Die Legende von der starken und klugen Angie

Wenn man in diesen Tagen einen Blick in die Internetforen wirft, staunt man nicht schlecht: wer in der Causa Gauck etwas Schlechtes über unsere Kanzlerin schreibt, wird von einer großen und geradezu rabiaten Mehrheit scharf zurechtgewiesen. Ihre Fangemeinde duldet keine Kritik. Nein, schreibt man da etwa, keineswegs sei sie umgefallen, ganz im Gegenteil: es sei doch ein Zeichen von Größe, wenn sie von einer falschen Position abrücke, Einsicht zeige und am Ende das Richtige tue.

Man denkt, wenn man das liest: leben diese Menschen vielleicht in einer Art Paralleluniversum, in das man mit dem Verstand eines gewöhnlichen Sterblichen nicht eindringen kann? Oder soll da die gute alte Gattung der Hagiographie wieder zum Leben erweckt werden? Oder schreiben einfach nur Fans über das Objekt ihrer Begierde?

Nichts liegt mir ferner, als Angela Merkel zu verteufeln. Manche Seiten an ihr – wie ihre sprichwörtliche Unaufgeregtheit – finde ich sogar sympathisch, sie hebt sich dadurch oft wohltuend von dem gockelhaften Verhalten ihrer männlichen Kollegen ab (obwohl ein bißchen Aufgeregtheit, da wo sie angebracht ist, auch nicht schlecht wäre). Aber was sich am Sonntag zugetragen hat, ist ein Hauen und Stechen gewesen, das mit Stärke und Einsicht und Größe wirklich gar nichts zu tun hat.

Nur wenige Stunden, bevor sie vor der versammelten Presse Joachim Gauck vorgestellt und „bei aller Verschiedenheit“ über den grünen Klee gelobt hat, hat sie (hier nachzulesen) im CDU-Präsidium folgenden Satz gesagt:

Eines ist klar: der Gauck wird’s nicht.

Sie machte deutlich, daß sie Gauck „auf keinen Fall wolle“.

Gerade einmal fünf Stunden später ist er plötzlich auch ihr Kandidat. Dazwischen liegt nicht Einsicht, auch nicht kluge Erkenntnis, sondern die Entscheidung der FDP für Gauck. Sie fügt sich ins Unvermeidliche, weil sie nun in der Bundesversammlung keine Mehrheit mehr hat.

Das ist pragmatisch, und es ist auch überhaupt nicht ehrenrührig, aber ein Zeichen von Größe ist es nun wirklich nicht. Philipp Rösler hat die Kanzlerin – erstaunlich genug! – in die Knie gezwungen, und aus ihrer Mimik und ihrer Körpersprache konnte man deutlich ablesen: das wird sie ihm nicht verzeihen.

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