Peter Handke 1966: Whiskey im Park und ein unmoralisches Angebot

Kennen Sie die Hexe vom Bannwaldsee? Haben Sie schon von der erotischen Erregung gehört, die alle männlichen Kollegen ergriff, wenn Ingeborg Bachmann ihre Gedichte hauchte (und die dann auch eifrig herbeieilten, wenn die Dichterin wie zufällig ein Taschentuch oder eine Manuskriptseite fallenließ)? Und was hat eigentlich Inge Scholl, die Schwester der von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfer Sophie und Hans Scholl, mit der Gruppe 47 zu tun?

Die Gruppe 47, die den Literaturbetrieb der Bundesrepublik von der Nachkriegszeit bis in die 60er Jahre dominierte, tagte zweimal außerhalb des Landes: 1964 im schwedischen Sigtuna und 1966 in Princeton in den USA. Aus Princeton ist eine kleine Episode überliefert, die ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte. Sie ist einem Buch entnommen, das ich jedem ans Herz legen möchte, der sich für unsere Literatur und/oder für die ersten zwei Jahrzehnte der Bundesrepublik interessiert (darin auch die Antworten auf die oben gestellten Fragen):

Helmut Böttiger, „Die Gruppe 47 – Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb“, Deutsche Verlagsanstalt München 2012.

Klaus Stiller also, ein junger Schriftsteller, der zum Kreis um Walter Höllerer gehörte, erzählte die folgende Geschichte aus Princeton:

„Der Handke kannte uns ja alle nicht, war uns nie begegnet und wir auch dem Handke nicht, wir waren da zusammen und ich erinnere mich, dass wir da ne Flasche Whiskey gekauft hatten und da durch den Park liefen und jeder hat immer einen Schluck Whiskey getrunken. Und dann lief vielleicht so 50 Meter hinter uns dieser scheue Beatle, und der tat uns irgendwie leid, sodass wir auf ihn gewartet haben und ihn in die Gruppe mit hineinnahmen. Und er selbst war dann immer noch schüchtern und hat kaum was gesagt. Da saßen wir alle zusammen auf so Bänken, und um zu zeigen, was er für ein Kerl ist, hat er dann ein Mädchen angesprochen, die vorn an uns vorbeiging, eine junge Amerikanerin. Und rief dann – und ich sag das, weil es einfach die Situation schildert, in der der Handke sich damals befand, er wollte auch zeigen, was für ein Kerl er ist, aber er war eigentlich ein ganz schüchterner Typ. Und um das zu beweisen, hat er gerufen. Hello, I want to fuck you! Und da haben wir natürlich gelacht, und das Mädchen hat auch gelächelt und ist weitergegangen.“

Es ist nicht überliefert, ob das Mädchen durch Handkes verbalen Übergriff womöglich bleibende Schäden davongetragen hat.

Dieser Beitrag wurde unter Sonstiges, Sprache und Literatur veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.