Der Winkemann von Berwang

WinkemannLiebe Leser, dieser Artikel, der schon einige Jahre alt ist, gehört zu den meistgelesenen meines Blogs. Weil er so oft aufgerufen wird, habe ich ihn jetzt auf den neuesten Stand gebracht. Falls Sie aber noch mehr über den Winkemann von Berwang wissen wollen, können Sie in dem kleinen Suchfeld rechts unter dem Titelbild das Wort „Winkemann“ eingeben – und schon ist Ihnen die ganze Welt des Winkemanns zugänglich. 

16. März 2020:
Ja, jetzt ist sie leider vorbei, die schöne Winkesaison 2019/20. Das Ende war abrupt, aber die Gesundheit der Menschen hat natürlich Vorrang. Hoffen wir, daß es nächstes Jahr wieder einen schönen Ausklang mit einem großen Winkemann-Fest gibt! Unser Walter (wenn ich ihn so nennen darf) war diesen Winter wirklich unermüdlich. Vielen Dank dafür und dem Winkemann und allen seinen Freunden alles Gute bis zum nächsten Winter!

2. März 2020:
Kann man sich eine dümmere Programmänderung vorstellen? Der Sender 3sat hat das von vielen geliebte „Alpenpanorama“ (bisher 7.30-9.00 Uhr) zerstückelt und unterbricht es jede halbe Stunde mit der österreichischen Nachrichtensendung ZiB, die einmal fünf, einmal drei Minuten lang ist. Kann man denn nicht einmal am Morgen anderthalb Stunden seine Ruhe vor der Tagesaktualität haben? Wer die braucht, hat doch genug Morgenmagazine in anderen Sendern zur Verfügung.
Vom armen Winkemann gar nicht zu reden.
Die Mailadresse von 3sat ist übrigens: info@3sat.de.

13. Januar 2020:
Und immer winkt der Winkemann – und erfreut uns jeden Morgen!

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Kennen Sie das „Alpenpanorama“? Nein? Dann ist Ihnen etwas entgangen!

Das „Alpenpanorama“ ist eine wunderbare Sendung auf 3sat. Sie kommt (fast) jeden Morgen zwischen 7.30 und 9.00 Uhr und sendet live aus verschiedenen Orten der deutschen, österreichischen und italienischen Alpen. Meist stehen die Kameras an den Bergstationen im der Lifte und Bergbahnen. Etwa 45 Sekunden langt schwenkt die Kamera – ohne Ton, nur von alpenländischer Musik dezent untermalt – sanft von einer Seite zur anderen, dann kommt der nächste Ort. Es sind keine Webcams, die dürftige Bildchen liefern, sondern ordentliche Videokameras mit einer sehr guten Bildqualität. Jetzt, im Winter, sieht man oft, wie die Skifahrer aus dem Lift klettern und sich entweder erst sammeln oder gleich ins Tal brausen. Im Sommer, der mir lieber ist als der Winter, kann man oft Wanderer beochachten, wie sie mit rüstigen Schritten die Almen durchqueren oder auf der Steinplatte wandern.

Das Schönste sind immer die überraschenden und unbeabsichtigten Momente. Da sieht man etwa Fliegen oder Spinnen, die über das Objektiv krabbeln, oder die Hand eines Vermummten, der gerade das Objektiv reinigt. Oder es fliegen Dohlen vorbei. Die Drehmechanik der Kamera ist manchmal defekt: dann ist das Bild eingefroren, oder es ruckelt dahin – oder es schwenkt gar in die falsche Richtung. So war etwa in einem der letzten Jahre die Kamera eine halbe Minute lang starr auf den Hinterhof einer Bergstation gerichtet, auf dem es aussah wie bei Hempels unterm Sofa.

Und dann das Wetter! Im Winter ist es um halb acht, wenn die Sendung beginnt, oft noch dunkel, später beginnen die höheren Gipfel mit den ersten Sonnenstrahlen zu leuchten. In den kleinen Bergdörfern, die sich oft in Talmulden kauern, sieht man mit etwas Glück das Licht in den Fenstern, wo die ersten Gäste schon frühstücken.

Nicht alles ist schön in den Bergen. Gerade die Bergstationen der Lifte und Bergbahnen sind oft von einer kaum erträglichen Häßlichkeit – Zweckbauten, die in der herrlichen Umgebung noch häßlicher aussehen. Manche ähneln UFOs, andere wieder ausgedienten Reisebussen. Dann flackern im Schnee – schon am Morgen! – riesige Bildschirme mit den neuesten „Infos“ für Skifahrer, und das mitten in einem Naturpanorama, wie es schöner nicht sein kann. Der Kontrast tut einem fast körperlich weh. Werbetafeln, so groß, daß man die Schrift von der entferntstehenden Kamera aus lesen kann, berichten, daß es sich hier um das „schneesicherste Gebiet“ der ganzen Gegend handelt, und der Name „Sunny Mountain Restaurant“ paßt auch eher in die Rocky Mountains als in die Alpen.

Man müßte einmal einen Bildband über die architektonische Häßlichkeit der alpinen Bergstationen zusammenstellen (aber den gibt es vielleicht schon).

Seltsamerweise gewöhnt man sich aber daran – sonst könnte man ja auch in manchem Haus, in manchem Stadtviertel nicht glücklich werden.

Aber jetzt zum Winkemann!

Jeden Morgen, um 8.34, ist die kleine Tiroler Gemeinde Berwang an der Reihe. Und dann sieht man ihn, mit etwas Glück: den Winkemann von Berwang. Er steht in aufrechter Haltung neben der Bergstation der Sonnalmbahn im Schnee – und winkt in die Kamera. Aber was heißt winken – es ist eine so gleichmäßige, professionelle Bewegung der Arme, daß es jeden Morgen wieder eine Freude ist, ihn zu sehen. Am Anfang dachten wir, es sei nur ein Tourist, der sich einen Spaß macht. Aber der Lift ist noch gar nicht in Betrieb, wenn der Winkemann winkt. Inzwischen weiß ich, daß es ein Angestellter der Sonnalmbahn ist, der frühmorgens bei jedem Wetter, manchmal vor Schnee oder Nebel fast nicht zu sehen und oft genug in eisiger Kälte, den Zuschauer auf diese freundliche Art begrüßt. Er ist wohl fast immer da, aber die Kamera schwenkt manchmal so, daß sie ihn nicht erfaßt – aber auch wenn er dem Blick verborgen bleibt, freut man sich an der Gewißheit: er ist da und winkt, auch wenn man ihn nicht sieht.

Manchmal – und das sind dann ganz außergewöhnliche Tage! – ist er nicht allein. Dann hat er einen Kollegen neben sich, der unbeholfen versucht, wie der Winkemann zu winken. Ein sinnloses Unterfangen – niemand winkt wie der Winkemann. Einmal, zu Beginn der Wintersaison im Dezember (der Winkemann winkt nämlich nur im Winter!), hatte er gleich drei Kollegen auf einmal neben sich, und alle vier winkten gemeinsam dem Zuschauer zu. Aber man wußte sofort, wer von den vieren der wahre, der echte Winkemann war. Die Geschmeidigkeit der Bewegungen, die gekonnte Professionalität, die jahrelange Erfahrung im Winken – das kann man eben nicht verbergen.

Habe ich Ihnen jetzt ein bißchen Lust auf das „Alpenpanorama“ gemacht? Ich hoffe es.

Am Ende jeder halben Stunde – und auch das war eine glückliche Einrichtung – konnte man sich bis vor einiger Zeit noch ein wenig vom Gebirge erholen: dann gab es erst einmal einen schönen Schwenk vom Burgtheater aufs Wiener Rathaus, und dann, ganz am Ende und natürlich auch live, eine Aussicht aufs Mittelmeer. Erst war es Cambrils in Spanien, dann zeigte man kroatische Küstenstädtchen: nach dem vielen Schnee war das ein schöner Anblick, wenn sich die frischgrünen Aleppokiefern im Wind wiegten und die Wellen – manchmal bedächtig und ruhig, dann wieder aufschäumend – ans Ufer schlugen. Auf das Mittelmeer hat man leider seit langem verzichtet, auch auf den Neusiedler See.

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