Inquietum, inwuietum, invuietum

Trust no one – man traue niemandem im Internet! Das gilt vor allem für angebliche Zitate berühmter Persönlichkeiten. Nicht umsonst gelten für das Zitieren in der Wissenschaft die strengsten Maßstäbe. Im normalen Umgang mit der Literatur kann man da ruhig etwas großzügiger sein, aber einfach abschreiben – das geht gar nicht. Wenn man nicht sicher ist, daß ein Zitat wirklich von dem angegebenem Autor stammt, muß man eben in den digitalisierten Werkausgaben danach suchen, die von den meisten gemeinfreien Autoren vorhanden sind. Ist es dort nicht auffindbar, ist es mit großer Wahrscheinlichkeit dem Autor fälschlich zugeschrieben worden.

Vor einigen Tagen war ich auf der Suche nach dem schönen (lateinischen) Augustinus-Zitat

Inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te.
Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.

Der Satz steht in den Confessiones des Kirchenlehrers, und zwar gleich am Anfang, im ersten Kapitel des ersten Buches. Seriöse Zitatenlexika sind zurecht penibel. Das von Ernst Bury herausgegebene Lexikon In medias res, das ich in der digitalen Ausgabe von 2006 benutze, notiert als Quelle „Augustinus, Confessiones 1. 1“ – damit ist, kurz und bündig, alles gesagt, und jedermann kann die Quelle in ihrem Kontext überprüfen.

Ein eher erheiterndes Beispiel, wie es im Internet zugeht, findet sich auf der Seite sprichwoerter.net. Dort ist aus dem korrekten „inquietum“ das schon auf den ersten Blick falsche „inwuietum“ geworden. Ein Tippfehler vermutlich – „w“ und „q“ liegen auf der Tastatur nebeneinander. Sollte nicht passieren, weil man gerade bei Zitaten sehr sorgfältig sein muß, aber dagegen ist niemand gefeit, noch dazu in einer Zeit, in der offenbar selbst in den Online-Ausgaben großer Tageszeitungen nicht mehr korrekturgelesen wird.

Aber sehen wir uns einmal die Seite latinum.tantalosz.de an. Sie bietet uns „6037 Lateinische Redewendungen & Sprichwörter“ an, darunter auch das korrekte Augustinus-Zitat, mit deutscher Übersetzung, aber ohne Erwähnung seines Urhebers. Nur wenige Zeilen weiter die Überraschung: dasselbe Zitat, diesmal mit Erwähnung des Augustinus, dafür mit einer neuen Falsschreibung: „invuietum“! Der Leser kann sich also eine Version aus dreien aussuchen. Wer jetzt von wem falsch abgeschrieben hat, ist fast schon gleichgültig. Sicher ist nur, daß Ihnen die seltsamen Schreibungen „inwuietum“ und „invuietum“ in Zukunft noch öfter begegnen werden, denn viele gehen furandi causa ins Internet.

Oder heißt es vurandi? Oder gar wurandi?

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