Von Menschen und Tieren

Die wirkliche, also sinnliche Begegnung mit wildlebenden Tieren wird in unserer Zivilisation immer seltener. Ich hatte in meiner Jugend über viele Jahre hinweg ein Terrarium, und ich habe jeden Sommer darin Feld- und Erdmäuse, Spitzmäuse und Zauneidechsen gehalten – und natürlich nach ein paar Wochen wieder freigelassen. Meine Liebe zur Natur rührt auch aus diesen Anfängen. Es ist nämlich nicht dasselbe, ob man eine Spitzmaus im Fernsehen sieht, oder ob man sie daheim in natura beobachtet, füttert und wieder in die Natur entläßt.

Heutzutage würden solche Beobachtungen schon an den Naturschutzgesetzen scheitern, die es nicht mehr zulassen, daß man Wildtiere der Natur „entnimmt“ (selbst wenn man sie nur kurze Zeit beobachten möchte). Ein kompliziertes Gesetzeswerk in Bund und Ländern sorgt dafür, daß auch in diesem Feld alles reguliert und (meistens) verboten ist.

Aber – wie so oft – schlägt auch hier die gute Absicht ins unerwünschte Gegenteil um. Praktisch ist es so, daß ich wildlebende Tiere, weil sie fast alle unter Schutz stehen, kaum noch zu Gesicht bekomme. Das hat aber Folgen, vor allem für unsere Kinder. Man schützt doch nur das, was man liebt – und liebenlernen kann nur, was man mit seinen Sinnen wahrnimmt. Wenn man die ganze Natur unter eine große Naturschutzglocke stellt, dann mag das auf den ersten Blick schön und gut sein, aber man baut dadurch auch einen hohen Zaun auf zwischen dem Menschen und der Natur. Es ist, wie so oft, ein Sieg der Moral über die praktische Vernunft.

Und genau darum geht es auch in der Diskussion über die zoologischen Gärten. Radikale Tierschützer möchten am liebsten alle Zoos der Welt sofort schließen. In ihrem fundamentalistischen Weltbild haben wir es da mit leidenden Gefängnisinsassen zu tun, an deren Qualen wir uns auch noch erfreuen. Solche Meinungen spiegeln einen Zustand wieder, den man heute in kaum einen Zoo noch finden wird.

Und was dabei völlig vergessen wird, ist die so wichtige sinnliche Begegnung von Kindern mit Tieren. Mit dem einfachen „Ach, wie süß!“ kann eine lebenslange Liebe zur Natur beginnen. Es wird dann zu einem Schlüsselerlebnis, das durch nichts zu ersetzen ist.

Moralischer Rigorismus hilft auch auf diesem Gebiet eigentlich nur denen, die moralisch rigoros sind – er steigert ihr Selbstgefühl. In der Praxis haben die Zoos vermutlich mehr zum Schutz der Natur beigetragen als alle Tierschutzorganisationen zusammen.

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