Die Wowser sind wieder groß im Kommen!

Kennen Sie H.L. Mencken? Nein? Da geht es Ihnen wie den den meisten Menschen außerhalb der USA.

Mencken (1880-1956) war ein unerschrockener Journalist, der keiner Konfrontation aus dem Wege ging. Er war oft bitterböse, auch ungerecht, aber er hatte Mut, viel Mut. Ein Beispiel. Da gab es in Boston eine Niederlassung der New England Watch and Ward Society, die sich die Ausrottung des Lasters auf die Fahnen geschrieben hatte – ihr Gründungsname war deshalb auch Society for the Suppression of Vice („Gesellschaft zur Unterdrückung des Lasters“). Ihr Ziel war es, in Theaterstücken, Büchern und vor allem in Zeitungen nach „anstößigen“ Wörtern zu fahnden. Der New Yorker Ableger hatte auf seinem Siegel links eine Festnahme, rechts die Abbildung einer Bücherverbrennung – es ging hier also keineswegs um ein harmloses Kuriosum. Anthony Comstock, ihr Gründer, behauptete, offenbar nicht ohne Stolz, er habe „4000 Verhaftungen und 15 Selbstmorde verursacht“. Ein lupenreiner Christenmensch!

Der Sekretär der Bostoner Abteilung der Gesellschaft war ein frommer Reverend namens Frank Chase. Er sorgte als selbsternannter und bestens vernetzter Zensor dafür, daß Zeitungen mit unzüchtigen Wörtern gar nicht erst verkauft wurden. Auch Menckens Monatszeitschrift The American Mercury fiel 1926 in Boston der Zensur durch den Reverend zum Opfer, weil in einem völlig harmlosen Artikel über eine Prostituierte das Word „damned“ vorkam. Mencken hatte eine tiefe Verachtung für die bigotten Kleingeister, die ihre Mitmenschen schon bei der Polizei denunzierten, wenn die am Sonntagmorgen an ihrem Auto hantierten. Besonders ärgerte es ihn, daß durch diese fanatischen Puritaner und ihre zum Teil ungesetzlichen und heimlich durchgeführten Aktionen ein Klima der Drohung und Einschüchterung (threat and intimidation) entstanden war. Mencken ging zum Angriff über. Unterstützt von einem Anwalt der American Civil Liberties Union fuhr er nach Boston und verkaufte seinem Erzgegner Chase inmitten einer riesigen Menschenmenge, die zum Teil auf Bäume und Balkone geklettert war, ein Exemplar seines Mercury.

Der folgende Dialog ist überliefert:

“Are you Chase?” fragte Mencken.
“I am”.
“And do you want to buy a copy of the Mercury?”
“I do”.

Chase bezahlte, nahm die Zeitung in Empfang und befahl dann einem Polizisten, der ihn begleitete: „Officer, arrest that man!“

Mencken wurde durch die Menschenmenge zur Wache geführt und gegen eine Kaution von 500 $ auf freien Fuß gesetzt. Am nächsten Morgen stand er wegen „Verbreitung von Obszönitäten“ vor Gericht – eine riskante Sache, denn im Fall eines Schuldspruchs drohten ihm zwei Jahre Gefängnis, und alle waren sich einig, daß es dazu kommen würde. Aber der Richter, James P. Parmenter, überraschte alle: Mencken wurde freigesprochen. Es handle sich bei Menckens Artikel, so sagte er in seiner Urteilsbegründung, um eine „zwar freizügige, aber zugleich intellektuelle Beschreibung der Prostitution“, und er könne darin nichts entdecken, was „zu sexuellen Anwandlungen oder lasziven Gedanken“ anregen würde.

Mencken hatte einen unerwarteten Sieg über die Wowser errungen.

Die Wowser? Das ist ein Wort, das man in jenen Jahren häufig bei Mencken findet. Es stammt aus dem australischen Slang und bezeichnet im englischen Sprachraum im engeren Sinne einen fanatischen Puritaner, im weiteren einen scheinheiligen und bösartigen Moralisten, der anderen seine Meinung aufzwingen will. Der australische Schriftsteller C.J. Dennis (1876-1938) hat Wowser einmal so definiert:

An ineffably pious person who mistakes this world for a penitentiary and himself as a warder.

Ein unsagbar frommer Mensch, der diese Welt für ein Zuchthaus hält und sich selbst für einen der Wärter.

Mir scheint, daß es an solchen Wowsern auch heute nicht fehlt, ja daß sie viel häufiger als noch vor ein paar Jahrzehnten auch in Deutschland ihr Unwesen treiben. Sie sind überall: sie wollen, daß ich mich vegan ernähre, daß ich meiner Impflicht nachkomme, daß ich keine Plastiktüten benutze, daß ich auf meinen CO2-Fußabdruck achte, daß ich Frauen nicht mit altmodischen Komplimenten belästige – nur eines wollen sie nicht: daß ich mich des Daseins freue und das Leben genieße. Denn – um noch einmal Mencken zu zitieren: diese Moralisten treibt „die quälende Angst, daß irgendwo irgendjemand glücklich sein könnte“ (the haunting fear that someone, somewhere, may be happy).

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