Nolde

Wer Anglistik studiert, wird im Laufe seines Studiums auf einen Begriff stoßen, der ihm merkwürdig vorkommen mag: „biographical fallacy“. Man könnte ihn mit „biographischer Irrtum“ übersetzen. Er bezeichnet in der Literaturwissenschaft (im englischsprachigem Raum spricht man bescheidener von „literary criticism“) die Abkehr von der „biographischen Methode“, die ein literarisches Kunstwerk aus den Lebensumständen des Autors erklären möchte. Demgegenüber trennen die „new critics“ streng zwischen dem Werk und seinem Autor.

Das mag manchem als lebensfremder Methodenstreit erscheinen, aber die Trennung von Werk und Künstler spielt auch im ganz normalen Leben eine große Rolle.

Nehmen wir nur einmal Thomas Mann. Wenn man seine Prosa liest, möchte man vor Ehrfurcht ganz still werden. Wenn man dann aber in seinen posthum veröffentlichten Tagebüchern blättert, erschrickt man vor so viel Gefühlskälte – besonders dort, wo er über seine Kinder schreibt. Das geht doch nicht zusammen, denkt man – ist das wirklich ein und derselbe Mensch?

Anders gefragt: wird die künstlerische Leistung dadurch getrübt, daß der Autor – sagen wir: kein sehr angenehmer Zeitgenosse war? Verlieren die Filme Alfred Hitchcocks an Qualität, wenn man erfährt, daß der Regisseur seine sadistischen Neigungen an den Schauspielern ausgelebt hat?

Man muß diese Frage klar verneinen. Anders wäre es nur, wenn das Werk selbst vom Charakter des Künstlers beeinflußt wäre, aber das ist allenfalls bei schwächeren Talenten der Fall.

Emil Nolde war bis zum Ende ein glühender Anhänger Hitlers und ein Antisemit obendrein. Hat das aber irgendetwas mit den Blumen und Landschaften zu tun, die er gemalt hat? Der Kunsthistoriker Felix Krämer ist der Ansicht,

daß beispielsweise Blumen … auf den ersten Blick harmlos seien. Wenn man dann aber seine Blut- und Boden-Vorstellung von Heimat oder von Rasse kenne, „dann, finde ich, kommt man schon noch ins Nachdenken“.

Da wird selbst der Experte zum Opfer jenes „biographischen Irrtums“, von der am Anfang die Rede war. Soll man jetzt etwa alle Gemälde aus den Museen entfernen, wenn der Maler ein schlechter Mensch war? Werden die Maßstäbe der Tugendhaftigkeit gar rückwirkend an jeden Künstler der Vergangenheit angelegt? Da würden sich die Säle unserer Museen rasch leeren.

Aber das entspricht leider dem Zeitgeist, der danach verlangt, auch noch auf den letzten armen Flakhelfer, auch wenn er damals noch ein Kind war, den ersten Stein zu werfen.

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