Cathérine Deneuve, #metoo und die unerträgliche Hysterie in den Asozialen Netzwerken

Die Empörung über wirkliche sexuelle Belästigungen (wie in der Kölner Silvesternacht) und wirkliche Vergewaltigungen ist nicht nur berechtigt, sie wird von jedem normalen Menschen geteilt. Sie sind eine Sache für den Staatsanwalt, und wo die Gesetze nicht ausreichen, müssen die Gesetze angepaßt werden. Unter solchen Taten leiden die Opfer oft noch nach Jahren, und es ist gut, wenn Frauen, ermuntert durch immer neue Berichte in der Presse, den Mut finden, darüber zu reden.

ABER – und dieses Aber ist sehr wichtig! – man muß zwei Dinge dabei im Auge behalten.

Erstens:
Es geht nicht an, daß sich irgendwelche Gruppen in den Asozialen Netzwerken (immer unter dem Schutz der Anonymität!) an die Stelle der ordentlichen Gerichte setzen. Die Unschuldsvermutung gilt für jeden, ob er nun Kevin Spacey oder Max Mustermann heißt. Ob sich ein Mensch der Belästigung oder Vergewaltigung schuldig gemacht hat, kann nur, ich wiederhole: nur! ein Richter entscheiden. Und erst wenn dessen Urteil rechtskräftig geworden ist, steht seine Schuld fest. Alles andere wäre Lynchjustiz, es wäre sogar mit der hysterischen Hexenjagd früherer Jahrhunderte vergleichbar – und genau damit haben wir es jetzt zu tun. Der Rechtsstaat, eine der wichtigsten Säulen unserer Demokratie, wird ausgehebelt und dem dubiosen „Volksempfinden“ von selbsternannten Aktivistinnen untergeordnet. Da kann jeder einen Prominenten mit Vorwürfen denunzieren, und noch ehe sich ein Gericht damit beschäftigt hat, ist er in seiner zivilen Existenz schon vernichtet: ohne Anklage, ohne Urteil – nicht „im Namen des Volkes“ also, sondern „im Namen eines Hashtags“. Kachelmann ist es so ergangen, und auch Spacey wird ganz ohne ordentlichen Prozeß vernichtet, und das heißt: er kann sich nicht einmal gegen die Anschuldigungen aus dem Internet wehren, er ist zu einer Unperson geworden. Seine Serie wird abgesetzt, seine Rolle aus geplanten Filmen entfernt, und vielleicht wird man auch seine großen Leistungen für alle Zeit verschweigen, die Auszeichnungen zurückverlangen – und seinen Namen schwärzen, wie man es im alten Rom mit den unliebsamen Kaisern gemacht.

Wie diese Infamie funktioniert, kann man an der Reaktion auf den in Le Monde veröffentlichten Diskussionsbeitrag von hundert französischen Frauen ablesen. Auch Cathérine Deneuve, die große Schauspielerin, hat ihn unterzeichnet. Hier sind ein paar Auszüge, den gesamten Text im Wortlaut habe ich immer noch nicht gefunden:

Vergewaltigung ist ein Verbrechen. Aber hartnäckiges oder ungeschicktes Flirten ist kein Delikt, und eine Galanterie auch keine chauvinistische Aggression.

Dieses Fieber, die ‚Schweine‘ zur Schlachtbank zu führen (…), dient in Wahrheit den Interessen der Feinde sexueller Freiheit, der religiösen Extremisten, der schlimmsten Reaktionäre und derjenigen, die meinen (…), dass Frauen ‚besondere‘ Wesen sind, Kinder mit Erwachsenengesicht, die nach Schutz verlangen.

Die Frauen um Deneuve fordern „die Freiheit, jemandem lästig zu werden („une liberté d’importuner“), die „für die sexuelle Freiheit unerlässlich“ sei. Wohlgemerkt: das französische Verb „importuner“ heißt „lästig sein“ und hat mit unseren viel enger definierten Wörtern „sexuelle Belästigung“ oder englisch „sexual harassment“ nichts zu tun. Gemeint sind eben die dummen Sprüche von dummen Männern, die natürlich lästig sind, aber doch um Himmels willen kein Fall für den Staatsanwalt. Was macht nun unsere fortschrittliche Presse aus dieser vernünftigen Entgegnung auf die amerikanische #metoo-Hysterie?

Nur zwei Beispiele:

Männer müssen belästigen dürfen (Stern)

Catherine Deneuve fordert „Freiheit zu belästigen“ (Tagesspiegel)

Hier wird die Aussage der Frauen bewußt verfälscht, um eine reißerische Überschrift zu erzeugen: Fake News.

Zweitens:
Die #metoo-Kampagne reduziert die Frauen auf eine fragwürdige Opferrolle und möchte am liebsten um jede Frau einen Stacheldrahtzaun errichten, dem man sich als Mann nur unter größter Vorsicht nähern darf (so wie etwa die männliche Spinne seiner Partnerin). Schweden zum Beispiel will in Zukunft jeden Sex als Vergewaltigung ahnden, dem nicht alle Beteiligten „ausdrücklich“ zugestimmt haben. Andernfalls (so ist hier nachzulesen)

droht eine Verurteilung wegen Vergewaltigung, auch ohne erkennbare Auseinandersetzung oder Gewalt. In welcher Form die Zustimmung erfolgen muss, ist bislang unklar.

Vielleicht auf einem Formblatt, das man für alle Fälle mit sich führt? „Im Grunde“, so der schwedische Regierungschef, sei die Botschaft einfach:

Man bringt in Erfahrung, ob der, mit dem man Sex haben will, auch Sex haben will. Ist das unsicher, lass es sein.

Jeder weiß, daß der Puritanismus zum festen Erbe der amerikanischen Gesellschaft gehört. Aber warum dulden wir, daß diese religiöse Bigotterie jetzt auch Europa erfaßt? Und was ist das überhaupt für ein Menschenbild, das die Aktivistinnen diesseits und jenseits des Atlantiks uns allen aufdrängen wollen? Doch offensichtlich, daß die Frauen arme, schwache Wesen sind, die ohne besonderen Schutz nicht existieren können.

Aber das ist ja das eigentlich Schlimme an dieser postfeministischen Kampagne: daß sie alles in einen Topf wirft – von der dummen Anmache bis zur Vergewaltigung. Alles, einfach alles ist Sexismus. Soll also in Zukunft jede Annäherung eines Mannes an eine Frau unter der Fuchtel des Staatsanwalts stehen?

Als ob man so etwas Schönes, Aufregendes, Abenteuerliches wie die Sexualität in eine prüde, auf juristischem Weg durchgesetzte Moral zwängen könnte!

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