„Sicherheitskräfte“

In Syrien, so liest man überall in der Presse, seien schon mehr als 5.000 Menschen von „Sicherheitskräften“ getötet worden. Nichts könnte den Zynismus, der im Gebrauch dieses Wortes liegt, besser veranschaulichen.

Das Duden Universalwörterbuch definiert „Sicherheitskräfte“ so:

für die öffentliche, die innere Sicherheit zuständige polizeiliche o. ä. bewaffnete Kräfte.

Damit ist das sprachliche Problem aber nur verschoben, denn: was ist „innere Sicherheit“?

Eines steht fest: die 5.000 zu Tode gekommenen Syrer waren vor diesen „Sicherheitskräften“ nicht sicher. Welche Art von Sicherheit – oder noch genauer: wessen Sicherheit – wird durch solche Kräfte also geschützt?

Chinesische „Sicherheitskräfte“ verschleppen unliebsame Dissidenten und prügeln auf Befehl der Partei auf Demonstranten und Mönche ein. Mancher ist schon in der „Obhut“ dieser „Sicherheitskräfte“ gestorben. Russische „Sicherheitskräfte“ haben (wenn auch vergeblich) versucht, die Demonstrationen gegen Putin mit Schlagstöcken im Keim zu ersticken. Vor zwei Wochen haben kasachische „Sicherheitskräfte“ das Feuer auf demonstrierende Ölarbeiter eröffnet. An die 70 Menschen kamen dabei ums Leben. Ägyptische „Sicherheitskräfte“ gehen immer noch mit großer Brutalität gegen Demokraten (und, wie vor kurzem, auch gegen friedlich demonstrierende Kopten) vor. „Sicherheitskräfte“ des sudanesichen Präsidenten haben die ganze Region Darfur in ein Schlachthaus verwandelt.

Die Liste ließe sich beliebig verlängern.

Es geht, wie bei dem Wort „Obhut“, darum, daß Gut und Böse, Rechtsstaat und Diktatur sprachlich nicht mehr auseinandergehalten werden. Ob ich in der Obhut der deutschen oder in der Obhut der chinesischen Polizei bin, macht einen großen Unterschied. Und nicht anders verhält es sich mit den Sicherheitskräften.

Es geht nicht an, eine Polizei, die im Dienste des Rechtsstaats steht, sprachlich mit dem gleichen Wort zu bezeichnen wie die bewaffneten Kräfte unter dem Befehl eines Diktators. Die einen schützen den Bürger vor dem Verbrechen und sind dabei streng an die bestehenden, demokratisch zustandegekommenen Gesetze gebunden. Die anderen schützen den Diktator und sein unrechtmäßiges Regime gegen das eigene Volk.

Für zwei so verschiedene Dinge ein und dasselbe Wort zu gebrauchen, ist zumindest leichtfertig. Die deutsche Sprache ist doch so reich an Wörtern und Nuancen, da muß man nicht aus Bequemlichkeit zu einem scheinbar „neutralen“ Wort greifen, das am Ende auf eine zynische Gleichsetzung von Unvergleichbarem hinausläuft.

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