Das kleine Wörtchen „vollends“

So beginnt eine Filmkritik von Philipp Holstein in der Online-Ausgabe der Rheinischen Post:

Ridley Scotts mit Spannung erwarteter Krimi „The Counselor“ ist gespickt mit großen Namen. Und dennoch: Der Film ist vollends missglückt.

Holstein hat, ehe er Feuilletonredakteur der Rheinischen Post wurde, unter anderem Germanistik studiert. Dann hätte ihm eigentlich der Fehler mit dem Wörtchen „vollends“ nicht unterlaufen dürfen.

Was er mit seinem Satz meinte, ist klar: der Film ist seiner Ansicht nach völlig bzw. vollständig mißglückt. Aber das schreibt er nicht. Wohl in der Absicht, sich besonders gewählt auszudrücken, verwendet er das seltener gebraucht Wort „vollends“ – und setzt es völlig (nicht vollends!) falsch ein.

Sehen wir uns einmal an, wie das unscheinbare Wort im Universalwörterbuch des Duden (2006) definiert wird:

(im Hinblick auf einen Rest, etw. noch Verbliebenes) völlig; ganz u. gar.

Wichtig ist dabei, was einschränkend in der Klammer steht: das Wort entspricht zwar unserem „völlig“, aber eben nur „im Hinblick „auf einen Rest“!

Im Duden findet man genügend Beispiele, die das anschaulich illustrieren. Etwas „vollends zerstören“ bedeutet: es ist schon fast ganz zerstört und wird jetzt „vollends“ zerstört, also bis zum letzten Rest, bis zum Ende. Der Saal hatte sich „vollends geleert“ bedeutet: der Saal ist schon fast leer, jetzt leert er sich bis auf den letzten Platz. Vollends zufrieden sein, heißt: man ist ohnehin schon sehr zufrieden, erst jetzt aber ist man vollends, also vollständig zufrieden.

Jetzt mag mancher sagen: das sind doch Haarspaltereien. Keineswegs! Es sind Feinheiten, die noch vor ein paar Jahrzehnten jedem Abiturienten geläufig waren, es sind die subtilen Dinge, die eine Sprache erst zu einem sensiblen Instrument machen.

Warum ist diese Kenntnis – wie man sieht: sogar bei ausgebildeten Germanisten! – verlorengegangen? Es liegt, da bin ich sicher: am Lesen. Heute liest man zu wenig, und vor allem: die falschen Texte. Man war früher schon als Abiturient und erst recht als akademisch gebildeter Mensch viel erfahrener in seiner Lektüre. Literatur von Walther von der Vogelweide bis Hermann Hesse war da noch Pflicht. Wer natürlich nur noch (mehr schlecht als recht ins Deutsche übersetzte!) Thriller à la Dan Brown oder gar Fantasy-Romane liest, darf sich nicht wundern, daß sprachliches Feingefühl gar nicht erst aufkommt.

Das Sprachgefühl wird so immer geringer, und dann verschwindet es – vollends.

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