Die Flüche der Julia Timoschenko

Kürzlich hat es Sarkozy getroffen, jetzt Julia Timoschenko. Daß Geheimdienste die Politiker anderer Länder im großen Umfang belauschen, wissen wir dank Edward Snowdon. Aber jetzt kommt etwas ganz Neues hinzu: man veröffentlicht gezielt private Gespräche, um einen Politiker zu denunzieren und ihn – jedenfalls soweit es seine politische Karriere betrifft – zu vernichten.

Jeder weiß, daß man unter Freunden anders redet im Parlament. Und jeder Mensch (auch jeder Politiker!) hat das Recht, im privaten, geschützten Raum so zu reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Wer solche Gespräche abhört und dann auch noch veröffentlicht, gehört vor Gericht gestellt, denn er ist nichts anderes als ein gewöhnlicher Einbrecher. Die Konsequenz nämlich, wenn sich solche Fälle häufen, wird sein, daß Politiker nirgendwo mehr offen reden können.

Selbst der leidenschaftlichste Putin-Versteher kann sich vorstellen, wie der Genosse Putin, wenn er „bei Freunden“ ist, über Frau Timoschenko redet. Glaubt jemand im Ernst, daß er da feinfühligere Worte wählt als sie? Merkwürdigerweise sind die Enthüllungen der whistleblower aber immer gegen den Westen gerichtet. Warum, liebe Leaker, leakt bei euch nie etwas in Rußland, in China? Wäre es nicht interessant, einmal zu hören, was Lawrow und Medwedew wirklich denken? Oder Xi Jinping?

Julia Timoschenko hat nach einem Schauprozeß mit absurden Vorwürfen über zwei Jahre im Gefängnis gesessen. Unter Putins Freund Janukowitsch hätte sie das Gefängnis vermutlich nie wieder verlassen, denn es wurden immer neue, immer bizarrere Vorwürfe nachgeschoben – bis hin zu einem angeblichen Auftragsmord.

Und kaum hat die neue ukrainische Führung ihre Entlassung angeordnet, da greifen russische Truppen die Krim an und annektieren sie kurzerhand.

In einer solchen Situation soll man nicht fluchen dürfen, noch dazu, wenn sich der Urheber des Bösen mit seiner Tat auch noch brüstet? Also, ich bekenne offen: ich hätte auch geflucht. Mit etwas anderen Ausdrücken vielleicht, aber solche Unterschiede sind ja sprachlich und kulturell bedingt. Die eilige Rüge durch die Kanzlerin („Gewaltbilder, Gewaltphantasien“) halte ich nicht für angebracht, ja sie ist sogar ausgesprochen gefährlich, weil sie illegal entstandene Mitschnitte akzeptiert, wie sie sind, und ihnen durch die öffentliche politische Kommentierung eine Art Legitimation erteilt.

PS:  Jeder, der solche Veröffentlichungen von Privatgesprächen gut findet, sollte sich einmal überlegen, wie ihm zumute wäre, wenn man alles, was er Lästerliches über Verwandte, Bekannte und Arbeitskollegen sagt, am nächsten Tag in der Zeitung lesen könnte.

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