„Frauen, Männer und weitere Menschen“ – Ein peinlicher Beschluß des Zentralkomitees der deutschen Katholiken

So lautet wörtlich der Antrag, den Lisa-Marie Singer am 24. April 2021 unter dem Titel „Geschlechtervielfalt in Wort und Schrift“ in der Vollversammlung des ZdK eingebracht hat (hier nachzuzlesen):

Sprache bestimmt unser Denken sowie unser Bewusstsein und sie schafft
Realitäten. Durch einen sensiblen Sprachgebrauch tragen wir aktiv zur
Gleichberechtigung aller Menschen und zu einer wertschätzenden Ansprache bei. Sprache bildet die jeweils aktuellen gesellschaftliche Strukturen ab. Die Berücksichtigung verschiedener geschlechtlicher Identitäten in der Verwendung von Sprache ist ein erster Schritt zur Anerkennung jedes Menschen und seiner Würde. Die Verwendung geschlechtergerechter Sprache macht Frauen, Männer und weitere Menschen sichtbar.

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken anerkennt, dass es Menschen gibt, die sich nicht den Geschlechterkategorien männlich und weiblich zuordnen können oder wollen. Diese Realität anzuerkennen bedeutet, sie als Teil der sehr guten Schöpfung Gottes wertzuschätzen. Die Wirklichkeit ist komplexer als die klassische binäre Lesart der Schöpfungsordnung es darstellt. Alle Menschen, unabhängig ihres Geschlechts sind Ebenbilder Gottes – darin liegt auch ihre Würde als Menschen begründet. Ein Ausschluss von intersexuellen, transsexuellen oder queeren Menschen aus dieser Schöpfungstheologie entspricht nicht unserem christlichen Menschenbild und Werteverständnis und verletzt die Menschenrechte. Deswegen verwendet das Zentralkomitee der deutschen Katholiken in jeder schriftlichen Kommunikation eine geschlechtersensible bzw. -gerechte Sprache, welche alle Menschen auch jenseits der Zweigeschlechtlichkeit einschließt und adressiert. Wünschenswert ist darüber hinaus eine geschlechtersensible und – gerechte Sprache in der mündlichen Kommunikation. Dabei werden Geschlechterstereotype sensibel und kreativ durchbrochen. Im geschriebenen Wort wird der Asteriskus (das Gender*Sternchen) verwendet. Im mündlichen Sprachgebrauch soll die Verwendung des Gender*Sternchens durch eine Pause an der Stelle des Sternchens ausgedrückt werden.

Begründung
Als Christ*innen müssen wir die Wirklichkeit anerkennen und mit ihr umgehen. Diese Wirklichkeit zeigt uns, dass es biologisch nicht bestreitbar ist, dass es Menschen gibt, die sich nicht in das binäre Geschlechtersystem einordnen können oder wollen. Diese Menschen gehören genauso zu Gottes guter Schöpfung. Um dies anzuerkennen, ist es gerecht, sie mit unserer Sprache auch zu adressieren und zu benennen und somit sichtbar zu machen. Außerdem macht die Verwendung des Gender*Sternchens auch explizit Frauen sichtbar. Verschiedene Studien zeigen, dass die Verwendung des Generischen Maskulinum sowie einer neutralen Form weder zur Sichtbarkeit von Frauen oder trans-, intergeschlechtlichen oder queeren Menschen führt, noch sie im „Denken“ der Menschen einen angemessenen Raum finden. Auch zeigen Studien, dass die Lesbarkeit von Texten kaum beeinflusst wird.

Auch im Synodalen Weg, insbesondere im Synodalforum „Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft“ wird der Umgang mit intersexuellen, transsexuellen und queeren Menschen diskutiert. Wir möchten mit Menschen reden, anstatt über sie, was aber auch bedeutet, dass wir eine Sprache verwenden müssen, die alle Menschen anspricht. Ein Ausschluss von Menschen entspricht weder unserem christlichen Menschenbild, noch wäre er ethisch vertretbar.

Die Vollversammlung nahm den Antrag an. Von den anwesenden Mitgliedern stimmten 86 für und 54 gegen den Antrag. Als ein Mitglied in der Diskussion das Gendern (völlig zurecht!) eine „Vergewaltigung der Sprache“ nannte, warf ihm Gudrun Lux, die für die Fraktion Die Grünen – Rosa Liste im Münchner Stadtrat sitzt, allen Ernstes „Bagatellisierung sexualisierter Gewalt“ vor.

Was um Himmels willen hat so ein Antrag mit dem Glauben und der katholischen Kirche zu tun? Er ist nichts weiter als eine wörtliche, erbarmenswert schlecht formulierte Übernahme ähnlicher (und ähnlich dummer) Beschlüsse, wie sie seit langem in vielen Institutionen landauf, landab auf Druck einer kleinen, aber aggressiven Minderheit durchgesetzt werden. Kein einziger Satz dieses Antrags hält einer wissenschaftlichen Prüfung stand, wie man ja überhaupt die „Genderforschung“, was ihre Wissenschaftlichkeit betrifft, allenfalls mit Feldern wie der Homöopathie und anderen hermetischen Künsten vergleichen kann. Eine Wissenschaft, die immer zu den ideologisch vorgegebenen, politisch gewünschten Ergebnissen kommt und mit den von ihr verwendeten „Begriffen“ einen Jargon anbietet, der sich allenfalls den Anschein einer Wissenschaftssprache gibt, eine solche „Wissenschaft“ mag alles mögliche sein – nur keine Wissenschaft.

Es grenzt schon an tragische Ironie, daß sich die katholische Kirche, die in ihrer Geschichte jahrhundertelang von dem sexuellen Verhältnis von Mann und Frau wie besessen war, nun ausgerechnet von einem Zeitgeist überwältigen läßt, der, wenn auch auf ganz andere Weise, ihre Obsession fürs Sexuelle teilt. Beide, und das ist merkwürdig genug, scheinen nur noch wenig Interesse an den zentralen Fragen der Menschheit zu haben: Was ist der Mensch? Wo kommt er her? Wo geht er hin? Um Leben und Tod geht es nämlich in der Religion, nicht um „intersexuelle, transsexuelle und queere Menschen“, und schon gar nicht um seichte Ratschläge für ein glückliches Leben.

Von einem „sensiblen Sprachgebrauch“, den der Antrag einfordert, ist er selbst weit entfernt. Er ist in einem fürchterlichen Deutsch verfaßt („unabhängig ihres Geschlechts“ usw.), holprig, voller Wiederholungen und bis zum Rand angefüllt mit Phrasen aus der verstaubten Ecke der Queerdenker. Und das alles nur, um das schöne „Als Mann und Frau schuf er sie“ zu widerlegen und zu einer „binären Lesart der Schöpfungsordnung“ herabzustufen? Daß die Mehrheit der Delegierten diesem Gebräu zugestimmt hat, ist ein Armutszeugnis für den deutschen Katholizismus, der es sich offenbar zur Aufgabe gemacht hat, dem Zeitgeist noch eifriger hinterherzuhecheln als die deutschen Protestanten.

Aber das kommt heraus, wenn man es rabiaten und gut vernetzten Minderheiten gestattet, der Mehrheit der „Christ*innen“ vorzuschreiben, wie sie zu reden und zu schreiben haben.

Der scheidende Präsident des ZdK soll übrigens im November von einer Frau abgelöst werden. Na, dann is ja alles gut.

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Der lange Marsch des Feminismus durch die Institutionen (4): Lena Hornstein und wetter.com

Das Online-Wetterportal wetter.com von Pro Sieben gehört wahrscheinlich zu den am häufigsten aufgerufenen Wetterportalen. Es ist bisher noch nicht durch feministische Verunstaltung der deutschen Sprache aufgefallen. Das scheint sich jetzt zu ändern.

Ein Textbeitrag von Lena Hornstein, der in der App von wetter.com zu finden ist, trägt folgenden Titel:

Verschieben sich die Klimazonen?
Die Top 3 User:innen-Fragen im Blitz-Podcast.

Ein hanebüchenes, kaum mehr lesbares Deutsch. Kein anderes Kulturland würde sich so eine grausliche Entstellung der eigenen Sprache bieten lassen. Und die Sprache, das kann man nur immer wieder betonen, ist das Rückgrat einer Kultur!

Lena Hornstein ist, wie sie hier schreibt, bei wetter.com „Video Redakteurin“ (natürlich ohne Bindestrich). Sie hat Kommunikationswissenschaft und Geschichte studiert (Schwerpunkte: Gender Media Studies und Jüdische Geschichte) und danach – Gender Studies in Utrecht.

Das erklärt manches.

Es geht hier im übrigen nicht um Verschwörungstheorien, die kann man getrost dem rechten Lager überlassen. Da ist eben keine planende Hand, die ganze Redaktionen kapert und zum Gendern anhält. Es ist eher ein Gift, das tröpfchenweise überall einsickert. Der Widerstand ist da, aber gerade, wo es darauf ankäme, in den Redaktionen und Verwaltungen, an Schulen und Universitäten und in den Verlagen, ist er viel zu klein. Da ist schon jetzt eine Generation an den Schaltstellen der Macht, der man offenbar nie beigebracht hat, wie kostbar, ja unersetzlich Sprache und Kultur fürs Leben sind. Überleben kann man auch ohne Kultur, ohne Tradition, sogar in einfacher Sprache. Aber kann man so auch leben?

Vielleicht ist die Zeit gekommen, sich in ein neues Kastalien zurückzuziehen. Bis dahin aber wollen wir – ganz im Sinne des Mottos „Gegen die Barbarei!“ – mit aller Kraft gegen den Ungeist kämpfen.

Die bisher erschienenen Folgen der kleinen Reihe „Der lange Marsch des Feminismus durch die Institutionen“ finden Sie hier:

Kathrin Kunkel-Razum, Chefin der DUDEN-Redaktion
Katja Thorwarth und die Frankfurter Rundschau
Nina George und das PEN-Zentrum Deutschland

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Farhad Manjoo, die New York Times und die armen deutschen Abiturienten

Erst durch diesen Tweet des New York Times-Autors Farhad Manjoo hat die Welt erfahren, wie sich das Schicksal deutscher Abiturienten mit dem sonst in unserem Land fast unbekannten US-Kolumnisten verknüpft hat:

Students in Germany (from what I’m gathering maybe students in all of Germany??) were apparently asked to analyze a column of mine on a big exam and I am getting lots of messages saying either thanks for helping them get an A or … ruining their lives.

Was war passiert? Man hat in NRW den Schülern für das Englisch-Abitur drei Texte zur Auswahl angeboten; einer davon war die Kolumne von Farhad Manjoo. Bald darauf wurde der Journalist, der gänzlich ahnungslos war, mit teils freundlichen, teils sehr unfreundlichen Texten unserer Abiturienten fast überschwemmt. Einige hätten sich bei ihm bedankt, daß sie durch ihn zur Bestnote gekommen seien, andere warfen ihm vor, er habe ihr Leben ruiniert.

Besonders schön finde ich folgenden Satz aus dem Bericht der F.A.Z. über diese Affäre:

Unter anderem klagten Betroffene, daß der Artikel komplizierte Vokabeln enthalten habe.

Also, das geht ja nun gar nicht! Komplizierte Vokabeln! Im Abitur! Ich fordere im Namen der Gerechtigkeit, der Inklusion und der Chancengleichheit die freie Wahl der Abiturienten zwischen einem Abitur mit komplizierten Vokabeln und einem Abitur in einfacher Sprache. Erste Versuche damit könnten schon bald in Berlin beginnen.

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Sogar alte Graubärt wollen heut zu Tag tantzen!

Ein gewisser Johann Jacob Bauller (1619-87), der zuerst Diakon in Langenau und später Pfarrer in Geißlingen war, hat in seinem Buch Hell-Polirter Laster-Spiegel (Ulm 1681) in „Hundert und Zehen Predigten“ seinen Lesern vorgehalten, „was ein Christ Böses fliehen soll“. Dazu gehört auch das Tanzen, vor allem, wenn es närrische Graubärte danach gelüstet:

So gebührt das Tantzen auch alten Leuten nicht/ vor Jahren haben allein junge Leut getantzet/ da hat man das Tantzen für ein Kinderfreud gehalten/ aber heut zu Tag tantzen auch die alte Graubärt mit herum/ und stellen sich viel närrischer als die jungen.

An anderer Stelle schreibt er kategorisch:

Alte Leut sollen nicht tantzen.

Und er führt gleich zu Anfang allerlei Historisches an:

Es haben sich Leute gefunden/ und gibt deren noch/ benanntlich unter den Calvinisten/ die alles Tantzen als ein un-Christlich/ ungeziemt Werck über einen Hauffen verwerffen/ und als Gottloß und Teufelisch verfluchen. Cicero sagt/ es tantze kein nüchterer Mensch/ er sey dann unsinnig. Scaliger sagt/ er habe nie nichts läppischers in der Welt gesehen/ als das Tantzen. Kayser Albertus I. sagte/ das Jagen sey Männisch/ und das Tantzen sey Weibisch. Kayser Friderich der IV. sagte/ er wolle lieber am Fieber kranck ligen/ als tantzen.

Bauller will das Tanzen aber nicht in Bausch und Bogen verdammen,

obwohl bey den Täntzen gemeiniglich ein schändlich/ leichtfertig/ hoch-ärgerlich/ manchmal auch ein säuisch/ unsinnig Schand-Wesen vorgehet.

Erlaubt ist aber ein „ehrlicher Tantz“,

da Männer und Frauen/ Junge-Gesellen und Jungfrauen/ zu rechter Zeit/ an einem öffentlichen Ort/ mit Wissen und Erlaubnüß der Obrigkeit/ und ihrer Eltern/ entweder bey Hochzeiten/ oder andern Ehrlichen Gesellschafften und Wolleben zusammen kommen/ und in Züchten und Ehren frölich und gutes Muthes mit einander seyn.

Freilich gibt es auch

leichtfertige Täntze/ da unzüchtige/ freche Leute/ zu ungebührlichen Zeiten in heimlichen Huren-Winckeln zusammen kommen/ und deß Fleisches Kützel und Muthwillen zu büssen/ allerley Sünden/ Schand und Laster darbey treiben/ das seyn Huren- und Buben-Täntze/ darbey alle Scham/ Zucht/ Ehr und Erbarkeit ein Ende hat.

Eine Berufsgruppe aber, da bleibt Bauller hart, darf weder ein ehrbares noch ein säuisches Tänzchen wagen:

Beamtete sollen nicht tantzen.

PS: Das Buch ist hier bei Google Books einzusehen. Auch im Deutschen Textarchiv ist es enthalten. Dort steht neben dem Bild der Seite auch der digitalisierte Text mit der wichtigen Suchfunktion zur Verfügung. Leider enthält das offenbar mit einer Texterkennungssoftware (OCR) hergestellte Digitalisat noch viele Fehler.

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Louise Glück und ihre weiße Welt

Who’s afraid of Louise Glück? Niemand. Es kennt sie auch kaum jemand, zumindest hier in Deutschland. Ein paar Spezialisten haben nach der Verleihung des Nobelpreises für Literatur den einen oder anderen lobenden Artikel geschrieben, das war’s. Ein kurzes Glück.

Der Zeitgeist hat – pflichtgemäß, aber ohne große Begeisterung – frohlockt, daß eine Frau den Preis gewonnen hat. Hauptsache Frau! „Ein Preis für eine von vielen“, schreibt Benno Schirrmeister herablassend in der taz:

Weltweit kann Glück nur als eine von vielen sehr guten Lyrikerinnen gelten. Trotzdem ist es schön, dass sie nun mehr LeserInnen findet.

Schirrmeister kennt sie natürlich alle, die vielen sehr guten Lyrikerinnen. Er zitiert ein paar Verse aus einem von Glücks Gedichten, gibt sich mit beiläufig hingeworfenen Begriffen wie „lyrisches Ich“, „Syllogismus“ oder „Allegorese“ den Anschein von literaturwissenschaftlicher Sachkunde und fügt hinzu, nun, es seien „gewiss keine schlechten Gedichte“, es gebe sogar „ein paar Verse, die muss man einfach lieben“ – um dann unvermittelt zuzuschlagen:

Ist das wirklich alles, was sich von Dichtung derzeit erwarten lässt? Oder spricht aus dieser Wahl nicht zu sehr der Wunsch der Akademie, die eigene Krise durch eine Kandidatin zu überwinden, gegen die keiner etwas hat? Weil ihr Konsensfeminismus fast nie aneckt?

Die Lyrikerin bevorzuge, Gott sei’s geklagt,

traditionelle Lyrikthemen, „Betrug, Sterblichkeit, Liebe und Verlust“, wie der Kritiker Donald Bogen einmal resümiert hat. Er meinte das lobend.

Schirrmeister meint das nicht lobend und kommt rasch auf den Punkt:

Das sind ja weiß Gott alles ernste, allgemein menschliche Probleme, auch wenn sie sich in Glücks Ausgestaltung sehr klar einer bestimmten Klasse zuordnen lassen, die nun mal in den USA weiß ist.

Ich vermute mal, daß auch Schirrmeister „einer bestimmten Klasse“ zuzuodnen ist, und weiß ist er wohl auch, obwohl er sich an einem geistigen Blackfacing versucht. Sein Resümmee, so kurz wie dumm:

Die Akademie hat mit ihrer Wahl eine vergangenheitsweisende Entscheidung gefällt.

Christina Dongowski pflichtet ihm in der taz bei:

Auch wenn man den Impuls verstehen kann, sich aus der surrealen, absurden Gegenwart von 2020 in die „strenge Schönheit“ universeller Werte zurückzuziehen, ist diese Gegenwelt schon wieder weiß, westlich, englischsprachig.

Schon wieder weiß! Ja, was für eine Preisträgerin hätte sich die taz denn gewünscht? Frau sowieso, das steht fest, schwarz auch (schon damit man es mit einem großen „S“ schreiben kann!) – aber auf keinen Fall englischsprachig oder gar deutsch. Vielleicht Swaheli? Oder Xhosa? Alles, nur nicht alt und weiß und westlich. Das aber, liebe Genossen von der taz, ist nichts weiter als geistig schlichter Rassismus – halt nur andersherum.

Wenn es um Literatur geht, empfehle ich immer, den Schriftsteller im Original zu lesen. Nehmen wir nur einmal den Anfang des Gedichts „New World“:

As I saw it,
all my mother’s life, my father
held her down, like
lead strapped to her ankles.

She was
buoyant by nature;
she wanted to travel,
go to theater, go to museums.
What he wanted
was to lie on the couch
with the Times
over his face,
so that death, when it came,
wouldn’t seem a significant change.

Trotz erheblicher Bedenken habe ich die Zeilen ins Deutsche übersetzt. Kann ich denn als Mann das Gedicht einer Frau übersetzen? Darf ich das überhaupt? Kann ich – ein alter, weißer Mann – in den Erfahrungshorizont einer Frau eindringen? Dann aber habe ich mir gesagt: ich wag’s!

Wie ich es sah,
das ganze Leben meiner Mutter, mein Vater
drückte sie herunter, wie
Blei an ihren Knöcheln festgebunden.

Sie war
von Natur aus rege,
sie wollte reisen,
ins Theater gehen, in Museen gehen.
Was er wollte, war
auf der Couch liegen
mit der Times
über seinem Gesicht,
so daß der Tod, wenn er kam,
keinen großen Unterschied machte.

Oder eine Strophe aus dem Gedicht „Paradise“:

Our house was gray, the sort of place
you buy to raise a family.
My mother’s still there, all alone.
When she’s lonely, she watches television.

Unser Haus war grau, die Art von Haus,
die man kauft, um eine Familie zu gründen.
Meine Mutter lebt noch dort, ganz allein.
Wenn sie einsam ist, sieht sie fern.

Und so geht es weiter. Es ist eine ganz eigentümliche, lakonische Sprache, aber hinter den scheinbar alltäglichen Wörtern verbirgt sich eine ganze Welt. Es ist eine weiße, eine westliche Welt, und wir können stolz auf sie sein.

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Ein Herbst, der sieben Jahre währte

Doch, so etwas gibt es wirklich, nachzulesen im Wikipedia-Artikel über die Lyrikerin Louise Glück, der 2020 der Nobelpreis für Literatur zuerkannt wurde:

Im Herbst ihres Abschlussjahres an der George W. Hewlett High School in Hewlett Bay Park, New York, begab sie sich sieben Jahre lang in psychoanalytische Behandlung.

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Amanda Gorman – Ein bißchen Wasser in den Wein gegossen

Amanda Gormans Gedicht „The Hill We Climb“, von ihr selbst bei der Amtseinführung von Joe Biden vorgetragen, ist sehr amerikanisch, vor allem in seinem kräftigen Pathos. Ich habe es mir inzwischen mehrmals im amerikanischen Original durchgelesen und kann, ehrlich gesagt, die Lobeshymnen in aller Welt nur schwer nachvollziehen.

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Man hat Gormans Gedicht allen Ernstes mit den Leaves of Grass von Walt Whitman, dem großen amerikanischen Lyriker des 19. Jahrhunderts, verglichen. Das ist absurd. Beide schreiben in freien Rhythmen, ja – aber das war es auch schon. Wie könnte man auch, um Himmels willen, im Alter von 22 Jahren Gedichte schreiben, die sich in ihrer Tiefe und im Erfahrungsgehalt mit denen eines Dichters vergleichen lassen, der sein lyrisches Werk über Jahrzehnte immer wieder korrigiert, verbessert und bis zu seinem Tode daran gearbeitet hat! Da war Walt Whitman freilich, wie auf dem Bild aus der Wikipedia zu sehen ist, schon ein sehr alter und sehr weißer Mann. Seine Kleidung stammt sichtlich nicht von Prada, er hatte zeitlebens keinen Modelvertrag, und keine Oprah Winfrey hat ihre schützende Hand über ihn gehalten.

Lyrik mit ihren ewigen Themen – Liebe, Schönheit, Leid und Tod – setzt eigentlich ein ganzes gelebtes Leben voraus. Junge Menschen können Gedichte schreiben, aber Lyrik braucht mehr: alle menschlichen Höhen und Tiefen muß ein Dichter am eigenen Leib erfahren haben, ehe er sie in seinen Gedichten verarbeiten kann. Deshalb ist „The Hill We Climb“ ein durchaus respektables Gedicht, sobald man es aber mit wahrer, mit großer Lyrik vergleicht, wirkt es wie künstlich zusammengesetzt oder, wie es Paul Jandl in der Neuen Zürcher Zeitung ausgedrückt hat: „auf einen Augenblick hin komponiert, aber literarisch eher unerheblich“.

Wie kommt es dann, daß es vom deutschen Feuilleton fast unisono so gelobt wird? Es mag auch daran liegen, daß unsere Literaturkritiker, was die britische und amerikanische Lyrik der Gegenwart betrifft, kaum Kenntnis aus erster Hand haben. Die armselige Kritik der taz an der frischgekürten amerikanischen Nobelpreisträgerin Louise Glück ist dafür ein besonders drastisches Beispiel. Der eigentliche Grund für die oft seltsamen Elogen liegt aber eher am politischen Hintergrund von Amanda Gorman: eine Aktivistin, die

jung, weiblich, schwarz

ist und sich „mit Themen wie Unterdrückung, Feminismus und Rassismus auseinandersetzt“ (Wikipedia über Gorman), der hätte man auch schlechtere Verse durchgehen lassen. Bei dem Zeitgeist, der heute weht, ist die Gesinnung wichtiger als die Qualität.

Eine besondere Volte schlägt dabei Andrian Kreye in der Süddeutschen Zeitung. Erst einmal schreibt er über Gorman:

Sie stellte sich schon früh und bewusst in eine afroamerikanische Tradition.

Da sie jetzt gerade erst 22 ist, muß sie sich wohl schon als dichtendes Kind „bewusst in eine afroamerikanische Tradition“ gestellt haben. Und wie sieht diese Tradition aus?

Die Historie der „oral poetry“ umspannt einen ähnlich großen Bogen wie die europäische Dichtung, sie reicht von den Griots der westafrikanischen Königreiche bis zum Hip-Hop der Gegenwart.

Eine kühne Behauptung! Was es mit diesem „großen Bogen“ auf sich hat, wüßte man nur zu gerne. Daß es in vielen alten Kulturen Sänger gegeben hat, die ihre Stoffe mündlich von Generation zu Generation weitergegeben haben, weiß man. Aber daraus eine (ununterbrochene?) Tradition bis in die Gegenwart zu konstruieren, das ist mehr als gewagt. Aus der mündlichen Überlieferung, in die er Gorman eingebettet sieht, folgert Kreye ebenso kühn, daß es

nicht besonders sinnvoll ist, ihr Gedicht oder gar die deutsche Übersetzung dem literaturkritischen Brennglas auszusetzen.

Hier muß man nun wirklich schärfsten Einspruch erheben, denn wer ein Gedicht verfaßt und öffentlich vorträgt, hat sich selbstverständlich der Literaturkritik zu stellen. Im übrigen gilt, was der (schmerzhaft vermißte!) Marcel Reich-Ranicki dazu mit energischer Stimme gesagt hätte: „Es gibt nur gute und schlechte Gedichte!“

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Besonderte Varinten

Eine Meldung der Google News:

Ach, waren das noch Zeiten, als ein Korrektor journalistische Texte gegengelesen hat!

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„Unerlaubte Übernachtungen“

Endlich geht die Polizei energisch gegen die Kriminalität in Norddeutschland vor (hier nachzulesen):

Die Polizei in Braunlage (Landkreis Goslar) hat am Samstagmorgen mehrere Camper kontrolliert, die unerlaubt in ihren Wohnmobilen auf diversen Parkplätzen übernachtet haben. Insgesamt wurden fünf Wohnmobile festgestellt, die gegen das Übernachtungsverbot verstießen, wie ein Polizeisprecher mitteilte. Gegen die angetroffenen Personen wurden entsprechende Bußgeldverfahren eingeleitet. Auch der Polizei in Cuxhaven sind in den vergangenen Wochen Fälle von unerlaubten Übernachtungen bekannt.

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Nicht „Bleibt zuhause!“ heißt die Devise, sondern „Hinaus ins Freie“!

Jasper von Altenbockum, der die Corona-Maßnahmen der Regierung fast immer unterstützt und den „Leichtsinnigen, Gleichgültigen und Verbohrten“ die Schuld dafür gibt, daß in Berlin „gehandelt werden muß“, fragt heute in der F.A.Z. (hier nachzulesen):

Muss man wirklich nach 21 Uhr noch joggen oder spazierengehen?

Muß man natürlich nicht. Aber was gibt es Schöneres, als an einem lauem Abend noch einen Spaziergang zu machen? Wenn sich praktisch alle Wissenschaftler darin einig sind, daß beim Aufenthalt im Freien so gut wie keine Ansteckungsgefahr besteht, dann gibt es gegen einen solchen Aufenthalt – ob er nun in Feld und Wald, auf dem Sportplatz oder im Biergarten stattfindet, ob es dabei heller Tag oder dunkle Nacht ist – weder medizinische noch moralische oder rechtliche Bedenken. Daß man mit strafbewehrten Verboten gerade da ansetzt, wo die Ansteckungsgefahr am geringsten ist, zeigt nun wirklich, daß die Einschränkungen unserer Grundrechte, die im vergangenen Frühjahr noch unvermeidlich waren und in der Bevölkerung auf breite Zustimmung stießen, inzwischen nur noch die Ratlosigkeit der Regierung und ihrer wissenschaftlichen Berater kaschieren sollen.

Nach einer im British Journal of Sports Medicine veröffentlichten Studie, an der 50.000 mit dem Coronavirus Infizierte in den USA teilnahmen (hier nachzulesen), stellte sich heraus, wie wichtig Bewegung auch schon zur Vorbeugung ist:

Körperlich inaktive Patienten haben der Studie zufolge ein doppelt so hohes Risiko, wegen Covid-19 ins Krankenhaus zu müssen, wie diejenigen aus der aktivsten Gruppe. Ihr Risiko, auf der Intensivstation zu landen, war 73 Prozent höher, ihr Sterberisiko war zweieinhalb Mal so hoch. Verglichen mit der mäßig aktiven Gruppe hatten die Inaktiven ein 20 Prozent höheres Risiko auf einen Krankenhausaufenthalt, ein um 10 Prozent höheres Risiko, auf die Intensivstation zu müssen und ein um 32 Prozent höheres Sterberisiko.

Das fürsorglich klingende „Bleibt zuhause!“ ist also eine fatal falsche Losung. „Geht hinaus ins Freie!“ muß es heißen. Wandern, Spazierengehen, Joggen, Bewegung und Spiel auch auf den Sportplätzen – und selbstverständlich auch ein Besuch im Biergarten. All das stärkt die Psyche und die Widerstandskraft. Dann lassen sich auch die für Innenräume vielleicht notwendigen Beschränkungen viel leichter ertragen. Die immer öfter ausgestoßenen Drohungen wie die des SPD-Abgeordneten Kutschaty, durch eine Ausgangssperre könne man „Menschen erwischen“, sind nur ein Zeichen von Hilflosigkeit und Aktionismus. Sie sollen auch davon ablenken, daß die einzig wirksame Maßnahme gegen eine Infektion, nämlich die Impfung, durch die (zurückhaltend ausgedrückt) ungeschickte Einkaufspraxis von Regierung und EU auf sträfliche Weise verzögert worden ist.

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