Sind wir Christen blauäugig und von einem „naiven Humanitarismus beseelt“?

Früher waren es vor allem linke Gruppen, die gegen die christlichen Kirchen gekämpft haben, mit den gängigen „Argumenten“: die Kirchen seien reaktionär, Fortschrittsfeinde, und sie vertrösteten die Menschen aufs Jenseits, statt das irdische Jammertal zu verändern. Opium fürs Volk! Solche Plumpheit gibt es im linken Milieu heute auch noch, aber man ist doch insgesamt ein bißchen subtiler oder – besser gesagt – vorsichtiger geworden. Die Sätze beginnen dann oft so:

Ich habe nichts gegen die Kirche, aber …

So eine verdruckste Haltung haben die Demagogen der AfD natürlich nicht. Subtilität, differenziertes Argumentieren, sorgfältiges Abwägen von Für und Wider ist nicht ihr Ding. Wozu gibt es schließlich den Holzhammer?

Als 2015 die Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak nach ihrer lebensgefährlichen Odyssee hier ankamen, ging eine noch nie dagewesene Welle der Hilfsbereitschaft durchs Land. Zehntausende von ehrenamtlichen Helfern sorgten dafür, daß menschlich mit den Flüchtlingen umgegangen wurde. Die Welt schaute damals (von ein paar autoritären Regimen wie Orbáns Ungarn abgesehen) voller Bewunderung auf Deutschland.

Zurecht.

Ältere Menschen werden sich noch an das Wort „Nestbeschmutzer“ erinnern. Vor allem rechte Parteien und Gruppierungen haben mit dem Wort in hundert Jahren alles belegt, was links und kritisch war: Schriftsteller, Journalisten und Kirchenleute vor allem. Es ist nicht ohne Ironie, daß heute die einzige Partei, die das eigene Land mit Inbrunst schlechtredet, ausgerechnet die rechte AfD ist.

Da genügt schon der schüchterne Hinweis, daß Flüchtlinge doch auch Menschen seien, um „im Netz“ unter den AfD-Anhängern einen Shitstorm hervorzurufen. „Naiv“ und „blauäugig“ – das sind noch die mildesten Beschimpfungen, die man da einstecken muß. Die sprachliche Rohheit, die Häme, die oft ins Braune, Völkische abgleitet, und der Haß auf Andersdenkende sind zum Markenzeichen der AfD geworden.

Aber sind die Christen wirklich von einem „naiven Humanitarismus beseelt“? Sicher nicht. Beseelt sind sie von den beiden Grundtugenden des Christentums: Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Und diese Tugenden gelten im christlichen Verständnis für alle Menschen, nicht nur wie bei den meisten anderen Religionen, etwa der umma des Islams, für die „eigenen Leute“. Deshalb sieht man in dieser christlichen Haltung, die sich auf die Gottebenbildlichkeit des Menschen stützt, zurecht den Ursprung der allgemeinen Menschenrechte, jener Rechte also, die als Naturrecht für jeden Menschen von Geburt an gelten.

Selbstverständlich sind auch die Flüchtlinge unsere Nächsten, und die Gebote der Nächstenliebe und Barmherzigkeit gelten uneingeschränkt auch für sie. Daran ist nicht zu rütteln. Gerade daher rühren ja die dumpfen Kommentare der AfD-Haßprediger, die Aufrufe zur Entmenschlichung („Kopftuchmädchen, alimentierte Messerstecher und sonstige Taugenichtse“), und auch ihre Aufforderung an alle Mitglieder und Anhänger, aus „diesem Verein“ (gemeint sind die evangelische und die katholische Kirche) auszutreten.

Wenn die AfD ihren gefährlichen völkischen Quark verbreiten darf (und natürlich darf sie das!), dann haben doch wohl die Kirchen das Recht, auch ihr Menschenbild, das überhaupt nicht naiv und blauäugig ist, in der Öffentlichkeit darzustellen. Ich teile nicht alles, was Bischöfe und Pastorinnen so von sich geben, das muß auch niemand – Bischöfe und Pastorinnen (und selbst der Papst!) gehören zum Bodenpersonal, nichts von dem, was sie sagen, ist für mich und andere verbindlich. Aber das Weltbild der christlichen Kirchen ist mir immer noch hundertmal lieber als alles, was die Rechtspopulisten an Haß, Häme und Hysterie verbreiten.

Wenn es überhaupt Naivität in den Kirchen gibt (und natürlich gibt es sie da, wie in allen gesellschaftlichen Gruppen), dann rührt sie wohl eher von der linken Ideologie her, die vor allem in die evangelische Kirche tief eingedrungen ist.

Aber auch das muß man in einer Demokratie aushalten.

Wer auch nur einmal flüchtig in das Neue Testament (oder von mir aus auch in das Alte) hineingeschaut hat, weiß, daß da von Naivität kaum etwas zu finden ist. Da wird nichts beschönigt, und der Mensch steht da, wie er ist: ein Wesen, das zu allem fähig ist, zu allem Guten und zu allem Bösen.

Das christliche Menschenbild ist eben doch fast immer realistisch, es fordert auch nichts Unmögliches vom Menschen. Ich erinnere an das Interview, das Papst Franziskus soeben auf dem Rückflug von Genf nach Rom zur Flüchtlingsfrage gegeben hat (man kann es hier nachlesen):

„Die Regierungen hier in Europa müssen sich untereinander einigen, damit sie weiter mit dem Notstand umgehen können.“

Franziskus stellte klar, dass Regierungen das Recht hätten, Migranten nicht einfach so ins Land strömen zu lassen. „Ein Land kann nur so viele Flüchtlinge aufnehmen, wie es Fassungsvermögen besitzt und wie es hinterher dann auch integrieren kann – integrieren, ausbilden, Arbeitsplätze geben…“

Das ist vernünftig und angenehm pragmatisch. Die Haßpredigten der AfD aber, für die Flüchtlinge nur „alimentierte Messerstecher und Taugenichtse“ sind, wirken auf mich einfach nur ekelhaft.

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