Lehrer für Aufklärung? Von wegen!

Wenn Aufklärung nach der Definition Kants der „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ ist, dann ist es mehr als löblich, daß jetzt Lehrer öffentlich für die Aufklärung eintreten. Zu diesem Zweck hat ein gewisser Peter Baier eine „Anlaufstelle für Lehrer, Schüler und Eltern in ‚Corona‘-Zeiten“ gegründet, die sich „Lehrer für Aufklärung“ nennt. Freilich, wenn man sich den Internetauftritt näher ansieht, kommt einem manches, was da steht, bekannt vor – aber nicht etwa von der Kant-Lektüre, die man jedem nur empfehlen kann, sondern aus der Propaganda der Rechtspopulisten.

Da sind die Zahlen des Robert-Koch-Instituts natürlich „inkorrekt“, die Sterblichkeit durch das Corona-Virus ist in Wahrheit „sehr gering“, überhaupt sei das alles nur eine „von Regierungen und Medien betriebenen ‚Corona‘-Massenpanik“. Erst die „eigenen Erhebungen“ von Peter Baier selbst bringen die Wahrheit ans Licht.

Man könne sich, das ist seine Folgerung, „entspannt zurücklehnen“.

Und weiter schreibt der Lehrer für Aufklärung (hier nachzulesen):

Das Volk soll mit Zahlen manipuliert und getäuscht werden. Die Daten sind komplex und vielschichtig, sie müssen in einen korrekten Zusammenhang gebracht und differenziert aufgearbeitet werden. Das findet in der Mainstream-Presse heute nicht statt. Erstens, weil viele Redakteure bereits bei wesentlich weniger komplexer Informationsvermittlung überfordert sind und zweitens weil es nicht gewollt ist. Die Lüge ist und war immer das probate Mittel der Politik. Nicht erst sein “Corona”.

Hinter dem Aufklärer verbirgt sich, wie man sieht, ein ganz gewöhnlicher Rechtspopulist, dessen Verein überall im Land, auch hier in Hessen, zusammen mit Wissenschaftsfeinden, Impfgegnern und Verschwörungstheoretikern jeder Couleur zu Demonstrationen aufruft.

Aber er hat doch eine lange „Unterstützerliste“ auf seiner Internetseite, könnte man da einwenden. Ja, die hat er – zur Zeit sind es 198 namhafte Unterzeichner. Diese zum Beispiel (alle der Originalliste entnommen):

Katrin P. aus L.
Birdy, Rhein-Neckar
JB aus Italien
CV, StR
Vera, Lehrerin und Mutter, Rhein-Neckar-Kreis
Viviana F., Mutter, Buddhistin und StR’in vom Bodensee
Nadine S. aus S. Mama von drei wundervollen Kindern
Jan B. aus E.
F. H. aus O.
Mathias, Studienrat aus Berlin
usw. usf.

Dann gibt es noch „eine Mutter von Vieren“, eine „aufgeklärte Mitbürgerin mit Sohn (9)“, eine „Lehrerin für Religion und Politik und 3erMutter“, einen „Nachhilfelehrer, Leipzig“, eine „stolze Oma von 2 Enkelkindern“, einen namenlosen „kleinen Bruder eines Schulkindes“, eine „vierfache Tante“ – und am Ende einen, „der in einer zunehmend totalitären und sozialistisch angehauchten Demokratur leider anonym blieben muss“.

Da möchte ich, mit Verlaub, allen Lehrern dringend ans Herz legen, erst einmal Kants Schrift „Was ist Aufklärung?“ aus dem Jahr 1784 zu lesen. Wobei ich ich mir freilich gut vorstellen könnte, daß diese „Querdenker“, so wie sie den schönen Begriff des Querdenkens völlig zu unrecht für sich usurpieren, endlich auch Kant zu einem der Ihren machen und ihn in eine Reihe mit Xavier Naidoo und dem Vegankoch Attila Hildmann stellen würden.

PS: Der Gerechtigkeit halber muß man sagen, daß es die Extremisten auf der anderen Seite des politischen Spektrums nicht besser mit Kant meinen; für sie ist der Philosoph schlicht und einfach: ein Rassist. Darauf besteht unter anderem der „Kant-Spezialist“ Marcus Willaschek, der an der Frankfurter Goethe-Universität Philosophie lehrt.

So traurig es ist: wir leben in einer Zeit, in der die Bastionen unserer Kultur von allen Seiten angegriffen werden. Dem islamistischen Angreifer kann man, schon weil er sich zu seiner Feindseligkeit offen bekennt, noch am einfachsten begegnen. Viel gefährlicher sind die Angriffe aus den eigenen Reihen, am gefährlichsten aber ist die feministische Zerstörung unserer schönen deutschen Sprache. Eine kleine Minderheit maßt sich das Recht an, die Sprache nach Gutdünken umzumodeln und „gerecht“ zu machen, und das unter tätiger Mithilfe der linken und grünen Parteien, die überall da, wo sie politischen Einfluß ausüben – also in Ländern, Städten, Universitäten, Schulen, Verwaltungen und Betrieben -, ihre Macht dazu mißbrauchen, diesen newspeak auf administrativem Wege durchzusetzen. Selbst in Rundfunk und Fernsehen – allen voran beim ZDF, das auch noch stolz darauf ist! – wird jetzt nach Herzenslust gegendert.

Erhebt eigentlich irgendjemand das Wort gegen diese – ja, Verschandlung ist eigentlich nicht das richtige Wort, es ist ein brutaler Eingriff in die Sprache, der längst über das Vokabular hinaus tiefe Veränderungen an Morphologie und Syntax des Deutschen erzwingt, und das aus niedrigen, also politischen und ideologischen, Motiven – erhebt also, so frage ich hier zum hundertsten Mal, endlich einmal jemand das Wort dagegen, daß eine ideologische Minderheit der Mehrheit vorschreiben möchte, wie sie zu sprechen und zu schreiben hat? Und wie kommt ein Sender wie das ZDF (er ist ja zur Pflege der Kultur gesetzlich verpflichtet!) dazu, bei diesem üblen Spiel mitzumachen und sich auch noch damit zu brüsten, daß Anne Will, Petra Gerster & Co. zur besten Sendezeit „gendern“ dürfen? Und wo sind die Schriftsteller, Germanisten, Lehrer, Journalisten, auf deren Wort es jetzt ankäme? Sie alle haben schon durch ihr Schweigen bei der Einführung der „neuen Rechtschreibung“ Schuld auf sich geladen. Warum schweigen sie jetzt schon wieder?

Alle anderen europäischen Nationen, allen voran die französische, pflegen ihre Landessprache und halten sie in Ehren. Nur unsere deutsche Sprache hat im eigenen Land offenbar kaum noch Fürsprecher.

Man wirft sie den Ideologen zum Fraße vor.

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