Von mackeriger Männlichkeit und vielfältig queeren Geschichten

Das Hessische Fernsehen – man kann es kaum glauben – war einmal ein seriöser Sender, mit Redakteuren und Moderatoren, an die man sich heute noch gern erinnert: Barbara Siehl zum Beispiel, Frank Kaufmann, Uwe Günzler, Holger Weinert, zuletzt auch Constanze Angermann, der man nach 24 Jahren beim Sender ohne öffentlichen Abschied den Laufpaß gegeben hat. Und heute?

Wer vor ein paar Tagen die Seite hessenschau.de besuchte, fand an exponierter Stelle, also ganz oben auf der Seite, einen langen Bericht über ein „Queer Filmfestival“ in Weiterstadt. Da schlug das Herz der Hessenschau-Redaktion höher, und die Autorin, Anna Meinecke, ließ eine gewisse Maria Moschus mit kaum verhohlener Sympathie zu Wort kommen.

Frau (?) Moschus sprach von „mackeriger Männlichkeit“ („abgeleitet von Macker“, erklärt uns Meinecke, denn so ein raffiniertes Wortspiel verstehen die Hessinnen und Hessen womöglich nicht), und mein Fragezeichen hinter „Frau“ ist mehr als berechtigt, denn

Maria Moschus identifiziert sich nicht ausschließlich als männlich oder weiblich, sondern als non-binär. Auf der Bühne schlüpft Maria Moschus als Drag in unterschiedliche Geschlechterrollen.

Das ist ja wirklich wahnsinnig originell! Und der Hessische Rundfunkt setzt in seiner Reportage noch eins drauf:

Queer Filmfest bricht mit Geschlechterklischees.

Das gibt’s doch nicht!

Es seien auch, so wird ein Mitarbeiter des Festivals zitiert, längst nicht mehr nur die klassischen Coming-out-Filme, also die „Mann trifft Mann“- oder „Frau trifft Frau“-Geschichten. Da ist man in Weiterstadt (und beim Hessischen Rundfunk!) schon weiter. Immer nur schwule und lesbische Paare, das ist heutzutage einfach nicht mehr queer genug. Heute will man nicht nur „heteronormative Sehgewohnheiten um neue Perspektiven erweitern“, sondern auch „vielfältige queere Geschichten erzählen“.

„Vielfältig queer“ – da wird, hier wie im ganzen Artikel, unkritisch der übliche Szenejargon benutzt, ohne Distanz, ohne Reflexion, ohne journalistischen Abstand. Der Berichterstatter und der Gegenstand seines Berichts sind eins. Und der Subtext der Botschaft lautet: so richtig Mensch kann man nur „außerhalb der Cis-Hetero-Norm“ sein.

Aber so geht es heutzutage zu in unseren Sendehäusern, und nicht nur beim Hessischen Rundfunk.

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