Die griechischen Angelegenheiten

Erschöpft sich das Wesen eines Landes in seiner Bonität? Ist die Kreditwürdigkeit der Dreh- und Angelpunkt allen Seins? Das könnte man zumindest meinen, wenn man Zeitung liest, fernsieht oder in den Internetforen stöbert.

Jeder Psychologe kennt die Funktion des Sündenbocks (Horst-Eberhard Richter hat sie in seinen Büchern über die Familie brilliant analysiert). Die Rolle eines Sündenbocks unter den Nationen spielt jetzt Griechenland. Es wird zu einem Paria gemacht, zu einem Land auf Ramschniveau. Griechenland – das ist zur Zeit so ziemlich das Allerletzte. Man muß nur die Forenbeiträge zu einem beliebigen Online-Artikel über das Land lesen: auch der blutigste Amateur ist plötzlich ein Fachmann in der Welt der Finanzen und blickt voller Verachtung auf das neue Ramschland herab.

Alles andere, was Griechenland zu einem der schönsten und interessantesten Länder auf der Welt macht (von seiner Geschichte und Kultur ganz zu schweigen), zählt auf einmal nicht mehr. Die Banken und Ratingagenturen besitzen die fast uneingeschränkte Hoheit über die öffentliche Meinung. Ausgerechnet sie! – möchte man ausrufen. Immer wieder bringen sie mit ihren Banken-, Börsen- und Immobilienkrisen ganze Länder und Kontinente an den Abgrund, und kaum ist das Schlimmste überstanden, tun sie, als sei nichts gewesen. Und die Regierungen spielen dieses Spiel immer wieder mit.

Vom spröden Charme unserer Kanzlerin hat Griechenland tatsächlich wenig zu erwarten. Wenn es das politische Kalkül erfordert, kann sie von einer geradezu brutalen (und unvorhersehbaren) Härte sein. Die AKW-Betreiber haben es  – ob verdient oder unverdient – gerade erfahren, und auch die Griechen sollten sich keine Hoffnungen machen. Sie spüren selbst, wie wenig Mitgefühl mit ihrer Lage da ist, und nur daher kommt die unfreundliche Stimmung gegen die deutsche Regierung. Es ist keineswegs Feindseligkeit gegenüber Deutschland – da können die Griechen sehr gut unterscheiden. Nicht einmal die Greueltaten der Wehrmacht haben an der traditionellen Zuneigung der Griechen zu unserem Land etwas ändern können. Nein, es ist die Arroganz, die Selbstgerechtigkeit der europäischen Regierungen, und vor allem der Regierung Merkel, die den Griechen so sauer aufstößt.

Da wird ohne jedes Gespür das ganze griechische Volk als Geisel genommen, obwohl nur eine Minderheit dort vom Euro profitiert hat. Auch das Märchen vom frühen Rentenalter der Griechen, das die Kanzlerin vor einiger Zeit im Hochsauerland süffisant ins Spiel gebracht hat, ist – wie man vor ein paar Tagen in der F.A.Z. nachlesen konnte – genau das: ein Märchen. Merkel wörtlich:

Es geht auch darum, dass man in Ländern wie Griechenland, Spanien, Portugal nicht früher in Rente gehen kann als in Deutschland, sondern dass alle sich auch ein wenig gleich anstrengen – das ist wichtig.

In Wirklichkeit ist das tatsächliche Renteneintrittsalter in Griechenland praktisch identisch mit dem in Deutschland. Ich habe übrigens nicht gehört, daß sich die Kanzlerin für ihre Falschmeldung entschuldigt hätte. Eine deutsche Kanzlerin entschuldigt sich nicht bei einem Land mit Ramschniveau.

Übrigens hat sie, wenn die Presseberichte stimmen, auf derselben Veranstaltung zur Urlaubslänge in den verschiedenen EU-Staaten folgendes gesagt:

Wir können nicht eine Währung haben und der eine kriegt ganz viel Urlaub und der andere ganz wenig. Das geht auf Dauer auch nicht zusammen.

Auch das war wieder, falls es sich auf Griechenland beziehen sollte (und alle Zuhörer und Journalisten haben es darauf bezogen!) eine Falschmeldung, denn die Griechen haben ca. 23 Tage im Jahr Urlaub, also viel weniger als die Deutschen.

Die Kanzlerin wollte also nur das Klischee vom faulen Südeuropäer bedienen, und ich finde, sie sollte sich dafür schämen (wenn sie sich schon nicht entschuldigt).

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