Das Kontinent

Alan Posener zitierte vor einigen Wochen in der Online-Ausgabe der ZEIT die folgenden Zeilen aus Goethes Gedicht „Den Vereinigten Staaten“:

Amerika, du hast es besser,
Als unser Kontinent, das alte,
hast keine verfallene Schlösser
und keine Basalte.

Posener bemerkte dazu:

So reimte Deutschlands Dichterfürst 1827, und man muss feststellen: Goethe, du hattest es besser. Um den Reim auf „Basalte“ zu ermöglichen, veränderte er einfach das Geschlecht des Worts „Kontinent“.

Das ist natürlich falsch. „Kontinent“ (oder „Continent“) ist in der Goethezeit vielerorts als Neutrum aufgefaßt worden. In Goethes Briefen heißt es mehrfach „das Continent“, zum Beispiel in seinem Brief an Zelter vom September 1828:

Bey niederem Barometerstande häufen sich Wolken auf Wolken, der Westwind treibt sie von dem Meere in das Continent hinein, wo zugleich auf der bewässerten Erdfläche Nebel genug aufsteigen und Wolken sich bilden und nach Osten immer vorwärts getrieben werden.

Ähnliche Neutra findet man zum Beispiel 1809 bei Arnold Heeren („das Continent von Asien“), im selben Jahr bei Adam Christian Gaspari („Australien zerfallt in zwey Haupttheile: das Continent und die Inseln“ oder „Amerika, ein besonderes Kontinent“), 1815 bei Friedrich Philipp Wilmsen („ein drittes Continent“) und an vielen anderen Stellen. Offenbar wurden Maskulina und Neutra über längere Zeit parallel verwendet, bevor sich die männliche Form endgültig durchsetzte.

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