Auch nach vier Jahrzehnten noch immer höchst lesenswert: Horst Sterns Buch „Rettet den Wald“

Dem Wald geht es nicht gut. Das hat mehrere Gründe: den Klimawandel, die Trockenheit, aber eben auch die Zusammensetzung der Baumarten.

Ältere Menschen werden sich vielleicht noch an ein Buch erinnern, das im Jahr 1979 für Furore gesorgt hat: „Rettet den Wald“ von Horst Stern. Es wurde ein Bestseller, 1984 erschien schon die 6. Auflage. Damals war der Wald vor allem durch den „sauren Regen“ gefährdet, das Wort vom drohenden „Waldsterben“ machte die Runde. Horst Stern und seine Mitautoren (Koryphäen wie Peter Burschel, Hans Bibelriether oder Richard Plochmann) lieferten aber viel mehr als nur einen aktuellen Schadensbericht – der wäre heute auch nicht mehr aktuell, weil (nicht zuletzt durch dieses Buch!) die Schadstoffemissionen der Industrie in den Jahren danach immer mehr reduziert wurden. Nein, Sterns Buch ist eine große tour d’horizont über den mitteleuropäischen Wald, seine Biologie, seine Geschichte, und sie ist voller interessanter Details. Das meiste, was ich über den Wald gelernt habe, stammt aus diesem Buch: Plenterwirtschaft und Rückepferde, Kahlhieb, das Bodenleben, Stangenholz, Durchforstung und vieles, vieles mehr. Vor allem aber ist das Buch ein Plädoyer für den Mischwald und gegen die Monokulturen aus Fichten, die damals (und zum Teil auch heute noch) große Flächen unseres Landes bedeckten.

Wie ich jetzt nach so langer Zeit auf Horst Sterns Buch gekommen bin? In einem F.A.Z.-Artikel über den schlimmen Zustand des Frankfurter Stadtwalds wird ein Förster mit dem Satz zitiert, „gemischte Wälder“ halte er für die beste Strategie, um mit dem Klimawandel fertigzuwerden. Was für eine revolutionäre Idee! Über die Gefahr durch Monokulturen (nicht nur in der Forst-, sondern auch in der Landwirtschaft!) hat man seit den 70er Jahren überall im Land diskutiert, und die Forstverwaltungen haben damals allesamt zumindest den Eindruck erweckt, daß sie ihre Lektion gelernt hätten.

Aber offenbar gehört es zu den kulturell schwierigsten Dingen überhaupt, die Erfahrungen einer Generation an die nächste weiterzugeben. Trägkeit und Bequemlichkeit („das haben wir schon immer so gemacht!“) tragen meistens den Sieg davon. Geradezu ein Musterbeispiel dafür sind die Grünen. Ihre Geburtsstunde war der Kampf gegen die Monokulturen in der Landwirtschaft – und heute preisen sie die Raps- und Maismonokulturen, die immer größere landwirtschaftliche Flächen verschlingen und den Boden auf lange Zeit unfruchtbar machen, als „nachwachsende Rohstoffe“. Vielfalt interessiert sie nur noch bei den sexuellen Orientierungen, nicht in der Natur.

Mit der langfristigen Lernfähigkeit des Menschen scheint es nicht weit her zu sein. Das sollte man, wenn es ums Menschenbild geht, immer im Auge behalten.

PS: Sterns Buch „Rettet den Wald“ bekommt man antiquarisch – gut erhalten – schon für 50 Cent. Der Kauf lohnt sich!

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Erde und Welt

Die Stadt Werchojansk, liest man in der Zeit, sei „einer der kältesten bewohnten Orte der Welt“.

Da hat wohl jemand unsere kleine Erde mit den unendlichen Weiten des Weltraums verwechselt.

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Dichterinnenzitat

Wandern, schrieb die britische Schriftstellerin Elizabeth von Arnim einmal, sei die vollkommenste Art der Fortbewegung. Der SWR zitiert dieses Wort in seinem heutigen Programmkalender, um damit auf die Sendung „Wanderurlaub in Rheinland-Pfalz“ (heute abend um 20 Uhr) hinzuweisen. Und er fährt fort:

Dieses Dichterinnenzitat nimmt sich Anna Lena Dörr bei ihrer Expedition in einen Wanderurlaub zu Herzen.

Ein Dichterinnenzitat also! Das ändert natürlich alles. Ein Lob aufs Wandern, das aus der Feder einer Frau stammt, hat doch gleich ein ganz anderes Gewicht.

Aber im Ernst: was soll man eigentlich noch tun, um die Dummheit (auch die Dreistigkeit!) des Sprachfeminismus in die Schranken zu weisen? Argumentieren? Keine Chance. Einige wenige Sprachwissenschaftler geben sich große Mühe, schreiben Artikel, erläutern, was ein „generisches Maskulinum“ ist, weisen darauf hin, wie die Sprache leidet, wenn Ideologen sie zu ihrer Verfügungsmasse erniedrigen – aber das alles prallt von diesem politischen Milieu ab. Gegen Dummheit ist eben kein Kraut gewachsen.

Auch wenn es einem oft im Halse stecken bleibt, so ist das Lachen doch auch in diesem Fall die beste Strategie. Den Mitarbeiter eines Fernsehsenders, der von einem „Dichterinnenzitat“ spricht, sollte man aus vollem Halse auslachen, mit einem schallenden, einem großen, von mir aus auch mit einem homerischen Gelächter. Er hat nichts anderes verdient.

PS: Der (steinige!) Weg der europäischen Humanität war immer davon beseelt, daß wir alle Menschen sind. Nicht Franzosen und Deutsche, sondern Menschen. Nicht Männer und Frauen, sondern Menschen. Nicht Protestanten und Katholiken, sondern Menschen. Nicht Homosexuelle und Heterosexuelle, sondern Menschen. Und eben auch nicht Weiße und Schwarze, sondern Menschen. Wir hier in Europa haben auf diesem Weg viel erreicht. Wer jetzt rückwärts geht, wie es die ideologischen Eiferer und Bilderstürmer der jüngsten Zeit tun, wer die mühsam zugeschütteten Gräben wieder aufreißt, der begreift offenbar gar nicht, wieviel Mühe, wieviele Opfer es gekostet hat (und wieviele Jahrhunderte nötig waren), um wenigstens so weit zu kommen. Diese Eiferer sind nicht „fortschrittlich“, wie sie glauben. Sie gehen mit Siebenmeilenstiefeln zurück in die Vergangenheit. Folgen sollten wir ihnen auf diesem Weg nicht.

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Sparkasse sorgt sich

Das „Sparkassen-Finanzportal“ hat mich gerade noch rechtzeitig per E-Mail gewarnt:

Guten Tag,
Sparkasse sorgt sich um die Sicherheit aller Kunden und überwacht Ihre Daten bei der Anmeldung (Ihre IP-Adresse, Ihr Standort und Gerät, von dem Sie sich anmelden). Wir haben einige fehlgeschlagene Anmeldeversuche bei Ihrem Online-Banking registriert, daher haben wir aus Sicherheitsgründen den Zugriff auf Ihr Konto vorübergehend gesperrt.
Es gibt keinen Grund zur Sorge, es ist eine automatische Aktion des Systems. Um den vollen Zugriff auf das Konto wieder aufzunehmen, müssen Sie die nächste Bankfiliale besuchen oder es sicher tun, ohne das Haus zu verlassen, indem Sie auf den speziell für Sie generierten Link klicken.

Ist das nicht nett, daß die extra einen Link für mich generiert haben? Das Problem ist nur, daß wir gar kein Konto bei der Sparkasse haben.

Ich glaube, ich werde doch lieber nicht auf den speziell für mich generierten Link klicken.

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Volksverhetzung Homosexueller

Dieser Satz steht groß und fett als Überschrift im „Morgenticker“ des Hessischen Rundfunks (hier nachzulesen):

Professor wegen Volksverhetzung Homosexueller vor Gericht.

Ein Satz, wie er nur in der Zeit eines dramatisch zurückgehenden Sprachgefühls – selbst in der Presse und im Rundfunk – möglich ist. Das Wort „Verhetzung“ ist aus unserem Wortschatz völlig verschwunden, es war aber, wie man im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm nachlesen kann, bis weit ins 19. Jahrhundert im Gebrauch. Erhalten hat es sich aber nur im juristischen Begriff der „Volksverhetzung“ (§ 130 StGB).

Im Deutschen Wörterbuch heißt es, „verhetzen“ bedeute stets

zum schlimmen (besonders zum unfrieden) drängen, durch böswillige aufreizung jemand gegen einen andern einnehmen.

Aber wer verhetzt in unserem Fall wen? Auf jeden Fall ist das Objekt der Verhetzung schon im Wort selbst enthalten: das Volk. Da kann man nun wirklich nicht einfach eine nähere Bestimmung im Genitiv anhängen, nur weil die Gruppe, gegen die angeblich gehetzt wird, unbedingt noch in der Überschrift untergebracht werden soll. So falsch diese Fügung grammatisch ist, so zweideutig ist sie auch: die Deutung, daß sich Homosexuelle einer Volksverhetzung schuldig gemacht haben, läßt er ohne weiteres zu.

Ich will an dieser Stelle einmal im Wortlaut anfügen, was eine Volksverhetzung im Sinne des Gesetzgebers ist:

Wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören,

  1. gegen eine nationale, rassische, religiöse oder durch ihre ethnische Herkunft bestimmte Gruppe, gegen Teile der Bevölkerung oder gegen einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung zum Hass aufstachelt, zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen auffordert oder
  2. die Menschenwürde anderer dadurch angreift, dass er eine vorbezeichnete Gruppe, Teile der Bevölkerung oder einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet,

wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.

Nicht auszudenken, wenn man diesen auf den ersten Blick vernünftigen Paragraphen auch auf Kommentare im Internet konsequent anwenden würde. Aber leider scheitern die meisten Klagen schon daran, daß ein Text oder eine Rede geeignet sein muß, „den öffentlichen Frieden zu stören“.

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Letzte Fragen

Zu der schwierigen Entscheidung, wo Theater und Oper in Frankfurt neu gebaut werden sollen, schreibt Rainer Schulze heute im Lokalteil der F.A.Z., dazu müsse der Magistrat „letzte Fragen klären“.

Da wird es zu einem Neubau wohl erst am Sankt-Nimmerleins-Tag kommen.

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Das Zitat des Tages

Es kommt diesmal aus dem Munde des AfD-Chefs Jörg Meuthen, der gestern im ARD-Sommerinterview wörtlich sagte:

Wir dulden keine Rechtsextremisten in unseren Reihen.

Narrhallamarsch!

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Weg mit Bismarck! Es lebe der Rapper!

Seit gestern nachmittag wird Aykut Anhan, der sich als Rapper den irgendwie passenden Künstlernamen „Haftbefehl“ gegeben hat, im Klinikum Darmstadt wegen einer Schußwunde am Bein behandelt. Die Wunde soll er sich, wie die Polizei heute mitteilte, nach einem Besuch im Frankfurter Bahnhofsviertel selbst zugefügt haben – aus Versehen, vielleicht im Rausch. Kann ja mal vorkommen.

Nun ist Anhan nicht irgendwer, sondern, wenn man seinen Anhängern glauben will, einer der bedeutenden Söhne der Stadt Offenbach und der „bekannteste Offenbacher der letzten 30 Jahre“. Deshalb soll jetzt eine große Straße in Offenbach nach ihm benannt werden. Sie heißt jetzt noch Bismarckstraße – aber das geht gar nicht.

Hören wir, was ein „Offenbacher Aktivist“ und „Student für Stadtgeographie“ namens Felix Sauer (er ist der Initiator der Petition zur Umbenennung) nach langjähriger, gründlicher Recherche im Internet über den Reichskanzler herausgefunden hat (hier nachzulesen):

Otto von Bismarck hat mit der von ihm 1884/1885 in Berlin organisierten Kongokonferenz die Kolonisierung Afrikas organisiert und ist damit für das Leid und die Ermordung von Millionen von Menschen (mit)verantwortlich. Auch außerhalb dieser Konferenz war er ein Kriegstreiber.

Das war’s schon? Ja, das ist alles, was er zu Bismarck herausgefunden hat. Nur noch ein paar Links am Ende, sonst nichts. So schreibt also einer, der von der Stadt Offenbach eine „gute Geschichtsschreibung“ einfordert – was immer das heißen mag.

Da möchte man schon wissen, welcher Geschichtslehrer ihm dabei geholfen hat, sich die Studienreife zu verschaffen.

Ich hoffe ja, daß Sauer nicht repräsentativ für seine Generation ist, aber wenn ich mir so ansehe, wie viele seiner Altersgenossen ein unkritisches Herumklicken im Internet für „Recherche“ halten (Rezo!), dann mag ich mir lieber nicht vorstellen, wie es heutzutage in den Proseminaren der Geisteswissenschaften zugeht. Zu meiner Zeit hat man am Beginn eines Studiums als erstes das wissenschaftliche Arbeiten gründlich eingeübt, und darin kann man gar nicht streng genug sein. Die Gewissenhaftigkeit beim Arbeiten gehört zum Ethos der Wissenschaft. Wer dieses Arbeiten von der Pike auf gelernt hat, wird später kaum in Versuchung geraten, ein zusammengeschludertes Sammelsurium aus dem Internet für eine wissenschaftliche Arbeit zu halten.

Aber noch einmal kurz zurück zum berühmten Offenbacher Rapper. Im Kommentarteil der Petition können sich die „User“ über die Umbenennung äußern, und sie tun es auch mit der im Internet üblichen Eloquenz. Ein paar Beispiele:

Wer war Bismarck? Und wieso sollte diese Stadt eine Straße nach einem längst verstorbenen Menschen benennen, der die Kolonialisierung vorangetrieben hat?

Haftbefehl ist ein wichtiger Bildungscharakter für viele Heranwachsende und hat gute Inhalte in seinen Texten.

Weil Haftbefehl geil ist.

Ich halte es für sinnvoll den Namen Bismarcks aufgrund seiner Verfehlungen seinerzeit nicht länger zu glorifizieren.

Haftbefehl ist ein wichtiger Teil der deutschen Kunsthistorie.

Weil Bismark ein unehrenhafter Mann war den man Heutzutage nicht mehr in Form einer Straßenbenennung ehren sollte.

Bismarck ist ein kolonialisierer, das sind werte die in der kulturreichen stadt offenbach NICHT akzeptiert werden.

Bismarck ist ein rassistischer Kolonisator, Haftbefehl der legitime Nachfolger von Goethe und Schiller.

Da die vorherige Person [gemeint ist Bismarck] menschrechtserniedrigend handelte und als geschichststrächtig angesehen wird.

Haftbefehl ist mein Lebenssinn ohne ihn wäre ich schon längst an Suizid gestorben.

Das auch ein Rapper wie Haftbefehl ein Mann der viele Kulturen zusammenbringt auch etwas für die Ewigkeit bekommt.

Und zum Schluß noch ein etwas rätselhafter Kommentar:

Negatives was in der Vergangenheit war soll angeschafft werden. Sowie zu grausamen Gedanken führt.

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„Lieber erben statt sparen“

So lautet die Überschrift eines Artikels von Antonia Mannweiler in der heutigen F.A.Z. (hier nachzulesen).

Mich stört, ehrlich gesagt, an diesem Satz das „statt“. Verlangt der Komparativ „lieber“ an dieser Stelle nicht zwingend das „als“?

„Erben statt sparen“ – das wäre in Ordnung gewesen. Ansonsten müßte es doch wohl „lieber erben als sparen“ heißen. Oder irre ich mich da?

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Ach, Bayreuth!

Ja, wer hätte das gedacht: Bayreuth hat eine „Bayreuth Academy of Advanced African Studies“!

Und ist richtig stolz auf seinen Cluster:

The „Bayreuth Academy of Advanced African Studies“, founded in 2012, is a centre for interdisciplinary research at the University of Bayreuth and since 2019 part of the Cluster of Excellence “Africa Multiple”.

Oh, what a wonderful world!

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