Johann Gottfried Herder und die Tugenden des Weibes

Vor ein paar Tagen hatte ich an dieser Stelle Herders Verdikt über die „Geringschätzung des Weibes“ zitiert. Hier sind nun ein paar Sätze über dessen Tugenden:

Auch unter den wildesten Völkern unterscheidet sich das Weib vom Mann durch eine zärtere Gefälligkeit, durch Liebe zum Schmuck und zur Schönheit; auch da noch sind diese Eigenschaften kennbar, wo die Nation mit dem Klima und dem schnödesten Mangel kämpfet. Überall schmückt sich das Weib, wie wenigen Putz es auch hie und da, sich zu schmücken, habe.

Reinlichkeit ist eine andre Weibertugend, dazu sie ihre Natur zwingt und der Trieb, zu gefallen, reizet.

Noch eines größern Ruhmes ist die sanfte Duldung, die unverdrossene Geschäftigkeit wert, in der sich, ohne den Mißbrauch der Kultur, das zarte Geschlecht überall auf der Erde auszeichnet Mit Gelassenheit trägt es das Joch, das ihm die rohe Übermacht der Männer, ihre Liebe zum Müßiggange und zur Trägheit, endlich auch die Ausschweifungen seiner Vorfahren selbst als eine geerbte Sitte auflegten, und bei den armseligsten Völkern finden sich hierin oft die größesten Muster.

Endlich die süße Mutterliebe, mit der die Natur dies Geschlecht ausstattete; fast unabhängig ist sie von kalter Vernunft und weit entfernt von eigennütziger Lohnbegierde. Nicht, weil es liebenswürdig ist, liebet die Mutter ihr Kind, sondern weil es ein lebendiger Teil ihres Selbst, das Kind ihres Herzens, der Abdruck ihrer Natur ist. Darum regen sich ihre Eingeweide über seinem Jammer; ihr Herz klopft stärker bei seinem Glück; ihr Blut fließt sanfter, wenn die Mutterbrust, die es trinkt, es gleichsam noch an sie knüpfet. Durch alle unverdorbene Nationen der Erde geht dieses Muttergefühl.

Das sind nicht gerade Tugenden, auf die sich der heutige Feminismus berufen würde. Ich höre förmlich die spitze Schreie, die manche ausstoßen, wenn sie vom „Muttergefühl“ lesen oder vom Joch, das „mit Gelassenheit“ ertragen wird. Die einzige Tugend, die man beim „Weibe“ heutzutage noch gelten läßt, ist die Stärke. „Eine starke Frau!“ – das ist das einzige erlaubte Kompliment, alle anderen werden schroff zurückgewiesen. Dieser Feminismus hat etwas Strenges, Freudloses, er läßt nichts mehr gelten, was einmal als Galanterie und Höflichkeit das Verhältnis von Mann und Frau bestimmt hat. Wie im Kommunismus wird überall mit Begeisterung nach „Herrschaftsverhältnissen“ gesucht, und selbst, wenn der Mann einer Frau nur die Tür aufhält, wird ihm Böses unterstellt. Eine starke Frau brauche derlei Höflichkeiten nicht, sagt man.

Ach, wir leben in merkwürdigen Zeiten.

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