Rente mit 69

Der Abbau des Sozialstaats geht in die nächste Runde: eine Bertelsmann-Studie verlangt die Anhebung des Rentenalters auf 69 Jahre.

Schon die Anhebung auf 67 Jahre war eine Unverfrorenheit, jetzt sollen die paar Jahre, die zwischen dem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben und dem Siechtum im Pflegeheim liegen, noch weiter verkürzt werden.

Für die Mathematiker der Bertelsmann-Stiftung ist das nur ein mathematisches Problem. Für einen Arbeitnehmer, der den Arbeitsdruck in den Betrieben schon mit 50 oder 55 kaum noch erträgt, ist die Aussicht, daß er noch zehn oder fünfzehn Jahre arbeiten muß, geradezu vernichtend. Die wachsende Zahl von psychisch Kranken ist ein deutlicher Indikator.

Aber selbst für die wenigen Jahre, die dem durchschnittlichen Arbeitnehmer dann noch bleiben, hat die Stiftung wieder nur den Rat, „privat“ vorzusorgen. Sogar eine Vorsorgepflicht wird angeregt. Das ist eine wunderbare Geschäftsidee – für Banken und Versicherungen, aber nicht für den Arbeitnehmer. Und vor allem: so vorsorgen können vielleicht kinderlose Gutverdienende mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag. Aber auf wieviele Menschen trifft das zu? Und was wird aus den anderen?

Natürlich meldet sich da auch wieder Gerhard Schröder zu Wort. Er hat ja als Kanzler mit seiner Agenda 2010 unserem Sozialsystem schwere Hiebe versetzt und dafür gesorgt, daß Niedriglöhne, massive Leiharbeit und befristete Arbeitsverträge in einem noch nie dagewesenen Umfang die Situation in den Betrieben bestimmen. Jetzt fordert er – damit Deutschland seinen „Vorsprung gegenüber aufstrebenden Wirtschaftsmächten wie Brasilien und China“ behält – eine Agenda 2020.

Davor bewahre uns der Himmel.

Nein, wenn eine Gesellschaft von ihren älteren und alten Bürgern verlangt, daß sie noch mit 70 Jahren Prospekte verteilen oder im Supermarkt Regale einräumen, nur um ihre Miete zahlen zu können, dann ist etwas faul in diesem Land, und zwar nicht nur in der Regierung und den Parteien. Dann hat man vor lauter Statistik und Mathematik den Menschen aus dem Blick verloren.

Dann ist die Würde des Alters, die in allen Hochkulturen der Vergangenheit verankert war, bei uns antastbar geworden.

PS: Wenn Gerhard Schröder von den „aufstrebenden Wirtschaftmächten“ China und Brasilien schwärmt, sollte er einmal hinsehen, auf wessen Kosten diese Länder aufstreben.  Aber wer Putin als „lupenreinen Demokraten“ bezeichnet, hat damit wohl keine Probleme.

Dieser Beitrag wurde unter Politik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert