Seid umschlungen, Gabionen!

Gabione – ich muß gestehen: bis gestern abend habe ich dieses Wort noch nicht gekannt.

Die Sache, die es bezeichnet, aber schon!

Vor ein paar Jahren wurden in unserem Städtchen ein paar neue Mietshäuser gebaut. Davor standen schon während der Bauphase merkwürdige Drahtgitterkäfige, die mit grauen Schottersteinen gefüllt waren. Ich dachte in aller Unschuld, die Steine würden für den Bau gebraucht – aber die Häuser waren lange fertig, und die Gitterkäfige mit ihren Steinen waren immer noch da. Und dann, nach und nach, sah man in den Vorgärten immer mehr dieser sinn- und zweckfreien Gebilde, und es war klar: sie waren so etwas wie Kunst am Bau, völlig funktionslose, ästhetisch gemeinte Käfige, die dem Haus zur Zierde gereichen sollen.

Es sind Gabionen, und wer so etwas unbedingt in seinen Vorgarten stellen möchte, kann es sogar – samt Steinfüllung! – online bestellen. Ursprünglich dienten Gabionen, wie man in der Wikipedia nachlesen kann, als Lärmschutzwand oder zur Befestigung von Böschungen. Inzwischen dürften die meisten nur noch eine Schmuckfunktion haben.

Aber schmücken sie ein Haus oder einen Vorgarten wirklich?

Es ist eine Modeerscheinung, die – hoffentlich! – bald wieder vorüber sein wird. Sie erinnert mich ein bißchen an das Pampasgras seligen Angedenkens. Dieses Gras (es heißt botanisch Cortaderia selloana) war vor ein paar Jahrzehnten fast über Nacht in jedem zweiten oder dritten Vorgarten zu sehen. Es ist eine prächtige Solitärpflanze, aber wenn sie in jedem Garten steht, hat man sich schnell daran sattgesehen. So geht es mir jetzt mit den „Drahtschotterkästen“, wie die Gabionen wohl offiziell heißen.

Übrigens gibt es noch grauslichere Varianten. Ganz in der Nähe hat ein Hausbesitzer den gesamten, gar nicht so kleinen Vorgarten des Mehrfamilienhauses hoch mit grauen Schottersteinen belegt. Aus dieser grauen Fläche, die eher dem Tod als blühendem Leben gleicht, ragen wie Inseln drei Hochbeete mit Koniferen und Rhododendren heraus. Ob die Anlage etwas Zenbuddhistisches haben oder (was ich eher vermute) den Gärtnern das Unkrautjäten ersparen soll, läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen.

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