Vom Esprit zum Spirit

Irgendwann in den 60er Jahren hat in Europa ein kultureller Paradigmenwechsel stattgefunden – und ich meine damit nicht die sog. Kulturrevolution der 68er und ihre längst desavouierten Träume vom Sozialismus.

Das alles war verhältnismäßig oberflächlich.

Aber es haben sprachliche Veränderungen stattgefunden, die viel tiefer gegangen sind – vor allem vom Französischen hin zum Amerikanischen. Aus dem Mannequin wurde innerhalb von wenigen Jahren das Model (mit allen Implikationen, die den beiden so verschiedenen Wörtern eigen sind). Der Esprit – ein wunderschönes, geistig schillerndes Wort! – wurde zum banalen (oder doch leicht zu banalisierenden) Spirit. Auch den Grand Prix de la Chanson gibt es schon lange nicht mehr – er heißt jetzt Eurovision Song Contest (und ist dadurch nicht unbedingt besser geworden). Und aus dem Bankier wurde – ich habe vor ein paar Tagen darüber geschrieben – der unsägliche Banker.

Man könnte die Liste beliebig verlängern. Auf jeden Fall handelt es sich bei dieser Verschiebung nicht nur um eine Veränderung, sondern auch um einen kulturellen Verlust. Viel bedenklicher als der Verlust selbst ist freilich, daß er von der Mehrheit der Bevölkerung gar nicht mehr als Verlust empfunden, ja oft nicht einmal mehr wahrgenommen wird.

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Eine Antwort auf Vom Esprit zum Spirit

  1. John Brahms sagt:

    Und den „Banker“ gibt es dann auch noch so manches Mal in seiner (wenn das überhaupt geht) Steigerungsform: „Bankster“.
    Hier bei uns am Niederrhein gibt es eine Modegeschäft-Filiale von „Ernsting’s family“; da habe ich mich auch gefragt, was das Wort „family“ hat, was „Familie“ nicht hat. Wenn man dann mal nachfragt, bekommt man immer den gleichen Werbe-Sprech zu hören (von wegen „Familie“ sei nicht hipp genug). Als ob es Menschen gebe, die den Laden solange nicht betreten, wie er deutsch beschriftet ist.

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