Hat Erdogan den Verstand verloren?

Es hat fast den Anschein. Mit einer Brutalität ohnegleichen hetzt er seine Polizei auf die Demonstranten, und das vor den Augen der Welt. Seine Reden in den letzten Wochen sind so aggressiv geworden, daß auch der letzte Polizist weiß, was er zu tun hat. Wer so zum Haß gegen demonstrierende Bürger aufstachelt, ist persönlich für alles verantwortlich, was dann geschieht. Mit seinen scharfmacherischen Bemerkungen hat er den Prügelpolizisten praktisch einen Freibrief gegeben.

Daß er nicht einmal den Versuch macht, diese Brutalität zu verheimlichen, zeigt einen neue Qualität in der Erdoganschen Politik. Er hält sich für so stark, daß er glaubt, jeden Widerstand gegen seine Politik der vollständigen Islamisierung ersticken zu können. Natürlich wird ihm das am Ende nicht gelingen, aber man sieht jetzt, daß er vor keinem Mittel zurückschreckt, um die liberale Bevölkerung der Städte mundtot zu machen. 

Schritt für Schritt und mit großer Zähigkeit hat Erdogan seinen großen Plan verfolgt. Er ließ erst die alten kemalistischen Politiker und Militärs, zum Teil unter absurden Beschuldigungen, ins Gefängnis werfen, dann ging es kritischen Journalisten und Anwälten an den Kragen – niemand weiß genau, wie viele von ihnen wegen „Verschwörung“ oder „Beleidigung des Türkentums“ in den Gefängnissen sitzen. Von wirklicher Pressefreiheit kann man angesichts dieser Einschüchterungen kaum mehr reden. Das Fernsehen etwa hat der Bevölkerung die Proteste im ganzen Land tagelang  einfach verschwiegen. Und die Rechtsstaatlichkeit? Glaubt denn jemand im Ernst, ein Richter, dem sein Amt lieb ist, würde es wagen, diesem scheinbar vor Kraft strotzenden Ministerpräsidenten in den Arm zu fallen?

Nein, Erdogan ist auf dem besten Wege, in der Türkei mit seiner AKP eine Art islamisches Ein-Parteien-System zu errichten. Dazu muß er nicht putschen oder die Gesetze brechen – es genügt, alle potentiellen Gegner aus dem Weg zu räumen, Justiz und Presse einzuschüchtern und die Islamisierung des Alltags kräftig voranzutreiben.

Gebt diesem Mann noch ein paar Jahre Zeit, so könnte man ein berüchtigtes Zitat abwandeln – und ihr werdet die Türkei nicht wiedererkennen.

PS: Inzwischen sind erste Fälle bestätigt worden, wo Anhänger des Ministerpräsidenten Demonstranten mit Messern und Knüppeln angegriffen haben. In der Türkei, so scheint es, könnten wir bald ägyptische Verhältnisse bekommen.

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