Die Tyrannei der Ornithologen – oder: der Botaniker als armer Hund

Im Fernsehen schaue ich mir neben meinen geliebten Kriminalfilmen – einer alten und bei mir unausrottbaren Leidenschaft! – am liebsten Dokumentarfilme an. Seit etwa 30 Jahren zeichne ich Filme über aller Herren Länder auf, aber über eines ärgere ich mich immer: über die absolute Herrschaft der Ornithologen über die gesamte Natur.

Man freut sich schon auf  die neue Landschaft, von der man bisher noch kaum etwas gesehen hat, der Film beginnt – und was sieht man? Balzende und brütende Vögel. Da wird alles penibel benannt: der Name, die Brutzeit, die Farbe und Beschaffenheit der Eier – aber man möchte doch auch einmal etwas über andere Tiergruppen sehen und über die Pflanzenwelt des Gebiets, aber da wartet man fast immer vergebens.

Selbst wenn einmal ein paar Blüten ins Bild kommen, schwillt nur die Musik an. Blumen sind offenbar fürs Gemüt da. Sie sind ein Stimmungselement, kein einziger konkreter Name dringt an des Zuschauers Ohr. Säugetiere werden vielleicht hin und wieder gezeigt und richtig benannt (röhrende Hirsche!), aber Pflanzen fast nie. Ihre Halme bewegen sich im Wind, die Blüten leuchten – aber Namen bekommen sie nicht.

Das liegt auch an einer heutzutage dramatisch gewachsenen Unkenntnis der Pflanzenwelt – nicht nur bei ganz normalen Menschen wie du und ich, die in der Regel nicht einmal zehn wildwachsende Pflanzen aufzählen könnten, sondern durchaus auch bei Naturliebhabern. Die Zoologen beherrschen alles, und unter ihnen wieder die Ornithologen. Dabei bilden doch die Pflanzen die Basis allen Lebens auf der Erde – ohne sie gäbe es keine Vögel und auch nicht einen einzigen röhrenden Hirsch!

Also, liebe Naturfilmer: wenn ihr einmal wieder in den Pamir oder ins Okavango-Delta fahrt – kümmert euch doch wenigstens ein bißchen auch um die Flora. Und macht euch vorher bitte sachkundig.

Es gibt übrigens eine Exkursionsflora für Österreich (3. Aufl. Linz 2008), die als Motto einen alten japanischen Haiku von Teiji zitiert:

Seit ich deinen Namen kenne,
Blümchen, lieb ich dich.

Das sei allen Naturfilmern ins Stammbuch geschrieben!

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