Johannes der Täufer und ein frommer Impuls

So ganz habe ich das immer noch nicht verstanden: was ist eigentlich ein „Impuls“? Wenn von einem Menschen oder einem Ereignis „Impulse“ ausgehen, dann bedeutet das nach meinem Sprachverständnis, daß Denkanstöße gegeben werden. Vor allem in den letzten Jahren hat sich aber, zumindest in den christlichen Kirchen, eine Bedeutungsverschiebung ergeben: „Impuls“ nennt man jetzt offenbar den Text selbst, von dem – jedenfalls nach Ansicht der Verfasser – Denkanstöße ausgehen sollen.

Die evangelische Kirche schickt ihren Mitgliedern zweimal im Jahr eine solche „Impulspost“, und kürzlich habe ich auch auf katholisch.de eine ähnliche Begriffsverwendung entdeckt.

Da lese ich unter einem kurzen Artikel mit der Überschrift „Wie Johannes Jesus durchschaut“:

Impuls von Schwester Anne Kurz.

Da haben wir ihn also schon wieder, den Impuls. Und welchen Denkanstoß gibt mir Schwester Anne Kurz jetzt?

Johannes der Täufer sieht Jesus auf ihn zugehen. Was mag ihm dabei durch den Kopf gegangen sein?

Eine seltsame Frage. Was hat man nicht manchmal für Schwierigkeiten, einem Familienmitglied anzusehen, was ihm gerade durch den Kopf geht. Und da soll ich herausfinden, was einem völlig fremden Menschen, aus einer mir völlig fremden Kultur, die noch dazu zwei Jahrtausende zurückliegt, durch den Kopf gegangen ist?

Schwester Anne Kurz kann das. Sie gibt sogar ein kleines Psychogramm Johannes des Täufers:

Hinter der rauhen Schale seines Auftretens verbirgt sich ein feinfühliger und aufmerksamer Mensch. Die Wüste hat ihn manches gelehrt. Er ist einer geworden, der sehen und erkennen kann. Er lässt sich nicht blenden, sondern schaut auf den Grund der Menschen und Ereignisse.

Ein tiefes, starkes Glück muss Johannes erfasst haben.

Also, mir jedenfalls kommt so eine psychologisierende Betrachtung fast ein bißchen leichtfertig, ja ungehörig vor. Aber anders als Schwester Anne kann ich ja auch nicht in den Kopf des Täufers hineinschauen.

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