Tagen Hungerstreik ist der Zustand der ukrainischen Oppositionspolitikerin besorgniserregend. Der sog. „Präsident“ der Ukraine, Janukowitsch, schweigt weiter. Mit seinem Plan, alle politischen Konkurrenten in seinen Gefängnissen und Straflagern buchstäblich verrecken zu lassen (das drastische Wort ist hier angebracht), ist er damit ein gutes Stück vorangekommen.

Der Protest aus dem Westen ist zwar eindeutig, aber auch unser Außenminister Westerwelle gibt das wichtigste Instrument aus der Hand. Einen Boykott der Fußball-Europameisterschaft lehnt er ausdrücklich ab (hier nachzulesen).

Die Europameisterschaft sei gerade wegen des großen öffentlichen Interesses eine gute Gelegenheit, genau hinzuschauen, wie es um Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte in der Ukraine stehe.

Genau hinschauen? Das kümmert einen Autokraten wie Janukowitsch wenig. Wenn die EM glatt über die Bühne geht, hat er alles erreicht, was er erreichen will. Da kann der Herr Westerwelle „hinschauen“, so lange er will.

Hin und wieder muß man auch einmal etwas tun, statt immer nur hinzuschauen.

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