„Müssen wir heute überhaupt noch richtig schreiben können?“

Das fragt allen Ernstes tag24, die Online-Ausgabe der sächsischen Morgenpost, einer sog. Boulevardzeitung.

Warum also überhaupt noch richtig schreiben? Man kann doch auch als strunzdummer Analphabet ohne alle kulturellen Techniken ein glückliches Leben führen, nicht wahr?

Das stimmt sogar.

Die intellektuelle Qualität von tag24 kann man übrigens an den folgenden Schlagzeilen ablesen, die ich der heutigen Ausgabe entnommen habe:

Schei*** gelaufen: Promi Big Brother-Sieger macht sich in die Hose

So beeinflusst eine Mondfinsternis die Gesundheit der Zähne

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Hat Demi Rose die heißesten Kurven bei Instagram?

Aber kehren wir zurück zur „Rechtschreibreform“, die Heike Schmoll heute in der F.A.Z. zurecht (aber vielleicht sogar etwas untertrieben) als „Unglück der Sprachgeschichte“ bezeichnet. Hans Zehetmair, heute 81 und CSU-Mitglied, viele Jahre Vorsitzender des Rates für Deutsche Rechtschreibung, wird in tag24 unter anderem so beschrieben:

Anlässlich des 20. Jahrestags der Einführung der Rechtschreibreform zieht der CSU-Politiker Bilanz und erklärt, warum man auch heute noch korrekt schreiben können sollte.

Eine korrekte Rechtschreibung sei auch in Zeiten des Internets noch wichtig.

Die neue Rechtschreibung war zum 1. August 1998 an Schulen und Behörden offiziell eingeführt worden. Die Reform hatte zu heftigen Debatten und gerichtlichen Auseinandersetzungen geführt.

Zehtemaier beobachtet die Rechtschreibung noch immer: „Ich stelle mit Genugtuung fest, dass Familien und Schulen doch auf eine gewisse Korrektheit achten. Eine korrekte Rechtschreibung ist auch symptomatisch für die Gesellschaft.“

Die Rechtschreibung ist also „auch in Zeiten des Internets noch wichtig“? Und Familien und Schulen achten „auf eine gewisse Korrektheit“?

Eine dümmere Aussage zur deutschen Sprache habe ich von einem Politiker, der für die katastrophale „Rechtschreibreform“ mitverantwortlich ist, noch nicht gehört.

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