Enzensberger und Europa

Hans Magnus Enzensberger (81) ist einer der wenigen freien Geister in Deutschland. Er paßt in kein bestehendes Koordinatensystem.

Jetzt hat er sich in der Sendung Kulturzeit auf 3sat zu Europa geäußert – 3sat, aber das nur nebenbei, ist für mich der beste Sender im deutschsprachigen Bereich, und zwar mit weitem Abstand. Enzensberger also fordert nichts Geringeres als – den Rückbau Europas.

Schon seit Jahren argumentiert er klug und kraftvoll gegen den Wahnsinn der ständigen Erweiterungen. Sie haben – das ist auch meine Meinung – das alte Europa, das in seiner Anfangszeit noch maßvoll und beherrschbar war, zerstört (hier nachzulesen):

Alle müssen hinein. Es müssen so viele wie möglich sein. Mit sechs Mitgliedsländern hat die Union angefangen. Inzwischen sind sie auf der Schwelle zur 28 im nächsten Jahr mit Kroatien. Je mehr, desto besser – das ist ein Irrtum. Mehr ist nicht immer besser. Wenn Sie Pfeffer auf Ihr Mittagessen streuen, dann wird es nicht dadurch besser, dass man mehr Pfeffer drauf streut. So elementar und so einfach ist das.

Enzensberger hat schon seit Jahren auf seine leise, ironische Art gegen die Regelungswut der EU gekämpft, zum Beispiel in seiner großen Rede bei der Entgegennahme des dänischen Sonning-Preises (immer noch in der F.A.Z. nachzulesen). Über die Herrschaft der Brüsseler Bürokratie sagt er da:

Sie bewegt sich auf leisen Sohlen. Sie gibt sich menschenfreundlich. Sie will nur unser Bestes. Wie ein gütiger Vormund ist sie besorgt um unsere Gesundheit, unsere Umgangsformen und unsere Moral. Auf keinen Fall rechnet sie damit, dass wir selber wissen, was gut für uns ist; dazu sind wir in ihren Augen viel zu hilflos und zu unmündig. Deshalb müssen wir gründlich betreut und umerzogen werden. Wir rauchen, wir essen zu viel Fett und Zucker, wir hängen Kruzifixe in Schulzimmern auf, wir hamstern illegale Glühbirnen, wir trocknen unsere Wäsche im Freien, wo sie nicht hingehört. Wir bilden uns ein, wir könnten selbst entscheiden, wem wir unsere Wohnung vermieten.

Aber – jetzt haben wir diese Bürokratie. Sie ist nicht mehr wegzudiskutieren. Auch das Wünschen hat ja nur vor langer, langer Zeit einmal geholfen. Was tun?

Enzensberger empfiehlt etwas sehr Sinnvolles, das freilich schwer zu machen ist: den Rückbau. Er weiß natürlich, wie schwer so etwas ist.

Der Rückbau ist immer schwierig. Wenn Sie zum Beispiel einen Stadtteil mit Beton aus dem Boden gestampft haben, der unbewohnbar ist, so ein Plattenbau-Ghetto, wie wird man das los? Rückbau ist schwierig. Aus-dem-Boden-Stampfen ist vergleichsweise leicht.

Aber es gibt, wenn man Europa, das wahre, das wirkliche Europa retten will, keine Alternative dazu. Das Ungetüm, das sich heute Europäische Union nennt, ist nicht mehr beherrschbar – selbst immer häufigere, immer größere Konferenzen können es nicht retten. Und warum auch? Die europäischen Institutionen leiden, um ein letztes Mal Enzensberger zu zitieren, „an  einem Größenwahn, der keine Grenzen kennt“.

Mit der Regierung Schröder, mit Rot-Grün und seiner uferlosen EU-Erweiterung, hat dieser Wahnsinn begonnen, und bis heute hat er kein Ende gefunden. Auch Schwarz-Gelb macht munter weiter damit. Aber man ist ganz und gar nicht gegen Europa, wenn man gegen dieses aufgeblähte Monster ist, das sich Europäische Union nennt.

Im Gegenteil: nur durch einen Rückbau auf ein vernünftiges Maß kann man Europa noch retten. Enzensberger hat recht.

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