Claudia Roth und die wunderbare Verschiedenheit

In einem Beitrag der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung – „Vier Fragen an Claudia Roth“ – bekennt die neue Kulturstaatsministerin, daß sie „tief in den Biografien von inspirierenden Frauen versinken“ könne, aber auch „gerne skandinavische Krimis rauf und runter“ lese.

Ohne den dummen, inzwischen bis zum Überdruß strapazierten Topos der Diversität geht es freilich auch bei ihr nicht:

Ich bin immer gespannt auf die Diversität und den Reichtum unserer Kultur in all ihren Facetten. Bisher nimmt leider viel zu wenig der wunderbaren Verschiedenheit unserer Gesellschaft Raum im kulturellen Diskurs ein, beispielsweise sollten Menschen mit Migrationsgeschichte, LGBTIQ und Frauen mehr Aufmerksamkeit bekommen.

Ach ja? Das ist eine merkwürdige Forderung, wenn man bedenkt, daß mittlerweile in fast allen Medien, im Theater, in Zeitungen, in Radio und Fernsehen und selbst im letzten Tatort und im allerletzten Polizeiruf so viele queere Personen und so viele „Menschen mit Migrationshintergrund“ und „People of Color“ gezeigt und damit, wie es im Szenejargon heißt, sichtbar gemacht werden, daß man es kaum mehr erträgt. Man merkt die aufdringliche pädagogische Absicht, und man ist verstimmt.

Und wenn man vom „Reichtum unserer Kultur“ spricht, dann sollte man auch (wenigstens hin und wieder) an den Reichtum unserer eigenen Kultur denken und nicht nur an eine gebetsmühlenhaft beschworene Diversität. Hier sind – etwa in Literatur, Religion und Musik – ganze Traditionen dabei, immer rascher in Vergessenheit zu versinken, denn was nicht mehr in Schule und Elternhaus gelernt wird, kann auch nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben werden. Wie sollen die vielen illiterat gewordenen (oder gemachten) jungen Menschen, die ihre kulturellen Bedürfnisse auf Youtube und Instagram befriedigen, die Schätze, mit denen man sie nie bekanntgemacht hat, an ihre eigenen Kinder weitergeben? Diese Abwärtsspirale ist in vollem Gang.

Nur wenn man die eigene Kultur kennt und schätzt, kann man sich an den „Weltkulturen“ wirklich erfreuen.

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