Johann Gottlieb Fichte und das „heitere Wehen des Alterthums“

In seinen Aphorismen über Erziehung aus dem Jahre 1804 schreibt der deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte (1762-1814):

Einen Menschen erziehen heisst: ihm Gelegenheit geben, sich zum vollkommenen Meister und Selbstherrscher seiner gesammten Kraft zu machen. Der gesammten Kraft, sage ich; denn die Kraft des Menschen ist Eine und ist ein zusammenhängendes Ganze. Sogleich in der Erziehung einen abgesonderten Gebrauch dieser Kraft als Ziel ins Auge fassen, — den Zögling für seinen Stand erziehen, wie man dies wohl genannt hat, würde nur überflüssig seyn, wenn es nicht verderblich wäre. Es verengt die Kraft und macht sie zum Sklaven des angebildeten Standes, da sie doch sein Herrscher seyn sollte. Der völlig und harmonisch ausgebildeten Kraft kann man es überlassen, von welcher Seite her sie sich der Welt und der Praxis in ihr nähern werde […] Wer überhaupt nur wirklich ist, ein vernünftiges und in jedem Augenblicke selbstthätiges Wesen, wird immer mit Leichtigkeit sich zu dem machen, was er in seiner Lage seyn soll. Wer aber durch irgend eine äusserliche Einübung (Dressur) den leider ermangelnden Thierinstinct ersetzt hat, der bleibt eben in dieser Schranke befangen, die ihn wie eine zweite, ihm undurchdringliche Natur umgiebt, und die Erziehung, der Unterricht hat ihn gerade beschränkt, getödtet, statt ihn zu befreien und zum lebendigen Fortwachsen aus sich selbst fähig zu machen.

Umfassende Bildung und nicht Dressur und Einengung auf ein vorgegebenes Ziel – das wäre eine moderne, der Aufklärung verpflichtete Erziehung, dürfte aber heute, so wie es an unseren Schulen zugeht, nicht einmal im Ansatz zu erreichen sein.

Dann fährt Fichte fort:

Für Entwickelung der Geisteskraft in diesem allgemeinsten Sinne haben wir Neueren nichts Zweckmässigeres, als die Erlernung der alten klassischen Sprachen. Ob man fürs Leben jemals dieser Sprachen bedürfen werde, davon sey nicht die Frage: ja sogar davon werde abgesehen, ob es dem aufkeimenden Geiste räthlicher sey, in der gepressten Luft der modernen Denkart, oder in dem heiteren Wehen der Schriftsteller des Alterthums zu athmen.

Das ist natürlich „tiefstes 19. Jahrhundert“, schon wenige Jahrzehnte später, als Wissenschaft und Technik immer mehr das Leben bestimmten, ging man daran, die alten Sprachen im Stundenplan zu dezimieren. Mittlerweile erleben wir einen Kahlschlag ohnegleichen: immer mehr Studienfächer verzichten darauf, wenigstens das Latinum noch als Voraussetzung für das Studium beizubehalten. Juristen und Mediziner (!) brauchen in Deutschland kein Latinum mehr, und in NRW verzichtet man darauf sogar bei Lehramtsstudenten der romanischen Sprachen. Selbst ein Bachelorstudium in Philosophie und Geschichte – man höre und staune! – ist an einigen Universitäten ohne lateinische Grundkenntnisse möglich. Österreich und die Schweiz sind übrigens beim Raubbau an den Grundlagen der eigenen Kultur wesentlich zurückhaltender.

Heute redet man wieder gern vom „christlichen Abendland“, von den Werten und Grundlagen der europäischen Kultur, vom griechisch-römischen und christlichen Fundament Europas, das man entschlossen verteidigen will, aber zugleich macht man es den Schülern immer leichter, sich ohne jede Kenntnis dieser Grundlagen (und mit viel „Internet-Recherche“) durch die Schulzeit zu mogeln. Man will ihnen möglichst alles ersparen, was für eine gelungene Bildung notwendig ist: Ausdauer beim Lernen, Hartnäckigkeit und die eigene Anstrengung beim Lösen von Aufgaben. Und schon hört man auch wieder aus „fortschrittlichen“ Kreisen das dumme Wort von den „Arbeiterkindern“, denen man auf dem Weg zum Studium keine zu großen Steine in den Weg legen dürfe.

Wer Kindern keine Steine in den Weg legt, verhindert, daß sie wachsen und ihre geistigen Kräfte entwickeln können.

So bleiben viele, um noch einmal Fichte zu zitieren, in jener „Nebelwelt halbverstandener, nie bis auf ihren Kern untersuchter Vorstellungen, in der das gewöhnliche Bewusstseyn, auch der sogenannten Gebildeten, lebt“.

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