Wenn es keine „Rassen“ gibt, kann es auch keinen „Rassismus“ geben

In einem bestimmten politischen Milieu, das sich aus linken, grünen und feministischen Quellen speist (ein zutreffender Oberbegriff dafür ist leider noch nicht gefunden), wird das Wort „rassistisch“ schon lange so inflationär gebraucht , daß es zu einem bloßen Schimpfwort ohne jeden Inhalt geworden ist. Rasssisten sind also nicht nur – um ein traditionelles Beispiel zu verwenden – Weiße, die ihre farbigen Mitmenschen für minderwertig halten und sich selbst für kulturell überlegen. Nein – „rassistisch“ ist, wenn man dem Sprachgebrauch des linken Lagers folgt, praktisch jeder politisch Andersdenkende. Und alles wird auf einmal zur „Rasse“ gemacht: Frauen, Schwule, „Geflüchtete“, LGBT usw., alle sind Opfer von „Rassismus“.

So werden Begriffe zu leeren Worthülsen. So wird Sprache zum Werkzeug dummer Ideologen.

Die „Menschenrassen“ waren umgangssprachlich – in einer Zeit, als man Wörter noch nicht auf die politische Goldwaage legte – einfach nur Menschen mit verschiedenen Hautfarben: weiß, gelb, rot, schwarz. Mit der Bezeichnung war keineswegs automatisch eine Herabsetzung verbunden. Noch in den 60er Jahren hat der ARD-Korrespondent Gerd Ruge in seinen USA-Reportagen von „Negern“ und „Negerwählern“ gesprochen – und Ruge, einer der großen deutschen Reporter des 20. Jahrhunderts, war nun wirklich kein „Rassist“. Man hat das Wort „Neger“ damals genauso unbefangen ausgesprochen wie etwa das Wort „Zigeuner“. All diese Wörter waren, wenn man will, noch im Zustand der Unschuld. Nicht die Wörter sind nämlich schuld an der Diskriminierung, sondern die Menschen, die ihre Verachtung und ihren Haß in sie hineinlegen.

Wer die Sprache rückwirkend säubern und „gerecht“ machen will, hat – mit Verlaub – keine Ahnung davon, was Sprache überhaupt ist. Niemals war eine Sprache „gerecht“, und niemals wird eine je gerecht werden. Die Sprache gibt uns nur die Mittel in die Hand, Gerechtes und Ungerechtes, Schönes und Furchtbares, Dummes und Kluges auszusprechen. Sie ist ein Instrument, aber eben auch ein über Jahrzehnte und Jahrhunderte herangereiftes Wunder der Kultur, das wir hüten und schützen sollten wie unseren Augapfel.

Jetzt soll also auch das Wort „Rasse“ aus unserer Verfassung entfernt werden, obwohl es aus den besten, aus den (etwas altmodisch gesprochen) edelsten Motiven in das Grundgesetz aufgenommen wurde. Das darf nicht geschehen, schon gar nicht unter dem Druck der Straße.

Selbst wenn das Wort „Rasse“ in Wort und Schrift verboten wird, selbst wenn es aus dem Gedächtnis der Menschheit getilgt, aus dem Grundgesetz, aus Romanen und Dokumentationen und am Ende gar aus unseren Wörterbüchern entfernt wird, bleibt es bestehen – und das ist gut so. Es gehört zu unserer Sprache, zu unserer Geschichte und sollte politischen Eiferern nicht zur Verfügung stehen,

Das Wort sie sollen lassen stan, möchte man da mit Luther rufen.

Denn nur solange man noch anstößige Wörter, anstößige Denkmäler und anstößige Kunstwerke hat, nur wenn man begreift, was für einen geistigen Gewinn man gerade an ihnen besitzt, weil sie lebendige Zeugnisse unserer Geschichte sind, nur dann kann man über die Vergangenheit streiten und beim Streiten herausfinden, wer man ist.

Wer Wörter verbietet, Denkmäler umstürzt und Gemälde abhängen läßt, ist ein Feind der Demokratie – und ein Feind der Aufklärung. An die Stelle des lebendigen Diskurses will er nämlich die Grabesstille der Gerechtigkeit setzen.

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