Ein merkwürdiger Papst-Artikel in der „Zeit“

Evelyn Finger, die in der Zeit das Ressort „Glauben und Zweifeln“ leitet, hat in ihrem Blatt einen merkwürdigen Artikel geschrieben (hier nachzulesen). Daß hier mehr gezweifelt als geglaubt wird, ist nicht das Problem, jeder kann bei uns gottlob glauben und zweifeln, wie er will. Das Merkwürdige liegt eher darin, daß sie offenbar nicht zweifelt, jedenfalls nicht an ihrer geradezu böswilligen Deutung dieses Papstes und seines Pontifikats.

Was ist eigentlich so unerträglich an diesem deutschen Papst?

So fragt Frau Finger, und damit gibt sie natürlich schon die Antwort. Ich habe schon viele kritische Stimmen (auch manche zutreffende) zu Benedikt XVI. gelesen (sie kommen übrigens fast ausschließlich aus seiner deutschen Heimat!), aber daß er „unerträglich“ sei, hat vor ihr noch niemand gesagt. Er ist ein kluger, belesener Theologe, und ein eher sanftmütiger Papst. Mag sein, daß er – wie bei seinem Treffen mit den Protestanten in Erfurt – nicht immer die richtigen Worte findet und auch ein bißchen bayerische Sturheit hat, mag auch sein, daß er nicht den Mut hat, das in Deutschland drängende Problem der gemischten Ehen und der Wiederverheiratung von Geschiedenen endlich anzugehen.

Aber – unerträglich?

Evelyn Finger begründet ihr Verdikt mit einer kaum nachvollziehbaren Interpretation von Benedikts Kampf gegen die moderne Beliebigkeit. Er ist so unerträglich, sagt sie, „weil er selber die Welt nicht erträgt“. Und warum erträgt er die Welt nicht? Weil sie demokratisch ist. Der Papst vertrete eine „despotische Theologie“. Und weiter geht es, Schlag auf Schlag:

Benedikt nennt die freie Gesellschaft eine »Diktatur des Relativismus« und eine »Kultur des Todes«. Er stilisiert die Religion zur Gralshüterin der Moral und verprellt damit nicht nur Atheisten, sondern alle, die unsere aufgeklärte Ethik, unsere von Göttern unabhängigen Gesetze für einen Fortschritt halten.

Hier schlägt die gewagte Interpretation in tatsächliche Verfälschung, in ein böswilliges Mißverstehen um. Es ist keineswegs die „freie Gesellschaft“ selbst, die Benedikt in Frage stellt, es ist sozusagen ihre dunkle Kehrseite, die alles, aber auch wirklich alles dem Individuum überläßt (man könnte auch sagen: aufbürdet). „Benedikt fürchtet die Demokratie“, sagt Frau Finger, aber sie liefert dafür nicht den kleinsten Beweis, denn das Ratzinger-Zitat, das sie anführt, stützt ihre Thesen ganz und gar nicht. Sehen wir uns das Zitat einmal näher an:

Wir wissen ja, dass die Demokratie selbst ein gewagter Versuch ist, dass das Entscheiden nach dem Mehrheitsprinzip nur einen bestimmten Rahmen menschlicher Dinge regulieren kann. Es wird zum Unding, wenn es auf Fragen der Wahrheit, des Guten selbst ausgedehnt würde.

Darauf also gründet die „despotische Theologie“? Das ist fast schon abenteuerlich. Daß die Demokratie ein „gewagter Versuch“ ist, der immer auch scheitern und schmerzhaft in die Irre führen kann, weiß jeder. Daß sie nur auf einen Teil der menschlichen Dinge anwendbar ist, nämlich auf die politische Gestaltung im Staat, kann doch niemand ernsthaft bezweifeln. Oder sollen wir jetzt über die Relativitätstheorie abstimmen? Sollen wir bei Wahlen darüber entscheiden, ob eine Aussage wahr oder falsch ist? Auch über Gut und Böse, da hat Ratzinger völlig recht, kann man keine demokratische Entscheidung herbeiführen.  Was Ratzinger hier bemerkt, sind philosophische Binsenweisheiten. Zu den Grenzen der Demokratie möchte ich übrigens darauf hinweisen, daß sogar unsere Verfassungsväter – in weiser Voraussicht und wohlbegründet! – fast alle Grundrechte ausdrücklich der Entscheidungsbefugnis des Wahlvolks entzogen haben. Sie gelten also unabänderlich – und das ist gut so.

Weil Benedikt despotisch und ein „Hirte alter Schule“ sei, so Evelyn Finger, könne er „die Vertuschung des Kindesmissbrauchs nicht aufklären, weil er sich sonst über die eigene Macht aufklären müsste“. Wieder so eine kleine infame Spitze, die vielleicht auf Teile der Kirche (und der Kurie) zutreffen mag, aber bestimmt nicht auf Benedikt, der energisch wie keiner vor ihm auf die Mißbrauchsfälle reagiert hat.

Auch die Gewährsleute, die Evelyn Finger für ihre Angriffe heranzieht, sind wenig überzeugend. Wieder ist es der „Shooting-Star“ David Berger, der schon den Stern-Redakteuren assistiert hat, dann der Jesuitenpater Klaus Mertes, schließlich die Theologin Johanna Rahner. Das meiste, was zumindest die beiden letzten sagen, würde auch Benedikt ohne zu zögern unterschreiben.

Hier soll ganz offensichtlich der Popanz eines angeblich autoritären, despotischen Papstes aufgebaut werden, damit man umso einfacher auf ihn einschlagen kann. Wer Benedikt aber aufmerksam und ohne bösen Willen zuhört, wird entdecken, daß er viel skrupulöser, nachdenklicher und auch gelehrter ist als die meisten seiner Kritiker. Aber allen kann man es nie recht machen.

Das Bild von Benedikt jedenfalls, das Evelyn Finger in ihrem Artikel malt, hält der Wirklichkeit nicht stand.

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