Fundstücke aus einem alten Duden (2): „Philaleth“

An dieser Stelle berichte ich in unregelmäßigen Abständen von Wörtern, wie man sie nur in alten Büchern findet – in diesem Fall in einer Ausgabe von Dudens „Orthographischem Wörterbuch der deutschen Sprache“ (8. Auflage 1908).

Streng genommen, von einer moralischen Warte aus betrachtet, sollte jeder Mensch ein Philaleth sein. Aber da klaffen, wie oft im Leben, Wunsch und Wirklichkeit auseinander. Nur eines steht fest: Donald J. Trump ist kein Philaleth. Er wird auch nie einer werden, denn ein Philaleth ist ein – Wahrheitsfreund.

Ein merkwürdiges Wort. Im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm sucht man es vergebens, dafür steht es im Duden von 1908 und – noch seltsamer! – sogar noch, wenn auch mit dem Etikett „veraltet“ versehen, in der Online-Ausgabe von 2021 (hier einzusehen).

Aber sehen wir erst einmal nach, wo uns das Wort sonst noch begegnet. In dem Dialog „Ob es im menschlichen Geiste angeborene Vorstellungen gibt“ von Gottfried Wilhelm Leibniz (enthalten in seinen Neuen Abhandlungen über den menschlichen Verstand von 1704) heißt einer der Dialogpartner Philalethes.

Lessing erwähnt einen anonymen Autor, der sich das Pseudonym „Christian Philaleth“ zugelegt hat – ein Pseudonym, mit dem man sich natürlich ins beste Licht rückt. Wer möchte kein Freund der Wahrheit sein? Ein österreichischer Jesuit nannte sich auch so, ein deutscher Gymnasialprofessor, über den sonst wenig bekannt ist, dann ein Jurist namens Siebenkees und sogar ein Homöopath, der Naumburger Arzt Johann Ernst Stapf. Vor allem in den Jahren zwischen 1750 und 1850 war „Philaleth“ (oder Philalethes) ein beliebtes Pseudonym, sogar im fernen Australien, wo ein Leser der Perth Gazette 1833 seine Leserbriefe so unterzeichnete (hier nachzulesen). Und ein gewisser Johamm Wilhelm Reche, ein Pastor, der den Rationalismus Kants in die evangelische Kirche einführen wollte, gab seiner Zeitschrift 1811 den Titel „Philalethia“.

In der Oeconomischen Encyklopädie von Johann Georg Krünitz (erschienen 1773-1858 in 242 Bänden!) heißt es :

Ein Wahrheitsfreund. In Frankreich gab es sonst eine geheime Gesellschaft, deren Mitglieder sich Philalethen nannten.

Das führt uns schon ein bißchen weiter. Noch mehr erfahren wir im „Pierer“, dem Universal-Lexikon der Gegenwart und Vergangenheit des Lexikographen Heinrich August Pierer (4. Auflage, 1857-1865), unter dem Stichwort „Philalethen“:

1) (Chercheurs de la vérité, Wahrheitsforscher), die Mitglieder des höchsten Grades des 1773 in der Loge Amis réunis zu Paris vom Prinzen Karl von Hessen u. A. gestifteten Ordre divin, mit mystisch-moralischer u. wissenschaftlicher Richtung u. 12 Graden (Lehrling, Gesell, Meister, Auserwählter, schottischer Ritter, Ritter vom Orient, Ritter vom Rosenkranz, Ritter vom Tempel, unbekannter Philosoph, erhabener Philosoph, Eingeweihter, Philaleth od. Meister aller Grade), 1782 von 20 französischen u.a. Logen angenommen. Auf den zu einer Reform der Freimaurerei von den P. gehaltenen zwei Conventen, den 15. Febr. bis 26. Mai 1785 u. den 8. März bis 26. Mai 1787, fanden sich berühmte Brüder aus der Schweiz, Deutschland u. andern Ländern ein, aber ohne sonderliche Resultate. Der Orden erlosch durch den Tod der Seele des Ganzen, Savalette le Lunges, u. durch die Revolution.

2) (Religiöse Wahrheitsfreunde), unter diesem Namen wollte eine Gesellschaft Männer in Deutschland eine von allen positiven Dogmen befreite, nur auf religiöse Symbole u. Gebräuche gegründete Gemeinschaft stiften, ohne daß jedoch dadurch ihre bürgerliche Stellung beeinträchtigt werden möchte, doch kam die Idee, welche in »Bittschrift an deutsche Fürsten«, Kiel 1830, dargelegt war, nicht zur Ausführung.

Die Philalethen im engeren Sinne waren also eine von vielen Splittergruppen der französischen Freimaurerei, die sich damals nach dem Bannfluch des Papstes (1738) gebildet hatten. Die meisten Gelehrten freilich, die sich so nannten, wollten einfach nur zeigen, was sie waren: Freunde der Wahrheit.

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