Kann die Vernunft popular werden? Ein Fundstück aus Goethes Gesprächen mit Eckermann

Das folgende Zitat stammt von Goethe. Eckermann hat es am 12. Februar 1829 notiert:

Alles Große und Gescheite existiert in der Minorität. Es hat Minister gegeben, die Volk und König gegen sich hatten, und die ihre großen Plane einsam durchführten. Es ist nie daran zu denken, daß die Vernunft popular werde. Leidenschaften und Gefühle mögen popular werden, aber die Vernunft wird immer nur im Besitz einzelner Vorzüglicher sein.

Da höre ich schon, wie unsere fortschrittlichen Zeitgenossen (von Stegner bis Lafontaine) aufschreien: Um Himmels willen! Doch nicht „einzelne Vorzügliche“! Das ist ja elitär! Nein: Gleichheit! Bildung und Abitur für alle! Chancengleichheit auch fürs Arbeiterkind!

Aber das eine hat mit dem anderen wenig zu tun. Natürlich soll jedes Kind gefördert werden, wie es nur irgend geht. Das ist eine gesellschaftliche Pflicht. Aber die Zahl der „Vorzüglichen“ wird sich dadurch nur geringfügig erhöhen. Die großen Künstler, Schriftsteller, Philosophen waren immer Ausnahmeerscheinungen, man kann sie nicht herbeizüchten wie besonders große Fleischtomaten. Sie sind ein Geschenk, ein Segen, und viele von ihnen wären, hätte man sie im Elternhaus und in der Schule liebevoll gefördert, niemals zu den Genies geworden, die wir heute bewundern.

PS: Das Wort „popular“ ist eine Nebenform zu „populär“, die vor allem Goethe mehrfach gebraucht hat. Auch der Plural „Plane“ (statt Pläne) war damals üblich.

Dieser Beitrag wurde unter Philosophie, Politik, Sonstiges veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.