Nieder mit den Eliten!

Ist das nicht erstaunlich, wie heute alles auf die „Eliten“ einprügelt?

Nein, natürlich nicht alles, nicht einmal die Mehrheit der Menschen in unserem Land, eigentlich ist es nur eine kleine Minderheit, aber der Vergleich mit früheren Zeiten ist schon angebracht. In meiner Jugend, um die Mitte des 20. Jahrhunderts, hat man zu den Eliten noch aufgeschaut. Ja, man wollte sogar zu ihnen gehören, und man hat alles dafür getan. Es ist nicht allen gelungen, weil der Geist den Menschen in sehr verschiedenem Ausmaß zugeteilt ist, aber eine Bewunderung, ein Respekt für die Elite war damals auch bei einfachen Menschen immer vorhanden. Und was ist daran auch verwerflich?

Mit den marxistischen Studenten änderte sich das. Die absurde Idealisierung des Proletariers als eines fast idealen Menschen ging von Anfang an, also schon mit Marx, Engels und Lenin, mit einem unausrottbaren Mißtrauen gegen den Geist und gegen alles Intellektuelle einher. Arbeiterkinder wurden deshalb immer bevorzugt, wer aus einem bürgerlichen oder gar aus einem intellektuellen Elternhaus kam, mußte um seinen Studienplatz bangen. Ärzte, Lehrer, Professoren wurden schlecht bezahlt und standen im sozialen Ansehen weit unter einem Schweißer oder einem Agraringenieur. Dieses Mißtrauen gegen den Geist und die Eliten kennzeichnet die sozialistischen Überreste bis auf den heutigen Tag.

Inzwischen haben sich ihnen die Rechtspopulisten aller Länder beigesellt. Ihnen geht es natürlich nicht nur um die geistigen, sondern auch um die politischen Eliten. Daß die Populisten, den Präsidenten der Vereinigten Staaten eingeschlossen, ihre „Feinde“ immer öfter mit dem Wort „Establishment“ brandmarken, das ja in der Studentenbewegung der 60er Jahre, also eigentlich im gegnerischen Lager, entstanden ist, zeigt ein weiteres Mal, daß sich Extremisten jeder Couleur ganz wunderbar verstehen. In Italien haben sie sich sogar zu einer Koalition zusammengefunden. Aber vor allem: sie haben dieselben primitiven Denk- und Verhaltensstrukturen. Eine Politik, die auf Klugheit und Gelassenheit gründet, auf Kompromissen und auf geduldiger Arbeit, ist ihnen völlig fremd.

Sehen wir uns einmal an, wie das rechtspopulistische „Meinungsmagazin“ Tichys Einblick mit dem Wort „Eliten“, gern auch „Pseudo-Eliten“, umgeht (alles wörtlich der aktuellen Internetseite entnommen):

Die Eliten attestieren sich neuerdings brutal offen Kompetenz, schier maßlose Kompetenz.

Gleichwohl ersticken die Eliten den demokratischen Prozess nach Kräften.

Die Eliten waren immer das Problem.

Heute kämpfen die europäischen Eliten gemeinsam gegen ihre „Bevölkerungen“.

Eliten sind die greisen Pennäler, die in den Medien den Ton angeben und es sich auf dem Stuhl der Fingerzeiger bequem gemacht haben.

Ein rhetorisches Dauerfeuer richtet sich gegen das Wort „Elite“, das durch den sprachlichen Kontext und eindeutige Attribute nur noch negative Konnotationen hat:

Das dröhnende Schweigen der „Eliten“
die rotgrüne Medien-Elite
die Verblödung der Eliten
die Gauckschen Eliten
die aufgeschreckten europäischen Eliten
das verfassungsfeindliche Elitenverhalten
ein Elitentrick
wie die Republik aus der Elitenfalle herauskommt
primitiver Elitenhass auf die „Bevölkerungen“
die politisch-medialen Eliten
eine angemaßte Elite
die Eliten sind aus dem Ruder gelaufen
die Elitenmacht über die Medien
die antidemokratischen Eliten
die alten globalistischen Eliten
verdummende Rechthabereliten
der Elitenmensch Gauck
die Eliten wollen einfache Strickmuster
abgehobene Eliten wie Merkel, Maas, Söder und Co.
die globalistischen Eliten
Mitglieder der Soros-Blase und der globalistischen Budapester Elite
die Exzesse und blinden Flecken der globalistischen Eliten.

Das selbstformulierte Ergebnis:

Das Problem sind immer die Eliten.

Diese Beispiele habe ich in einer guten Viertelstunde entdeckt, sie stammen alle aus dem redaktionellen Teil von Tichys Einblick, nicht etwa aus den Leserkommentaren, die in ihrer bösartigen und aggressiven Verzerrung der Wirklichkeit kaum zu ertragen sind.

Diese Menschen, die sich in ihrer rechtspopulistischen Blase (und in ihrem Haß!) wohnlich eingerichtet haben, könnte man eigentlich bedauern – wenn sie nicht so gefährlich wären. Denn ihr Haß auf jeden, der nicht ihrer Meinung ist, hat in einer Demokratie nichts zu suchen. Gottlob gelingt es diesen Brandstiftern nicht, eine Mehrheit der Deutschen für sich zu gewinnen. Weit über 80% der Wähler haben ihnen bisher bei jeder Wahl die verdiente Abfuhr erteilt. Das ist beruhigend, aber man sollte wachsam bleiben.

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