Flüchtlinge, Krähen und ein Gedicht von Nietzsche

Wer liest heute noch Gedichte? Gymnasiasten in der Oberstufe vielleicht (hin und wieder, und auch nur, wenn sie es denn müssen), und Rentner, die sich an ihre Schulzeit erinnern. Menschen in der Mitte ihres Lebens lesen keine Gedichte.

Sie wissen gar nicht, was ihnen entgeht!

Den Philosophen Friedrich Nietzsche kennen viele beim Namen, manche mögen auch noch von „Also sprach Zarathustra“, „Die fröhliche Wissenschaft“ oder „Jenseits von Gut und Böse“ gehört haben. Gehört, wohlgemerkt, denn Texte, ob sie nun philosophisch oder literarisch sind, liest man heutzutage nicht mehr, selbst wenn man (wie im Fall Nietzsche) das Gesamtwerk für nicht einmal 10 € kaufen kann. Lieber googelt man und eignet sich an, was irgendein Amateur (User!) dazu im Internet verbreitet.

Aber Nietzsche war nicht nur Philosoph, er hat auch ein paar wunderbare Gedichte geschrieben. Eines davon, wohl sein bekanntestes, trug zuletzt den Titel „Vereinsamt“:

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. –
Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist Du Narr
Vor Winters in die Welt entflohn?

Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! –
Versteck, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. –
Weh dem, der keine Heimat hat.

Trifft nicht mancher Satz genau auf die Flüchtlinge zu, die tausende Kilometer unterwegs waren, um dem Krieg zu entkommen? Das zum Beispiel (in der Ägäis sind heute übrigens wieder sieben Kinder ertrunken):

Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends halt.

Oder die letzten Zeilen:

Bald wird es schnein. –
Weh dem, der keine Heimat hat.

Gedichte, das merkt ja vielleicht doch der eine oder andere, verdichten die Wirklichkeit. Sie können in zwei Zeilen ausdrücken, wozu ein Politiker in einer Zwei-Stunden-Rede nicht fähig ist.

Aber ich wollte ja eigentlich, von dem Vers „Die Krähen schrein“ angeregt, auf etwas ganz anderes hinaus. Sie haben ja sicher auch schon bemerkt, wie sich die Krähen in den letzten Jahren in unseren Wohngebieten vermehrt haben. Schon morgens beginnen sie zu „schreien“ – aber ein Schreien ist es eigentlich gar nicht. Ich habe jetzt morgens beim Aufwachen einmal darauf geachtet und bin ganz erstaunt, wie vielfältig dieses „Krähen“ ist: es kann fordernd und rabiat klingen, dann aber auch wieder fast schmelzend und liebevoll. Es ist immer unsere „Hauskrähe“, die offenbar ganz in der Nähe irgendwo im Wipfel eines Baumes sitzt. Ihre morgendlichen „Gesprächspartner“ antworten vom nahen Waldrand her, und so entspinnt sich fast jeden Morgen ein lebhaftes und (zugegebenermaßen) recht lautes Gespräch.

Es wäre interessant zu erfahren, ob sich schon einmal jemand mit der offenbar sehr differenzierten Sprache der (nachweislich äußerst klugen!) Krähen beschäftigt hat.

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