Von dreißig Fuß Gedärmen und einem genialen Rennpferd – Fundstücke von Klemperer und Musil

Einmal in seinem Leben, erzählt Victor Klemperer in seinem Buch „LTI – Notizbuch eines Philologen“, habe er einen Artikel in einem amerikanischen Blatt veröffentlicht. Es war ein Aufsatz zum 70. Geburtstag Adolf Wilbrandts im Jahr 1907:

Als ich das Belegexemplar zu Gesicht bekam, stand von diesem Augenblick an für alle Zeiten das Bild der amerikanischen Presse in ihrer Gesamtheit vor meinen Augen. Wahrscheinlich, sicher sogar, ungerechterweise, denn jede Verallgemeinerung lügt, aber trotz dieser Erkenntnis unabänderlich mit vollkommener Deutlichkeit auftauchend, so oft in mir eine noch so weitgespannte Ideenassoziation zu amerikanischem Zeitungswesen hinüberführte. Mitten durch den Satz meines Wilbrandt-Artikels, von oben bis unten in geschlängelter Linie, die Zeilen halbierend, zeigte sich ein Abführmittel an und eröffnete die Reklame mit den Worten: „Dreißig Fuß Gedärme hat der Mensch.“

Ach, was waren das für Zeiten, als man so etwas noch als Fauxpas empfinden konnte! Vergleichbar allenfalls mit dem „genialen Rennpferd“ in Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ (1930):

Es hatte damals schon die Zeit begonnen, wo man von Genies des Fußballrasens oder des Boxrings zu sprechen anhub, aber auf mindestens zehn geniale Entdecker, Tenöre oder Schriftsteller entfiel in den Zeitungsberichten noch nicht mehr als höchstens ein genialer Centrehalf oder großer Taktiker des Tennissports. Der neue Geist fühlte sich noch nicht ganz sicher. Aber gerade da las Ulrich irgendwo, wie eine vorverwehte Sommerreife, plötzlich das Wort »das geniale Rennpferd«. Es stand in einem Bericht über einen aufsehenerregenden Rennbahnerfolg, und der Schreiber war sich der ganzen Größe des Einfalls vielleicht gar nicht bewußt gewesen, den ihm der Geist der Gemeinschaft in die Feder geschoben hatte. Ulrich aber begriff mit einemmal, in welchem unentrinnbaren Zusammenhang seine ganze Laufbahn mit diesem Genie der Rennpferde stehe. Denn das Pferd ist seit je das heilige Tier der Kavallerie gewesen, und in seiner Kasernenjugend hatte Ulrich kaum von anderem sprechen hören als von Pferden und Weibern und war dem entflohn, um ein bedeutender Mensch zu werden, und als er sich nun nach wechselvollen Anstrengungen der Höhe seiner Bestrebungen vielleicht hätte nahefühlen können, begrüßte ihn von dort das Pferd, das ihm zuvorgekommen war.

Und da nun schon Rennpferde genial sein konnten, beschloß Ulrich,

sich ein Jahr Urlaub von seinem Leben zu nehmen, um eine angemessene Anwendung seiner Fähigkeiten zu suchen.

Wer sich das aber – anders als Ulrich – schon aus finanziellen Gründen nicht leisten kann, dem bleibt wohl nichts anderes übrig, als tapfer zu ertragen, was aus der geistigen Welt geworden ist – und von einer Zeit zu träumen, in der eine ungeschickt plazierte Anzeige für ein Abführmittel noch für Aufsehen gesorgt hat.

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