Schöne arme Wörter (5): „liberal“

Wer liberal ist, macht sich unbeliebt – zumindest in den extremistischen Lagern jeder Couleur. Die aus dem Marxismus gespeiste Linke nennt ihn dann, um ihr Mißfallen auszudrücken, „wirtschaftsliberal“ oder „neoliberal“, für geistig schlichtere Genossen ist er in der ihnen eigenen differenzierten Sprache einfach nur „scheißliberal“. Den Anhängern der populistischen Rechten, die inzwischen große Teile des Internets beherrscht, gilt „Liberalität“ (ähnlich wie Toleranz, Weltoffenheit u.a.) nur noch als Schimpfwort.

Aber woher kommt das Wort? Da es einen lateinischen Ursprung hat, greift man am besten erst einmal zum „Georges“ (Ausführlich lateinisch-deutsches Handwörterbuch 1913). Dort liest man unter dem Stichwort liberalis folgendes:

I.   die Freiheit betreffend (…)
II. einem freigeborenen Menschen geziemend = edel, von edler Art od. Gesinnung, vornehm, anständig.

Daneben gibt es noch die Bedeutungen „gütig“ und „freigebig“. Man sieht: ein Römer, der als liberalis bezeichnet wurde, war ein rundherum angenehmer Zeitgenosse.

Wer heute liberal ist, findet sich im Duden so beschrieben:

dem Einzelnen wenige Einschränkungen auferlegend, die Selbstverantwortung des Individuums unterstützend; freiheitlich.

Immer noch recht positiv, wenngleich sich die Bedeutung vom Charakter des einzelnen Menschen hin zum politischen und gesellschaftlichen Bereich verschoben hat. Daß sich hier in Deutschland eine einzelne (ziemlich kleine) Partei als alleiniger Sachwalter der Liberalität fühlt, darüber kann man getrost hinwegsehen. Die Parteien der Mitte sind gottlob allesamt im guten Sinne liberal, und sie vertreten auch heute noch über 80% der Bevölkerung.

Liberal – man sollte das Wort schätzen und bewahren. Und die Sache, die es bezeichnet, erst recht!

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