Fontane, feministisch (noch) unzensiert

Es gibt hundert Anlässe, zu einem guten Buch zu greifen. Wir haben gestern im Sender RBB den Bericht über eine winterliche Radtour durch die Märkische Schweiz gesehen – keine tiefgehende Dokumentation, nur eine unterhaltsame, unprätentiöse Reisesendung. Da fuhren Ulrike Finck und Andreas Jacob durch Orte, von denen wir noch nie etwas gehört hatten: Ihlow zum Beispiel, Buckow, Garzin, Hasenholz, Tornow oder Waldsieversdorf. Gleich nach der Sendung dann der Griff ins Buchregal – Fontane natürlich. Die elektronische Ausgabe seiner Werke, vor langer Zeit als „DVD-ROM“ gekauft, bietet den Komfort einer Volltextsuche, und so sind die Orte schnell gefunden. Über das Dorf Ihlow hat Fontane einen kleinen Absatz geschrieben, über Buckow („bei bloßer Nennung des Namens steigen freundliche Landschaftsbilder auf“) sehr viel mehr. Aus Garzin berichtet er von einer alten Glocke, aus Tornow von den beiden Seen, die durch eine Schlucht verbunden sind. Fontane war überall, man wird lange nach einem Ort suchen müssen, den er nicht zumindest dem Namen nach erwähnt.

Seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg (der erste Band erschien 1862) hat Fontane ein Vorwort vorangestellt, in dem er fragt, ob man denn überhaupt „in der Mark“ reisen sollte. Ja, sagt er schließlich – „aber mit Vorbedingungen“.

Der Reisende in der Mark muß sich mit einer feineren Art von Natur- und Landschaftssinn ausgerüstet fühlen. Es gibt gröbliche Augen, die gleich einen Gletscher oder Meeressturm verlangen, um befriedigt zu sein. Diese mögen zu Hause bleiben. Es ist mit der märkischen Natur wie mit manchen Frauen. »Auch die häßlichste – sagt das Sprichwort – hat immer noch sieben Schönheiten.« Ganz so ist es mit dem »Lande zwischen Oder und Elbe«; wenige Punkte sind so arm, daß sie nicht auch ihre sieben Schönheiten hätten. Man muß sie nur zu finden verstehen. Wer das Auge dafür hat, der wag‘ es und reise.

Wir alle wissen, welcher dieser Sätze den größten Anstoß erregen wird, und ich muß meinen Lesern gestehen, daß ich den Text auch deshalb mit innniger (und grimmiger) Freude zitiert habe. Aber lassen wir jene doch im Grunde armen Geschöpfe fürs erste beiseite, die mit ihren „gröblichen Augen“ selbst im Kompliment noch eine Beleidigung sehen. Hören wir lieber, was Fontane im Vorwort zur zweiten Auflage über das Reisen in der Mark Brandenburg warnend schreibt:

Du mußt nicht allzusehr durch den Komfort der »großen Touren« verwöhnt und verweichlicht sein. Es wird einem selten das Schlimmste zugemutet, aber es kommt doch vor, und keine Lokalkenntnis, keine Reiseerfahrung reichen aus, dich im voraus wissen zu lassen, wo es vorkommen wird und wo nicht. Zustände von Armut und Verwahrlosung schieben sich in die Zustände modernen Kulturlebens ein und während du eben noch im Lande Teltow das beste Lager fandest, findest du vielleicht im »Schenkenländchen« eine Lagerstätte, die alle Mängel und Schrecknisse, deren Bett und Linnen überhaupt fähig sind, in sich vereinigt. Regeln sind nicht zu geben, Sicherheitsmaßregeln nicht zu treffen. Wo es gut sein könnte, da triffst du es vielleicht schlecht und wo du das Kümmerlichste erwartest, überraschen dich Luxus und Behaglichkeit.

„Sorglos“, schreibt Fontane, habe er seine Eindrücke und Beobachtungen gesammelt,

nicht wie einer, der mit der Sichel zur Ernte geht, sondern wie ein Spaziergänger, der einzelne Ähren aus dem reichen Felde zieht.

Und zum Schluß heißt es:

Es ist ein Buntes, Mannigfaches, das ich zusammengestellt habe: Landschaftliches und Historisches, Sitten- und Charakterschilderung, – und verschieden wie die Dinge, so verschieden ist auch die Behandlung, die sie gefunden. Aber wie abweichend in Form und Inhalt die einzelnen Kapitel von einander sein mögen, darin sind sie sich gleich, daß sie aus Liebe und Anhänglichkeit an die Heimat geboren wurden. Möchten sie auch in andren jene Empfindungen wecken, von denen ich am eignen Herzen erfahren habe, daß sie ein Glück, ein Trost und die Quelle echtester Freuden sind.

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