Im Rausch der gerechten Sprache

In einer gemeinsamen Zeitungsanzeige von Autohäusern und Handwerksbetrieben versichern uns die Firmen (in genau dieser Rechtschreibung):

wir sind weiter für sie da.

Warum die Werbeagentur, die diese „Anzeigen-Sonderveröffentlichung“ gestaltet hat, nicht einmal den Satzanfang (und auch sonst nichts) groß schreibt, weiß niemand. Vielleicht will sie damit nur die Aufmerksamkeit des Lesers erregen. Die Frage ist nur: wer ist jetzt eigentlich für wen da?

Genau deshalb gibt es im Deutschen den Unterschied von Groß- und Kleinschreibung. So wie der Satz schwarz auf weiß dasteht, weiß niemand, für wen die Firmen da sind. Hätte man das „Sie“ aber großgeschrieben, wäre jedem klar gewesen, daß sie sich direkt an ihre Kunden wenden.

Das mag vielen allzu penibel vorkommen, aber man sieht gerade an einem so einfachen Beispiel, daß die Sprache ein wunderbar komplexes, in Jahrhunderten organisch gewachsenes Gebilde ist. Wer da mutwillig herumpfuscht, tut sich selbst und der Kultur, deren Rückgrat immer die Sprache sein wird, nichts Gutes. Und man sieht auch die Bedeutung der Orthographie für das schnelle Erfassen der Satzbedeutung: das große „Sie“ erklärt den Sinn des Satzes auf den ersten Blick, so wie – vor der unheilvollen „Neuen Rechtschreibung“ – auch „das“ und „daß“ klar unterscheidbar waren. Die „Rechtschreibreform“, übrigens damals von der Duden-Redaktion, schon wegen erstklassiger Gewinnaussichten, eilfertig unterstützt, hat alle Schleusen geöffnet – selbst von Behörden und großen Firmen bekommt man heute kaum noch Briefe ohne haarsträubende Rechtschreibfehler, von den Usern, die sich in den Internetforen tummeln, ganz zu schweigen.

Das alles wird freilich noch übertroffen von dem Großangriff einer kleinen feministischen Minderheit, die dabei ist, der deutschen Sprache mit Doppelformen, Sternchen, Unterstrichen und lächerlichen Sprechpausen mitten im Wort endgültig den Garaus zu machen. In jedem anderen Land würde man solche Versuche dem gerechten Hohn und Spott preisgeben, bei uns aber ist es dieser Gruppe mit ihrem beinahe sektenhaften, fanatischen Gebaren gelungen, tief in die Gesellschaft einzudringen. Die Vorstellung von einer „gerechten Sprache“, die klingt, als sei sie in einem Zustand heftiger Berauschtheit entstanden (zumindest der Berauschung an einem totalitär gefärbten Begriff von Gerechtigkeit), wäre ohne die politische Schützenhilfe des (im weitesten Sinne) „linken“ Lagers niemals aus ihrer Nische herausgewachsen. Eine Schreib- und Sprechweise, die auf einer erbarmenswerten Unkenntnis dessen fußt, was Sprache überhaupt ist, kann auch jetzt nur mit administrativem Zwang gegen den Mehrheitswillen der Bevölkerung durchgesetzt werden.

Noch kann man diesem Treiben ein Ende setzen, zum Beispiel, indem man den absurden sprachpolizeilichen Vorschriften einfach nicht folgt – oder, um Wolfgang Borchert abzuwandeln:

Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst ihren dummen Sprachregeln folgen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!

Dieses laute und vielstimmige NEIN hätte ich auch von unseren Lehrern, Journalisten und Schriftstellern erwartet, von den letzteren vor allem, aber außer einem kleinen Häuflein um Monika Maron und Uwe Tellkamp herrscht bei den bekannteren Namen peinliches Schweigen.

Von Zeitungsschreibern darf man leider, was Sprache betrifft, nie allzuviel erwarten, daß aber selbst Journalisten wie Anne Will und Petra Gerster nicht begreifen, was sie mit ihrer devoten Unterwerfung unter das Diktat des Sprachfeminismus unserer Sprache antun, ist schon enttäuschend.

PS: Ich empfehle allen meinen Leser dringend, den Aufruf „Rettet die deutsche Sprache vor dem Duden!“ zu unterschreiben. Hier finden Sie das Formular und alle, die den Aufruf bisher unterzeichnet haben – es sind schon jetzt knapp 20.000 Freunde der deutschen Sprache.

Sie werden sehen – mit Ihrer Unterschrift befinden Sie sich in bester Gesellschaft!

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