Und was kommt danach?

Ob wir denn nach dem Ende der Corona-Krise andere (vielleicht sogar bessere?) Menschen sein werden, das fragt man in diesen Tagen Passanten, Philosophen und Theologen.

Wer darauf eine Antwort haben und zugleich, vielleicht in häuslicher Quarantäne, ein kleines Meisterwerk der deutschen Literatur lesen möchte, der greife zu Heinrich von Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“. Es hat als Reclamheft nur 62 Seiten und kostet gerade einmal 3,60 € (Kommentar und Materialien inklusive).

Die Frage, ob der Mensch womöglich durch Katastrophen (in der Novelle ist es ein fürchterliches Erdbeben in Santiago de Chile) geläutert wird, kann auch Kleist nicht ein für allemal beantworten, aber leider spricht nicht sehr viel dafür.

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Corona, Corona, Corona …

Obwohl ich mir redlich Mühe gebe, es zu vermeiden – auch mein Tagebuch kommt an dem Thema „Coronavirus“ nicht vorbei.

Heute abend sollte in der ARD endlich der dritte Teil der Dokumentarfilm-Reihe „Im Reich der Wolga“ laufen. Nach zwei Sendungen mit unglaublich schönen Bildern von einem Fluß, den viele von uns nur dem Namen nach kennen, hat man sich schon auf die dritte gefreut – auch heute wieder vergebens. Dreimal ist er (wenn ich richtig gezählt habe), verschoben worden, auch heute abend wird ihn niemand sehen können. Und warum?

Weil man genau wie am letzten Montag Frank Plasberg für seine Talkshow zwei Stunden am Stück (!) zur besten Sendezeit (20.15-22.15) zugeschanzt hat. Man hat so langsam das Gefühl, daß 90% des Programms nur noch ein Thema haben: Corona. Das ist inzwischen so ausgeufert, daß man von der (natürlich wichtigen!) Informationspflicht der Sender gar nicht mehr sprechen mag. Es ist ein täglicher Corona-Overkill ohne jedes Maß geworden, die Sender wetteifern anscheinend darum, wer es schafft, pro Tag mehr Sendestunden damit zu füllen als alle anderen.

Liebe Programmacher! Stellt euch einmal folgendes vor, nur so zum Spaß. Ein Mann liegt im Krankenhaus, sagen wir: mit einem Beinbruch. Er ist natürlich bettlägerig und sieht durch das Fenster des Krankenzimmers allenfalls ein Stück blauen Himmel. Sein kranker Zimmerkollege heitert ihn ihn auch nicht gerade auf. Also schaltet er den Fernseher ein. Und was sieht er da? Von morgens bis abends nur medizinische Sendungen über Knochenbrüche: er sieht einfache und komplizierte Frakturen und ihre Behandlung, mögliche Komplikationen, sogar Livebilder aus dem OP, Reportagen aus der Reha und Interviews mit den führenden deutschen Orthopäden. Wenn der arme Mann das nicht länger erträgt und auf andere Sender umschaltet, nützt es ihm nichts: es ist überall das gleiche Programm.

Habt ihr verstanden, was ich damit sagen will, liebe Programmacher?

Wir sind doch alle ein bißchen eingesperrt in diesen Zeiten – und ihr gönnt uns nicht einmal etwas Schönes und Gutes, über das wir uns freuen können.

PS: Die uralten Dokumentationen (teilweise bis 2008 zurückreichend!), die ihr aus den verstaubten Archiven hervorholt – selbst auf 3sat gibt es seit Monaten nichts anderes mehr! -, die, liebe Programmacher, könnt ihr euch, mit Verlaub, an den Hut stecken.

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Der Kampf um die wirklich wichtigen Dinge des Lebens im Jahr 2020

Die Kreispolizeibehörde Oberbergischer Kreis berichtet von einer Begebenheit, die sich am Mittwoch in der Gemeinde Reichshof ereignet hat:

Eine 54-jährige Reichshoferin wollte am Mittwoch (25. März) in einem Verbrauchermarkt an der Stadionstraße in Bergneustadt mehrere Pakete Toilettenpapier kaufen. Als sie darauf hingewiesen wurde, nur ein Paket zu kaufen und die übrigen zur Seite zu legen, setzte sich die Frau auf das Kassenband und behinderte so den weiteren Verkauf an andere Kunden. Die hinzugerufene Polizei versuchte zunächst die 54-Jährige zu beruhigen und sprach einen Platzverweis aus, welchen sie jedoch nicht befolgte. Daraufhin legten ihr die Beamten Handfesseln an, um sie aus dem Geschäft und zur Polizeiwache zu transportieren. Dagegen wehrte sich die 54-Jährige heftig. Sie brüllte, ließ sich zu Boden fallen, sperrte sich gegen die Maßnahme und musste schließlich zum Streifenwagen getragen werden. In einer Polizeizelle hatte sie anschließend Gelegenheit sich zu beruhigen, bevor sie wieder nach Hause entlassen wurde – ohne Toilettenpapier. Zu einem Kaufvorgang ist es in Folge der Randale nicht gekommen.

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„Digitalisiere oder stirb!“

Zeitungsbeilagen wandern bei uns fast immer gleich in den Papierkorb. Meist kommen sie von einer Unternehmensbranche, der Windkraftindustrie zum Beispiel, der Gastronomie oder der Touristik. Sie sind ein bißchen lästig, aber ärgern sollte man sich nicht über sie, denn nur von ihren Abonnenten kann heute keine Tageszeitung mehr leben. Ohne Anzeigen und Beilagen gäbe es keinen guten Journalismus in unserem Land.

Heute war eine Beilage von erfolg-und-business.de in unserer Zeitung, und das in ziemlich brutaler Aufmachung. Neben dem Foto eines freundlich lächelnden Mannes las man mit Schrecken:

KMU
Digitize or die!

KMU war bekanntlich der alte Name der Universität Leipzig („Karl-Marx-Universität“), aber die heißt doch seit 1991 anders. Der Mann auf dem Foto jedenfalls, ein gewisser Philipp Depiereux, hat eine erstaunliche Anzahl von beruflichen und anderen Attributen, die ich hier einfach einmal nach dem Zufallsprinzip aneinanderreihe:

Diplom-Betriebswirt
Innovation Leader
gefragter Keynote-Speaker
Messias der Digitalisierung
CEO und Co-Founder
druckreif formulierendes Energiebündel
Initiator von Changerider
Buch-, Blog- und Kolumnen Autor
Gründer der Startup-Schmiede etventure
einer der führenden Köpfe des Landes
Family Man usw.

Wie kann es nur sein, daß mir so ein Mann bis jetzt völlig unbekannt war? Gibt es vielleicht doch, wie manche Physiker vermuten, zwei oder mehr Universen? Wenn Depiereux in dem einen lebt und ich in einem anderen, dann könnte man immerhin verstehen, warum ich zwar Shakespeare, Goethe und Thomas Mann kenne, von Depiereux aber bis zum heutigen Tag noch nie etwas gehört habe.

KMU ist übrigens die Abkürzung für „Kleine und mittlere Unternehmen“. Habe ich auch nachschlagen müssen.

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„Das macht null Sinn!“

Das sagt jedenfalls eine gewisse Janine Pink zu den von der Bundesregierung beschlossenen Kontaktbeschränkungen.

Und sie muß es wissen, denn sie ist, wie man auf tag24.de nachlesen kann, „die amtierende Promi Big Brother-Gewinnerin“ und hat auf Instagram 530.000 Follower.

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Humor in den Zeiten des Coronavirus

Ja, es gibt ihn noch! Am meisten habe ich gestern über diese Schlagzeile geschmunzelt:

Nach Aufforderung durch Parteiführung:
AfD-„Flügel“ löst sich auf.

Lachen wird ja oft dadurch ausgelöst, daß im Alltag Gegensätzliches aufeinanderprallt. In diesem Fall ist es anders. Das Lustige an dieser Schlagzeile ist, daß die Parteiführung und der Flügel als zwei voneinander verschiedene Dinge angesprochen werden. Denn nur dann kann – logischerweise – der eine den anderen zu etwas auffordern.

Aber ich merke schon, Humor kann und sollte man nicht erklären.

PS: Auf der Facebook-Seite „Der Flügel“ heißt es übrigens immer noch (Stand: Sonntag, 14 Uhr):

Die kursierenden Medienmeldungen über einen angeblich heute gefassten „Beschluss zur Auflösung des Flügels“ sind unzutreffend.

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Walter-Borjans kritisiert Söder

Norbert Walter-Borjans, der zusammen mit Saskia Esken das neue Traumpaar an der Spitze der SPD bildet, möchte auch ein bißchen von der Corona-Krise profitieren, und er glaubt allen Ernstes, daß ihm das am besten gelingt, wenn er den bayerischen Ministerpräsidenten Söder angreift (hier nachzulesen):

Es wäre besser, wenn die Länder, wie vereinbart, mit der Kanzlerin abgestimmt handeln würden. Wer jetzt so tut, als kenne sie oder er das Patentrezept im Umgang mit dieser Situation, streut den Bürgerinnen und Bürgern Sand in die Augen.

Man stelle sich einmal vor, Helmut Schmidt hätte während der Sturmflut von 1962 die Maßnahmen erst einmal mit allen Instanzen „abgestimmt“, statt einfach das Nötige zu tun. Die Folgen wären fürchterlich gewesen.

Ich finde es ganz erstaunlich, wie schnell der von vielen unterschätzte (und oft herabsetzend behandelte) Markus Söder zu einem tatkräftigen Politiker geworden ist, der das richtige Wort zur richtigen Zeit findet und sofort handelt, wo es nötig ist. So einen wünschte ich mir als Kanzler.

Die SPD freilich kann von solchen Politikern zur Zeit nur träumen. Vielleicht grantelt sie deshalb an allen herum.

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Der Toilettenpapier-Rechner

Ja, es gibt ihn wirklich, und man kann mit Fug und Recht sagen, daß die Welt auf ihn gewartet hat: auf den Toilettenpapier-Rechner nämlich.

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Kunden*innen

Den folgenden Satz zum Coronavirus hat die bayerische Grünen-Vorsitzende Katharina Schulze tatsächlich so gesagt (hier nachzulesen):

Es ist Bürgerinnen- und Bürgerpflicht, daran mitzuwirken, die Ausbreitung zu verlangsamen.

Da denkt man, daß man schon alle feministischen Sprachdummheiten kennengelernt hat, und dann kommt eine Politikerin und redet von einer „Bürgerinnen- und Bürgerpflicht“! Auch eine Grüne müßte erröten, wenn sie einen solchen sprachlichen Unfug von sich gibt.

Ein anderes Beispiel. Die „Rhein-Main–Deponie GmbH“ hat beschlossen, zwei ihrer Wertstoffhöfe bis auf weiteres zu schließen, weil sich dort zu viele Menschen eingefunden haben. In ihrer Stellungnahme heißt es:

Diese Vorsichtsmaßnahme dient dem Schutz der Kunden*innen und Mitarbeiter*innen.

Vergewaltigung ist ein Verbrechen und wird zurecht hart bestraft. Die Vergewaltigung der deutschen Sprache bleibt straffrei. Und der einzige Grund ist, daß ein bestimmtes politisches Milieu (in dem übrigens die Sprachkultur noch nie zuhause war!) sich mächtig genug fühlt, die deutsche Sprache für ihre ideologischen Zwecke zu mißbrauchen.

Es wäre an der Zeit, gegen diesen hunderttausendfachen Mißbrauch, der inzwischen auch das kleinste Dorf in der Provinz erreicht hat, eine Bewegung ins Leben zu rufen, wie es sie für den sexuellen Mißbrauch schon gibt. Unsere Germanisten wären dazu von Berufs wegen verpflichtet, unsere Schriftsteller auch. Aber von beiden ist wenig zu erwarten.

So bleibt uns, denen die Sprache am Herzen liegt, nur eines: sie nach Kräften zu hüten und zu pflegen – und jene, die sie aus ideologischer Dummheit ihrer Schönheit und Eleganz berauben wollen, der verdienten Lächerlichkeit preiszugeben.

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Der Hilferuf eines Studenten der Geisteswissenschaften

Ich habe ihn in einem einschlägigen Forum im Internet entdeckt:

Hi Leute,
würde mal gerne Eure Meinung wissen: Findet ihr es viel/zu viel, wenn in einer 124 seitigen (davon 105 Seiten Text) Examensarbeit ca. 50 Fehler drin sind? Nun, nach Abgabe…hab ich den dummen Fehler gemacht, nochmal rein zu schauen…und hab ca. 50F gefunden…Wie gesagt, ist nix „Großes“, also keine wiederkehrenden Fehler, die darauf schließen lassen, dass ich die Rechtschriebung überhaupt nicht beherrsche (das tue ich nämlich eigentlich schon!!) nur halt Komma….v.a. bei langen Sätzen….Mist!!!

Hilfe…bin total frustiert, hab mir so viel Mühe gegeben, auch meine Freunde haben die Arbeit Korrektur gelesen, aber es sind trotzdem ca. 50F übrig geblieben:-(

Zur Info: Ist ne Examensarbeit im Fach Geschichte (Lehramt).

Warum wundere ich mich nicht, daß auch die Freunde des Studenten keinen der 50 Fehler entdeckt haben?

Die Kommilitonen beruhigen den Hilfesuchenden:

Man gibt das zwar nicht gerne zu, aber auch viele Professoren sind bei der Kommasetzung nicht 100%ig sicher. Ich würde mir jetzt nicht allzu viele Gedanken drüber machen.

Ein Verwandter arbeitet an einer Uni. Und er schmeißt Arbeiten mit mehr als zwanzig Rechtschreibfehler gleich in den Müll (Physik). Sein Bruder (Germanist) dagegen drückt beide Augen zu bei Kommafehler, weil das ja viele nicht beherrschen.

Ich hatte auch noch ziemlich viele Fehler in meiner BA. Wurden aber vom Betreuer nicht gewertet, weil ich ein ziemlich schweres/anspruchsvolles Thema hatte.

Ein Student ärgert sich, „dass leider doch sehr auf die Form geachtet wird und der Inhalt leider kaum gewürdigt wird“. Ein anderer beruhigt sich ganz pragmatisch:

So wie ich meine beiden Gutachter einschätze, scheinen das aber auch eher Leute zu sein, die mehr auf den eigentlichen Inhalt der Arbeit achten als auf irgendwelche Tipp- und Rechtschreibfehler.

Innenansichten aus einer Kulturnation im 21. Jahrhundert.

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